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Unter einem Stein Juni 19, 2009, 23:23

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Gestern abend war ich bei einer Besprechung hier im Kibbuz. Ich habe mich ja in letzter Zeit mit Arbeit und allem anderen so gestreßt, daß ich zu nichts mehr komme und in keinem Ausschuß sitze. Da unser Kibbuz aber einen runden Geburtstag feiert, konnte ich einfach nicht abschlagen, bei der Organisation einer Ausstellung zu helfen. Alle Künstler des Kibbuz sollen dabei präsentiert werden. Da wir viele Künstler haben (und noch mehr Leute, die sich für Künstler halten…), ist die Auswahl nicht einfach.  Und wie sollen die Sachen präsentiert werden? Eine Ausstellung macht sehr viel Arbeit.

In einem Anfall von Größenwahn habe ich gesagt, ich möchte auch zwei Radierungen ausstellen. Die sind zwar nicht taufrisch, denn wann habe ich schon mal Zeit, in die Druckwerkstatt zu gehen?, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, Schluß mit der ewigen Bescheidenheit. SO übel waren meine Radierungen gar nicht.

Ja, so saß ich also gestern abend, vor Ungeduld bibbernd, im hübschen Heim einer netten Frau hier ganz in der Nähe. Mit mir zwei weitere Frauen. Alles tüchtige, freundliche  Frauen, die im Kulturbereich tätig sind. Keine von ihnen saß unruhig da wie ich. Ich hatte mir Schreibzeug mitgebracht und dachte, das wird so eine Besprechung, wie ich es von der Arbeit gewöhnt bin (und ich arbeite ja nicht in einer Bank, auch bei uns gibt es schon mal Abschweifungen!). Doch mit meiner Erwartungshaltung Tagesordnung durch und dann schnell nach Hause… da wurde es nichts.

Bis ich erstmal konkret raushatte, was nun eigentlich wann und wo geplant ist, und was von mir erwartet wird, verging unheimlich viel Zeit. In der Zeit tauschten die anderen Frauen Neuigkeiten aus. Dann kamen wir zur Liste der Künstler. Statt daß wir sie systematisch durchgehen und sagen: Moshik – den übernimmt die Lila, geh hin und such drei Skulpturen aus und ein Skizzenbuch – also statt dessen ging das Gespräch zu Moshiks erster Frau über, und warum sie Selbstmord begangen hat vor 45 Jahren, und wie seine zweite Frau mit den Kindern fertiggeworden ist.  Und daß der jüngste Sohn ein Buch darüber geschrieben hat. Und ob man bei der Ausstellung nicht auch Schriftsteller berücksichtigen sollte. Oh, und Choreographen, ihr wißt doch, der älteste Sohn von Silberbergs….

Und ich als Störenfried in der Runde, mit dem Stift in der Hand: also Moshiks Skulpturen? drei? Und notiere.

Doch irgendwann mußte ich es aufgeben, das mäandernde Gespräch irgendwie in praktische Kanäle zu lenken, es ist ja auch eigentlich gar nicht meine Art, und ich bin ja schließlich auch Kibbuznikit. Aber diese gemütliche Art, die habe ich total verlernt. Ich denke an alles, was ich noch zu tun habe, und es interessiert mich nicht für zehn Pfennig, was Daffi vor dem Kolbo zu Rafi gesagt hat, und was Rafi ihr geantwortet hat.  Auch wenn Daffi Gipsfiguren herstellt, die wir vermutlich auch ausstellen müssen.

Ich habe mich auch mehrmals bloßgestellt. Irgendwann kamen wir zum Namen der wohl besten Künstlerin des Kibbuz, und die anderen meinten, „ja, bis dahin ist die Meira auch wieder hier“. Und ich so: „ja, wo ist denn die Meira?“, und alle drei Frauen: „waaas, das weißt du nicht? ja lebst du denn unter einem Stein? die ist doch schon seit zwei Jahren in New York!“ Und ich ganz betreten: „ach deswegen sehe ich die nie“.

Als ich nach Hause kam, konnte ich Y. erzählen, daß sein Kollege Dori einen Schlaganfall hatte (ist ihm auf der Arbeit passiert, er ist neben dem Lager hingefallen und Rivka hat ihn gefunden), daß es einen riesigen Krach in der maskirut gegeben hat, daß sein alter Schulkamerad Yaniv einen Film über den Kibbuz gedreht hat, daß der Computerfritze, mit dem unsere Freundin Pitzi verheiratet ist, zum dritten Mal aus einer guten Position entlassen worden ist und nun in der Küche Möhren schält, und daß Y.s Cousine dritten Grades, die hier mal zur Schule gegangen ist und die wir seit 15 Jahren nicht mehr gesehen haben,  lesbisch ist. Nichts davon  wußte ich vorher. Y. auch nicht.

Er hat mich nur erschüttert gefragt, was denn nun mit der Ausstellung ist und wie viel Zeit das in Anspruch nehmen wird. Die Ausstellung? Ja, keine Ahnung. Da werden wir uns wohl noch mal treffen müssen…

Kommentare»

1. Wolfram - Juni 20, 2009, 8:49

Klingt nach Kishon…

aber tröste dich: ich habe Kirchgemeinderäte, wo es genauso zugeht.

2. Marlin - Juni 20, 2009, 8:57

Da fällt mir nur ein:

Ha. Hahahahahahahaha! Köstlich, Lila. Davon gerne mehr. 😀

Du könntest eigentlich auch ein Buch schreiben. 🙂


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