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Zu Gilad Shalit und der „Videocassette“ Oktober 3, 2009, 4:28

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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Ich bin  nicht sicher,w ieso die Medien hier darauf bestehen, von einer „Videocassette“ zu sprechen, wo es sich doch um eine DVD handelt – aber einer hat damit angefangen und jetzt reicht es, „ha-kaletet“ zu sagen, DIE Cassette, und alle wissen, was gemeint ist. Die Medien haben auch einen Zirkus darum gemacht, das Haus der Familie belagert und jeden Fußgänger im Örtchen Mitzpe Hila zur Lage befragt.

Die israelischen Medien spielen überhaupt eine große Rolle im psychologischen Krieg zwischen der Hamas und uns, der auf dem Rücken dieses mageren jungen Manns ausgetragen wird. Ob sie Gilads Interessen damit dienen oder nicht, ist eine heiß diskutierte Frage – ich verstehe zu wenig davon, um mitzudiskutieren, neige aber zu Rami Igras Einschätzung, daß wir damit den Preis immer höher treiben.

Aber: der Knabe lebt. Wir wußten das zwar mit ziemlicher Sicherheit, und die Hamas hat sich im Vergleich mit Nasrallahs ekelhafter Zweideutigkeit („ihr werdet eine Überraschung erleben“ – und dann die zwei Särge – wo war da bitte die Überraschung?) halbwegs menschlich und berechenbar verhalten und immer wieder Informationen durchsickern lassen, mehrere Briefe und eine Audio-Aufnahme. Aber nur im Vergleich mit der Hisbollah kann die Hamas Anspruch auf das Prädikat menschlich erheben.

Ist Gilad Kriegsgefangener? Dann müßte das Rote Kreuz Zutritt zu ihm haben, er hätte bestimmte Rechte und würde gegen andere Kriegsgefangene ausgetauscht. Aber niemand hat ihn besuchen dürfen, seine Rechte sind vollkommen ungeklärt und der Austausch geht vollkommen unsymmetrisch vor sich – wenn überhaupt. Hoffen wir, daß der hochgeschätzte, tüchtige deutsche Vermittler seine Arbeit weiter so gut leistet. Der ungenannte Mann setzt eine Tradition deutscher tätiger Hilfe im Nahen Osten fort, was hier sehr dankbar anerkannt wird.

Gilad soll gegen ca. 450 Palästinenser ausgetauscht werden, die in isaelischen Gefängnissen sitzen. Auf dieser Liste sind etwa 40 Namen strittig, weil es sich bei den Gefangenen um verurteilte Massenmörder handelt. Der erste Instinkt sagt: alle freilassen, Hauptsache, die Geschichte ist aus der Welt – wir wollen keinen zweiten Ron Arad, für den nie ein Deal zustande kam, und der elend und allein sterben mußte, wer weiß nach wie viel Leid. Das Bild Arads aus der Gefangenschaft jedenfalls sieht einen aus Augen an, die sich tief in die schuldbewußte Seele brennen.

Beim Nachdenken dann fragt man sich,  wie wir uns fühlen werden, wenn diese freigelassenen Terroristen Anschläge mit Todesopfern verüben – wie einige von ihnen versichert haben, werden sie sich sofort wieder ihrer Art von „Widerstand“ widmen, ganz egal, wie die politische Landschaft aussieht. Im Gegensatz zu weit verbreiteten Vorurteilen in westlichen Ländern hat der Terror nämlich nicht dann geblüht, wenn keine Verhandlungen laufen, also die armen Terroristen vor lauter Verzweiflung gerade dazu gezwungen sind, ihre Frustration an Schulbussen und Falafelständen und Pizzerien abzureagieren… im Gegensatz zu dieser Vorstellung also zeigt ein Blick in die Geschichte, daß der Terror gerade dann blüht, wenn Verhandlungen Zukunftsaussichten eröffnen. Weil nämlich die Extremisten unter den Palästinensern alles andere lieber sähen als einen Kompromiß, und sich dagegen mit allen Mitteln wehren.

Im Moment ist es still, dank Shabak, dank Apartheidsmauer und dank stiller Zusammenarbeit von Abu Mazens und unseren Sicherheitskräften in der Westbank, aber wenn 400 hochmotivierte Terroristen nach Hause kommen, kann sich das Gleichgewicht leicht wieder ändern. Ich würde ja schon ein paar Shekel für Abu Mazens ehrliche Gedanken zu diesem Thema hören, aber er kann natürlich nicht ehrlich sagen, daß ihm Hamas-Terroristen fehlen wie ein Kropf. Fatah-Terroristen, das ist natürlich was anderes….

Jedenfalls ist dieser Deal nicht so einfach. Ich weiß nicht, wie sich Deutsche dazu stellen würden, wenn eine Massenentlassung aus deutschen Gefängnissen anstünde, und verurteilte mehrfache Massenmörder sich nun 30 km von ihrem Wohnort entfernt niederließen. Vielleicht würden sie doch ein paarmal heftig schlucken. Vielleicht würden sie auch bei der Vorstellung, daß diese Mörder mit Jubel und Festreden und Kamelle-Schmeißen empfangen werden, sich mit Grauen abwenden. Das Theater um Samir Kuntar war ekelhaft genug. Man denke sich die Mörder der kleinen Spreebergs als Volkshelden, oder dieses Trio – und frage sich, ob man da so schnell einschlagen würde. Die Terroristen auf der Liste der Hamas sind kein bißchen „besser“ als diese Männer – Abschaum der Menschheit. Und ich greife selten genug zu so starken Worten.

Während wir von Gilad Shalit nichts sehen können als einen abgemagerten, elend blassen, aber kohärent sprechenden und sogar verlegen lächelnden jungen Mann auf 2,42 Minuten Video, können die palästinensischen Gefangenen im Gefängnis ihre Familie und Ehefrauen bzw -männer empfangen, können akademische Grade erwerben, Berufe erlernen, ihre Religion ausüben und haben alle Rechte, die verurteilten Kriminellen in jeder Demokratie zustehen. Das Rote Kreuz würde uns das Fell über die Ohren ziehen, wenn wir unsererseits Druck auf die Hamas ausüben und diese Rechte einschränken wollten.

Es ist immer dasselbe: wir spielen Romme nach den Regeln, die andere Seite spielt Räuberromme. Seit wann müssen sich Terroristen an Spielregeln halten? Als die Repräsentantinnen des Roten Kreuz die palästinensischen Gefangenen vor ihrer Freilassung besuchen, machen sie die folgende bemerkenswerte Aussage:

Marc Linning, who oversees the Red Cross division charged with the welfare of Palestinian prisoners held in Israel, told Ynet that the visit is expected to last about two hours and is meant to ensure that none of the women fear persecution upon returning to their homes.

The Red Cross, he added, must ensure that they do not fear for their safety and that they return to their townships of their own accord. Released prisoners, he said, „Sometimes experience harsher things outside of prison.“

Wieder mal ein Aspekt, der europäischen Beobachtern vermutlich gänzlich entgeht. Für manche Frauen mag das israelische Gefängnis sogar ein Ort der Geborgenheit sein. Das klingt einleuchtend, wenn man weiß, welche Gründe es sind, die Frauen zu terroristischen Aktivitäten treiben – sehr oft persönliche „Schande“ oder „Familienschande“. Ich denke, deutsche Leser haben schon genügend Fälle islamischer „Familienehre“ kennengelernt und können sich vorstellen, wie „entehrte“ Töchter dazu getrieben werden, sich als Terroristinnen zu opfern. Damit ist die „Ehre“ wiederhergestellt und der Schandfleck verborgen. Dazu gibt es ein paar interessante Studien.

Seltsamerweise haben sich prominente Feministinnen öfter der Verteidigung der Burqa als Ausdruck weiblicher Autonomie gewidmet, als dem Kampf gegen die Rekrutierung „entehrter“ Frauen durch terroristische Aktionen. Vielleicht sehen sie ja auch einen Terrorangriff als Ausdruck weiblicher Autonomie? Es gibt natürlich auch Fälle, in denen die Frauen tatsächlich aus freiem Willen zu Waffe oder Bombe griffen. Und die 21 entlassenenen Frauen waren alle keine Terroristinnen großen Kalibers, sie wären ohnehin im Laufe der nächsten anderthalb bis zwei Jahre freigelassen worden.

Denn im Gegensatz zu Gilad Shalit sind sie ordentlich angeklagt und verurteilt worden. Sie haben also, was Gilad nicht hat: einen Entlassungstermin.

Kommentare»

1. lalibertine - Oktober 3, 2009, 20:46

Der arme Junge sieht völlig abgemagert aus. Ich hoffe, er kann bald heim. So eine Tragödie wie bei Regev und Goldwasser darf sich nicht wiederholen.

2. Lila - Oktober 3, 2009, 21:09

Ich hab gerade in den Nachrichten gesehen, was eine Gruppe früherer Kriegsgefangener zu den Aufnahmen sagt. Sie meinen, das ist von A bis Z inszeniert und hat mit den Haftbedingungen nichts zu tun, aber gar nichts. Sie haben davon erzählt, wie es war, als sie zu solchen Phototerminen geschleppt wurden, rasiert und frisch angezogen, „lächeln, lächeln“, und gelächelt haben. Danach wieder zurück auf den Strohsack, ins Loch, in die Ketten, zu den Quälereien.

Sehr ermutigend war das nicht. Ich hoffe, hope against hope, daß es bei Gilad trotzdem nicht so schlimm ist, daß die Hamas… ach, ich weiß es auch nicht.

Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn das mein Junge wäre.

Aber so darf die Regierung natürlich nicht denken – er ist kein Junge, sondern Soldat, und der Staat hat ihn geschickt, der Staat hat die Verantwortung für ihn, und auch für alle anderen Bürger.

Als wäre es nicht schon so ein Mist-Job, israelischer Premierminister zu sein. Keiner unserer Premierminister in den letzten Jahren war in meinen Augen Sympathieträger, aber ich beneide sie nicht. Nach drei Jahren auf die Bedingungen einzugehen, die schon von Anfang an klar auf dem Tisch lagen – das ist ein enormer Gesichtsverlust. Und im Nahen Osten ist Gesichtsverlust immer sehr, sehr gefährlich.

Keine Ahnung, wie wir alle aus dieser Sache wieder rauskommen.

3. Stine - Oktober 3, 2009, 21:27

Ich lerne zwar schon fleißig, verstehe aber immer noch zu wenig Ivrit, um alles übersetzen zu können. Bei Youtube standen einige Dinge, aber könnten Sie vielleicht einige Sätze zusammenfassen? Ich hab die Angelegenheit auch nicht groß in den Medien verfolgt (kaum Zeit), wenn da also schon genug Sachen standen, würde mir schon ein Link helfen.
Er sieht auf jeden Fall schrecklich aus und schon die visuelle Botschaft ist nicht gerade hoffnungsvoll.

4. Lila - Oktober 3, 2009, 21:47

Ich kann so gut googeln, das ist einfach unerreicht…. 😉

Vido mit englischer Übersetzung unten drunter:

http://www.haaretz.com/hasen/spages/1118449.html

I am Gilad, son of Aviva and Noam Shalit, brother of Hadas and Yoel, who lives in Mitzpe Hila. My identification number is 300097029. Today is Monday, September 14, 2009. As you can see, I am holding in my hand today’s edition of the newspaper Palestine, September 14, 2009, published in Gaza.

(Close-up of newspaper so the date becomes clearly discernable)

I read newspapers in search of information about me. I hope to find some kind of information indicating that my release and return home is imminent. I have been waiting and hoping for a long time for the day that I am released.

I hope that the current administration, headed by Benjamin Netanyahu won’t waste this opportunity to achieve a deal, and as a result I will finally be able to realize my dream and be released.

I want to send my regards to my family and to tell them that I love them and miss them very much, and pray for the day that I will see them again.

Dad, Yoel and Hadas, do you remember the day you came to visit me at my base in the Golan Heights, on December 31, 2005, which, if I’m not mistaken, is known as Revaiyah Bet?

We took a tour around the base and you took my picture atop the Merkava tank, and on one of the old tanks at the entrance to the base. We then went to a restaurant in one of the Druze villages, and on the way, we took each other’s pictures on the side of the road with the snow capped Hermon Mountain as our backdrop.

I want to tell you that I feel well, in terms of health, and the Mujahideen, of the Iz al-Din al-Qassam Brigades, are treating me wonderfully. Thank you very much, and goodbye.

(Shalit stands up briefly and video ends)

Gibt es bestimmt auch auf Deutsch irgendwo.

5. Lila zu Gilad Shalit « grenzgaenge - Oktober 4, 2009, 20:52

[…] Ich bin nicht sicher,wieso die Medien hier darauf bestehen, von einer „Videocassette“ zu sprechen, wo es sich doch um eine DVD handelt – aber einer hat damit angefangen und jetzt reicht es, „ha-kaletet“ zu sagen, DIE Cassette, und alle wissen, was gemeint ist. Die Medien haben auch einen Zirkus darum gemacht, das Haus der Familie belagert und jeden Fußgänger im Örtchen Mitzpe Hila zur Lage befragt. […]

6. Stine - Oktober 4, 2009, 22:19

Ich danke sehr, wie gesagt, ich habe etwas knappe Zeitressourcen zur Zeit. Und ich hab mich gewundert über die vielen Zahlen am Anfang, denn das war wohl die ID-Nr.“the Mujahideen…are treating me wonderfully“ ist der schrecklichste Satz, weil er aufs Schärfste klar macht, unter welchem Druck Gilad Shalit dieses Video wohl inszenieren musste.


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