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Ich bin fest entschlossen Januar 19, 2009, 11:26

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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diesmal optimistisch zu sein. Sonst gehe ich kaputt. Meine Mutter meint so schon, daß ich unter den vereinten Schlägen von israelischem Klima und Weltlage demnächst zusammenbreche… dem ist nicht so.

Es ist besser, daß wir die goldene Brücke bauen (auf die die Hamas nun, meckernd zwar und meuternd, das widerstrebende Füßchen gesetzt hat), als daß wir vom Rest der Welt dazu gezwungen werden. Wir wollten, wie Olmert gesagt hat, weder den Gazastreifen besetzen noch vernichten. Die Hamas ist grausam genug, sie würde ohne weiteres bis zum letzten Blutstropfen ihrer Wähler weitermachen, aber wir müssen ihnen ja nicht den Willen tun. Nachdem nun niemand mehr behaupten kann, daß die Israelis vor Furcht in ihren olivfarbenen Höschen schlottern, wenn es um Kampf gegen die Helden der Hamas geht, können wir den Versuch einer De-Eskalation starten. Die Hamas ist jedenfalls im Zugzwang, und das macht sich schon bemerkbar. So haben wir den Endpunkt bestimmt.

Was mich ermutigt hat, in diesem ganzen gräßlichen Schlamassel, das ist das Verhalten der Hisbollah. So laut Nasrallah auch gekräht hat, daß er gesiegt hat – er hat uns diesmal nicht angegriffen… ja er hat sogar, als durchgeknallte Palästinensergruppen Raketen abgeschossen haben, jede Verantwortung von sich gewiesen (obwohl ich mir nicht vorstellen kann, daß er nichts davon wußte…). Das kann nur eines bedeuten: er kann sich nicht leisten, eine Neuauflage vom Sommer 06 zu riskieren. Weil die Libanesen davon alles andere als begeistert wären. Weil sie begriffen haben, wem sie den ganzen Ärger zu verdanken haben. Weil der Preis zu hoch ist. Auch für einen todeswütigen Islamisten.

Nun ist der Libanon ein schwierigeres Pflaster für Islamisten als der Gazastreifen, aber auch die Bevölkerung im Gazastreifen fragt sich in stillen Stunden wohl, wohin die Hamas sie geführt hat. Ob es so schlau war, als einzige Infrastruktur eine Infrastruktur des Terrors aufzubauen – alle Warnungen in den Wind zu schlagen – und keinen einzigen Schutzraum für die zivile Bevölkerung zu bauen. Die Hamas sagt ja offen, daß sie nicht am Überleben der Zivilbevölkerung interessiert ist. Ich höre es mit Grausen, und was mögen die Betroffenen selbst denken?

…………………………..

Das habe ich gestern geschrieben, mehr gelallt, bevor ich schlafen gegangen bin. Eigentlich mehr was für den drafts folder. Doch dann hab ich vorhin Dan Shiftan gefunden.

Dan Shiftans Thesen und Weltsicht sind für normal sozialisierte Menschen im Westen unverständlich und unendlich ärgerlich. Das weiß ich. Aber Shiftan zieht in Betracht, daß unsere Gegner eben nicht Belgier und Schweden sind (so sehr Belgier und Schweden auch vielleicht darauf brennen würden, uns zu besiegen… aber das ist ein anderes Kapitel, sie begnügen sich netterweise mit Demos). Sondern extremistische, kompromißlose Araber, die seit Jahrzehnten nach Wegen suchen, Israel zu besiegen, zu zerbrechen, zu vernichten (nein, das sage nicht ich aus bösem Willen, das sagen sie selbst, in unendlichen Variationen).  Die Extremsten unter ihnen würden Khartoum 1967 jederzeit wieder unterschreiben.

Shiftan destilliert aus dem jetzigen und dem letzten Waffengang die Botschaft an die extreme, islamistische Bewegung in der arabischen Welt heraus:

The war in Gaza was aimed at preventing the entrenchment of the perception that the rocket resistance in conjunction with Islamic zealotry is the ultimate weapon Israel cannot cope with. Yet we can and should prove that even though Israel has no operative solution for it, it does possess a strategic response to this challenge.

The strategic response is political willingness (in addition to military capabilities) to sow disproportional destruction and hurt the assets that are dear to those who fire rockets at Israeli population centers. The main objective is not to hit the last rocket, but rather, to enforce a fundamental change in the Muqawma’s cost-benefit equation by dramatically raising the cost.

The urban legend regarding the infinite determination of Arab radicals was shattered in the 2002 Defensive Shield operation, and even in Hizbullah’s recoil from confrontation in the wake of the missed-out Lebanon War. Now is the time to prove the futility of this myth in Gaza as well.

Und das ist der springende Punkt. Menschen im Westen erkennen das nicht, sie kommen mit der naiven Formel „je größer die (israelische) Gewalt, desto größer der  (arabische) Haß“. Diese Formel stimmt nicht. Sie stimmt übrigens auch nicht in die andere Richtung. Bei uns wächst unter dem Druck der arabischen Gewalt nicht etwa der Haß, sondern der Lebenswille, die Entschlossenheit, zu überleben. Und bei den Arabern sinkt die Bereitschaft zur Gewalt, wenn der Preis zu hoch ist.

Auch Shiftan sieht in Nasrallahs Zurückhaltung ein ermutigendes Zeichen. Für mich kam eine der ermutigendsten Aussagen von Chaled Mashaal, als er einigermaßen fassungslos meinte, Israel ist verrückt geworden. Unsere Fähigkeit, kontrolliert verrückt zu werden, wenn wir nur genügend an die Wand gedrückt werden, ist ein Garant unseres Überlebens.

Nein, wir sind nicht besiegt worden. Nicht in Jenin, denn seither ist die Westbank still geworden. Nicht im Libanon, denn seither ist die Hisbollah still. Und auch in Gaza nicht, denn wir haben den Preis für Qassams und Grads so in die Höhe getrieben, daß die Hamas sie nicht mehr bezahlen kann.

Das klingt so zynisch, daß ich mir vorstellen kann, wie empört meine moralischen Freunde im Internet darauf reagieren werden. Spart es Euch. Niemand kann mehr als wir bedauern, daß unsere Kinder in Uniform gezwungen werden, daß sie Töten lernen müssen, und daß unschuldige Menschen wie die Familie des Arztes Dr. Abu al-Eish dabei sterben (noch ist nicht raus, ob sie an israelischem Feuer oder nicht doch an einer Explosion von Grad-Raketen gestorben sind – mein Mann hat eine interessante Theorie dazu, die ich ein andermal darlegen werde). So oder so wurden die überaus sympathischen Töchter Opfer eines Konflikts, den weder sie noch wir wollten.

Golda Meir hat ja mal gesagt, daß sie den Palästinensern verzeihen kann, daß sie auf unsere Kinder zielt – aber nicht, daß sie uns dazu zwingen, ihre Kinder zu töten.

Wir sind in diese Lage gezwungen worden, in der wir zynische Rechnungen machen müssen, um zu überleben. Das bedeutet nicht, daß wir selbst zynisch sind. Wären wir es, hätten wir nicht so lange gezögert und hätten nicht innegehalten, bevor wir nicht ganz Gaza in einen Parkplatz verwandelt hätten.

Wenn als Resultat dieses Kriegs eine friedlichere Zeit kommt, wenn der Hamas Wind aus den Segeln genommen wird und der Iran von einem Angriff zurückschreckt, wenn wir unsere Abschreckungskraft wieder gewonnen haben – dann haben wir vielleicht Grund zu vorsichtigem Optimismus. Und wie gesagt, ich bin dazu entschlossen, diesmal optimistischer zu sein.

Kommentare»

1. beer7 - Januar 19, 2009, 11:41

Liebe Lila,

ich unterschreibe beidhaendig. Unsere Positionen gleichen sich in letzter Zeit immer mehr einander an, ist Dir das auch aufgefallen?

2. olaf61 - Januar 19, 2009, 12:13

Die Botschaft hört ich wohl. Allein, mir fehlt der Glaube.
Na, ich drücke jedenfalls die Daumen, dass es hält. Die EU will ja etliche Milliarden springen lassen. Das Geld der Steuerzahler. Und wer bekommt das in die Hand im Gazastreifen? Die Hamas.

3. grenzgaenge - Januar 19, 2009, 12:45

liebe lila,

was soll ich sagen ? ich bete darum das sich dein optimismus als richtig erweist. mehr kann ich nicht tun.

herzliche gruesse,
der grenzgaenger

4. Joram - Januar 19, 2009, 12:46

Es wundert mich wirklich, wie naiv können die Menschen sein, die ihre christliche und europäische Sichtweise und Erfahrungen auf die NahOstliche Verhältnisse 1:1 übertragen.
So als sie nicht begreifen können, dass sie mit anderen Kulturen, anderen Religionen, anderen Überzeugungen und Erfahrungen zu tun haben.
Manchmal denke ich, dass die Menschen einfach nicht begreifen WOLLEN, dass es außerhalb Europas eine andere Welt gibt, die man nicht mit mit europäischen Maßstäben messen kann, weil die Menschen dort diese Maßstäbe entweder nicht kennen, oder sie nur zum Nachteil der Kontrahenten nutzen wollen.
Das Beispiel von Lila über die Zurückhaltung von Hisbullah und stillhalten in Westbank nach der Erfahrungen mit dem Israelkriegsgängen ist nur ein Beweis dafür, dass der Maulheld Orientale sehr wohl versteht wer stärker ist und nur verbal zur Übertreibung neigt.
Zum Erstauen von Europäern, die so gern ihr Szenario bestätigt gesehen hätten (Der ganze NahOsten wird durch die Gaza Ofensive in Flammen eingehen und sonstiger Quatsch) um dann mit innerer Befriedigung sagen zu können: „wir haben doch Israel gewarnt“.
Damit beweisen allerdings nur eins, dass sie doof sind. Doofe sind unter anderen deswegen so doof, weil sie glauben, dass sie clever sind. Eine Erkenntnis, die schon dem großen Albert Einstein auffiel: „Der Horizont vielen Menschen ist ein Kreis mit Radius Null. Und das nennen sie ihren Standpunkt“

Ich hoffe, liebe Lila, dass Gaszastreifen Euch in Ruhe läßt und somit entkommt es dem Schicksal eines Großparkplatzes.
Alles hat sein Ende. Das Geduld der Israelis ebenso. Das sollen sowohl die Araber als auch die Europäer sich im Stammbuch schreiben lassen.

5. Mr. Moe - Januar 19, 2009, 13:15

Kompliment für diesen Beitrag! Hoffen wir, dass dein vorsichtiger Optimismus sich als berechtigt erweisen wird (auch wenn ich skeptisch bin).
(Nebenbei: ich habe bereits gestern begonnen, den Text von Shiftan ins deutsche zu übersetzen und werde ihn voraussichtlich heute abend online stellen)

6. rotegraefin - Januar 19, 2009, 14:04

„Alles was nicht unmittelbar zum Tode führt, kann einen nur lebendiger machen.“
@lila
optimistisch zu sein ist immer gut. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
In Deinem letzten Satz stehen drei „wenn“
Meine Ma sagte dazu: „Wenn meine Tante Räder hätte, dann wäre sie ein Omnibus.“

Wenn Du Frieden im Sinn hast und gleichzeitig alles dafür tust, dann wirst Du ihn auch schaffen. Nur Mut.

7. Lila - Januar 19, 2009, 14:16

Rotegräfin, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal eine solche Anreihung von Gemeinplätzen gelesen habe. Phrasen, Klischees, Redensarten.

Du hast wirklich keine Ahnung, wovon Du redest, nicht wahr? Wie man mit so wenig Faktenwissen zum Nahostkonflikt einen solchen Strom von leerem Gerede loslassen kann, noch dazu so patronisierend und in begütigendem Ton, das ist peinlich beim Lesen.

Entschuldige, daß ich so hart bin… aber was tust DU eigentlich für den globalen Frieden?

8. Lila - Januar 19, 2009, 14:20

Mr. Moe, danke. Hoffen wir das Beste 🙂

Ich habe übrigens die Ehre, Shiftan persönlich zu kennen. Also nur oberflächlich, aber ich habe einem deutschen Journalisten mal einen Interviewtermin bei Shiftan vermittelt und ihn begleitet. Es war ein Spektakulum ganz eigener Art, den freundlichen, vollkommen von Anti-Israel-Propaganda eingenommenen jungen Mann zu sehen, wie er Shiftan nicht wirklich was entgegensetzen konnte… sondern nur sich innerlich aufbäumte. Ich habe ihn hinterher zum Mittagessen eingeladen und besänftigt 🙂 In der Hoffnung, daß von Shiftans Erklärungen auch was angekommen ist.

9. Robert - Januar 19, 2009, 14:46

Ich sach mal, erstmal abwarten und Tee trinken. Wenn die Tasse leer wird, ohne dass die Hamas wieder Raketen auf Israel schießt, dann gibt es vielleicht wirklich Grund zum Oprtimisms.

10. John Dean - Januar 19, 2009, 20:38

Ich bin mir nicht sicher, ob eine gute Analyse heraus kommt, wenn man (wie Shiftan) den arabischen Dschihadismus mit der Hamas weitgehend gleich setzt.

Wie gesagt: Ich weiß es nicht. Vielleicht hat ja jemand anders dafür Gründe und Argumente, und vielleicht noch anders als Shiftan.

11. rotegraefin - Januar 19, 2009, 23:18

Hallo lila,
was ich tue für den globalen Frieden? Hier schreiben und Dir Mut zu sprechen, den Du von mir nicht haben willst.
Beten um Frieden
Weinen, Deine Tränen und die Tränen aller, die jetzt die Zähne zusammenbeißen müssen und keine Zeit haben das ganze Schreckliche herauszuschreien und zu weinen, weil es alles viel zu schlimm ist und keiner wirklich weiß, wann der Wahnsinn ein Ende hat.

Ich habe keine Ahnung, wie ich Dir mein Mitgefühl mitteilen kann, damit es bei Dir als Kraft ankommt das stimmt. Aber das ist schon mein Dilemma bei ganz vielen Frauen so gewesen. Was bei Dir als unerträgliche Phrase ankommt, sollte eigentlich aufbauend sein.
Schade, dass es anders angekommen ist. Schade, dass Du Deine nötige Kraft die Du brauchst um Deinen Alltag in Israel zu bestehen, jetzt dafür aufwenden musst um Dich auch noch gegen mich zu Wehr zu setzen.

12. NEB - Januar 20, 2009, 17:38

@rotegraefin:
warum weiss keiner, wann der Wahnsinn zuende ist?
es gibt mehrere unrealistische Moeglichkeiten:
– die Gaznis werden in Jordanien (ehem. Transjordanien, den vom Voelkerbung (ist das richtig?) designierten Arabischen Staat Palaestinas aufgenommen, die Westbank wird angeschlossen = friede freude eierkuchen. (achja, die fanatiker will ja keiner, die haben mit ihren eigenen schon genug stress)
– die terroristen legen die waffen nieder und haben teil an einem demokratischen staatsgebilde, autonom, aber unter Beobachtung, mit anleitung, wie sie schnell reich werden, waehrend die unselige UNRWA aufgeloest wird und die „fluechtlinge“ unter UNHCR anleitung an Selbststaendigkeit gewoehnt werden; not gonna happen
– die hamas, fatah,hesbollah, und wie die ganzen parasiten heissen bekommen Ihren willen, und in Israel herrscht sehr bald Frieden – Friedhofsfrieden
– Aegypten und Unifil sichern Israels grenzen (wie mal vorgesehen war) und UNO bringt den Iran zur Vernunft – dreaming

wahre Alternativen:
-Iran und Gaza erleben eine Revolution – sehr wuenschenswert
-Israels Drohpotential reicht aus, um schlauere Menschen als uns das problem loesen zu lassen

13. rotegraefin - Januar 21, 2009, 1:43

@ NEB
Danke für die Erklärung. Wovon ich zugeben muss, dass ich davon so gut wie nichts verstehe.
Ich verstehe etwas davon wie der Wahnsinn anfängt und wie er sich dann verselbständigt.
Ich kann hier von der Kleinstadt aus Deutschland keinem Hamas die Hand festhalten, damit er mit der idiotischen Schießerei aufhört. Leider.
Ich weiß aber auch, dass Drohungen mehr Angst und Hass hervorrufen. Ehe ich jetzt wieder gesteinigt werde, es ist mir dabei durchaus klar das gesunde Grenzen geschaffen werden müssen, damit erst einmal Ruhe entsteht.
Es gibt keine schlaueren Menschen als uns. Also liegt es an uns, uns darüber Gedanken zu machen. PUNKT
Warten auf Godot ist nicht. Sich gegenseitig ankotzen ist das Blödeste was geschehen kann und führt zu weiteren emotionalen Verletzungen, die klares Denken und Handeln verhindern.
Da gilt „im Kleinen wie im Großen“
http://rotegraefin.wordpress.com/2008/08/29/islam-und-christentum/
hier habe ich mal meine Gedanken 2002 aufgeschrieben, in welchem Glaubenssystem wir gefangen sind, was Frieden verunmöglicht.

14. Mr. Moe - Januar 25, 2009, 17:23

Die Übersetzung von Schueftan ist fertig:

http://zeitungfuerdeutschland.wordpress.com/2009/01/25/grenzen-der-zuruckhaltung/

(Besser spät als nie…)


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