jump to navigation

Sehgewohnheiten Januar 9, 2009, 18:48

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
Tags:
trackback

Ich habe beim Lesen von Sahms Bericht über das israelische Fernsehprogramm laut gelacht (streckenweise, streckenweise….). Genau so ist es. Ich habe schon irgendwo gelesen, weiß der Kuckuck wo, daß das israelische Fernsehen und der Rundfunk an die Oper im Gazastreifen keine Worte verschwendet. Größeren Blödsinn habe ich selten gelesen, aber man kann ja vieles erzählen, wer von den deutschen Zeitungslesern kann es nachprüfen? Sahm weiß es mal wieder besser.

Allerdings werden bei uns die Gesichter von Kindern verwischt gezeigt, wie es bei uns üblich ist (auch bei Nachrichten über israelische Kinder müssen ihre Gesichter unkenntlich gemacht werden), und allzu schlimme Anblicke werden ebenfalls verwischt. Bei uns werden ja auch die Opfer von Selbstmordattentaten nicht gezeigt, weil das israelische Publikum Pietät hat (auch wenn man es kaum glauben möchte, wenn man die Gaffer sieht). Es gibt einen jüdischen Wert, der heißt „kvod-ha-met“, Würde des Toten.  Die wird verletzt, wenn man Tote vor die Kamera zerrt. Das macht man hier nicht, obwohl auch wir Tote genug haben. Die Bilder aus dem Gazastreifen, von palästinensischen Kameraleuten gefilmt, sind nicht so zimperlich. Um das Publikum zu informieren, zeigt man sie, wie gesagt, mit verwischten Einzelheiten und der Erklärung im Hintergrund, daß auf der ganzen Welt die Bilder unverwischt gezeigt werden.

Die Übertragungen der Beerdigungen von Soldaten und kurze Reportagen über die trauernden Familien sind hier so üblich, ebenso Updates aus den Krankenhäusern über Soldaten und verletzte Zivilisten. Wir wissen schon, welche Wortwahl in den Nachrichten darauf hinweist, daß etwas passiert ist, aber noch keine Nachricht rausgeht, weil die Familien noch nicht informiert sind. Man sieht es den Gesichtern mancher Journalisten an.

Das unfreiwillig komischste Phänomen aber läßt Sahm unerwähnt. Vermutlich ist er nicht zuhause, wenn es unsere Bildschirme heimsucht. Auch ich guck es nicht extra an. Ich bin darauf gestoßen, als ich hektisch nach Nachrichten gesucht habe, und konnte eine Weile nicht weggucken.

Als Geste für die Kinder des Südens werden wichtige Leute ins Studio eingeladen und geben den Schülern aus dem Süden eine Lektion. Peres war der erste – eine Stunde in Bürgerkunde (esrachut), das hab ich länger geguckt. Da haben die Schüler fragen stellen dürfen, die Peres sogar manchmal  beantwortet hat – manchmal hat er auch elegant den Bogen zu dem gefunden, was er eigentlich sagen wollte.

Das war zu Anfang. Seitdem laden sie jedesmal eine Gruppe Schüler und einen Würdenträger ins Studio, und die Szenen, die ich beobachten konnte, waren von großer unfreiwilliger Komik. Knesset-Abgeordnete, Minister, Schriftsteller und sonstige Koryphähen 😉 haben natürlich keine Ahnung, wie man eine interessante Stunde hält, selbst Ronit Tirosh und Yuli Tamir, die doch aus der Lehre kommen, haben es anscheinend längst vergessen. Oder nie gewußt, was erklärt, warum sie in die Politk gegangen sind.

Sie stellen sich vor die armen Kinder, als ob die nicht genügend Probleme hätten!, leiern ihnen anderthalb Stunden was runter, und die Kinder werden dabei gefilmt! Die Schüler sind offensichtlich von der Ehre durchdrungen, daß ein freundlicher, weitschweifiger alter Herr wie Yitzhak Navon ihnen was erzählt, langweilen sich aber entsetzlich. Wegen der Kameras sind die üblichen Zuflüchte –  SMS, Männeken malen, mit Rotem über Lotem und mit Lotem über Rotem tratschen – nicht möglich, also bleibt nur der starre Blick ins All. Und die Augen irgendwie offenhalten!

Jede Lehrperson, die je gekämpft hat wie ein Löwe, um ihr Publikum wach und alert zu halten, wird diesen Anblick genießen. Mich erfüllt Schadenfreude für die Schüler (geschieht den kleinen Monstern Recht, daß sie zuhören müssen!) und auch Schadenfreude für die Lehrenden (da seht ihr mal, wie schwierig das ist, ihr Großverdiener!).

Wir steigen aus dem Kreislauf der Nachrichten aus, indem wir was anderes machen. Ich sortiere mit den Mädchen ganze Berge von Perlen, noch ein Überbleibsel von meinen Aufräum-Aktionen während der Weihnachtsferien. Wir hören auch viel Musik. Wenn die Kinder abends fernsehen wollen, ist nichts zu sehen außer Bomben und Raketen, und ich will nicht, daß sie davon mehr sehen als das Nötigste, um informiert zu sein. Dann gucken wir manchmal einen Film aus der Hitchcock-Sammlung, die ich Secundus zu Weihnachten geschenkt habe.

Außerdem habe ich den Mädchen die Abenteuer-Vierteiler-Sammlung geschenkt, jedem Mädchen eine Vierer-Kassette. Ich wußte ja gar nicht, als mir diese Idee kam, wie nützlich das sein würde. Da es kein Fernsehprogramm mehr gibt, sind diese langsam und intensiv erzählten alten Serien ideal. Wir haben bisher nur „Zwei Jahre Ferien“ und den „Seewolf“ geschafft, die Dinger sind zu lang und man muß ja auch noch andere Dinge tun im Leben. Aber die Mädchen sind begeistert und wir gucken jeden Abend eine Folge.

Irgendwann werden wir uns an diese Tage wie an einen Albtraum erinnern. Tag und Nacht Roni Daniel, das ist für meinen Mann das Schlimmste.

Kommentare»

1. eran75 - Januar 9, 2009, 19:22

Der Rauswurf von Sahm als Nahostkorrespondenz von N-TV ist besonders in solche Zeiten wie Heute höchst bedauerlich…

2. Markus - Januar 10, 2009, 20:32

@eran75

Woher weißt Du das?
Ich lese Sahm eigentlich gerne (obwohl er bei Dir, Lila, nicht so gut wegkommt, aber er schreibt noch eindeutig positiv über Israel). Wenn er wirklich raus wäre bei N-TV, wäre das sehr sehr schade …

3. Lila - Januar 10, 2009, 20:46

Sahm kommt bei mir nicht gut weg???? Bist Du sicher, daß Du im richtigen Blog gelandet bist? Ich hab den in der Blogroll. Sahm und Dachs, bei denen rieche ich, daß sie wissen, wovon sie reden. Da springt einen Israel förmlich an, wie es nun mal ist. (Übrigens auch Kühntopp hat durchaus interessante Sachen über Israel gesagt, leider versteht er den Hintergrund nicht, darüber ein andermal – das ist echt einen Eintrag wert, erinner mich mal dran! 😉 )

4. grenzgaenge - Januar 10, 2009, 20:56

sahm bei ntv rausgeworfen ? er hat aber gerade einen artikel auf der derzeitigen ntv website. kann es ein missverstaendnis sein ?

http://www.n-tv.de/1083058.html

5. Markus - Januar 10, 2009, 21:07

Sorry, Lila, habe Dich wohl falsch verstanden … Dein Satz „Sahm weiß es mal wieder besser.“ hat mich dazu geführt.

Aber schön zu hören, dass Du Sahm schätzt!

6. Markus - Januar 10, 2009, 21:12

Und Deine ausführliche Meinung über Kühntopp würde ich gerne mal hören 🙂
Der Mann ist eine Katastrophe ersten Grades. Andererseits: Er macht wenigstens aus seinem Herzen keine Mördergrube, sondern sagt (aus dem israelfreundlichen Amman :-|) klar, was er denkt. Natürlich total verseucht.

Andere reden so lange um den heißen Brei und wählen ihre Worte so, dass man ihnen weder von der einen noch von der anderen Seite einen echten! Vorwurf machen kann.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s