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Mitten im Tammuz Juli 11, 2009, 12:35

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Tertias beste Freundin Kim ist ein nettes Mädchen mit einem schweren Schicksal. Ihre Eltern sind in die USA übergesiedelt, als sie noch ganz klein war, und haben sich vor ein paar Jahren scheiden lassen.  Kim und ihre Mutter sind nach Israel zurückgekehrt und haben sich eine kleine Wohnung in einem Kibbuz genommen, die anderen Geschwister sind beim Vater in den USA geblieben. Es hat wohl heftige Auseinandersetzungen zwischen den Eltern gegeben, eine richtig üble Trennung, bei der so viel zu Bruch geht, daß die Narben ein Leben lang bleiben.

Das war vor zwei oder drei Jahren. Damals kam Kim in Tertias Klasse, und die beiden haben sich sofort verstanden. Insgesamt sind sie so eine Gruppe von fünf, sechs netten Mädchen, alles zurückhaltende, stille Leseratten und Schmuckbastlerinnen. Ich habe sie ja öfter alle hier gehabt und sie haben mir alle gut gefallen.

Kims Mutter ist kurz nach ihrer Ankunft in Israel an Brustkrebs erkrankt.  Kim blieb allein in der Wohnung – gut, daß die Tante nebenan wohnt, aber es war für Kim sehr schwierig. Sie hat öfter hier übernachtet, wenn ihre Mutter im Krankenhaus war. Der Kampf der Eltern um die Kinder und ihre Zukunft ging unvermindert weiter, auch als die Mutter erkrankte. Sie hat sich Tertia anvertraut, und Tertia hat mir nicht viel weitererzählt – nur wenn sie es zu schwierig fand, hat sie bei mir ihr Herz erleichtert und wir haben versucht, Kims schwierige Erlebnisse irgendwie einzuordnen und zu verstehen.

Vorhin rief Kim an. Ich wußte sofort, daß die Katastrophe eingetreten ist, und reichte Tertia den Hörer. Tertias Gesicht zerbrach vor meinen Augen geradezu. Kims Mutter ist gerade gestorben. Kim, das arme Mädchen, hat als erstes ihre beste Freundin angerufen. Tertia ist jetzt auf dem Weg zu ihr. Ich wünschte, wir könnten etwas tun. Das ist schon die zweite von Tertias Freundinnen, die ihre Mutter verliert. Das arme Mädchen.

Der Vater wird sie nun in die USA holen, obwohl Kim das gar nicht will. Ich habe sofort gesagt, daß sie gern zu uns kommen kann, aber das ist keine Lösung. Die Tante ist ja auch bereit, Kim zu sich zu nehmen. Aber der Vater wird das nicht zulassen. Aus seiner Sicht bestimmt logisch. Doch Kim will nicht weg von hier, sie will im Kibbuz und auf der Schule bleiben, so, wie sie und ihre Mutter sich ihr Leben eingerichtet hatten. In den Augen ihres Vaters ist sie ja auch eine Verräterin, weil sie bei der Mutter geblieben ist. In diese Mühle von Konflikten will sie natürlich nicht wieder rein.

Mitten im Tammuz ist sie gestorben, Kims Mutter, wie im Lied. Sie war jünger als ich und hinterläßt vier mutterlose Kinder, einen Ex-Mann, der von seinem grimmigen Kampf gegen sie nicht abgelassen hat, als sie im Sterben lag, und es tut mir sehr leid um sie. Ach, was für ein trauriger Tag. Was für eine traurige Jugend für Kim.

Kommentare»

1. Anne - Juli 11, 2009, 13:58

Was manche Kinder durchzustehen haben, ist so furchtbar, dass man es kaum aushalten kann, das mitzubekommen. Unglaublich, wie sie selber das aushalten, aber ich fürchte auch, Kim wird fürs ganze Leben zu tragen haben an den Erlebnissen bisher schon – und dann noch nach Amerika, raus aus ihrer vertrauten Welt zu einem Vater, der mit Sicherheit untergründig feindselig sein wird, das ist wirklich scheußlich.

Hoffentlich kann Deine Tochter wenigstens Kontakt mit ihr halten – dann hat Kim vielleicht etwas leichter die Option, zurückzukehren, wenn sie volljährig ist.
Es ist schrecklich, dass man solchen Sachen so völlig hilflos gegenüber steht, nicht?

2. Barbara - Juli 11, 2009, 14:27

Die arme Kim, sie tut mir wirklich leid! Alleine schon mit ansehen zu müssen, wie die Mutter an so einer Krankheit stirbt – das wird sie nie wieder los! Ich weiß wie das ist, denn ich habe meine Mutter auch an Brustkrebs sterben sehen (wobei das Wort „sterben“ dabei eine absolute Untertreibung ist), nur war ich längst erwachsen, als das passiert ist – trotzdem schlimm genug! Und dann diese Geschichte mit den verkorksten Familienverhältnissen. Der Vater sollte Rücksicht darauf nehmen, dass sie in Israel bleiben will, schließlich hat die Kleine genug mitgemacht 😦 Wir alt ist sie denn und wie lange dauert es noch bis zur Volljährigkeit? Vielleicht kann man das Ganze so lange hinauszögern, und man wird sie ja wohl kaum mit Gewalt ins Flugzeug stecken, oder? Das arme Herzchen!

3. Fremde Feder: Mitten im Tammuz « grenzgaenge - Juli 11, 2009, 23:14

[…] hat nun eine traurigen post veroeffentlicht der also nicht zufaellig den titel “Mitten im Tammuz” traegt. es geht um den tod eines […]

4. Noga - Juli 12, 2009, 6:20

Bei all der menschlichen Tragödie stellt sich mit die Frage: Ist das in Israel rechtlich möglich, daß ein/e Jugendliche/r aus geschiedener Familie keine Mitspracherechte über seinen zukünftigen Verbleib hat? Das würde mich enttäuschen.

5. Lila - Juli 12, 2009, 6:37

Selbstverständlich hat sie Mitspracherechte, sie ist fast 16. Aber trotzdem hat der Vater das Sorgerecht und auch die finanzielle Verantwortung. Sie wird wohl bei der Tante bleiben. Aber der Vater muß seine Einwilligung dazu geben.

Ihre kleinen Geschwister wissen noch nicht, daß sie hierbleiben will. Besonders die neunjährige kleine Schwester wird das schwer treffen. Heute abend, nach der Beerdigung, wird sie es den Geschwistern unterbreiten.

Der Vater hatte nach langem Hin und Her endlich der Bitte der Mutter nachgegeben und die jüngeren Kinder zu ihr geschickt, um Abschied zu nehmen. Kurz nachdem sie die Kinder gesehen hatte, ist sie gestorben. Sehr traurige Geschichte.

6. zimtapfel - Juli 12, 2009, 13:33

Diese Geschichte berührt mich gerade besonders stark. Meine Mutter ist ebenfalls vor kurzen gestorben, auch an Krebs und bei ihr ging alles sehr schnell. Die Mutter zu verlieren ist immer schlimm, aber ich bin immerhin keine 15 mehr sondern Mitte Dreißig. Trotzdem hatte ich immer gedacht, meine Mutter noch viele Jahre zu haben. Es ist immer schlimm, ja, aber mit 15 plötzlich ganz allein auf der Welt zu sein, das ist sicher ganz schrecklich.
ich hoffe sehr für das Mädchen, das sie nach diesem Unglück wenigstens in ihrer gewohnten Umgebung und bei den Menschen, die sie gern haben bleiben darf!

7. david - Juli 12, 2009, 14:11

ברוך אתה יהוה אלהנו מלך העולם דין האמת

8. david - Juli 12, 2009, 14:52

Noga, nein, der rechtliche Angelegenheit dauert sehr lange.
Sie könnte auch abhauen, bBei Bekannten unterkommen, mindestens bis sie 18 ist. Im Kibbutz sicher kein Problem.

Es ist aber nicht unbedingt so, dass USA in Israel einen Ruf wie Sibirien hat. Aber das sind alles familiäre Angelegenheiten. In Israel kann man auch mal ein paar Jahre verschwinden. Kim dürfte diese Option kennen. Nicht dass dadurch das Leben einfacher wird…

Kim könnte selbst einen Gerichtsbeschluss erwirken, über einen Vormund. Bis sich dann alle Anwälte zwischen Israel und USA ausgetauscht haben, ist sie 30. Oder sie könnte einfach abtauchen – das Jugendamt beauftragt die Polizei, und die Polizei im Norden Israels ist nicht unbedingt Scotland Yard aus Sherlock Holmes Romanen, wenn du verstehst was ich meine. Niemand holt jemanden aus Israel heraus, wenn der- oder die es nicht will.

Das ist aber ‚Kim’s Entscheidung, und höchstwahrscheinlich hat sie gerade andere Sorgen…

9. Robert - Juli 13, 2009, 11:57

Ist es nicht schrecklich, wie Eltern über ihre Kinder, die sie gar nicht (richtig) kennen, verfügen dürfen?
Kims Tante war näher dran und sollte nun das Erziehungsrecht erhalten, finde ich. Was hat denn Kims Vater zur Erziehung groß beigetragen, außer dass er ihre Mutter im Sterbebett fertig gemacht hat?
Wenn er seine Einwilligung jetzt nicht gibt, dann erweist er sich als ein gewissenloser Rüpel.

10. Lila - Juli 13, 2009, 14:05

Soweit ich informiert bin, hat der Vater zugestimmt, und Kim darf in Israel bleiben. Die jüngeren Geschwister hat er für morgen zurückbeordert – sie dürfen nicht einmal die Trauerwoche mit der Familie der Mutter und Kim verbringen. Ich finde dafür keine rationale Begründung – es sind Sommerferien, und die Kinder haben gestern abend ihre Mutter begraben. Bei aller Post-Scheidungs-Bitterkeit – das ist den Kindern gegenüber unfair.

11. Neufert - Juli 13, 2009, 21:31

Ist es, hat wohl Angst. Immerhin toll, wenn Kim bleiben darf.

12. Lila - Juli 13, 2009, 22:07

Ach, aber die kleinen Geschwister. Für sie ist es ein Albtraum, mit dem Vater allein zu leben, ohne die große Schwester. Wenn ich sehe, wie wichtig Tertia für Quarta ist, dann möchte ich Kims kleiner Schwester wünschen, daß Kim mit ihr gehen wird.

In dieser Geschichte gibt es kein gutes Ende. Ich bin die ganze Zeit bedrückt deswegen.

13. Neufert - Juli 14, 2009, 10:26

Trennung ist Trennung. Die kleinen Geschwister waren schon vorher ohne Kim, das wird jetzt nicht schlimmer. Gut ist es nicht, da hast Du recht. Aber Kim soll ihr eigenes Leben leben können. Sie würde viel aufgeben und könnte nur wenig heilen.

14. grenzgaenge - Juli 14, 2009, 18:40

„In dieser Geschichte gibt es kein gutes Ende. Ich bin die ganze Zeit bedrückt deswegen.“

@lila: leider gibt es dinge die nicht gut enden und bei denen man nichts positives finden kann. so ist das leben leider manchmal. ich bin immer noch der meinung das es fuer kinder nichts schlimmeres gibt als das zerbrechen einer familie oder den tod eines mitgliedes der familie. es gibt zwar leute die sagen kinder stecken so etwas viel bessser weg als erwachsene. aber ich glaube das nicht. oder ich bin in der frage „familie“ zu konserativ. was fuer mich eher ein kompliment als eine negative aussage waere.

15. david - Juli 19, 2009, 12:59

“In dieser Geschichte gibt es kein gutes Ende. Ich bin die ganze Zeit bedrückt deswegen.”

Soll ich dir aus meiner Umgebung ein paar Dramen erzählen? Geschichten, etwa, die meine Frau von den Gerichten nach Hause bringt. Kaputte Familien, kaputte Leute, junge Russen im Teenageralter, die im Suff auf den Strich gehen. Messerstechereinen unter Arabischen Gangs in Lod und Ramle. Europäische Psycho-Familien, Amerikanische Neurosen. Dachte eigentlich, bei euch im Kibbutz wäre die Welt noch in Ordnung.

16. Lila - Juli 19, 2009, 14:21

Was hat das mit dem Kibbutz zu tun? Die betroffene Familie wohnt nur zur Miete in einem Kibbutz (nicht unserem). Und meinst Du, Kibbutzniks erkranken nicht an Krebs? lassen sich nicht scheiden? streiten sich nicht um ihre Kinder?

Wir spielen doch nicht Dramen-Poker. Ich weiß, daß die Welt voll trauriger Geschichten ist.

17. david - Juli 20, 2009, 12:42

Dann weshalb bedrückt es dich?
Eigentlich gings mir um dieses Statement. Dass die Welt und speziell Israel an Dramata, Traumata und Desastern keinen Mangel kennt, das wissen wir wohl alle… oder finden es schmerzvoll heraus. Mit Dramen-Poker kennst du dich besser aus, ich blogge darüber nicht. Indes, sei kein Kvetcher.
Das ist ein aber ein persönlicher Wunsch, weil ich meistens vorbei komme, um etwas Optimismus und Allerweltsgeschichten aus deiner Kibbutz-Welt zu hören, das ist das Tolle an deinem Blog.

18. Lila - Juli 20, 2009, 16:25

Vielleicht suche ich mir nicht aus, was mich bedrückt? Sowas soll es geben.

Ich blogge auch kein Dramen-Poker. Ich blogge über Dinge, die mir persönlich wichtig sind, d.h., ich habe über solche Dinge gebloggt.

Aber so Bemerkungen „sei kein Kvetcher“, wenn ich von einem Mädchen erzähle, das ich persönlich kenne… da vergeht einem wirklich das Bloggen.

19. Marlin - Juli 20, 2009, 18:55

Verstehe ich auch nicht, Lila, was david uns jetzt sagen will, oder besser, dir. Vielleicht kommt er nur her, um von Blumen und Freude zu lesen. War mir aber nie so klar, dass es das hier ausschließlich gäbe..

Lass Dich von ihm nicht ärgern. Vor allem nicht das Schreiben vermiesen, das würde mehreren Lesern nicht gefallen. Vergiss den Tembel. ( 😉 ) Das Wort habe ich von Dir, auch wenn es hier vielleicht nicht passt.

20. grenzgaenge - Juli 20, 2009, 23:37

nun, ich denke es waere nicht sehr ehrlich nur ueber positive dinge zu schreiben. das leben ist eben nicht nur positiv. ich kann zu meinem blog sagen das ich (auch) schreibe was mir auf der seele liegt. bloggen ist fuer mich so etwas wie schreibtherapie. wenn ich mir alles vom leib geschrieben habe was mich bedrueckt geht es mir gleich besser. ich finde es, darueber hinaus, auch nicht gut ueber blogs zu urteilen. jeder hat seinen stil und seine schwerpunkte. lasse dich nicht entmutigen, lila !

21. Manfred - Juli 30, 2009, 21:18

Ich hoffe, Du lässt Dich jetzt nicht ernsthaft vom Bloggen abhalten, liebe Lila? Setze doch Kommentatoren, die Dich ärgern, zur Not einfach vor die Tür! Ich fand Deinen Artikel jedenfalls sehr bewegend; und ich finde diese traurigen Artikel genauso wichtig wie die fröhlichen.


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