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Flüchtlinge Mai 9, 2009, 23:15

Posted by Lila in Land und Leute.
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Ich habe sie schon oft erwähnt – die vergessenen Flüchtlinge. Juden, die aus arabischen Ländern brutal vertrieben wurden, mit voller Absicht, aus keinem anderen Grunde als dem, daß sie eben Juden waren. Ich kenne ja genügend von ihnen und habe ihre Geschichten gehört.

Als ich im Altersheim hier im Kibbuz gearbeitet habe, vor sehr vielen Jahren, habe ich mit einer Frau hier aus der Gegend zusammegearbeitet, die als kleines Mädchen aus dem Jemen geflohen war. Sie hatte noch ein paar Erinnerungen an den Weg, an die Zeit in der Maabara, dann die Ansiedlung in einem Städtchen. Sie hat mir beigebracht, wie man Malauach macht, jemenitisches Brot. Sie war die erste von den jemenitischen Mädchen, die zur Armee gingen statt Zivildienst zu leisten. Anfangs war die Gemeinde empört, später waren alle stolz auf sie. Jahre später habe ich bei einer Vernissage eine junge Künstlerin kennengelernt – das war ihre Tochter. Als mir das klarwurde, habe ich durch die Menge Klugscheißer mit viereckigen Brillen gerufen: deine Mutter hat mir beigebracht, wie man Malauach macht!, und wir sind sogar Freundinnen geworden.

Y.s Schwester hat einen irakischen Juden geheiratet, dessen Eltern zwar richtig Ivrit sprechen konnten, aber nur mit Müh und Not schreiben. Sie hatten im Irak ein großes Geschäft, aber mußten in Israel bei Null anfangen. Anfangs in einer Maabara, dann in Afula, einem häßlichen Städtchen.  Ihre sechs Kinder sind alle in ihren Berufen erfolgreich, sie haben alle was gelernt und gehören heute zur Mittelschicht. Anfangs hatte mein Schwippschwager ziemliche Probleme mit der Familie im Kibbuz –  er dachte, diese elitären Ashkenazim, was wissen die schon davon, wie hart das Leben sein kann? Bis er dann hörte, wie meine Schwiegermutter als kleines Mädchen, Tochter von Holocaust-Überlebenden, ebenfalls in der Maabara gelandet war und von dort in den Kibbuz geschickt wurde, weil ihre Eltern zu arm waren, alle Kinder in ihrem winzigen Häuschen mit einem kleinen Acker zu ernähren.

Meine Freundin hier im Kibbuz, die ich schon öfter erwähnt habe (außer mir die einzige Kunsthistorikerin hier, die in zwei Museen mühsam ihren Lebensunterhalt zusammenkratzt), ist die jüngste Tochter eines ungleichen Paares. Ihr Vater ist Holocaust-Überlebender aus Ungarn,  der nie viel von seinen Erlebnissen erzählt hat und immer verschlossen und etwas griesgrämig war. Ihre Mutter ist eine lebhafte Frau aus Alexandria. Sie erinnert sich noch gut an Ägypten, an die Flucht. Sie hat Ungarisch gelernt – und kocht auch ungarisch. Natürlich auch orientalisch. Jetzt ist der Vater meiner Freundin sehr krank und sie versucht ihn dazu zu bewegen, für Yad vaShem Zeugnis abzulegen. Die Mutter würde gern noch einmal nach Alexandria fahren, aber daraus wird wohl nichts mehr werden.

Eine frühere Chefin von mir, deren Eltern aus Tunesien geflohen sind. Sie hat einen großen Zorn auf Ashkenazim, die oft nicht wissen, was die tunesischen Juden mitgemacht haben.

Auf Schritt und Tritt trifft man hier Überlebende von Verfolgung und Vertreibung. Der Staat Israel hat sie nicht immer gut behandelt, er hat sie in verlassene Wüstenstädtchen geschickt und sie zusehen lassen, wie sie zurechtkommen. Der Staat hat falsch investiert, arrogant über die Menschen verfügt und Jahre gebraucht, um Fehler zu korrigieren. Und doch: er hat darauf verzichtet, die Flüchtlinge jahrzehntelang in der Maabara zu halten und aus ihrem Elende politischen Profit zu schlagen. Heute haben sich die verschiedenen edot so vermischt,  daß der alte Gegensatz von Ashkenazim und Sfaradim sich nicht mehr halten läßt.

Aber wir sollten nicht vergessen, daß die Forderung nach Entschädigung der Flüchtlinge für beide Seiten gilt. Daß die Welt die jüdischen Flüchtlinge und Vertriebenen vergessen hat, während sie für die arabischen Flüchtlinge Krokodilstränen eimerweise vergießt, bedeutet nichts. Recht ist Recht.

Danke an Markus, der sich die Mühe gemacht hat, Fakten und Zahlen zusammenzutragen, für jede eda, die aus arabischen Ländern vertrieben wurde.

Kommentare»

1. david - Mai 10, 2009, 14:42

Die Verteibung ist auch nicht vorbei, sondern geht weiter (http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2009/04/26/AR2009042601249.html). Nur fehlt den Verfolgten eine Lobby, die sich über Landesgrenzen und Interessen hinweg für die Vertriebenen einsetzt. In Israel ist das Interesse gross, die Juden nach Israel zu holen, allerdings gestattet dies das Regime im Jemen nicht, das geht zur Zeit nur über Umwege, etwa über das Satmar-Movement aus den USA.
Ein starker Film über die Maabarot ist übrigens ‚Sallah Shabati‘ (1964). Wenn ich micht nicht irre, ist da sogar schon Arik Einstein dabei, als Kibbutz-Falzan.
Bei uns hier im Ort ist die Jemenitische Gemeinde recht gross und wir haben insgesamt 3 Jemenitische Synagogen bei uns in der Nachbarschaft. Inzwischen kenne sogar ich den Nussah ganz gut, der wie eine Zeitmaschine ist, weil er über Jahrhunderte ganz ohne die europäische Einflüsse war.
Und am Shabbat-Morgen gibt es Jachnun und Chili-Paste (Zhug), wobei die Schoten aus dem eigenen Garten am meisten reinhauen.
Und hier noch mehr Jemen: http://www.youtube.com/watch?v=O2xNTzlFSk0

2. Markus - Mai 10, 2009, 14:50

Deshalb lese ich Deinen Blog so gerne: Bei Dir werden aus Zahlen Geschichten – Geschichten mit echten Menschen und Schicksalen und nicht nur anonyme Statistiken. Aber beides ist wichtig.

Danke für Deinen Bericht. Wie schwer muss es für viele Flüchtlinge gewesen sein und wie lieb müssen sie ihr Land gewonnen haben, in dem sie endlich leben können.

3. Lila - Mai 10, 2009, 15:01

Ja, beides ist wichtig und gehört zusammen.

Einerseits sind die ehemaligen Flüchtlinge natürlich froh, in Israel zu sein. Aber sie sind auch stolz auf ihre eda, ihre Herkunftsgemeinde, und ich habe mir sagen lassen, daß es unüberbrückbare Unterschiede zwischen ägyptischen Juden aus Alexandria und Kairo gibt 🙂 Die Sitten, Rezepte und Lieder aus dem Herkunftsland der Eltern oder Großeltern werden, wenn möglich, geachtet.

Mein Schwiegervater lebt mit einer Frau zusammen, die dreißig Jahre mit einem Jemeniten verheiratet war. Sie lädt uns von Zeit zu Zeit zu einem Jachnun-Frühstück ein. Zhug rühre ich Weichei natürlich nicht an 😆

Und ich habe ja schon erzählt, daß die marokkanischen Juden um den alten König Hassan getrauert haben. Das ist so ein jüdischer Zug – Gutes nicht zu vergessen, das einem getan wurde, auch wenn sie sich ebensogut auf das Negative konzentrierten könnten. Vor dem marokkanischen Konsulat standen die Leute Schlange, um sich in die Kondolenzbücher einzutragen. Aber niemand von ihnen würde zurück nach Marokko gehen. Statt dessen feiert inzwischen ganz Israel Maimouna. Ganz Israel – nur ein kleiner Kibbuz im Norden…

4. david - Mai 10, 2009, 19:59

Aer verlinkte Artikel ist leider gerade weg. Macht aber nichts, denn hier ist er nochmal: http://www.sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?f=/n/a/2009/04/26/international/i101953D53.DTL&hw=convict&sn=010&sc=748


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