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Trauma September 25, 2009, 23:28

Posted by Lila in Land und Leute.
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Bei meinen Gesprächen in Deutschland habe ich nicht sehr tief gegraben, und kleine persönliche Eindrücke zählen ja eigentlich nicht. Trotzdem – ich hatte bei meinem letzten Besuch in Deutschland  nicht das Gefühl, daß es eine Art von selbstverständlicher Solidarität mit deutschen Soldaten gibt, die in Afghanistan kämpfen. Das sind andere Deutsche, das sind Leute, die man nicht kennt, die sind weit weg, die haben die falsche Wahl getroffen, die hätten verweigern sollen, die müssen schon damit fertigwerden, was Soldatsein bedeutet.

Ich habe es ein paarmal vorsichtig angesprochen, daß nun auch deutsche Soldaten Todesangst haben müssen, schnelle Entscheidungen fällen müssen, die fatal falsch sein können, daß nun auch Deutsche Kriegssituationen erleben. Aber ich verstand schnell, daß sich vielleicht jemand sich mit ihnen identifiziert – aber nicht unter den Leuten, die ich kenne. Diese Probleme gehen wohl  niemand anders an als die, die sich mit ihnen rumschlagen müssen.

Wenn ich von meinem Primus erzählte, meinten mehrere Gesprächspartner, „na ja, kein Wunder, bei euch werden die Kinder ja auch indoktriniert“. Darauf habe ich versucht, zu erklären, daß für Kinder, die hier aufwachsen, keine Indoktrination nötig ist, um zu verstehen, daß das Land bedroht ist. Und daß sie selbst bedroht sind.

Primus lag als Baby im Plastikzelt gegen Saddams Raketen (woran ihn nur Bilder erinnern), die Kinder erinnern sich noch gut an die Terrorwelle und mehrere Male, als wir Bus, Einkaufszentrum, deutsche Botschaft und Flughafenhalle schnell räumen mußten, und sie hören Nasrallah und Ahmedinijad in den Nachrichten. Sie haben mitgekriegt, wie viele Soldaten im Laufe der Jahre gefallen sind, traumatisiert nach Hause gekommen sind, sie kennen zwei Männer, die wegen Fehlentscheidungen ins Gefängnis mußten.

Sie wissen, daß sie ruhig schlafen konnten, weil unter anderem die Armee uns beschützt hat. Sie haben alle Männer und Frauen ihrer Verwandtschaft und Bekanntschaft in Uniform gesehen. Da kann man als fairer Mensch schlecht sagen: okay, das war nett von euch, euer Leben für uns in die Schanze zu schlagen, aber ich gehe lieber meinem eigenen Vergnügen nach und gehe in die USA studieren – sucht nicht nach mir, ich bin nicht dabei, paßt schön selbst auf euch auf.

Denn es ist auch eine Art der Indoktrination, Kindern beizubringen, daß außer dem eigenen persönlichen Erfolg, Fortkommen und Vergnügen nichts den Einsatz wert ist. Die Gemeinschaft, die Heimat, eine Art Solidarität mit anderen Deutschen? Man traut sich ja kaum, Volk zu sagen, weil die unsympathischsten, un-empathischsten Egoisten das Wort mit Beschlag gelegt haben. Aber ob man es will oder nicht, man gehört zu einer größeren Einheit, einem Stamm oder Volk oder Staat, bei jedem fächert sich das Gefühl der Zugehörigkeit anders auf. Aber es ist keine Schande, stolz auf sein Land zu sein und bei Fußballspielen die Hymne mitzusingen und die Fahne hochzuhalten und sich zu freuen, wenn die eigene Nationalmannschaft Erfolg hat. Man muß ja deswegen nicht gleich den zweiten Weltkrieg im Stadion noch einmal austragen.

Wenn also große Teile der jungen Deutschen es vorziehen, statt Wehr- oder Zivildienst gar nichts zu tun außer dem eigenen Fortkommen oder Vergnügen oder am besten beiden zu leben, dann ist auch das das Ergebnis einer Art Indoktrination, einer Beeinflussung. Man lebt den Kindern bestimmte Werte vor, und bis zu einem gewissen Grade verhalten sie sich dementsprechend.

Die Kehrseite dieser Werte bekommen nun die Soldaten zu spüren, die traumatisiert und eventuell auch stigmatisiert aus Afghanistan wiederkommen. Keiner weiß, was für tiefe Spuren der Krieg hinterläßt, der ihn nicht selbst erlebt hat. Ich habe ihn nicht erlebt, aber ich lebe seit 20 Jahren mit einem Mann mit Kriegstrauma. So tief er es auch in sich vergräbt, es ist doch da und hat ihn verändert, und manchmal kommt es zum Vorschein. Er hat Glück, es hindert ihn nicht am normalen Leben und er kann ohne Hilfe damit umgehen. Aber ich kann ein bißchen ermessen, wie schwer das Leben mit solchen Erinnerungen ist, die immer wieder hochkommen.

Nicht umsonst sind die drei erfolgreichsten israelischen Filme der letzten drei Jahre, Beaufort, Waltz with Bashir und Lebanon, dem Libanonkrieg von ´82 gewidmet, unter dessen Nachwirkungen mein Mann wie seine ganze Generation leidet.

In Israel gibt es heute mehr Verständnis und Hilfe für Menschen mit posttraumatischen Störungen, ob Terroropfer oder Soldaten oder Zivilisten unter Raketenbeschuß (im Norden und Süden). Es ist keine Schande mehr, halum krav zu sein, shell shocked, und es gibt ein ganzes Netzwerk der Hilfe, damit die Betroffenen in eine Art Normalität zurückkehren können. Israelische Psychologen und Psychiater gelten mit guten Grund als Speerspitze der Traumaforschung. Die Studienteilnehmer gehen ihnen nicht aus. Ja, sie können auch die Auswirkungen von Trauma auf Kinder- und Enkelgenerationen schwerst Traumatisierter erforschen.

In Deutschland sind die Traumatisierungen des Zweiten Weltkriegs noch nicht aufgearbeitet – meine Mutter, die zu Kriegsende ein Kleinkind war, bekommt Panikanfälle beim Heulen der Sirenen, und mein Vater, der den Krieg als kleiner Junge erlebt hat, hat entsetzliche Erlebnisse gehabt, ohne die er ein anderer Mensch geworden wäre, da bin ich sicher.

Ich habe in den letzten Jahren mit den Freunden und Freundinnen meiner Eltern, alle  inzwischen so um die Sechzig, Siebzig, sehr interessante Gespräche geführt, bei denen ich ihre Kindheitsschicksale erfahren habe – erstaunliche Geschichten von Menschen, die ich seit meiner Kindheit kenne, und deren Albträume, Verlusterlebnisse, Ängste und Erinnerungen an Hunger, Flucht und Gefahr ich nicht kannte, und meine Mutter auch nicht. Es ist alles noch da – aber keiner hat es wahrgenommen, keiner hat geholfen.

In den 50er und 60er Jahren ging es um wirtschaftlichen Aufbau und Vergessen, um Errichten einer gewissen Normalität, danach um Aufarbeitung von politischer Schuld und gesellschaftlichem Versagen. Alles ehrenwert und wichtig und menschlich verständlich. Doch der persönliche Preis, den damals schuldlose Kinder bis heute in Form von Albträumen zahlen, ist kein Thema und kann es wohl auch nicht mehr werden. Doch ich bin mir sicher, daß jeder meiner deutschen Leser nur ein bißchen zu graben brauchte bei denen, die im Zweiten Weltkrieg Kinder waren, um auf ähnliche Traumata zu stoßen.  Verschwiegen, verdrängt oder zu drolligen Anekdoten umfrisiert – „wie der Vater damals aus der Gefangenschaft wiederkam und die Kinder ihn nicht erkannt haben“  – aber die Traumata sind noch da.

Ich möchte mir wünschen, daß das Vergessen und Verdrängen nicht ein zweites Mal geschieht. Ich habe großes Mitgefühl mit den Afghanistan-Veteranen. Ich würde das Entstehen einer marginalisierten, ins Kriminelle abdriftenden Randgruppe von Veteranen in Deutschland nur mit Grausen sehen können. Und das ist eine Aufgabe für alle – egal was man politisch von diesem Einsatz hält, den Menschen darf man die Solidarität nicht verweigern. Die Soldaten zahlen einen Preis für die Entscheidungen von Politikern, auch die, die diese Politiker nicht gewählt haben. Wie schön wäre es, wenn sie in eine Atmosphäre der Solidarität, des Verständnisses und der Hilfe zurückkehren könnten.

Bei meinen Überlegungen zur Solidarität und moralischen Verpflichtung dem Nächsten gegenüber fiel mir ein Kollege ein. Er ist etwas älter als ich, ein besonders netter Mensch, und seine Kinder sind etwas älter als meine. Sein Sohn ist Offizier bei der Marine, und der Vater ist sehr stolz auf ihn. Ich habe nie mit ihm über Politik gesprochen.

Neulich sprachen wir am Telefon, wir wollten uns treffen. Er meinte, er kann bei mir vorbeikommen. „Aber du wohnst doch in Tel Aviv, was machst du denn in den Semesterferien im Norden?“, fragte ich. „Da bin ich einmal die Woche. Ich fahre jeden Dienstag an den Checkpost XY, hole von dort palästinensische chronisch Kranke aus der Gegend um Jenin ab, fahre sie nach Haifa ins Krankenhaus und abends wieder zurück. Wir haben so einen Fahrdienst organisiert, ich und noch ein paar andere Leute“, meinte er.

Auch das ist Solidarität, die sich nicht nur auf die eigenen Leute erstreckt – oder gerade doch. Ihm tun die Palästinenser leid, die wegen israelischer Checkpoints ihre lebenswichtigen Therapien versäumen – auch wenn diese Checkpoints als Reaktion auf terroristische Angriffe entstanden sind und es im Moment noch keine Alternative zu ihnen gibt. Und er möchte auch nicht, daß wir als Israelis das menschliche Antlitz verlieren, das in unserer Situation nur so schwer zu bewahren ist – wie die deutschen Soldaten in Afghanistan als vermutlich einzige Deutsche wirklich nachvollziehen können.

Es gibt immer wieder Menschen, die sich  mit tätiger Hilfe dagegen wehren, dieses menschliche Antlitz zu verlieren. Der Sohn dient in seiner Uniform mit Abzeichen und verteidigt das Heimatland, und der Vater leistet Hilfe für Hilfsbedürftige, die unter dieser Verteidigung schuldlos leiden. Beide Verhaltensweisen gehören zur selben Art der „Indoktrination“, für die ich in Deutschland so wenig Verständnis erwarten kann.

Ja, sind wir denn unseres Bruders Hüter? Wir sind es. Und wir sollten „Bruder“ nicht so eng definieren, daß nur noch das Gesicht übrigbleibt, das uns im Spiegel anguckt.

Kommentare»

1. Heimo - September 26, 2009, 1:04

Liebe Lila, dein: „Trotzdem – ich hatte bei meinem letzten Besuch in Deutschland nicht das Gefühl, daß es eine Art von selbstverständlicher Solidarität mit deutschen Soldaten gibt, die in Afghanistan kämpfen. Das sind andere Deutsche, das sind Leute, die man nicht kennt, die sind weit weg, die haben die falsche Wahl getroffen, die hätten verweigern sollen, die müssen schon damit fertigwerden, was Soldatsein bedeutet.“

wohl, weil das mit Krieg & sowas für die meisten hier als etwas unwirkliches, nicht greifbares, weit entferntes empfunden wird. – Krieg ist etwas, was in grauer Vorzeit, in Großvaters veralteter archaischer Welt passiert ist, oder in weit entfernten primitiven Ländern noch passiert, – hier in der modernen, relaxten, bequemen einlullenden high-tech Welt kann sowas natürlich nicht passieren & sollte es doch irgendwo auftreten, dann macht man besser die Augen zu, & hofft, daß es nicht zu nahe kommt. – Warum sollte man einen Discobesuch abbrechen, nur weil man in weiter Ferne irgendwelche vermeintlichen Todesschreie hört – das betrifftt einen ja nicht..
Man nimmt die große weite Welt über distanzierte Medien, wie via internet oder Fernbedienung des TV wahr & kann unbequemes schnell wegschalten, Die da oben werden schon dafür sorgen, daß ‚das‘ nicht zu nahe an uns heran kommt & wenn dann irgendeines Nachbarn Söhne tatsächlich als Soldaten in so eine weit entfernte Kriegszone entsendet werden, ist man ja schließlich nicht seines Nachbarn Hüter. – & wenn man vernimmt, daß deutsche Soldaten in Afghanistan sterben. so vernimmt man es abgestumpft, wie einen Verkehrsbericht über die gewohnten tödlichen Unfälle des Tages. – Zum Glück hat’s einen ja nicht selbst getroffen, weil man ja nicht dabei war & auch nicht dabei sein wollte.. – Solidarität & Zusammenhalt gibt es wohl (hierzulande & vielleicht auch anderswo) nur dann, wenn alle, oder zumindest ein Großteil der Bevölkerung betroffen ist

2. migdalit - September 26, 2009, 1:09

du drückst aus was ich mir schon seit längerem denke, aber nie die Worte gefunden habe zu schreiben.

Jedesmal wenn ich aus Israel wieder etwas von einem Soldaten oder sonstwie engagierten Menschen – einem Helden, könnte man sagen – höre denke ich mir „die wissen, was diese Leute geleistet und geopfert haben, die kennen ihre Namen. Wer kennt die Namen der deutschen Soldaten.“ (Selber bin ich ja aus Österreich, sollte mich also eigentlich an der österreichischen Nase nehmen, anstatt über Deutsche zu schreiben, aber der letzte gefallene österreichische Soldat ist meines Wissens ein Blaumhelm im Libanon-Krieg gewesen, als lässt sich das nicht vergleichen.)
In Israel hat es mir immer geschienen als wäre die Erinnerung an Opfer und Helden allgegenwärtig. Eine ständige Erinnerung „Wir haben euch nicht vergessen.“

Es geht da auch nicht nur um den militärischen Bereich, sondern auch im Zivilcourage. Man kennt in Mitteleuropa die Gesichter von Kriminellen, Terroristen, Totschlägern und Amokläufern. Aber kennt man auch die Gesichter und Namen von Opfern – und noch viel wichtiger – den Helden der Gesellschaft, die sich ihnen entgegengestellt haben? Sie bleiben namenlose, gesichterlose Randnotizen.
Wenn du mich fragst sagt das einiges über unsere Mitteleuropäische Gesellschaft aus. Es wird mehr Wind um die Teenager gemacht, die töten ohne mit der Wimper zu zucken als um den einen Menschen der sein Leben dafür lässt, sich dazwischen zu stellen um ein Menschenleben zu retten. Das kann doch nicht richtig sein!

3. Heimo - September 26, 2009, 1:28

„meine Mutter, die zu Kriegsende ein Kleinkind war, bekommt Panikanfälle beim Heulen der Sirenen,“

meine Mutter kann/mag auch keine Kriegsfilme aus jener Zeit ansehen – auf ihrer Flucht vor den Russen von Rumänien nach Polen & später nach Deutschland hatte sie auch Erlebnisse, als von Flugzeugen abgeworfene Bomben in ihrer unmittelbaren Nähe explodierten – sie sagte: „das habe ich genug erlebt – ich ertrage es nicht, das nochmal zu sehen..“

4. Liisa - September 26, 2009, 1:57

Ich kann Deine Beobachtungen in D nur bestätigen – es ist genauso, wie Du es wahrgenommen und hier jetzt beschrieben hast. Ich habe hier vor einem knappen Jahr auch zu diesem Thema geschrieben mit einem ähnlichen Tenor wie Du jetzt. Danke für Deinen Blick und Einwurf von außen. Schade nur, dass die, die ihn eigentlich lesen müßten kaum lesen werden. Aber es reicht ja auch, wenn es wenige wären, die anfangen umzudenken.

Man darf es ja kaum laut sagen aber in letzter Zeit habe ich mehrfach gedacht, es geht uns immer noch viel zu gut hier und habe mich sogar bei dem Gedanken erwischt, dass wir vielleicht mal wieder einen Krieg bräuchten, damit manche Dinge wieder in die richtige Perspektive gerückt werden und die Menschen wieder realisieren, was wirklich wichtig ist. Ist das nicht schrecklich, dass einem solche Gedanken kommen – und das, obwohl ich mich so lange ich denken kann immer für Frieden und Versöhnung eingesetzt habe und von Herzen dankbar bin für die unverdiente Gnade zu einer der wenigen Generationen zu gehören, die (bisher) Krieg nicht am eigenen Leib haben erfahren müssen, während noch unsere Großeltern, so sie ein hohes Alter erreicht haben, gleich zwei Weltkriege in ihrer Biographie zu verzeichnen hatten.

5. JenJen - September 26, 2009, 7:19

wie tief Du aus meinem Herzen sprichst… ich bin erschlagen und weiß nicht, was ich sagen könnte (hab auch ein paar Tränen verdrückt).
Lila, mir sind Deine Berichte über Israel so wichtig geworden… oder Deine Berichte über Deutschland aus israelischer Sicht.
Danke
Jenny

6. Reuter - September 26, 2009, 9:03

Das stimmt, Lila –

in Deutschland gibt es keinerlei Solidarität mit den Soldaten, die in Afghanistan sind. Das einzige, was dazu zu hören ist, sind markige Erklärungen wie „Wir sind, wenn wir uns nirgends militärisch engagieren, kein Ziel mehr für den Terrorismus“ oder, wie Walser es gerade so pathetisch in seinem offenen Brief forderte, dass „Kriege unter gar keinen Umständen zu rechtfertigen“ seien.

In der ZEIT war (überraschenderweise) ein wirklich guter Artikel dazu – von Thea Dorn.
Sie nennt diese Nicht-Solidarität, verbunden mit dem Ruf „Bundeswehr raus aus Afghanistan“ treffend „Vulgärpazifismus“. Und dann weist sie diesen Leuten (Intellektuelle, Schriftsteller. linke Denker usw.) nach, dass die eigentlich nur ihre eigenen Schäfchen ins Trockene bringen wollen.
Huch – sie möchten nämlich nicht ins Visier der Al Kaida geraten.

Dorn schreibt weiter: „Ebendiese Inkonsequenz ist es, die mir den aktuellen Pazifismus so schwer erträglich macht: Zwar hält man den Westen en gros für eine so fragwürdige Kultur, dass man ihm pauschal das Recht abspricht, sich auch mit Gewalt gegen die zu verteidigen, die ihn ihrerseits mit äußerster Skrupellosigkeit attackieren. En détail möchte man in Berlin, Köln oder am Bodensee seinen Rotwein aber auch weiterhin in Ruhe genießen können.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne, ein bisschen Liebe – das war die Haltung, in der es sich Deutschland nach seinem barbarischen „Und-morgen-die-ganze-Welt“-Geschrei gemütlich gemacht hatte. Es könnte an der Zeit sein, die Kinderdisco zu verlassen.“

Hier kann man weiterlesen:
http://www.zeit.de/2009/39/op-ed?page=all

Thea Dorn hat vollkommen recht.
Und wenn man mal in den Foren von Spiegel, SZ, FAZ, Tagesspiegel etc. liest, was die User zum Afghanistaneinsatz denken, kann einem nur noch übel werden. Mit dem „Bruder“, wie du ihn beschreibst, hat man da eigentlich eher NICHTS im Sinn …

Tja, ich bin natürlich auch für den Weltfrieden. Und der ist so wohlfeil zu fordern.

Gut Schabbes – Naomi

7. willow - September 26, 2009, 9:40

Du hast ja soooo Recht!

Hier ist eine „Der Staat hat von mir nichts zu erwarten!“-Haltung inzwischen erschreckend normal geworden… wen interessiert es schon, daß ein Staat aus Menschen besteht, Mitmenschen sozusagen.

Ganz abgesehen davon, daß viele, die so denken und handeln irgendwie ganz selbstverständlich staatliche Leistungen in Anspruch nehmen – diese Haltung drückt sich eben auch immer häufiger im Fehlen jeglichen gesellschaftlichen Zusammenhalts aus, fehlende „Zivilcourage“ dürfte da nur die Spitze des Eisberges ausmachen. Wenn immer mehr Menschen nichts mehr für ihre Gemeinschaft „tun“ wollen, wo soll das hinführen!?

Ich meine, deine Gesprächspartner haben dir doch sicher auch gesagt, daß sie in einer viel besseren, friedlicheren, freundlicheren, menschlicheren etc.pp Ordnung leben als du in deinem „faschistoiden zionistischen Gebilde“ – da stellt sich doch erst Recht die Frage, warum sie dann nicht bereit sind, für ihre hehren Werte, ihre tollen Überzeugungen einzustehen, sich für diese überlegene Lebensweise einzusetzen… und sei es nur, Kinder in die Welt zu setzen.

PS: schau mal in deinen Y-Spam? 😉

8. willow - September 26, 2009, 10:47

Ja, an dieser Thea Dorn Artikel gibt interessante Denkansätze,

so richtig ekelig dagegen wird es dann hier…

http://de.indymedia.org/2009/09/260190.shtml
http://de.indymedia.org/2009/09/260320.shtml

9. Piet - September 26, 2009, 11:42

Nun, es gab eine Zeit, in der die Mehrheit der Deutschen „Nie wieder“ geschworen hat. Viele sind in diesem Geist erzogen worden: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg (oder, als Kompromiss: Nie wieder Angriffskrieg, ein Verteidigungsfall könnte etwas anderes sein). Und zwar gerade aus der Erfahrung (meiner persönlichen, z.B.) des nachts hochschreckenden, schweißgebadeten, schreienden Großvaters, der nie darüber redete, was er erlebt hatte – es muss aber, wie sich jeder denken kann, unvorstellbar grausam gewesen sein.

Was ist, vor dem Hintergrund dieses ’Nie-wieders’, Normalität, wenn man sich (s.o.) denkt, wir bräuchten wohl mal wieder einen Krieg? Es gab eine Zeit, wo man den Nicht-Kriegszustand als glücklichen, aber normalen Zustand begriff.

Wenn wir nun, mit der Mehrheit an Menschen, die sich aus guten Gründen für Zivildienst entschieden, schon kaum Verständnis für Wehrdienstleistende (und erstrecht solche, die sich als Berufssoldaten auf lange Zeit verpflichteten) aufbringen, wie soll man Verständnis dann für Menschen aufbringen, die sich offiziell (!) ja noch nicht mal in einem Krieg befinden (eine politisch abscheuliche Lüge, wie ich finde), erstrecht, da dieser Krieg von Vielen als ungerechtfertigt betrachtet wird, da Deutschland nie angegriffen worden war? Natürlich wird dieser Krieg als abstrakt und weit weg wahrgenommen, als Pflichtteil der Tagesschau. Und als ein „Bündnisfall“ nach NineEleven, was als abscheulicher Terrorakt wahrgenommen wurde, aber „asynchroner Krieg“? Das IST abstrakt.

Nehmen wir jetzt (zumindest aus linker Perspektive, und aus dieser Tradition komme ich nunmal) noch dazu, dass Viele mit Nationalität (von Volk – das Völkische klingt in der Assoziation ja mit – will ich gar nicht reden), dem Nationalstaatsgedanken insgesamt nichts anfangen können (selbst mich schaudert‘s beim „Stolz“ aufs „Vaterland“), auch das natürlich das, was man als „historisches Erbe“ bezeichnet und ein Begriff, den viele für das Elend der Welt überhaupt erst verantwortlich machen („no borders no nations“), wird erkennbar, warum soetwas wie Solidarität mit Deutschen Soldaten (die damals zumindest, wenn ich das recht entsinne, freiwillig gingen? Bin da aber nicht ganz sicher) höchstens als Opfer falscher Politik aufkommen wird, in letzter Konsequenz aber auch das nicht, weil sie ja hätten verweigern können. Also wohl beides, selber Schuld und staatliche Schuld.

Ich weiß nicht, ob man zwangsläufig von „richtigen“ oder „falschen“ Haltungen sprechen muss. Es sind Haltungen, die in historischen Erfahrungen wurzeln und von dort aus eben auch ihre Berechtigung haben. Natürlich ist dieses eine sehr Deutsche Perspektive, die Amerikanische und sicher auch die Israelische sieht anders aus. Und natürlich müssen wir (auch) andere Positionen einnehmen, um in veränderten weltpolitischen Zusammenhängen Situationen überhaupt beurteilen zu können. Aber in Bausch und Bogen verurteilen mag ich das nicht, wenn wir vor dem Hintergrund, das das Deutsche Wesen schon einmal wusste, woran es in der Welt so krankt, und vor dem Hintergrund, dass „militärisch-chirurgische Eingriffe“ eben doch nicht so exakt und schon gar nicht leidfrei vonstatten gehen wie es der Begriff glauben machen möchte, wenn Menschen vor diesem Hintergrund also ausgesprochen skeptisch reagieren.
_____
@ Reuter: Danke für den link, der Artikel war mir durch die Lappen gegangen. Dort werden ja genau die Fragen aufgeworfen (Thea Dorn spricht zu Recht von „quälenden Fragen“), die wir dringend diskutieren müssen, gerade auch aus einer linken Perspektive mit den Polen Internationalismus vs. Globalisierung (Kapitalismus und Imperialismus als Ursachen von Kriegen), um die Diskussion überhaupt erst zuspitzen zu können.

10. willow - September 26, 2009, 12:33

Tja Piet, die Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges…

„Wir“ hätten ja auch durchaus die Lehre ziehen können, daß „man“ das Böse bekämpfen muß – stattdessen haben „wir“ die Lehre gezogen, daß es böse ist zu kämpfen… zynisch gesagt, wer keine Werte hat kann auch nicht verstehen, warum er für seine Werte eintreten soll!

11. MartinM - September 26, 2009, 16:52

„meine Mutter, die zu Kriegsende ein Kleinkind war, bekommt Panikanfälle beim Heulen der Sirenen,“

Bei meiner Mutter ist es ähnlich. Aber das Leid und das Trauma ihrer Generation, und der meines Vaters (die immerhin darüber reden), wurde, als ich Kind war, übertönt und überdröhnt durch das Selbstmitleid ihres Vaters, meines Großvaters, und vieler, allzu vieler, seiner Generation, über den „verlorenen Krieg“ (von dem ich weiß, dass mein Großvater ihn, solange Nazi-Deutschland noch am Siegen war, als Karrierechance sah). Ich vermute, die heutige „arbeite-und-konsumiere-alles-andere-ist-egal“-Mentalität, die Oberflächlichkeit und die Mitleidlosigkeit, die war schon damals weit verreitet. Willow hat leider Recht: wer keine Werte hat (außer: fließig zu produzieren und fleißig zu konsumieren, Karriere machen und Spaß haben), der versteht auch nicht, warum er für Werte eintreten soll. Es gab in der Nazizeit außer zu vielen, die falschen, inhumane, mörderische Werte hatten, noch mehr, denen Werte schnuppe waren – die wertblinden Opportunisten, ohne die das Nazi-Regime keine zwei Monate durchgehalten hätte. Und deren „arbeiten, konsumieren, ja-sagen und Schnauze halten“ Mentalität die Nachkriegszeit bestimmten – neben dem Selbstmitleid der Täter und Mitmacher.

Die wertblinde und mitleidlose Haltung der heutigen Deutschen – da nehme ich mich nicht aus – hat Tradition.

12. Manfred - September 26, 2009, 17:24

Aber wer kein Volk und keine Nation zu haben glaubt, kann immer noch darauf spekulieren, dass sich ein paar Dumme finden werden, die für dieses nicht vorhandene Volk ihren Kopf hinhalten, um eine Ordnung zu verteidigen, zu deren herausragenden Errungenschaften die Freiheit kiffender wursthaariger Gymnasiasten gehört, Soldaten als Mörder zu beschimpfen.

13. Piet - September 26, 2009, 17:46

Willow, du verwechselst das Bemühen um die Abwesenheit von Krieg (dazu muss man nicht Pazifist sein) mit Wert(e)losigkeit, aber das Gegenteil ist der Fall: Es geht um ein Bemühen um andere Lösungen, weil Krieg stets die schlechteste aller Möglichkeiten darstellt. Das heißt nicht, dass dieser nicht dennoch notwendig sein kann, aber er sollte stets das letzte Mittel sein. Kämpfen heißt nicht notwendigerweise Krieg, gegen Krieg einzutreten heißt nicht, nicht zu kämpfen! Wobei ich, um das deutlich zu sagen, den Abzug der Truppen aus Afghanistan im konkreten Fall für die schlechteste aller Lösungen hielte.

Mir geht es auch überhaupt nicht darum, irgend einen Gesinnungspazifismus auf Biegen und Brechen zu verteidigen, sondern eine Haltung in ihren Ansätzen zu erklären und darzustellen, dass es für diese gute Gründe gibt, die man nicht mal eben mit einer lockeren Handbewegung beiseite wischen sollte. Wer Pazifismus indes prinzipiell für das Eingeständnis von Schwäche hält, zeigt eigentlich nur, dass er sch mit der Thematik nie wirklich auseinandergesetzt hat.

Nein, dass wir uns mit dem Thema überhaupt so schwer tun, ist aus meiner Sicht, dass es bis heute keine eindeutige Abgrenzung zwischen ‚Terror‘ und ‚Krieg‘ gibt und entsprechend keine eindeutigen Bewertungen, was in welchem Fall zu gelten hat. Der RAF-Terror war Terrorismus. Wäre er das, nach heutigen Maßstäben, auch noch, oder wäre es schon (gerade in Verbindung mit PLO & Co) asynchroner Krieg? Wer wäre zuständig, was wäre der Verteidigungsfall? Und wo? Das ist alles sehr unscharf, und entsprechend unscharf sind auch die Reaktionen der verschiedenen politischen Lager. Noch schwieriger wird es, wenn wir Terror von rechts (inzwischen sind die Verbindungen in die Spitzen der NPD und die zur Bundeswehr ja belegt) mit einbeziehen und dann noch mal die Frage nach den Werten aufwerfen.

Alles, wofür ich plädiere ist, die Argumente der jeweiligen Gegenseite nicht vorschnell zu verurteilen, sondern mit dem Vertrauen darauf, dass der Andere gute Gründe für seine Haltung haben mag, genau zuzuhören, vielleicht auch einmal einen Schritt zur Seite zu machen und eine andere Perspektive einzunehmen. Weswegen ich auch auf einen zynischen Schlusssatz verzichte, obwohl er mir auf der Zunge resp. Tastatur liegt. 😉

14. Lila - September 26, 2009, 18:16

Willow – eigentlich will ich Links zu so durch und durch ekelpetrigen Seiten nicht im Blog haben… aber wer wirklich mal die unterste Schublade sehen möchte, der soll sie anklicken.

Piet – ich glaube nicht, daß Leute wie Du gemeint sind, wenn man über blindes Abnicken von Diktaturen spricht, unter dem zynischen Deckmäntelchen eines Lippen-Pazifismus, wenn eigentlich schnöder Ölhunger oder Export-Import-Gier der wahre Grund sind.

Obwohl ich einen grundsätzlichen Pazifismus als Wert teile – wie ich auch wünschte, es wäre möglich, JEDEN Konflikt waffen- und gewaltlos beizulegen – so bin ich inzwischen davon überzeugt, daß es Menschen gibt, denen man unter Umständen mit Gewalt die Waffen aus den Händen nehmen muß. Sonst richten sie großes Unheil an. Wann schlägt Gewaltverzicht in Appeasement um? Oder ins St-Florian-Prinzip? Die jeweilige Antwort hängt von vielen Faktoren ab.

Und ich würde mir wirklich wünschen, sachlich zu bleiben. Ich habe schon beim letzten Beitrag die Kommentare geschlossen, nachdem es wieder ad hominem ging, und ich werde es auch diesmal tun. Mit Bedauern, denn mir sind Eure Ansichten wichtiger als meine (die kenne ich ja schon). Es muß doch möglich sein, eine Meinung zu formulieren, ohne gegen Andersdenke persönlich ausfallend zu werden. Ich bemühe mich, das nicht zu tun, und sehe es ungern bei anderen – egal wen es trifft. Zynisch oder spöttisch wird man schon mal, aber persönliche Angriffe sind ein lo-lo.

15. Mikado - September 26, 2009, 19:06

„In den 50er und 60er Jahren ging es um wirtschaftlichen Aufbau und Vergessen, um Errichten einer gewissen Normalität, danach um Aufarbeitung von politischer Schuld und gesellschaftlichem Versagen. Alles ehrenwert und wichtig und menschlich verständlich.“

Das ist sicherlich richtig, aber hier fehlt ja ein ganz entscheidender Themenkomplex. Der „heiße“ 2. Weltkrieg ging doch direkt in den kalten Krieg über. Deutsche gegen Deutsche, an der bestbewachten Grenze der Welt. Die unzähligen Panzerarmeen des Wahrschauer Pakts, SS-20, Pershing II, Lance-Raketen usw. Also ich bin 5km Luftline vom Atomwaffenlager Haid auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen. Es sind gerade mal 20 Jahre her, seit der Wahnsinn vorbei ist. Soviel sollte man schon wissen, wenn man Deutschland beurteilen will.

Interessant ist auch, dass fast alle deutschen Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz sind, aus den „Neuen Bundesländern“ kommen.

In Israel geht’s doch um die Verteidigung der eigenen Sicherheit. Ich glaube nicht, dass israelische Mütter ihre Söhne nach Feuerland, am anderen Ende der Welt, schicken würden, um dort westliche Werte zu verteidigen. Aber ich kann mich täuschen.

16. willow - September 26, 2009, 19:58

@Lila:

Tut mir Leid, natürlich sollte man nicht zu solchen Seiten verlinken … andererseits, und da muß ich dir widersprechen, das ist zwar unterste Schublade – aber leiderleider sind solche Leute nicht sooo isoliert, wie man glauben möchte. Es gehört für einen Wehrpflichtigen in D. schon ein bissel Mut dazu, die Bahnfahrt in den Urlaub in Uniform anzutreten…

Wobei es ja eigentlich gar nicht um Pazifismus geht… oder zumindest um eine höcht seltsame Form davon. Gewalt gegen Polizisten und Soldaten ist z.B. völlig in Ordnung, ebenso natürlich die Unterstützung bewaffneter antiimperialistischer Befreiungsorganisationen. Selbst die Heilsfigur der Pazifisten, Gandhi zeigt letztlich die unlösbaren Konflikte des Pazifismus…

Den von Hitler verfolgten Juden empfahl er kollektiven Selbstmord, um die Welt wachzurütteln. Nach dem Krieg äußerte er allen Ernstes gegenüber einem Biographen, daß die Juden, da sie nun sowieso gestorben seien, dies doch auch sinnvoll gemäß seines „Ratschlags“ hätten tun können. Das Müncher Abkommen, das immerhin Europa vor einem Krieg bewahrte, nannte Gandhi inkonsequenterweise einen „Ausverkauf der Seele Europas“ und einen „Triumph der Gewalt“. Im März 1939 empfahl er dann den Tschechen waffenlos und dabei „ruhmvoll untergehend“ der Wehrmacht entgegenzumarschieren. Den militärischen Widerstand Polens hingegen nannte er mysteriöserweise „beinah nicht-gewalttätig“.

Als sich die Engländer von Dünkirchen zurückzogen, schrieb er an den britischen Vizekönig von Indien: „Dieses Gemetzel muß beendet werden. Ihr verliert; wenn ihr nicht aufgebt, wird das Blutvergießen sich nur noch vergrößern. Hitler ist kein schlechter Mensch.“ In einem Appell an das britische Volk rief er zur Kapitulation auf: „Überlaßt ihnen eure schöne Insel mit den schönen Gebäuden. Das alles könnt ihr ihnen geben, aber sie werden niemals eure Seele und euren Geist besitzen können.“

Als das nichts fruchtete, richtete sich Gandhi im Dezember 1941 an den „guten Menschen“ himself, und beschwor seinen „lieben Freund“, die Menschheit zu umarmen, „unabhängig von Rasse, Hautfarbe und Glauben.“ Leider wollte der Gröfaz nicht auf die „große Seele“ hören.

Irgendwie kommt mir das alles seeeehr bekannt vor…

17. Lila - September 26, 2009, 20:36

Mikado, Du hast Recht, es ist leichter, zur Waffe zu greifen, wenn der Angriff sich gegen das eigene Haus richtet. Dann hilft das Gefühl des „en breira“, wir haben keine Wahl, weiter.

Wie weit man den abstrakten Einsatz für westliche Werte zu treiben bereit ist, das ist die Frage. Sind die Bürger der Tschechoslowakei oder Polens den Einsatz wert, die Bürger von Kuwait oder die Kurden im Irak? Die unterdrückten Iraner? Die Menschen auf dem Balkan?

Bei jedem Einsatz, so wohlbegründet und gerechtfertig er sein mag, zahlen Unbeteiligte mit dem Leben. Die Abwägung ist moralisch extrem schwierig. Wer gibt mir das Recht, den X zu opfern, um den Y zu retten?

Ich behaupte gar nicht, daß ich Antworten auf diese Fragen habe. Ich bin nicht pragmatisch genug veranlagt für eindeutige Antworten.

Aber wenn die deutsche Regierung die Entscheidung zu einem Einsatz gefällt hat, dann sind auch die, die Regierung nicht gewählt haben und gegen den Einsatz waren, in der Verantwortung. Und eine eventuelle Reaktion, wie der in diversen Filmchen angedrohte Terror, kann auch die Gegner des Einsatzes treffen. Auch wenn die Deutschen selbst sich vielleicht nicht als Kollektiv fühlen, werden sie doch von außen, oder sagen wir ruhig: vom Gegner, als solches wahrgenommen.

Und Piet: Volk vom Ruch des Völkischen wieder zu befreien, als nicht-wertenden Begriff, der sich unter bestimmten historischen Bedingungen etwickelt und immer andere Bedeutungen angenommen hat – das wäre schön. Ethnie, damit tut man sich dann leichter 🙂 Das Wort Volk klingt einfach hohl und leer in deutschen Ohren – es ist zu viel mißbraucht worden und ist vielleicht nicht zu retten.

Ach, und wie schwer ist es, Deutschen zu erklären, daß „jüdischer Staat“ nichts Konfessionelles oder Religiöses bedeutet! Juden bezeichnen sich selbst als Am Israel, Volk Israel. So wie sich die Waliser selbst cymry, das Volk nennen, und auch die Drusen nennen sich Volk. Daß bei Drusen und Juden religiöse und ethnische Zugehörigkeit zusammenfallen, aber damit kein Zwang zur Religionsausübung verbunden ist, ist einfach nicht zu vermitteln – und erst recht, daß Judentum und Rasse nur von Rassisten in einen Topf geworfen werden. Na ja, die unterscheiden ja auch zwischen ostischer und westischer Rasse….

Ich hatte mal eine religiöse Studentin, die in einer Hausarbeit ganz naiv den Begriff „das christliche Volk“ benutzte. Sie dachte vielleicht, so wie die Juden sich als Volk definieren, tun das auch die Christen. Vermutlich dachte sie überhaupt nicht viel nach. Es fällt uns ja so leicht, von uns auf andere zu schließen.

18. willow - September 26, 2009, 20:38

@Mikado

Jaja, das Deutschland, das auch am Hindukusch verteidigt wird… klingt schon komisch. Aber da du schon die amerikanischen Atomraketen ins Spiel bringst – hätten sich die Amis „damals“ auch aus diesem doofen Konflikt am anderen Ende der Welt (Europa) heraushalten sollen? Was hatte die Sicherheit der US-Bürger schon mit Paris oder London zu tun…

Ich bin ganz sicher kein glühender Befürworter diese dämlichen Krieges in Afghanistan -wirklich!- aber sage mir doch bitte – wieviele Afghanistans, Somalias, Sudans etc. können wir denn noch ignorieren? Was ist, wenn auch noch Pakistan, Ägypten, der Süden der ehemaligen Sowjetunion „umkippen“ – kein Grund für Aktionismus?

Wir hatten tatsächlich das unsägliche Glück, über 60 Jahre in Frieden leben zu dürfen, ohne uns dafür tatsächlich anstrengen zu müssen… aber leiderleider ist dies auch im 21.Jahrhundert nicht der Normalfall. Ich kann dir nur empfehlen, den von Reuter verlinkten Text http://www.zeit.de/2009/39/op-ed?page=all zu lesen…

19. willow - September 26, 2009, 20:43

PS: Ich vergaß… schon wegen des dort formulierten Satzes:

Pazifismus, der darauf schielt, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen, ist ein moralischer Taschenspielertrick.

20. grenzgaenge - September 26, 2009, 20:53

hi lila,

ich wollte doch mal ein lebenszeichen loslassen. zu den kommentaren faellt mir einiges ein. aber ich will nicht hier hereinplatzen und gleich pfeile in alle richtungen verschiessen. sonst fange ich mir gleich eine klatsche von der lila ein !!!!

ausserdem bin ich gar nicht auf pfeile aus. irgendwie halte ich mich zur zeit aus aktiven politischen diskussionen eher heraus. ich habe einerseits weniger lust auf die immer gleichen diskussionen. auf der anderen seite gibt es etwas das meine aufmerksamkeit fordert. schon ganz schoen sichtbar 🙂

ich haette dir jetzt fast ein „leichtes fasten“ gewuenscht. fast !!

ganz herzliche gruesse, bis bald,
der grenzgaenger

21. Lila - September 26, 2009, 21:21

Ha, Grenzgänger, Du kommst mir gerade recht mit Deinem „leichten Fasten“! Mich stört dieser Gruß schon seit ich ihn das erste Mal gehört habe. Und endlich habe ich vor zwei Tagen einen Rabbi im Radio gehört, der meine Genervtheit geteilt hat. Er hat gesagt, was ich schon seit Jahr und Tag denke und manchmal auch sage: das Fasten soll ja gar nicht leicht sein. je schwieriger dieser Tag ist, desto besser. Wie schon der Schnauz gesagt hat, eine Mädäzän muß bätter sein, sonst werkt sä nächt.

Und der Rabbi Eliashiv hat noch einen draufgesetzt und gesagt, auch Crocs sind verboten am Yom Kipur! Weil die zu bequem sind.
http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3781873,00.html

Mein Sohn sagt, bei der Armee kann man fasten oder nicht, aber Fastende und Nicht-Fastende müssen gleichermaßen Wache schieben. Er hat sich erboten, einem fastenden Freund die Wache abzunehmen. Das ist doch auch nett.

Und Du übertreib es nicht mit der Fasterei!

22. beer7 - September 26, 2009, 22:09

Ich kann mit R. Eliashiv nicht uebereinstimmen. Fasten als Leiden, das passt zu Tisha Be’Av, aber nicht zu Jom Kippur! Am Versoehnungstag versuchen wir, moeglichst unsere menschlichen Beschraenkungen zu ueberwinden und es den Engeln gleich zu tun. Seit wann leiden Engel?!

23. Lila - September 26, 2009, 23:07

Ich bin überhaupt nicht sehr fürs Leiden (besonders nicht, nachdem ich gerade das Interview mit Rona Ramon gesehen habe). Wenn Leiden adelt, dann wünsche ich uns allen, daß wir ordinär bleiben.

24. Marlin - September 27, 2009, 0:36

Wenn Leiden adelt, dann wünsche ich uns allen, daß wir ordinär bleiben.

Haha, bin ich dann auch ein Ordinarius, Lila? 🙂

Und, Grenzgänger: Was kann man schon sehen, hast Du zugenommen? 😀

25. Heimo - September 27, 2009, 4:31

Zu diesem von Reuter eingebrachten interessanten Artikel von Thea Dorn:
eben diese Bloßstellung eines ‚Vulgärpazifismus‘ – also aus niedrigen Motiven wie hier aufgezeigt, wenn z.B. Walser schreibt: “Wir sind, wenn wir uns nirgends militärisch engagieren, kein Ziel mehr für den Terrorismus« oder die Verquickung gruppierter Pazifismus-Dogmen mit allerlei Gesinnung wie Antiamerikanismus & was sonst noch so an Feindbildern in der Pseudo-Pazifisten-Szene herumschwirrt, sollte dennoch nicht dazu führen, jeglichen Pazifismus zu verdammen & jeden Pazifisten als bequemen, weinschlürfenden, Probleme-ausweichenden Feigling zu verurteilen. –
Das Walser’she Motiv, sich nicht einzumischen, damit man selbst nichts abbekommt, ist natürlich verächtlich & der mangelnden Zivilcourage gleichzusetzen, sich einzusetzen, wenn in der Nähe jemand von Schlägern angegriffen wird & man sich lieber nicht einmischt um selbst nichts abzubekommen. –
Ich habe hohe Achtung vor echten Pazifisten, die einfach zu friedfertig sind um jemals zu Waffengewalt zu greifen – “Selig sind die Friedfertigen! “ –
ich hatte in meiner Jugend die gleiche Einstellung, – niemals wieder Krieg – niemals beteiligt sein an diesem mörderischen gegenseitigen Abschlachten von ideoligisch aufeinander aufgehetzten Menschenmassen, von welchen jeder aus der Gegenseite unter anderen Umständen wohl dein freundlicher Nachbar, gar dein Freund sein könnte. – & natürlich wollte ich Kriegsdienst verweigern in naivem Glauben, daß wenn wir alle verweigern, es keinen Krieg mehr geben könne. ( mein kriegsdienstverweigern scheiterte, da man mich wegen meiner Körperbehinderung sowieso ablehnte) – es hat lange Jahre gedauert, bis ich einsah, daß es manchmal einfach nicht ander geht, als sich mit Waffengewalt zu verteidigen, wie im Beispiel Israel, das schon lange eliminiert wäre, wenn nicht das ganze Volk zusammengehalten hätte & nur mit Waffengewalt & hohem Einsatz des ganzen Volkes an allen Fronten überleben konnte. – & auch nach 11.09 fand ich den westlichen Militär-Einsatz durchaus gerechtfertigt. – Ach ich wäre doch ganz gerne noch ein Pazifist, wenn es nicht all diese aggressiven Massen gewaltbereiter gieriger, ideologisch verirrter bis böswilliger Menschen gäbe, die Nichtverteidigung als Schwäche auslegen, die sie dazu animiert, die Friedfertigen zu überfallen, zu eliminieren oder zu versklaven. – ich bin leider kein wirklicher Pazifist mehr!

26. WTF? - September 27, 2009, 5:44

Hallo Lila,

ich lese schon seit längerer Zeit deinen Blog und habe bis jetzt noch nie einen Grund gesehen zu kommentieren. In vielen Punkten stimme ich dir zu, meistens aber lese ich nur interessiert mit, weil die von dir angesprochenen Themen für mich „fremd“ wirken, da mich das Thema Israel eigentlich nie interessiert hat. Mir ging es ähnlich wie dir, siehe deinen Text zum Thema „Leonghard Cohen, ich hatte es auch nie auf dem Koordinatensystem, konnte es nicht zuordnen etc..

Mein Problem mit diesem Blogeintrag:
Ich vermisse immer noch den „link“, d.h. die logische Verbindung. Warum sind deutsche Soldaten in Afghanistan? Haben die uns angegriffen? Nein. Also geht es wohl wieder mal nur um wirtschaftliche Interessen und da ist es nur logisch, dass man keine allzu große Solidarität erwarten kann. Ackermann hat schliesslich auch keine Solidarität abgekriegt.

In Israel ist die Situation sicher anders, man steht unter ständiger Bedrohung durch die „Nachbarn“. Wenn Deutschland plötzlich von Belgien, Holland oder Tschechien angegriffen werden würde, dann wären sicher auch mehr Menschen bereit es zu verteidigen. Nur ist der Knackpunkt eben, dass Afghanistan weit weg ist und niemand so wirklich versteht, was „wir“ da eigentlich wollen.

Mein Cousin war damals in Jugoslawien. Er hat sich dafür entschieden, weil er bereits Kinder hatte und durch die Verpflichtung zu Bundeswehr gehofft hat studieren zu können. Damals gab es zwar noch keine allgemeinen Studiengebühren, aber es war auch zu der Zeit schon wahnsinnig schwer ein Studium auf die Reihe zu bekomme wenn die Eltern nicht gerade Ärzte, Lehrer oder Rechtsanwälte waren. Ich weiss, ich weiss… das kann hier keiner nachvollziehen, auf deinem Blog schreiben ja nur bürgerliche Leutchen Kommentare, die noch nie sowas erlebt haben. Ihr könnt mir aber glauben, dass es als Angehöriger der „working class“ mittlerweile geradezu unmöglich geworden ist zu studieren. Auch wenn ihr diese Probleme vielleicht nicht kennt bzw. nicht auf dem Radar oder Koordinatensystem habt.

Ich sehe es so: Wer sich meldet, der ist selbst schuld. Wir haben zwar die Wehrpflicht, aber jeder kann verweigern bzw. muss selbst in der Grundausbildung nicht zwingend ins Ausland. Offenkundig tun es aber einige Leute, die dann zu ihrer Entscheidung stehen müssen. Wenn ich mich nun entschieden hätte Feuerwehrmann zu werden, dann hätte ich auch ständig mit dem Risiko leben müssen. Feuerwehrleute bekommen von der Gesellschaft Respekt entgegengebracht. Warum? Ganz einfach: Man sieht den Nutzen, sie tun etwas Gutes und riskieren ihr Leben – da ist man auch gerne bereit über Kleinigkeiten hinwegzusehen (z.B. in einer Kleinstadt, wo alle hundert Jahre mal ein Feuer ausbricht und die Feuerwehrleute meist nur rumsitzen und den lieben Gott nen guten Mann sein lassen). Als das Oderhochwasser damals war, da hat man auch deutlich gespürt, dass die Menschen den Soldaten dankbar waren – schliesslich haben sie da mal was sinnvolles gemacht.

Diese Menschen verurteile ich nicht, im Gegenteil! Ich finde es grossartig bzw. ehrenhaft, wenn man sich für andere Menschen „opfert“. Ein Bekannter hat es mal schön auf dem Punkt gebracht: Wenn du heute von der Hauptschule kommst, kaum Geld hast und vielleicht keinen Job bekommst, dann ist es sinnvoll, sich zu verpflichten, denn im Falle deines Todes ist deine Familie finanziell abgesichert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt zwei „Sorten“ Soldaten. Diejenigen, die es für andere tun (z.B. ihren Kindern eine gesicherte Zukunft bieten wollen, ohne jemals das Hartz-Elend kennen lernen zu müssen) und die anderen, die es tun, weil sie es aus Überzeugung tun. Letztere haben kaum Rückhalt in der Gesellschaft, was ich durchaus verstehen kann. Wer glaubt, dass dieser Einsatz irgendwem hilft ausser der Wirtschaft, dem ist echt nicht mehr zu helfen.

27. lalibertine - September 27, 2009, 10:30

Liebe Lila,

danke für diesen Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Die Beobachtungen die Du gemacht hast treffen leider zu. Es ist wirklich eine Skandal, wie unsere friedensgewohnte, übersatte und aus lauter kleinen Egozentrikern und Narzissten bestehende Wohlstandsgesellschaft mit Soldaten umgeht, die unter Einsatz ihres Lebens Menschen gerettet, Schulen gebaut und Minenfelder geräumt haben.

Diese Pseudopazifisten haben von den sozialwissenschaftlichen Grundlagen der Konfliktbearbeitung oder den Herausforderungen des Nationbuilding und Peacekeeping überhaupt keine Ahnung. Sie plappern einfach nur Worthülsen nach, die ihnen wohlmeinende Deutsch-, Religions-, Ethik-, und Geschichtslehrer vorgekaut haben: Gewalt ist natürlich keine Lösung, Krieg ist doch immer so schrecklich und Soldaten sind sowieso Mörder. Dass es Soldaten waren, die das NS-Regime besiegt und Auschwitz befreit haben geht dann in der gutmenschlichen „Lass-und-alle-miteinander-kuscheln“-Sülze unter.
Tatsache ist, dass man ein so gründlich von Gewalt zerrüttetes Land wie Afghanistan (oder Kosovo oder Bosnien) nur mit Hilfe des Militärs wiederaufbauen kann. Ansonsten sind humanitäre Helfer zum Abschuss freigegeben. Schon witzig: Diese Möchtegern-Friedensfreunde leben selber in einem Land, in dem unzählige Polizisten Recht und Ordnung sichern, verlangen aber von der Bevölkerung in Bürgerkriegsländern und den Menschen, die ihnen helfen wollen, dass sie ganz ohne den Schutz bewaffneter Kräfte auskommen sollen.

Ich war als humanitäre Helferin Ex-Jugoslawien und leider waren dort, wo ich gearbeitet habe keine deutschen Soldaten für die Sicherheit zuständig sondern Italiener und indische Blauhelme. Die Sicherheitslage war schlecht und die Einheimischen und die NGO-Mitarbeiter sagten immer wieder, dass es im deutschen Sektor sehr viel besser ist. Jetzt ist es wohl an der Zeit ein Geständnis zu machen: Ich war damals und bin es noch stolz auf unsere Soldaten, die einen besseren Job machten als einige Verbündete.
Ich bin natürlich genauso aufgewachsen wie alle anderen Deutschen, mit der Lektüre von „Im Westen nichts Neues“ , dem Film „Die Brücke“ und das Tucholsky-Zitat hätte ich in meiner Jugend auch sofort unterschrieben.

Heute sehe ich das anders: Ich habe Kinder, Jugendliche, Erwachsene gesehen, die vom Bürgerkrieg zerstört worden sind, äußerlich oft unversehrt aber innerlich so schwer verletzt, dass es fraglich war ob sie wieder ganz gesund werden. In Bürgerkriegen ist die Zivilbevölkerung das Ziel und 80-90% der Opfer sind Zivilisten. So einen Krieg mit einer militärischen Intervention zu beenden ist ein Segen, Soldaten, die dies unter Einsatz ihres Lebens tun sind für mich die wahren Pazifisten. Sie bringen Frieden und sichern ihn. Ich habe Menschen kennengelernt, die Minen entschärfen, alles entweder aktive Soldaten oder Ex-Soldaten, die ihr Handwerk beim Militär gelernt haben. Dann gab es da noch die vielen Soldaten, die sich über ihren Auftrag hinaus engagiert haben, in dem sie Hilfsaktionen organisierten oder NGOs unterstützten.

Ich sehe seitdem viele Dinge anders: Diese billige „Ohne-mich“-Haltung, die Du auch so treffend herausgearbeitet hast, widert mich an. Diese lächerliche Rebellentum, das sich darin äußert „das System“ abzulehnen und bloß nicht die Gemeinschaft oder den deutschen Staat zu unterstützen. Dieses „System“ hat uns nie gekannten Wohlstand, nie gekannte Sicherheit und nie gekannte Freiheit gebracht – wie kann man das ablehnen?

Deutschland kommt mir oft so vor wie ein riesengroßer Kindergarten und oft treffe ich auf Leute, die deutlich älter sind als ich und immer noch nicht erwachsen. Viele Menschen in Deutschland sind einfach extrem naiv und auch bereits in der Schule indoktriniert worden (siehe oben). Ihnen kommt gar nicht in den Sinn, dass es Situationen gibt, bei denen reden, verhandeln, nachgeben nicht funktioniert, außer man ist auf Selbstmord aus. Warum auch? Wir sitzen hier im gemachten Nest, und wenn ich nicht frühzeitig meine Nase rausgestreckt hätte, ich wäre wohl genauso.

Wenn es ein Feuerwerk gibt denke ich immer noch: Jetzt schießen sie wieder und irgendwie will ich dann immer eine gebückte Haltung einnehmen und den Kopf einziehen 😉 Ich kann ein schönes Feuerwerk trotzdem genießen, auch wenn im Hinterkopf immer dieses komische Gefühl bleibt.

Aber ich habe ja auch Glück gehabt: Vor meinen Augen ist nie jemand erschossen worden, ich habe nie mit ansehen müssen, wie jemandem von meiner Mine die Beine weggerissen werden, ich musste nie den Geruch von verbranntem Fleisch riechen, der nach einem Selbstmordanschlag in der Luft liegt. Was Menschen mit Kriegstraumata durchmachen müssen kann ich nicht einmal erahnen. Aber ich weiß genug, um den höchsten Respekt vor unseren Soldaten und allen anderen Soldaten zu haben, die ihr Bestes tun, um Kriege zu beenden, Frieden wiederherzustellen und zu stabilisieren. Der Preis, den diese Menschen zahlen müssen, ist oftmals hoch und das einfach nur anzuerkennen ist das mindeste, was wir ihnen schulden.

28. Wider den Vulgärpazifismus « Freunde der offenen Gesellschaft - September 27, 2009, 11:12

[…] einen Kommentar » Ein hervorragender Beitrag der hochgeschätzen Lila zum schändlichen Umgang mit Kriegsveteranen in unserer Gesellschaft. Unter […]

29. grenzgaenge - September 27, 2009, 15:35

@lila (kommentar 21): ich mag nicht mit dir streiten. schon gar nicht am heutigen tage wo es um versoehnung geht.

deshalb:

http://grenzgaenge.wordpress.com/2009/09/27/leichtes-fasten-oder-schweres-fasten/

30. CK - September 27, 2009, 16:54

In einem Punkt muss ich WTF recht geben. Man kann unsere Situation in Europa nicht mit der Israels vergleichen, auch wenn wir m.E. im gleichen Boot sitzen. Israel ist an der Frontlinie, wir weit dahinter. Dennoch sind wir ebenfalls betroffen und sollten Israel daher moralisch nach besten Kräften unterstützen. (Und nicht in den Rücken fallen wie unser Aussenminister Asselborn vor der UNO, dessen Rücktritt ich demnächst in einem Leserbrief verlangen werde, wenn der Depp so weitermacht.)

Ich bin zwar für die Abschaffung der Wehrpflicht (die es bei uns schon sehr lange nicht mehr gibt), erkenne aber an dass in einem Fall wie Israel diese durchaus Sinn machen kann, aber nicht mehr in Europa. Das Geld sollte man lieber in bessere Ausrüstung stecken.

Wenn nun morgen Bomben auf meine Heimat fallen würde, würde ich mich wohl auch freiwillig melden (was nichts, aber auch gar nichts mit Indoktrination zu tun hätte, sondern schlicht mit Vernunft und Eigennutz). Zudem bin ich für das Recht auf privaten Waffenbesitz und überlege ernsthaft, mir das Schiessen beizubringen. Pazifismus im linken Sinne ist also längst nicht mehr mein Ding. Ganz im Gegenteil.

Die Bundeswehr leistet in Afghanistan (und nicht nur dort!) tolle Arbeit. Bzgl. Bundeswehr und auch andere unserer westlichen Armeen bin ich daher der gleichen Ansicht wie lalibertine. Und Veteranen, die unser aller Freiheit schützen, sollte geholfen werden mit allen Mitteln. Auch klar.

31. Trauma | Manfreds politische Korrektheiten - September 29, 2009, 22:47

[…] (Erstveröffentlichung in Lilas Blog “Letters from Rungholt” am 25.09.09, Übern… […]

32. Janina - Oktober 1, 2009, 21:11

Liebe Lila,

wie immer mit sicherem Gespür erkannt, wie Deutschland so tickt. Mein Bruder ist Soldat und auch bei ihm besteht sehr konkret die Wahrscheinlichkeit, daß er nach Afghanistan geschickt wird. Ich hab geheult, nachdem er mir das erzählt hat, aber ich bin unendlich stolz auf meinen Bruder und seine Kameraden, die mit ihrem Tun (und hoffentlich nicht mit Gesundheit und Leben) dazu beitragen, daß die Welt friedlicher und freier wird. Natürlich hoffe ich, daß mein Bruder nicht abkommandiert wird! Egal aus welchen Gründen Deutschland in den Krieg in Afghanistan eingetreten ist – wir können doch jetzt keinen Rückzieher machen und die Menschen dort ihrem Schicksal unter der Knechtschaft der Taliban überlassen!? So wie ich stolz bin auf die vielgerühmte deutsche Ingeniuerskunst (und mich sehr häufig fremdschäme wegen „typischer“ deutscher Eigenarten), so bin ich auch sehr stolz auf die Bundeswehr und unsere Soldaten, die einen wichtigen Beitrag zum Frieden in der Welt leisten.


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