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Proppenvoll Oktober 10, 2009, 21:35

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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war dieser Tag, vom Morgen bis jetzt.

Gegen elf Uhr schlugen hier die ersten alten Freunde auf, die mit uns die Stühle und Tische aufstellten, den Catering-Brüdern den Platz anwiesen und für Schatten sorgten – es ist hier nämlich tagsüber nach wie vor gräßlich heiß. Ich höre es so gern, wenn sie Y. bei seinem Kindernamen rufen, das tut sonst niemand, nur die Freunde aus der Gruppe, und auch von denen nicht alle. Wir waren gerade so richtig schön in Schweiß gebadet, als die ersten Gäste ankamen, darunter auch die Tochter der Familie, die früher in unserer Wohnung gewohnt haben. Sie wollte ihren Kindern unbedingt zeigen, wo Oma und Opa früher gewohnt haben (sie selbst hat ja im Kinderhaus gewohnt, mit Y. und den anderen), und ich war froh, daß alles sauber und ordentlich war, denn sie haben tatsächlich in alle Ecken geguckt….

Ich habe die ganze Zeit photographiert, und Yiftach meinte: hast du auch genügend Bilder gemacht? – Ja! – Bist du sicher? – JA! -Aber wirklich viele Bilder? -JA!!!! Ich hab den Link schon an alle geschickt, die Bilder sind nicht richtig gut geworden, aber es war hektisch, ein einziges Kommen und Gehen, und ich mußte ja auch noch Aloe-Vera-Gel für den kleinen Jungen holen, der von einer fiesen Wespe ins Ohr gestochen wurde, und Schleich-Tiere für die Jüngsten, und zwei kleine Mädchen aufs Klo begleiten, und mit allen Small talk machen.

Zwischendurch kam Y.s Vater, dessen Gruppentreffen ganz in unserer Nähe stattfand. Y. zog ihn zu einem der Freunde und sagte: na, Abba, kennst du den noch? der war nur bis zum Alter von vier Jahren bei uns!, und mein Schwiegervater sagte sofort: aber klar, das ist der Sohn des Arzts Hornberg, das war immer der Netteste von euch! Und der Sohn des Arzts war ganz berührt davon, daß ihn aus so früher Zeit noch jemand erkennt – er selbst erkannte nämlich kaum noch jemanden.

Eshchar heute

Dann gab es Essen, Bilder wurden angeguckt, Geschichten und Erinnerungen ausgetauscht….ein paar Leute hatten alte Alben mitgebracht.

Eshchar einst

Ach, es war schön, aber dann fingen die Straßenfeste und Basare an, und einige mußten auch zu anderen Gruppen gehen, von ihren Eltern oder Geschwistern, oder wo sie gute Freunde hatten, und zu uns kam Y.s Schwester mit ihren Mädchen, und schon verlief sich alles. Die Catering-Brüder (zwei Araber aus Furudis) packten ihre Sachen ein, wir halfen, und schon war es Zeit, in der Ausstellung Wache zu schieben.

Ich hatte die abgelegenste Galerie von allen, eine Reihe uralter Häuschen, in denen drei nebeneinanderliegende Zimmer als Ausstellungsräume genutzt wurden. Alte Dokumente, darunter der Kaufvertrag für Grund und Boden, und viele alte Bilder, auch von Y.s Großeltern. Besonders schön waren die alten Photos von den Familien der Kibbuzgründer, der vatikim, teilweise noch aus ihren Kinderzeiten in Deutschland oder Rumänien. Ich hatte eine Häkelarbeit dabei und saß in Ruhe vor dem Häuschen. Nicht viele Leute kamen, aber ein paar gute Freunde, und ich konnte nach Luft schnappen.

Als eine Familie „von draußen“ kam, dachte ich mir: na, der sieht dem Moshe aber ähnlich – und wenn es Moshes Bruder ist, dann wird er da drin eine Überraschung erleben! Und tatsächlich, kaum waren sie in den Raum getreten, quietschten alle drei jungen Mädchen der Familie gleichzeitig: der Opa! der Opa! und ich wußte auf meinem Stühlchen vor der Tür, daß die Familie jetzt ein unerwartetes Wiedersehen mit dem jüngst verstorbenen Opa bzw Uropa feiert. Ich hatte eine richtige Gänsehaut, als ich hörte, wie sie immer leiser wurden: oh, guckt mal, der Opa, was war der für ein hübscher Bursche – das muß noch in Europa gewesen sein – und hier ist noch ein Bild, bei der Jüdischen Brigade! und eins mit der Oma! oh, kommt mal her!

Es dauerte eine Weile, bis sie rauskamen, mit ganz bewegten Gesichtern. Sie bedankten sich bei mir. Sie wissen nicht, wie sehr ich diese Großeltern gemocht habe. Sie waren so nette freundliche Menschen, daß Primus, der ja überhaupt alte Menschen sehr gern mag, sie zu seiner Bar Mitzva eingeladen hatte, worüber sie sich unheimlich gefreut haben. Sie haben Primus damals gefragt: aber Junge, wieso lädtst du uns denn ein, uns alte Leute?, und Primus hat ihnen gesagt: meine Eltern haben gesagt, ich soll einladen, wen ich nett finde, und ich finde euch so nett! Das haben sie nie vergessen.

Sie sind neulich erst, kurz hintereinander, verstorben. Ich war innerlich so froh, daß der Kibbuz all diese wunderbaren Menschen so ehrt. Als meine Zeit als Wache vorbei war, bin ich mit Y. lange durch die anderen Ausstellungen geschlendert, sowohl Künstler als auch alte Bilder aus dem Archiv! Und überall waren Leute, und alle kannten Y., und ich kannte auch ziemlich viele. Es war so seltsam, aus unserem normalen Aquarium mal rauszukommen und Menschen wiederzusehen, die seit 20, 30 oder auch 40 Jahren nicht mehr im Kibbuz waren. Ein paar Begegnungen waren sehr intensiv, so kurz sie waren.

Und die Bilder, die Bilder! Hoffentlich werden sie mal digitalisiert, es ist ein Schatz, der im Archiv schlummert. Die Gegend: nur Steine, trockene Erde. Die Schule: ein einziges Gebäude, ansonsten nur Wüste, und die Schüler schleppen Steine, pflanzen Bäume und bewässern sparsam. Mein Schwiegervater meint, er hat mehr gearbeitet als gelernt, er war in der ersten Gruppe, die dort gelernt hat. Auf allen Bilder tragen alle Shorts und Arbeitsklamotten und Tembel-Hüte. Die Frauen kochen in großen Töpfen, die Männer tragen weiße Russenkittel und Sandalen, die Metaplot (Kindergärtnerinnen und Betreuerinnen) tragen weiße Schürzen und ein energisches Lächeln, und alle sind braungebrannt.

Und kaum hatten wir verschnauft von den Begegnungen und Bildern, ging es weiter mit Sarale Sharon. Sie ist ja auch Kibbuznikit, und da sie die Königin des Sing-alongs ist und auch viele aus unserem Kibbuz kennt, war sie wohl die beste Kandidatin, den Abend zu leiten – obwohl sie meiner Meinung nach überhaupt nicht mehr singen kann, falls sie es je konnte (sie ist ja sogar mal für Israel zur Eurovision geflogen und hat einen letzten oder zweitletzten Platz rausgeholt… ei ei ei).  Der Abend stand unter dem Motto: Kindergarten-Feier. Unter Gesang und anfeuernden Rufen lud Sarale der Reihe nach jeweils fünf bis sechs Jahrgangs-Gruppen auf die Bühne.

Dort wurden dann Reden verlesen, Lieder gesungen und die erste Gruppe des Kibbuz, Zamir, mußte Hora tanzen. Was sie auch tadellos taten. Meine Kinder sahen mit ungläubigem Entzücken ihren würdigen Großvater die Arme und Beine schwingen, in guter Haltung. Dabei sang er lauthals und legte den Arm um seine liebste Freundin seit Kinderzeiten.

Die Gruppen der Aliyat-ha-Noar wurden auch gerufen, dabei war dann meine Schwiegermutter. Meine Töchter flüsterten: Mama, die Oma sieht am süßesten aus von allen!, und das stimmte auch. Irgendwann war dann Y.s Tante dran (die andere Tante ist leider wieder in den USA und verpaßt dieses Spektakel – was sie bestimmt nicht bedauert) – sie hatte denselben genierten Ausdruck wie Y. nach ihr, und etwas später Y.s kleiner Bruder. Ach, sie stehen so ungern im Rampenlicht!

Die jüngsten Gruppen kletterten mit ihren Babies in Tragetüchern und Kleinkindern an der Hand auf die Bühne. Einer der jüngeren Väter hielt eine besonders schöne Rede – wenn es die in der Kibbuz-Zeitung mal gedruckt gibt, übersetze ich Auszüge davon. Er war witzig und traf auf den Punkt, was man am Kibbuz lieben kann (und er war so taktvoll, nicht zu erwähnen, was man weniger lieben kann).

Dann wurden Lehrer, Sportler, Bauern und Künstler auf die Bühne gerufen. Die Bauern sagen am schönsten – alles lauter kräftige Bässe, sie singen ja oft bei Festen. Diesmal wurde auf die ehemaligen Volunteers verzichtet – wir sind ja auch eine ziemlich große Gruppe, hätten uns wohl mal in Erinnerung bringen können, die mythologischen „Frauen von draußen“ (und auch ein paar Männer!)…

Zum Schluß wurde noch mit Dudu gesungen, den wir alle kennen und der hier viele Konzerte gibt. Dudu sang mit uns zwei Lieder.  Danksagungen, Danksagungen und viel Applaus. Dann gingen wir nach Hause. Secundus bleibt noch und hilft beim Aufräumen, er ist noch nicht zurück. Doch obwohl der Abend schon vorbei war, hörten wir Sarale weitersingen – ich glaube, wenn man sie nicht fesselt und knebelt, singt sie weiter, denn sie kennt jedes hebräische Lied, das je geschrieben wurde, und ihr fällt immer noch eins ein… Tertia kicherte den ganzen Heimweg, wenn immer noch und noch ein Lied erklang.

Und jetzt ist der Abend vorbei, der Tag vorbei, und das Geburtstags-Jahr ist auch vorbei. Jetzt ist wohl ein paar Jahre wieder Ruhe, bis der nächste runde Geburtstag ansteht. Immerhin, 70 Jahre Kibbuz ist nicht schlecht. 20 davon sind auch meine, und ich bin froh darum.

Kommentare»

1. 1st, female - Oktober 11, 2009, 15:16

Ein wunderschöner Bericht über den Kibuzzgeburtstag! Ich bin ganz ergriffen.
Wars nicht gestern, als ich den Kindern die Hemdchen und Finkchen anzog nach dem Mittagsschlaf und ihnen das Essen bereit machte? S. legte sich die Nudeln gern auf den Kopf und wurde von A. deshalb zurecht gewiesen. Y. wollte nicht essen, bevor ich ihm ein bisschen vorgesungen hatte. G. ass nichts bis die Mutter sie abholte. „Hast du schön gegessen?“ fragete die Mutter ihre Tochter. „Sie hat mir nichts gegeben“, antwortete G. dann mit einem beleidigten Blick auf ihre Erzieherin (mich). So herzige, kluge Kinder mit ebensolchen Eltern und Grosseltern – unvergessen!
Alles Liebe und Gute zu einem neuen Jahr.

2. Lila - Oktober 11, 2009, 15:36

G. war leide nicht dabei, sie konnte nicht kommen, und A. auch nicht (obwohl wir sie neulich erst getroffen haben und ihre Eltern gekommen sind). Y. erinnert sich noch dunkel an Dich, und seine Mutter sehr gut. Es wäre schön, wenn Du dabeigewesen wärst. Ein Teil der Gruppe ist hinterher zu unserer lieben Nachbarin ein paar Häuser weiter gezogen, Yaffa, die sie alle geliebt haben, als sie Kinder waren (und die wirklich immer noch so nett ist wie früher).

Aber sie haben sich doch kaum verändert, oder? 🙂

Für Dich wäre es aber traurig gewesen – die Vatikim, die Vatikim. Es sind kaum noch welche geblieben.

3. Ginros - Oktober 11, 2009, 22:22

Einen sehr schönen Bericht hast du da verfasst. Ein Klassentreffen ist sicherlich nichts dagegen.
Hoffentlich war all die Vorarbeit nicht umsonst und ihr hattet ein sehr schönes Fest.
Am besten gefallen mir deine beiden letzten Sätze.
Mal sehen, wie lange ich wohl in Israel verweilen werde. 😉

4. Juebe - Oktober 11, 2009, 23:28

Ein sehr anschaulicher und bewegender Bericht. Vielen Dank.
Etwas perplex bin ich über die Definition hinter dem „Aliyat-ha-Noar“-Link, denn ich dachte, daß die Zeiten, in denen Recha Freier als Gründerin der Jugendalija verschwiegen worden ist, in Israel vorbei seien. Aber da habe ich mich anscheinend getäuscht.

5. Lila - Oktober 12, 2009, 0:00

Weitgehende Schlußfolgerungen aus einem Versehen meinerseits! Nachdem ich den anstößigen Link nun rausgenommen habe – wie wäre es mit einem besseren als Alternative?

6. 1st, female - Oktober 12, 2009, 0:07

An die Vatikim denke ich oft und auch an diejenigen, welche uns jung verlassen mussten.
Von ihnen habe ich weit mehr gelernt als „nur“ den richtigen Gebrauch einer Felco-Baumschere, das Fangen und Rupfen eines Suppenhuhns, das Nachfüllen von „Neft“ in die „Ptilia“, das Braten von 400 panierten Trutenschnitzeln für das Schabbatesssen, das Rauchen filterloser „Degel“ oder das fachgerechte Verkleben von Fensterscheiben mit Papierstreifen. Meine Kinder lieben das harte Ei so wie es Herbert immer gekocht hat, dank Ys Grossvater wissen wir, weshalb ein Raupenfahrzeug um die Kurve fahren kann und das Olivenholzeselchen, geschnitzt von Ys Grossmutter, steht jedes Jahr vor der Weihnachtskrippe. (Hab das schon früher erwähnt.)

7. Lila - Oktober 12, 2009, 0:28

Herbert wurde in Udis sehr guter Rede auch erwähnt. Ein erinnerungsseliges Kichern ging durchs Publikum…

Du hättest auch Freude gehabt an den alten Bildern. Ruth M. als elegante Berliner Abiturientin, mit Seidenstrümpfen und schickem 20er-Jahre-Rock. Dudel als Soldat bei den Briten. Chayale und Chanale mit riesigen Haarschleifen, als Schulmädchen.

Aber Gott sei Dank ist die Ptilia abgeschafft. Nur bei der Armee gibt es sie wohl noch.

Neben mir auf dem Schreibtisch steht ein Becher für die Stifte aus Olivenholz, ebenfalls Erzeugnis der kunstreichen fleißigen Hände von Y.s Großmutter.

8. Juebe - Oktober 12, 2009, 13:01

Gerne empfehle ich als Einstieg zur Jugendalijah – was allerdings mehr ist als eine kurze Definition – den Text: Als Pionier in Palästina:
http://www.berlin-judentum.de/kultur/hoexter.htm


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