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War nicht schlecht Januar 20, 2009, 23:12

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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Wir waren schon gegen fünf in Jerusalem – gar keine Staus, es ging prima vorwärts. Überraschenderweise warteten schon zwei von Primus´ guten Freunden auf uns. Ich habe ja schon von ihnen erzählt – der Rothaarige im Sozialen Jahr und der Hochbegabte, der jetzt Chemie studiert, als Auftakt seines Armeediensts.

Die Jungens waren noch in der Probe, Primus hatte einen taktisch guten Eckplatz. Er hörte uns zwar hinter ihm, drehte sich aber nicht um. Ich mußte unwillkürlich an Alfred und die Festwiese von Hultsfred denken…. aber da war ein fieser kleiner Alter auf dem Pferd, und der war heute nicht. Nachdem die Probe vorbei war, durfte Primus sich umdrehen und wir suchten uns ein kleines Eckchen. Gemeinsam mit seinen Freunden futterten wir den mitgebrachten Kuchen und tranken den Kaffee aus der Thermoskanne. Die Sonne ging unter, und Primus fing an zu schlottern. Er trug ja nur seine A-Uniform aus dünnem Stoff, Unterhemden verschmäht er 🙄 und den Anorak, der zu A-Uniform paßt, hat er natürlich zuhause im Schrank gelassen – normalerweise reicht ihm der B-Anorak, aber den kann er natürlich nicht zur A-Uniform anziehen. (A-Uniform ist die hübsche beige Ausgehuniform der Luftwaffe, B-Uniform die normale olivgrüne Alltagsuniform. Ja ja, ich lerne.)

Seine Freunde und wir suchten an Kleidungsstücken zusammen, was wir nur entbehren konnten, und hängten ihm alles um die Schultern. Wir lernten noch mehr von den netten Jungens (und auch ein Mädchen) kennen, die mit ihm im Kurs sind, darunter auch einen, von dem uns Primus schon öfter erzählt hatte. Er ist ein „einsamer Soldat“, hat also keine Eltern in Israel. Seine Mutter war aus Kalifornien gekommen, und sie zogen Arm in Arm herum und alle freuten sich mit ihnen.

Primus erzählte uns, wie doof er sich beim Exerzieren fühlt, besonders beim Marschieren auf der Stelle. Er meint, „wenn ich anderen dabei zugeguckt habe, haben die mir immer leidgetan, daß sie sowas Albernes machen müssen, und heute mußte ich es selbst machen. Oh Mann, und gegenüber standen drei hübsche russische Touristinnen und haben gekichert, das hat nicht gerade geholfen….“

Ich ging auch mit den Mädchen zur Frauenseite der Klagemauer. Dichtgedrängt standen und saßen die betenden Frauen. Eine junge Frau hatte die Wange an die Mauer gelehnt und weinte verzweifelt, die Art Weinen, die man nicht stillen kann. Quarta, die sich an ihren letzten Besuch an der Mauer nicht mehr erinnerte, war sehr beeindruckt von dem Weinen vor der Mauer, und auch von den vielen kleinen Zetteln in den Mauerritzen. So viele Bitten, so viele Gebete, so schwer kann das Leben sein. Ich hatte auch mehrere Anliegen, und habe eine Mit-Bitte für die weinende junge Frau gleich mitgeschickt.

Dann ging die Zeremonie los.  Feierlicher Einmarsch, kleine Ansprache, gemeinsamer Schwur Aufruf der Namen. Jeder Soldat kriegte seine Waffe und eine Bibel (mit dem Logo der Luftabwehr vorne drauf und Widmung drin)  und brüllte seinen eigenen Schwur. Für den „einsamen Soldaten“ machte der Sprecher eine extra Ansage und begrüßte die Mutter aus Kalifornien mit Namen. Stürmischer Beifall und Primus´ Freunde brüllten Bravo. Die Reden waren knapp und nett und sachlich.  Nun-Mem ist wirklich eine rein defensive Angelegenheit – wenn wir nicht angegriffen werden, kommt Nun-Mem nicht zum Einsatz. Selbst die Mädchen und Secundus meinten, die Reden waren okay.

Dann HaTikva gesungen, was immer schön ist. Der Abschied war knapp, und so haben wir auch das hinter uns. Danke den netten Lesern, die so freundlichen Anteil nehmen. Ich hoffe, Ihr habt mich wahrgenommen, wie ich in Richtung Kamera gewinkt habe, obwohl Tertia zischte, daß ich mich zum Narren mache (und die ganze Familie gleich mit).

Jerusalem ist wie eine andere Welt, die Mauer ein ganz besonderer Ort. Jetzt sind wir wieder zuhause, und gleich werden wir mal gucken, wie der arme Obama sich im Vergleich so schlägt…

Oh, Bilder kommen auch noch.

Kommentare»

1. Dagny - Januar 21, 2009, 0:21

Das liest sich aufregender als meine Verei… als mein Gelöbnis, welches in der grossen Halle einer Kaserne auf einem ehemaligen Flugplatz stattfand. Die Zeremonie bei Euch scheint mir auch persönlicher zu sein, wurden alle Namen vorgelesen? Und jeder bekommt #seine# Waffe?
Finden denn die Vereidigungen in Israel immer so öffentlich an prominenter Stelle statt?

2. Lila - Januar 21, 2009, 0:36

Jeder Name, ja. Und jeder kriegt seine Waffe und Bibel (bzw jede, die Mädchen natürlich auch). Und ja, das ist immer an so prominenter Stelle. Mein Mann mußte dafür auf Massada raufkeuchen, mit wahnsinnig viel Gepäck auf dem Buckel.

Gelöbnis ist das korrekte Wort? Keine Ahnung 🙂 Schwur, Eid, Gelöbnis…

3. califax - Januar 21, 2009, 1:10

In Westdeutschland ist der militärische Eid mit der Wiederbewaffnung abgeschafft und durch ein Gelöbnis ersetzt worden. Hintergrund ist die Doktrin des Staatsbürgers in Uniform, der die soldatische Pflicht hat, illegale Befehle zu verweigern und den Schutz des Grundgesetzes über den Gehorsam gegenüber Vorgesetzten und Regierung zu stellen.
Insbesondere GG Artikel 20/4 ist mit einem soldatischen Gehorsamseid nicht vereinbar.
In Ostdeutschland ist der Eid mit der Eingliederung der NVA in die Bundeswehr gelöst und abgeschafft worden.

4. NEB - Januar 21, 2009, 8:04

ich hab den livestream geguckt n paar minuten obwohl es hier schon ein uhr nachts war, war echt beeindruckend!
viele Menschen, viel Bewegung etc.
Ihr wart sicher sehr gluecklich.
eine Riesenmauer
herzlichen Glueckwunsch an Primus

5. Lila - Januar 21, 2009, 9:00

Na ja, so richtig glücklich war ich nicht, weil Primus doch so kalt war. Und ist es nicht komisch, den anderen Leuten in Uniform war genauso kalt, auch die Offiziere trugen alle nur diese dünnen Hemdchen, und sie taten mir auch alle leid… aber mein blaugefrorener Primus dann doch am meisten…. so selektiv ist Empathie, pfui Teufel.

6. grenzgaenge - Januar 21, 2009, 12:55

ach lila, so ist das mit fuersorglichen muettern. ich weiss wovon ich rede. so als ausgesprochenes mutterkind 🙂

7. eran - Januar 21, 2009, 13:13

„aber mein blaugefrorener Primus dann doch am meisten…. so selektiv ist Empathie, pfui Teufel.“

Kennst du das uralte Lied von der Mutter, über ihren Sohn, den Soldaten Chaim?

Musste gerade daran denken…

8. Lila - Januar 21, 2009, 13:44

Na klar 😆

9. Matthias - Januar 21, 2009, 14:03

@califax

Berufs- und Zeitsoldaten werden auch in Deutschland vereidigt.

10. olaf61 - Januar 21, 2009, 15:21

Das war ein schöner Bericht und das mit der „exra Ansage“, das finde ich sehr, sehr gut. Das fühlte sich irgendwie familiär an, ich glaube nicht, dass so etwas in Deutschland praktiziert wird.

11. r.rueegg - Januar 21, 2009, 16:20

Schade, dass es eine Vereidigung braucht, denn dann ist die Situation wirklich ernst. In der Schweiz wird nur vereidigt, wenn die K…e am Dampfen ist, der Ernstfall gilt, sonst geht man einfach davon aus, dass jeder seine Pflicht tut. Darum gab es bis vor ein paar Jahren (wir wollen gleich sein wie die anderen) keine Orden oder andere Ehrenzeichen (mit Ausnahme von Fähigkeitszeichen z.B. als Schütze, Sanitäter oder so). Ich glaube, es ist auch heute nicht vorgesehen, für mutiges Verhalten Orden zu verteilen, weil man auch hier davon ausgeht, dass sich jeder wenn es darauf ankommt mutig verhält, das muss nicht besonders belohnt werden, ist schliesslich die Pflicht jedes Einzelnen.

„Meine“ Waffe ist immer noch in meinem Schrank, obwohl ich schon ein paar Jahre ausgemustert bin. Jeder Soldat bei uns erhält als Rekrut „seine“ Waffe, nimmt sie zwischen den Diensten nach Hause, und wenn er ausgemustert wird, geht sie in sein Eigentum über.

Ich schätze, dass in meinem Dorf mehr Waffen zu Hause lagern als wir Einwohner haben. Und doch sind wir der friedlichste Flecken Erde, den man sich vorstellen kann – solange uns niemand böse will!

Euch und Euren Jungs und Mädchen wünsche ich denselben Frieden, den ich geniessen darf. Und ich freue mich jetzt schon darauf, endlich einmal die Orte meines Glaubens zu besuchen.

Seid wachsam!

12. Gansguoter - Januar 21, 2009, 17:27

Ich habe im Januar vor einem Jahr zufällig auch an der Klagemauer eine solche Vereidigung miterlebt (z.T.) und war überrascht über die gänzlich andere Atmosphäre als in Deutschland. Sofern ein Gelöbnis in Dtschld. öffentlich stattfindet, sind die Gegendemonstranten nicht fern, die mit Pfeifen und Lärmen die Veranstaltung stören. Eine andere Ernsthaftigkeit in Israel, nicht nur wegen des Ortes, auch wegen des Ablaufs. Die israelischen Rekruten (wohl Fallschirmjäger?) wirkten einerseits weniger „stramm“, sondern irgendwie lockerer (schwer zu beschreiben) – und gleichzeitig hinterließ die Veranstaltung auf meinen einen Eindruck größerer Ernsthaftigkeit, sicher weil der Ernstfall eben rascher kommen kann als bei uns, aber auch, weil die Anwesenden den Eindruck erweckten, hinter den jungen Leuten zu stehen. Gesungen wurde übrigens da nicht nur die HaTikvah, sondern auch „Yerushalayim shel zahav“ (was, glaub ich, bekannt wurde 1967 durch die Fallschirmjäger, die als erste die Klagemauer erreichten).

13. grenzgaenge - Januar 21, 2009, 19:59

liebe lila,

darf ich eine frage an deine leserInnen und dich loswerden und um einen kleinen „klick“ bitten ?

die frage lautet: „veraendert bloggen die oeffentliche meinung ?“

mich wuerde wirklich ein kleines meinungsbild interessieren. ich bin mir selbst ueberhaupt nicht (mehr) sicher in dieser frage.

ich habe eine kleine umfrage in meinen blogg gestellt. deine/eure aufgabe waere es einfach eine antwort anzuklicken. 5 sekunden zeit.

herzlichen dank,
dein/euer grenzgaenger

14. mischpoke - Januar 21, 2009, 23:53

Hej, Lila,
wir haben gestern versucht, Deinen Primus unter den Rekruten zu finden, aber die webcam am Kotel stand wohl zu weit weg, war kaum was zu erkennen und auch nichts zu hören, mit Ausnahme von ab und zu mal etwas Musik, Klatschen und ab und an mal Pfiffe.
War aber dennoch spannend.
Wir wünschen Deinem Primus (& Euch) alles Gute und viel Glück und vor allem Frieden


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