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Rauschen März 22, 2009, 22:34

Posted by Lila in Bloggen, Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute, Persönliches.
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im Kopf und drumherum. Der Laptop hat endgueltig den Geist aufgegeben. Das mit der Antenne muss eine Katzenpfote auf der entsprechenden Taste gewesen sein, aber fuer die Festplatte kann ich die schwarzen Schurken nicht verantwortlich machen.  Gott sei Dank ist die Garantiefrist noch nicht abgelaufen und wir haben ihn in die Puppenklinik gebracht.

Daraufhin habe ich mit Y.s Laptop arbeiten wollen – fuer Vortraege brauche ich einen Laptop. Doch der hat einen Wackelkontakt. Schliesslich hat Primus mir meinen alten Laptop wiedergegeben, auf dem die Tasten schon arg klemmen, und ich arbeite auch auf dem grossen Computer, wo sonst nur Fritz&Fertig und aehnlich schoene Dinge laufen. Gut, dass ich mit der externen Festplatte flexibel genug bin. Aber die letzten Tage waren schon ein bisschen aufreibend. Noch sind nicht alle Deadlines niedergerungen.

Dann der Versuch eines Riesen-Anschlags gestern in Lev HaMifratz. Das ist ja unser Territorium, dort wollte Primus eigentlich ins Kino gehen. Wie gut, dass er dann doch zur Armee musste. Genau neben der Kinowand war ein Auto mit mehr als 40kg Sprengstoff geparkt. In letzter Zeit haben sich die Anschlaege gemehrt. Gut, dass niemandem was passiert ist. Ich komme da so oft vorbei, so auch heute, denn sonntags ist das Teil meiner Route.

Heute abend, auf dem Rueckweg, hingen Y. und ich in einer Strassensperre fest, ganz knapp vor dem Kibbuz. Ueberall Blaulicht, Polizisten, Fahrzeuge. Unser Auto war eins der ersten in einer immer laenger werdenden Schlange. Ich habe sofort einen Polizisten gefragt, wie bei Lok 1414: was’n looos hier?, und er meinte: verdaechtiger Gegenstand, in zehn Minuten machen wir wieder auf. Es hat sich also nicht gelohnt, einen Umweg zu fahren. Nur sicherheitshalber habe ich Secundus in der Schule (wo er heute wieder schlaeft) und die Maedchen zuhause angerufen. Nein, kein Terrorist im Kibbuz (nicht als ob ich das so gefragt haette!).

Eines weiss ich: wenn noch mal so eine Terrorwelle kommt, dreh ich durch. Damals waren die Kinder klein, und die einzige, die sich mit Bus und Sammeltaxi in Gefahr begeben hat, war ich. Das ging. Aber wenn noch einmal… nein nein, ich kann es nicht zu Ende denken. Es war zu schrecklich, jeden Tag Winnenden, manchmal zweimal. Es zerreisst einen innerlich.

Die Entwicklung um den Fall Gilad Shalit verfolge ich natuerlich mit entsetzter Doppelperspektive. Einerseits graust mir, und ich denke: wenn es meiner waere, und es koennte ja ohne weiteres, Gott behuete, meiner sein.

shalit

Ich wuerde alles tun, alles, alles. Selbstverstaendlich. Und ich kann die Frustration der Eltern so gut verstehen. Es tut weh, sie anzusehen. Ihre Gesichter verwittern vor unseren Augen, der Gram, der Schmerz.

Andererseits: nachdem die Liste der von der Hamas geforderten Verbrecher bekannt wurde, kann ich die Regierung verstehen. Das sind Moerder, die dutzendfache Anschlaege auf dem (nicht vorhandenen) Gewissen haben. Sie haben eigenhaendig den Attentaetern die Guertel umgeschnallt, alles geplant, und sie wuerden es jederzeit wieder tun, wie sie auch deutlich sagen. Sie spielen in unseren Gefaengnissen Tischtennis und studieren an der Open University, waehrend Gilad Shalit in einem Erdloch in Gaza sitzt und das Rote Kreuz es in 1001 Tagen noch nicht geschafft hat, einen Besuch bei ihm durchzusetzen.

Ich habe den Artikel ueber die Geiselnahme in Gladbeck und Bremen gelesen, an die ich mich gut erinnere. Zwanzig Jahre ist das her.  Der Geiselnehmer und Moerder wird nicht freigelassen.

Die Mutter der ermordeten Geisel Silke Bischoff äußerte sich in einem Interview der „Bild“-Zeitung erleichtert über die Entscheidung von Rüttgers. Die Vorstellung, Degowski in Freiheit zu sehen, wäre für sie „ein Grauen“ gewesen, sagte sie der Zeitung.

Ich kann die Mutter gut verstehen.  Ihre Tochter wird nie mehr wiederkommen, aber solange ihr Moerder seine Strafe absitzt, hat sie wenigstens das Gefuehl, dass Recht geschehen ist. Wenn wir Verbrecher, die zu einem Netzwerk des Terrors gehoeren, freilassen, geben wir damit ein weiteres Mal das deutliche Signal: Lebenslaenglich, auch wenn man 30mal dazu verurteilt ist, bedeutet nur so lange sitzen, bis die Verhandlungen durch sind. Dann kommen sie frei, die Moerder vom Pessach-Massaker im Park-Hotel und der Busse in Jerusalem, Haifa und Zfat. Ausserdem, merkt auf: Israelis kidnappen ist ein ueberaus lohnendes Geschaeft.

Nein, das koennen wir nicht. Andererseits, koennen wir Gilad einfach abschreiben?

Ich komme mit diesem Dilemma nicht zurande, und ich glaube nicht, dass irgendjemand damit zurandekommen kann. Ich habe heisse Sehnsucht nach der Zeit, als die Kinder klein waren und ich meine Gluckenfluegel fest ueber sie decken konnte, wiederum geschuetzt vom Kibbuz. So, wie es im Moment ist – keine Ahnung, wie ich das nervlich durchhalte.

Ach ja, und dann so viel Arbeit. Ich habe meine Blog-Lese-Zeit pro Woche brutal eingeschraenkt und arbeite nach einem Zeitplan alles ab. Dabei denke ich oft an meine Oma mit ihrem Tageskalender mit Bibelspruechen, den sie jedes Jahr ueber ihr Bett haengte. Jedesmal war sie entschlossen, ab jetzt aber jeden Abend zu lesen, was darauf geschrieben stand, aber schon im Februar kam sie alle paar Tage mit einem Buendel Blaetter zu Bett. Sie hat mir oft erzaehlt, wie mein Opa sich darueber amuesiert hat, aufs Kalenderblatt geguckt hat und gefeixt hat: na, du bist aber wieder in Verzug geraten! da hast du ja was aufzuholen! Na ja, bis Dezember hat die Oma dann aber immer die Kurve gekriegt…

Kommentare»

1. grenzgaenge - März 23, 2009, 17:29

liebe lila,

erst mal: schoen von dir zu lesen … da bin ich ja beruhigt 🙂

wir haben was gemeinsam … naemlich die brutale einschraenkung der online zeit. irgendwie habe ich sehr oft das gefuehl diese zeit einfach besser nutzen zu koennen. jetzt kommt ja bald purim und damit viele schiurim und viel lesen und ein paar praktische dinge. mit orthodoxer hilfe ist das viel lustiger mit den praktischen dingen. morgen werde ich meine mazzot abholen. *freu*

gilad shalit – ein trauerspiel, wirklich. ich will gar nicht darueber nachdenken was seine familie durchmacht und er selbst in seinem verliess. gebe haschem er lebt noch. trotzdem werde ich immer an die tapfere karnit goldwasser denken. auch wenn wir im nachhinein wissen das goldwasser und regev schon laengst nicht mehr am leben waren. das beten und gedenken und demonstrieren waren richtig. solange auch nur ein kleines bisschen hoffnung, nur ein funke wahrscheinlichkeit, besteht.

fuer dich alle guten wuensche und haschems segen. es ist gut dich zu kennen.

der grenzgaenger

2. Marlin - März 23, 2009, 20:41

Arme Lila.

Solange niemand ums Leben kommt, hört man davon natürlich hier nichts. Gut, dass Du wieder etwas schreibst.

3. eran - März 23, 2009, 20:55

hi lila,

kannst du mir kurz ein email schreiben.

habe leider deines verlegt und wollte dir kurz was mitteilen.

grüße eran

4. Thorsten - März 24, 2009, 10:16

Manchmal gehen einem Geschichten, bei denen alles gutgegangen ist, näher als andere. Komisch.


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