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So sieht es drinnen aus Januar 7, 2009, 23:51

Posted by Lila in Presseschau.
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Ich muß noch Windbeutel für 60 Jugendliche backen, Secundus feiert morgen in der Klasse Geburtstag, aber eine Reportage lockt mich an den Fernseher. Die Armee hat endlich Journalisten „embedded“ in den Gazastreifen gelassen. (Zum Pro und Contra der Entscheidung will ich hier nichts sagen, ich kann die Erwägungen der Armee verstehen, aber es hat unnötig viel böses Blut verursacht, und man hätte vielleicht einen etwas weniger harten Kurs fahren können – dazu ein andermal). Es waren also auch heute israelische Journalisten im Gazastreifen und konnten filmen, was die Soldaten so machen.

Or Heller vom Kanal 10 hat gefilmt und geguckt und gefragt. Krieg ist häßlich. Der Ort, in dem die Soldaten von Givati rumlaufen, ist menschenleer. Sie gehen von Haus zu Haus, meiden die Türen, die mit Sprengfallen gespickt sind oder sein könnten (die Hamas hat den ganzen Gazastreifen präpariert). Statt dessen gehen sie durch die Wände, kein schöner Anblick, aber die Armee hat diesmal eindeutige Anweisung gegeben: um jeden Preis wird das Leben der Soldaten geschont. Jenin soll nicht wieder vorkommen. So gehen sie langsam vor, mit Spürhunden von der Einheit Oketz (gestern ist einer der Hunde von einer Sprengfalle getötet worden), und sprengen die vielen Tunnel unter den Häusern.

Für die Familien, die zurückgeblieben sind, ergibt sich die surreale und bestimmt entsetzlich schwierige Situation, daß sich eine Gruppe Soldaten bei ihnen einquartiert. Die Soldaten bringen Essen mit, angeblich ist das Essen sogar gut, Wasser auch, aber es muß sehr traumatisch sein. Die Soldaten bemühen sich, es der Familie leichter zu machen, aber auch für sie ist es nicht angenehm. Auch in leeren Häusern sitzen sie. Eine Nacht verbrachten die Soldaten in einer Schule. Morgens ging einer pinkeln und entdeckte, daß die Turnhalle total vermint war. In einem Klavier lag ein riesiger Sprengsatz. Da sie kaum Hamas-Kämpfer sehen, die sind alle in ihren Tunneln und Bunkern verschwunden, ist die Gefahr groß, daß sie leichtsinnig werden.

Die Soldaten freuten sich, Journalisten zu sehen, und fragten: wie sieht es zuhause aus? ich komme aus Ashkelon, wie viele Raketen sind da gefallen? wie ist die Moral zuhause? denken sie, wir machen gute Arbeit? wie hat Maccabi gespielt? Der Journalist fragt, ob sie es nicht satt sind, tagsüber auf fremden Sofas in zerstörten Häusern einzunicken und nachts zu kämpfen, das hält man doch nicht lange aus, oder? Alle lachen, sie feixen, sie rufen: wir haben Badehosen mit, wir gehen bis ans Meer! Und einer ruft: ich schwimme nach Hause, nach Haifa! Sie sind übermütig und spielen sich vor der Kamera auf. Sie sind sehr jung, die chapashim, die einfachen Soldaten.

Einige sagen: Heller, film mich nicht. Meine Mutter weiß nicht, daß ich hier bin, die denkt, ich bin in Jenin. Ich denke für einen Moment an die Eltern, die diese Reportage sehen und bestimmt jetzt in Tränen aufgelöst sind: ach der Junge!  Die Soldaten sind auch so aufgedreht, denke ich, weil sie an Tali oder Gali denken, die die Bilder auch sehen. Aber das ist nur in den Szenen beim Essen, in einem Zimmer.  Sie beißen in Käsebrote, ein paar beten, andere rauchen, andere wiederum lesen drei Tage alte Zeitungen. Wenn sie durch die Straße trotten, lacht keiner mehr. Die Augen überall.

Die Offiziere sind weniger jung und wesentlich weniger übermütig. „Wir gehen sehr aggressiv vor, aggressiver als sonst üblich. Wir setzen viel Feuer ein, wir gehen kein Risiko ein. Die Kampfmethoden der Hamas sind Sprengfallen, Selbstmordattentäter und Scharfschützen. Dagegen schützen wir uns. Die Arbeit geht ganz gut voran“.

Ein anderer Journalist (wieder Zvi Yeheskeli) sprach mit Palästinensern aus dem Gazastreifen direkt, und er  meint, daß die Aufnahmen der Gefangenen der Hamas einen großen Eindruck bei diesen Bürgern hinterlassen. Sie sehen die Schwäche der Hamas. Sie fühlen sich ausgenutzt. Yeheskeli meint, das ist keine israelische Propagandaarbeit, sondern die Menschen haben das Gefühl, der Iran hat sie reingeritten.

Die Soldaten denken viel an Gilad Shalit, eigentlich die ganze Zeit. Sie wissen, daß er in der Nähe ist. „Ohne Gilad gehen wir hier nicht raus“, meinen sie. Jeder von ihnen träumt wohl, den Unterschlupf aufzuspüren, in dem er sitzt, Gilad.

Ruth Yaron hat Recht, Krieg ist häßlich und unmenschlich. Die Bilder der leeren, kaputten Häuser, der ausgebrannten Autos, sind auf ihre Weise schwer zu ertragen, wenn auch nicht so schwer wie die verletzten und toten Unschuldigen. Man kann nur wünschen, daß wir die Hamas schnell so weit haben, daß man ihnen Bedingungen diktieren kann, damit ab jetzt Ruhe im Karton ist. Zum Besten aller.

Update: die Reportage geht weiter. Givati hat sich entschieden, einen Löwen und eine Löwin aus dem Gazastreifen zu retten, die dort zurückgeblieben sind. Sie sind halb verhungert, und ihre Rettung ist ein Riesenprojekt.

Und noch eine Lehre aus dem Libanonkrieg vor zwei Jahren: damals erregte es großen Zorn, und zwar vollkommen zu Recht, daß zum ersten Mal die Commander nicht mit den einfachen Soldaten kämpften, sondern von geschützten Räumen aus über große Fernsehschirme (plasmot) dem Geschehen folgten. Für eine Armee, deren Wahlspruch Acharai! mir nach! ist, unerträglich. Außerdem permanente Fehlerquelle. Das gibt es nicht mehr. Die Commander sind mit den Soldaten überall, sie gehen voran, tragen die Tarnnetze auf dem Kopf und haben die Gesichter bemalt. Übrigens, so erklärt der Journalist, lag die Geschichte mit den Fernsehschirmen nicht an mangelndem Mut der Commander, sondern war ein Versuch, die vielen verschiedenen, kurzzeitigen Befehle effektiver zu übermitteln, von einer Zentrale aus. Gut, daß aus fehlgeschlagenen Versuchen gelernt wird. Möge es sich von nun an nur noch in Manövern beweisen, was die Armee gelernt hat.

Kommentare»

1. croco - Januar 8, 2009, 0:59

Liebe Lila,
danke für deine ausführlichen Berichte.
Sie helfen mir sehr, genauer hinzuschauen und zu hören.

Eine Bitte habe ich noch. Kannst du mir diesen Satz erklären?
Worum geht es da?

Die Palästinenser, mit denen ein anderer Journalist sprach (wieder Zvi Yeheskeli) meint, daß die Aufnahmen der Gefangenen der Hamas einen großen Eindruck bei palästinensischen Bürgern hinterlassen.

Gute Nacht und liebe Grüße
croco

2. Lila - Januar 8, 2009, 1:13

Am besten gehe ich den ganzen verkorksten Satz mal umstellen, liebe Croco. Pardon. Da waren die Finger mal wieder schneller das Großhirn 🙄

3. Ostap Bender - Januar 8, 2009, 3:04

Ich bewundere die Fähigkeit der Israelis, aus den Fehlern zu lernen! Ich denke, ihr solltet das patentieren und eine weiltweite Workshop-Kette für Aus-Den-Fehlern-Lernen-Trainings aufmachen. Das wird ein milliardenschwerer Expor-Schlager schlechthin werden.

4. Lila - Januar 8, 2009, 3:07

Ja, leider macht man aber immer wieder neue Fehler … die Fehler dieses Feldzugs, wie zweimal friendly fire und beide Male tödlich, müssen noch aufgearbeitet werden. Kein Übermut, wir sind noch nicht durch, bli ayn hara.

5. Karl Kees - Januar 8, 2009, 4:59

Danke für den interessanten Bericht.

6. Readers Edition » Ja, sie sind doch drin: Journalisten in Gaza - Januar 11, 2009, 4:19

[…] Mehr über die Journalisten in Gaza und ihre Berichterstattung berichtet Lila auf Letters from Runghold. […]

7. Voxx - Januar 14, 2009, 1:04

Go IDF go!
Wenn ist jetzt nicht reinen Tisch macht, wann dann?

8. Ja, sie sind doch drin: Journalisten in Gaza « andersdenken20 - März 9, 2009, 1:59

[…] über die Journalisten in Gaza und ihre Berichterstattung berichtet Lila auf Letters from Runghold. ▶ View 1 Comment /* 0) { jQuery(‚#comments‘).show(“, change_location()); […]


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