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Für abgehärtete Mägen Dezember 30, 2008, 0:51

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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eine Portion Nahost-Grütze.

Ei ei ei. Ich geh ins Bett.

Schlagt mich nicht, aber – ich bin so froh, daß ich nicht mehr in Deutschland lebe, so froh, so froh. Es würde mich um das letzte bißchen Verstand bringen, wenn ich mir Leute, die so denken wie diese Zeitungsfritzen, jeden Tag im Bus oder der Bücherei angucken müßte.  Israelis haben ja auch den einen oder anderen Sprung in der Schüssel, aber… oh, da fällt mir ein, jetzt kann ich ja endlich den Videoclip anhängen, den uralten, den ich schon ewig aufbewahre und der nie paßt. Dieser miese Tag (für mich privat gut, aber für den Rest des Nahen Ostens mehr als miese!) muß unernst beendet werden.  Damit meine Leser so froh, so froh sein können, daß sie NICHT in Israel leben 😀

Shuki und Dorit sind zur Hochzeit von Dorits Kollegin eingeladen. Zartfühlend, sensibel und Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, so sieht man in Shuki den Israeli, wie er einem täglich begegnet. Hebräischkenntnisse sind nicht erforderlich.


Kommentare»

1. eran - Dezember 30, 2008, 1:32

„Schlagt mich nicht, aber – ich bin so froh, daß ich nicht mehr in Deutschland lebe, so froh, so froh. Es würde mich um das letzte bißchen Verstand bringen, wenn ich mir Leute, die so denken wie diese Zeitungsfritzen, jeden Tag im Bus oder der Bücherei angucken müßte.“

Ohhh, wie kann ich dir da nur zustimmen.

Und ich würde es jeden Juden in Deutschland ebenso empfehlen…

2. StefanHH - Dezember 30, 2008, 3:20

Hi Lila,

ich will Deine Freude, nicht mehr in Deutschland zu leben, ja nicht dämpfen 🙂 , aber es gibt doch einige (leider noch wenige) Anzeichen für Besserung in den deutschen Medien hin zu einer ausgewogeneren Berichterstattung, die auch mal deutlich macht, wie die üblichen Reaktionen auf solche Nahostkrisen verlaufen.

Sehr erfreulich war für mich z.B. der Kommentar von Martin Heller in Spiegel TV http://www.spiegel.de/video/video-44637.html

Ich weiß, dass das noch Ausnahmen sind, aber auch im privaten Umfeld bemerke ich zunehmend eine Verdrossenheit gegenüber der „palästinensischen Sache“, wo früher pauschale Schuldzuweisungen immer Israel trafen.

Du merkst, ich lese immer noch bei Dir mit. Nur leider sehr viel seltener und zu häufig unter Zeitdruck auf dem Handy, so dass ich nicht zum Posten kommen.

Aber auch wenn es phrasenhaft klingt, ist es dennoch ernst gemeint: Passt auf Dich und die Deinen auf und lass Dich nicht unterkriegen.

3. Georg - Dezember 30, 2008, 9:47

Auch wenn ich dich sonst nicht besonders mag (naja, ich mag dich schon aber halt nicht sehr), für mich gibt es nichts wichtigeres als Israel gerade jetzt in Deutschland zu unterstützen, da gibt es keine persönlichen Animositäten.

Einerseits überraschen mich Reaktionen von Menschen, die ganz klar sagen, Israel müsse sich verteidigen, andererseits bin ich schockiert über die Uninformiertheit anderer – und das ist dann komischerweise auch in meinem langjährigen akademischen Freundeskreis.

Ich wünsche dir alles Gute, weiß nicht, ob du im Einzugsbereich der feigen Raketen lebst, egal – alles, alles, Gute dir und deiner Familie!

Das einzige, was ich für euch tun kann, ist euch in Deutschland zu unterstützen. Ich bemühe mich was das Zeug hält.

Israel sei stark!

Liebe Grüße
Georg

4. Oliver - Dezember 30, 2008, 11:45

Wenn ich solche Texte lese, fällt mir immer nur ein:

habe ich irgendwann mal von Phillipika geklaut:

Wie wird man zum Nahostexperten?

Mach dir keine Sorgen: Obwohl der israelisch-arabische Konflikt schon etliche Jahrzehnte währt und hochkomplex ist, ist für den Berichterstatter kaum Grundwissen erforderlich. Es ist auch gar nicht nötig, den unwissenden Leser oder Zuschauer mit Fakten zu nerven und das ganz dicke Brett zu bohren. Ein simples Bild ist gefragt.

Und die Sache ist ganz einfach: Israel ist die stärkere Partei in diesem Konflikt (Bad Guy), die Palästinenser die Underdogs (Good Guy). Nach diesem Muster biegen wir die Ereignisse vor Ort zurecht. Du wirst sehen, es geht wie von selbst.

Vorbemerkung

Israel ist klein, gerade mal so groß wie Hessen, der Konflikt mit den Palästinensern im Vergleich zu anderen Kriegen lokal und eher begrenzt, auch von der Opferzahl her. Gerade mal zwei Tote pro Tag im Durchschnitt während der „Intifada“. Das soll uns aber nicht anfechten. Tu so, als wäre jeder scheele Blick eine Meldung wert. Und wenn im Darfur in drei Jahren 180.000 Menschen niedergemacht werden – ein Toter in Gaza, ein paar neue Häuser in einer Siedlung, eine Demo, täglich dargebracht, vermitteln unserer Kundschaft: Da vor allem geht es um die Wurst.

Die Leute glauben längst, dass der Kampf um Israel/Palästina der Konflikt unserer Zeit ist, und wir arbeiten daran, dass es so bleibt.

Für dich ist der Job ideal: Du wohnst in Tel Aviv, kannst tagsüber im Mittelmeer baden und abends bequem in deinem Lieblings-Pub ein Bierchen zischen. Wenn du ein bisschen Action haben willst, brauchst du nur 15 km nach Osten zu fahren. So einen Konfliktherd findest du kein zweites Mal.

Fakten

Geh sparsam mit Fakten und bestätigten Meldungen um. Saftige Gerüchte und vorschnelle Anschuldigungen sind viel aufregender. Erinnere dich an Muhammed al-Dura. Oder an das „Massaker von Jenin“. Heiko Flottau hat damals geschlagene zwei Wochen lang in der SZ sehr farbenfrohe Schauergeschichten von „500 Toten“ gebracht, von Männern, die auf der Erde nebeneinander gelegt von Panzern überrollt wurden etc. In solchen Fällen setzt du die Glaubwürdigkeit deiner Gewährsleute einfach voraus. Entpuppt sich die Geschichte hinterher als grandiose Ente, ist das kein Drama. Eine Entschuldigung wird dein Blatt / dein Sender ohnehin nicht bringen. Oder du setzt wie Flottau einen drauf und machst dich am Ende noch über den „Fehlschlag“ der israelischen Armee lustig, die eben doch nur zwei Dutzend Terroristen erwischt hat.

Wenn es um die Ursachen für die „Al-Aqsa-Intifada“ geht, ignoriere das Geständnis des palästinensischen Kommunikationsministers Faludji, der schon vor Jahren zugab, dass die Gewaltwelle Monate im Voraus geplant war. Wärme statt dessen zum x-ten Mal die ranzige These von Sharons Kurzbesuch auf dem Tempelberg als „Provokation“ auf.

Opfer

Tote liefern spektakuläre Bilder. Die Araber zeigen die ihren gerne her, die Juden aus Pietätsgründen nicht. Also bringen wir auch nur die arabischen. Außerdem ist bei palästinensischen Begräbnissen immer was los, mit Hunderten, die in die Luft ballern und Rache schwören, während die Israelis nur schluchzend am Grab stehen.
Wichtig: Unbedingt vermeiden, dass man israelische Opfer sieht. Nach jedem Anschlag liegen in den Krankenhäusern Dutzende Schwerverletzte herum. Bekommt der deutsche Medienkonsument die zu sehen, könnte er auf die Idee kommen, dass auch Israelis Opfer des Konflikts werden.
In die Opferstatistik packen wir übrigens unterschiedslos alles rein, was bei dem Konflikt zu Tode kommt: Selbstmordbomber und ihre Opfer, Siedlerkinder und gezielt liquidierte Terror-Chefs, Zivilisten und Soldaten, nicht uniformierte Gunmen und Gelynchte, Kollateralschäden und Bewaffnete, die beim Überfall auf eine Ortschaft erschossen werden etc. Der Vorteil des undifferenzierten Bodycounts: Wer am Ende mehr Tote zu beklagen hat, egal ob Kombattanten oder Fahrgäste im Linienbus, ist im Recht.

Bilder, Bilder, Bilder

Die Medienpräsenz in Israel und Palästina wird dich überraschen. Dort drängeln sich mehr Journalisten als in ganz Afrika. Um jeden Steinewerfer stehen sechs Kameramänner und Fotografen herum. Dein arabischer Fotograf weiß schon, welche Motive gefragt sind, etwa wenn ein Panzer des Weges kommt und ein kleiner Junge zur Schleuder greift. Solche Gelegenheiten ergeben sich zuhauf, ja täglich, wohingegen man sich vom nächsten Busbombenattentat in Tel Aviv überraschen lassen muss. Da sind dann nun mal keine Bilder möglich.

Ursache und Wirkung

Geschieht ein solcher Anschlag, können wir davon ausgehen, dass die israelische Armee gegen die Urheber vorgeht. Dann sind wir wieder dabei. Wichtig: Die üppige Verwendung des Wortes „Vergeltung“, auch wenn es sich um eine absolut vertretbare Maßnahme zum Schutz der Bürger handelt. Der Wiedererkennungswert („alttestamentarische Rachsucht“) ist beträchtlich und delegitimiert die Aktion. Bemühe das Bibelwort „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ bei jeder Gelegenheit. Es geht da zwar um Entschädigungsregelungen, aber das weiß eh kein Mensch. Erwischt die israelische Armee einen Chefterroristen per Rakete in seinem Auto, machen wir auf mit „Israel greift Gaza-Stadt an“.

Pflanzt ein Terrorist am Straßenrand eine Bombe, wird dabei von einer Patrouille erwischt und erschossen, titeln wir „Israelis erschießen Palästinenser“. Am Ende bleiben so nicht die palästinensischen Aktionen hängen, sondern die israelischen Reaktionen. Genial, nicht?

Die Mauer

Die von Israel errichtete Sicherheitsanlage besteht zu 96 Prozent aus High-Tech-Zaun, aber wir bleiben beim Terminus Mauer, das ist plakativer und erinnert an das Berliner Monstrum. Vermeide, den rasanten Rückgang der Terroranschläge um 80 Prozent zu erwähnen und weise statt dessen darauf hin, dass der Bau der „Mauer“ manche Unbill für die palästinensischen Anrainer mit sich bringt.

Fahre notfalls 50 Kilometer am Zaun entlang, bis du ein Mauerstück findest, das du filmen kannst, gern mit einem palästinensischen Jungen davor, der einen Esel an der Leine führt. Alternativ: ein altes Mütterchen mit Kopftuch, das einen Checkpoint passiert oder mit einem schwer bewaffneten Soldaten disputiert.

Empöre dich über acht Meter hohe Betonteile und lass außer Acht, dass sie dort errichtet wurden, wo früher Gewehrschützen auf Autos und doppelstöckige Linienbusse schießen konnten.
Akzeptiere die Klage, die Sperranlage sei ein Hindernis für den Frieden, obwohl sie erwiesenermaßen ein Hindernis für Terroristen ist.

Friedensgegner

Im Gegensatz zu den palästinensischen Autonomiegebieten ist Israel eine Demokratie, in der echte Radikale kaum Zulauf haben. Erkläre deshalb jeden zum Hardliner, der sich rechts von Uri Avnery befindet.

Lässt du mal einen Israeli zu Wort kommen, was möglichst selten der Fall sein sollte, dann nimm einen wie Avneri oder auch Moshe Zimmermann. Die sprechen praktischerweise auch beide deutsch. Jeder Mainstream-Israeli, der aus guten Gründen Zweifel am Friedenswillen des palästinensischen „Partners“ hat, ist für uns ein Gegner des Friedens an sich. Ganz wichtig: Stelle die Linken als die wenigen guten Israelis dar, die Siedler als das Böse schlechthin und ignoriere die breite Mitte der Gesellschaft. Sorge dafür, dass vor allem Soldaten, bewaffnete Siedler und orthodoxe Juden in deinen Berichten auftauchen.

In der palästinensischen Gesellschaft gibt es kaum echte Demokraten, deshalb gehört eine säkulare Terrororganisation wie Fatah schon in die Schublade „gemäßigt“, auch wenn noch der letzte Likudnik mehr Demokratieverständnis besitzt als diese maskierten und Kalaschnikows schwingenden Kohorten. Danach kannst du die Hamas ruhig „radikal“ oder besser „militant“ nennen und guten Gewissens von „Radikalen“ oder „Extremisten auf beiden Seiten“ sprechen.

Mach alles gleich. Zwar stehen sich in diesem Konflikt zwei sehr unterschiedliche Parteien gegenüber, nämlich auf der einen Seite eine pluralistische parlamentarische Demokratie mit freier Presse, Gewaltenteilung etc., vom Wählerwillen auf Friedenskurs getrimmt, auf der anderen ein von korrupten Revoluzzern und Warlords kontrollierter rechtsfreier Raum, in dem allerhand Milizen ungehemmt wachsen und gedeihen, die ein Interesse am fortwährenden Kriegszustand haben, um von ihrem völligen Versagen auf allen Gebieten abzulenken. Du aber musst den Eindruck erwecken, dass da zwei irgendwie gleich geartete Konfliktparteien miteinander zu Potte kommen können. Vergiss die herkömmliche Weisheit, dass man für den Frieden zwei braucht, für den Krieg aber bereits einer genügt.

Hintergrundinformationen

Absolut tabu. Wenn du erst einmal anfängst, Teilungspläne, israelische Friedensofferten oder arabische Kompromissunfähigkeit zu erläutern, verunsicherst du nur die Leute, die den Beginn des Konflikts mit der Eroberung der Westbank und Gazas 1967 ansetzen und lediglich zwischen Besetzten und Besatzern unterscheiden wollen. Lass es!

Die Palästinenser

Hab Verständnis. Hab noch mehr Verständnis. Egal, was sie treiben, ob Lynchmorde an Kollaborateuren oder Jubelfeiern nach einem Massaker in Jerusalem, ob sie israelische Flaggen verbrennen und „Tod den Juden!“ rufen oder Straßen nach Suizidmassenmördern benennen, ob sie Kinder als Kanonenfutter missbrauchen oder unehelich schwanger gewordene Frauen zur Wiederherstellung der Familienehre in den Märtyrertod schicken. Merke: An allem ist „die Besatzung“ schuld, zehn Jahre Autonomie hin oder her.
Hake nicht nach, wenn Saeb Erekat von „40 years of occupation“ spricht und Osloer Abkommen und Selbstverwaltung souverän ausklammert.

Unterschlage, dass die Roadmap in erster Linie von der PA Maßnahmen gegen den Terror fordert. Akzeptiere, dass Kompromisse seitens der Palästinenser nicht möglich sind, weil sie ihre Maximalforderungen als „heilige Rechte“ ansehen und jedes Entgegenkommen als Verrat.
Lass sie jammern. Lass sie noch mehr jammern. Über Landkonfiszierungen und abgeholzte Olivenbäume, Mauerbau und Checkpoints und darüber, dass sie nicht mehr in Israel arbeiten dürfen. Halte dich nicht mit Erklärungen der Ursachen für jede dieser Maßnahmen auf. Dafür bleibt im unserem Tagesgeschäft keine Zeit. Schließlich können wir über alles reden, aber nicht über 1:30.

Gefahren

Vermeide es, auch nur ein Wort der Kritik am Gewalt- und Todeskult in den Gebieten zu verlieren. Mit Kritik kann man dort schlecht umgehen. Denk an Ricardo Cristiano von der RAI, der sich dafür entschuldigt hat, dass die Kollegen vom Privatsender RTI den Lynchmord von Ramallah gefilmt hatten, und an die massiven Drohungen gegen Journalisten, die das Verbrechen dokumentieren wollten. Oder an die Jubelszenen in Ramallah am 11. September. Man hat die ausländischen Reporter damals in einem Hotel eingesperrt, bis das Happening vorbei war. Also halte den Ball flach.

In Israel geschieht dir nichts. Die Linken sind dir sogar gern behilflich, wenn du Israel anprangerst, und die breite Masse ist ohnehin nichts anderes gewohnt.
Geht es in den Gebieten mal etwas heftiger zur Sache, bleib cool. Wozu hast du all die arabischen Freelancer, die als Fotografen und Kameramänner vor Ort sind? Mach dir den doppelten praktischen Nutzen klar: du musst das Bildmaterial nicht einmal sichten.

Wenn du für das Fernsehen arbeitest, spare dir das Anlegen der schusssicheren Weste für den Aufsager am Abend auf, damit man auch sieht: Hei-ho, der traut sich aber was als Krisenreporter!

Kleines Wörterbuch

Die dezente Zurückhaltung, die wir bei der Berichterstattung aus Frankreich oder Australien üben, darfst du an deinem neuen Arbeitsplatz getrost ablegen. Werte nach Herzenslust, greife tief in die Phrasenkiste, gehe großzügig mit Euphemismen und Hyperbeln um.

Terrorist: Militanter, Kämpfer, Radikaler, Bewaffneter
Terroranschlag: Angriff, Zwischenfall
Terrorwelle: Intifada, Aufstand, Unruhen, Widerstand, Ringen um Unabhängigkeit
Militäraktion gegen Terroristen: blutige Vergeltung, Rache, Drehen an der Gewaltspirale
Israelischer Politiker: Hardliner
Palästinensischer Diktator: charismatischer Führer
Arabischer Märchenerzähler aus Jenin: Augenzeuge
Zaun: Mauer
Liquidierung einer „ticking bomb“: ungesetzliche Tötung
Andauernde Gewalt: Waffenstillstand, Hudna
Steine- und Molliwerfer, Gewehrschütze: Demonstrant
Chef einer islamistischen Terrororganisation: spiritueller Führer
Dessen Stellvertreter: Kinderarzt

Beachte: Palästinenser nie im Aktiv erwähnen! Palästinenser werden erschossen, aber sie ermorden niemals Israelis. Sprengt ein Terrorist einen Bus in die Luft, titeln wir neutral: „Anschlag in Tel Aviv“. Oder: „Nahost: Tote bei Selbstmordattentat“. Nie die Urheber erwähnen. Zwar werden die Bomber immer von einer Organisation losgeschickt und sind nur ein Rädchen in der Maschinerie des Terrors. Sprich aber trotzdem von einer „Verzweiflungstat“, das gibt den Human Touch.

Halte Äquidistanz zu Tätern und Opfern und sei stolz auf deine Unabhängigkeit und Neutralität. Wenn laut einer EU-Studie 59 Prozent der Europäer und 65 Prozent der Deutschen Israel als größte Gefahr für den Weltfrieden ansehen, ist das zu einem erheblichen Teil dein Verdienst.

Wenn du alle Ratschläge dieses Handbuches beherzigst, hast du besonders gute Chancen, bei Arte, beim ZDF, beim stern oder bei der Süddeutschen Zeitung unterzukommen.

5. croco - Dezember 30, 2008, 14:41

Jetzt habe ich den ganzen Text von Oliver gelesen.
Soweit ich es als Normalo-Nachrichtengucker beurteilen kann, stimmt das schon, was er schreibt. Ich hab aber den Eindruck, dass es in letzter Zeit besser geworden ist, dass die Berichterstattung etwas differenzierter ist.

Das Video ist witzig:-)
Doch habe ich in der einen Woche in Jerusalem niemanden getroffen, der so ähnlich war. Du meinst das ironisch, oder?

6. Lila - Dezember 30, 2008, 14:52

😉 Da hast Du aber was verpaßt.

Es gibt auch gute Journalisten. Trotzdem wundert es mich, daß zB in Darfur Tausende von Leuten sterben können, und das Interesse könnte nicht geringer sein. Daß wir hier im Nahen Osten davon besessen sind, was hier vorgeht, ist klar. Aber woher kommt die emotionale Energie, die zB deutsche Zeitungsleser dazu bewegt, Hunderte von Leserbriefen oder Kommentaren zu schreiben, wenn es um den Nahen Osten geht?

Seltsam, seltsam. Vielleicht steht die Illusion dahinter, daß sich alle Probleme der Welt regeln, wenn hier Frieden herrscht… schön wär´s.

7. John Dean - Dezember 30, 2008, 17:48

Tja. Vielleicht ist Deutschland je nach Region unterschiedlich. Dort, wo ich gerade zur Arbeit gehe, dort weiß man, dass ich Jude bin. Und – eigentlich leider – heute musste mich ein Kollege „unbedingt unter vier Augen“ wegen dem Krieg ansprechen.

Weil er nämlich findet, dass der ganze Gaza-Streifen „plattgemacht“ werden sollte – und er wollte meine Meinung hören. Er ist ein ganz normaler Deutscher, teils ein etwas einfacherer Typ und – für meine Begriffe – irgendwie ganz typisch. Nennen wir ihn mal „Martin“.

Ich habe schon ein paar „Israelhasser“ getroffen, aber sie sind ziemlich selten, und meist sogar zugänglich und für vernünftige Argumente aufgegeschlossen. Der umgekehrte Fall, so wie bei Martin, ist häufiger.

Dort, wo ich lebe, gibt es viel Unterstützung für Israel, auch für die israelische Armee und, ja, sogar auch für diesen Wahlkampfkrieg.

Für meinen Geschmack gibt es sogar zuviel Unterstützung, dort, wo ich lebe. Meine muslimischen Bekannten hoffen mit mir, dass die Waffen bald wieder schweigen. Niemand mag die Hamas. Niemand mag den Krieg.

Ich lebe in Deutschland. Das ist mein Land.

8. John Dean - Dezember 30, 2008, 17:53

Aber woher kommt die emotionale Energie, die zB deutsche Zeitungsleser dazu bewegt, Hunderte von Leserbriefen oder Kommentaren zu schreiben, wenn es um den Nahen Osten geht?

Das frage ich mich allerdings auch. Ich dachte früher mal, dass ich dafür Antworten hätte, aber, nein, ich verstehe es nicht. Mir kommt es so vor, als ob Israel ein deutsches Bundesland ist, vielleicht nicht ganz so relevant wie Bayern, aber deutlich wichtiger noch als Niedersachsen.

Wo immer dieses Interesse und diese „emotionale Energie“ herkommt (die Emotionalität kommt m. E. auch aus der Konfliktstruktur und den vielen Streitfragen), es ist nach meinem Empfinden kein Antisemitismus.

Nicht einmal ansatzweise. Und doch ist mir dieses Interesse, ist mir diese Neugier und ist mir diese politische Streitlust unheimlich.

9. croco - Dezember 30, 2008, 17:53

Ja? dann komm ich wieder…..

Das liegt sicher auch daran, dass das Christentum in vielem die Basis unserer Kultur ist. Und die Bibel das Buch, das jeder kennt.
Erstaunt bin ich immer noch über das Leuchten in den Gesichtern, wenn ich erzähle, dass ich am Heiligen Abend in Bethlehem war.Und die Hälfte der Menschheit lebt nach den 10 Geboten, oder kennt sie zumindest als Gesetzestafeln.
Und so geht es mit vielen anderen Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, wir haben innere Bilder dazu.(Du kennst dich da ja viel besser als als ich.)

Und so wünscht man sich eben Frieden für die eigenen Sehnsuchtsorte.

10. grenzgaenge - Dezember 30, 2008, 18:07

hi oliver,

ich bin etwas neben der spur heute … hast du zufaellig irgendwo den link zum text

„Wie wird man zum Nahostexperten?“

rumliegen ?? der text ist extraklasse (finde ich) !!

danke schnmal und viele gruesse,
der grenzgaenger 🙂

11. John Dean - Januar 1, 2009, 17:47

Zum von mir verwendeten Stichwort „Wahlkampfkrieg“ fehlt noch eine m. E. typische deutsche Sichtweise. Ich denke, dieser Punkt ist sehr wichtig. Wer immer das Vorgehen der Zahal im Gazakrieg 08/09 kritisiert (ich rechne dazu), sollte diesen Aspekt mitbedenken.

Ein Gazastreifen, in dem wesentliche Grundanforderungen (u.a. in Bezug auf die staatliche Ordnung, Freiheit für politische Konkurrenz zur Hamas usw. usf.) nicht erfüllt sind, wird immer (und leider: auch nach dem Gazakrieg 08/09) für Israel ein großes Problem sein – und nicht minder auch für seine eigenen Einwohner.

Eine wirklich gute Antwort, wie dieses Problem zu überwinden ist, habe ich nicht. Aber ich biete ein Fünkchen Hoffnung: Es gab eine Zeit (nicht einmal lange her!) wo die Mehrheit der Bevölkerung in Gaza Zweistaatlichkeit, Frieden mit Israel und das Ende jeglichen Terrors gewünscht hat.

Man sollte das nicht vergessen. Gerade jetzt nicht.

12. eran75 - Januar 1, 2009, 17:55

„Es gab eine Zeit (nicht einmal lange her!) wo die Mehrheit der Bevölkerung in Gaza Zweistaatlichkeit, Frieden mit Israel und das Ende jeglichen Terrors gewünscht hat.“

Wann soll diese Zeit gewesen sein?

13. John Dean - Januar 1, 2009, 18:15

eran, du kennst doch die Umfragen bestimmt. Ich halte dich für ein Top-informierten Blogger in Nahostfragen. Google mal nach Umfragen rund um die „Genfer Initiative“ und die Reaktionen in den ersten 18 Monaten dazu seitens der Bevölkerung im Gaza-Streifen.

Du wirst es schon finden.

Wenn du willst.

14. Lila - Januar 1, 2009, 18:20

Es wäre nett, wenn Du den Link selbst mitgereicht hättest. Mein Google leiert schon aus….

15. John Dean - Januar 1, 2009, 19:33

Ich tue mich bei Nahostdiskussionen mit sogenannten Linkbeweisen enorm schwer, habe da sogar einen regelrechten Widerwillen. Nämlich: Dann suche ich den angeforderten Kram 10 Minuten lang irgendwo zusammen – und wofür?

Dafür, dass ich von so eifrigen Leuten wie eran75 anschließend mit geradezu 100 prozentiger Sicherheit „Dummkopf“ u.ä. genannt werde. Das kann ich billiger haben.

Aber Okay, ich will mal nicht so granteln. Für Lila suche ich es raus – kann aber gut sein, dass ich mich wegen der Sache erst morgen wieder melde, sorry dafür, weil ich heute Abend noch ein anderes Programm habe.

Eigentlich fände ich es besser – falls sich Eran75 wirklich dafür interessiert – dass er erst einmal selber probiert. Wenn er da nichts finden sollte ….

(so wollte ich das eigentlich handhaben)

Okay, ich guck mal.

16. Lila - Januar 1, 2009, 19:51

Da siehst Du mal, wie gut ich´s habe. Ich sammle auch Links wie ein Eichhörnchen nach drei Tassen Kaffee, und ich weiß nicht, ob sie überhaupt jemand anklickt 😦

Ich habe schon nachgeguckt. Ich erinnere mich gut an die Genfer Initiative, ich fand sie damals gut und lobenswert und hätte mich gefreut, wenn sie so graswurzelmäßig von beiden Seiten durchgesetzt worden wäre. Ich habe sie damals auch unterschrieben. Wie auch den Mifkad.

Leider ist das alles im Sand verlaufen. Daß eine Mehrheit der Palästinenser dahintergestanden hätte, ist mir nicht mehr erinnerlich. Aber ich werde mich mal weiter umgucken, ich hab auch schon danach gegoogelt.

Mir haben sich die Bilder aus dem Osloer Prozeß eingeprägt. Als die Armee Städte und Gebiete an die Palästinenser übergab und das sehr freundlich von beiden Seiten ablief. Das waren hoffnungsfrohe Bilder. Ich kann das Entsetzen nicht schildern, daß mich beim Ausbruch der Intifada II packte. Ich habe es schon öfter versucht, aber es will mir nicht gelingen. (Wobei ich niemals abstreiten würde, im Gegenteil!, daß die israelische Regierung damals fatale Fehler gemacht hat, vor allem in Bezug auf die Araber Israels. Doch das ist ein anderes Kapitel. Barak hat da einfach kein Händchen gehabt, es war eine Katastrophe.)

Ich weiß noch, wie ich in meinem kleinen Büro in der PH saß, der PH, an dem ein Großteil der Studenten Araber sind – heute noch mehr als damals. Ich las in der Zeitung einen Artikel, der vorhersagte, daß wir wie Alice ins Kaninchenloch fallen, und niemand weiß, wann wir unten aufschlagen. Mir wurde richtig, richtig kalt und schlecht. Ich dachte, das darf nicht wahr sein, wir waren doch auf dem Weg zu einer Einigung, wir wollen das doch alle, das werden die Palästinenser doch nicht aufs Spiel setzen.

Daß der Vorwand mit Sharon auf dem Tempelberg nichts als ein Vorwand war, ist doch sonnenklar. Dafür Hunderte und Tausende von Menschenleben aufs Spiel setzen? alles kaputtschlagen, was die Palästinenser damals erreicht hatten? die wirtschaftliche Blüte, die politische Stabilisierung, die Aussicht auf eine Einigung mit uns?

Alles, alles, alles über Bord werfen und Menschenleben gleich hinterher, nur weil ein abgewirtschafteter Oppositionspolitiker (das war Sharon damals) auf den Tempelberg, also den Ort des jüdischen Tempels, geklettert ist – wie Tausende Touristen jährlich? obwohl es Juden eigentlich nicht erlaubt ist und er damit auch sehr viele Juden geärgert hat.

Es war unbeschreiblich grauenhaft. Mit dem, was danach gefolgt ist, ist mein Vertrauen zerbrochen, jemals eine rationale, einverständliche Lösung zu finden. Wenn die Palästinenser imstande waren, die zweite Intifada vom Zaun zu brechen, dann ist mit ihnen kein Staat zu machen.

Ich hätte den ganz normalen Palästinensern, wie ich sie kenne und schätze, die, mit denen wir akademische Projekte geplant hatten und mit denen wir uns prima verstanden haben – ich hätte denen eigentlich zugetraut, dem Sog der Terrororganisationen zu widerstehen. Ich hatte gedacht, diese Leute, die Geschäftsleute, Arbeiter und Pendler, zeigen den Terroristen die kalte Schulter und bremsen sie aus. Als mir klarwurde, daß das nicht geschehen wird – das hat mich wie viele andere Israelis tief deprimiert.

Die Palästinenser haben ihren Sadat, ihren König Hussein verdient, aber bisher nicht gefunden. Das ist ihre Tragödie, auch unsere, aber in erster Linie ihre.

17. eran75 - Januar 1, 2009, 20:24

John Dean,

wie sagten Sie es schon woanders:

„Ich fürchte, mein Gehirn ist zu leichtgewichtig geraten“

Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Insbesondere in Bezug auf Ihren einzigen Kommentar zur aktuellen Hamas-Terror in ihren Blog:

http://dermorgen.blogspot.com/search/label/Kein%20gelobtes%20Land

„Israel hilft Hamas.

(mehr Worte dazu wären Verschwendung)“

— Tja, zu Ihnen wären mehr Worte wirklich Verschwendung…

18. John Dean - Januar 4, 2009, 16:23

@ eran75

Wenn Sie mich wegen politischer Ansichten nicht mögen, sowie für einen ausgemachten Dummkopf halten, und das auch gleich so stark, dann dürfen Sie damit einverstanden sein, dass wiederum mein Interesse an Ihnen und Ihren Ansichten etwas gedämpft ist, jedenfalls im Augenblick. Im Übrigen ist mein Eindruck, dass Sie mit meinen Ansichten etwas überfordert sind.

Lassen Sie es sich trotzdem gut gehen – aber bitte, überlessen Sie in Zukunft jeden Beitrag, den ich verfasse. Ich möchte Sie nicht unnötig reizen oder gar verärgern.

Darum bitte ich Sie.

@ lila

Wie gesagt, das Heraussuchen von Umfragen macht mir wenig Freude, – ich habe es auf Deine Bitte hin trotzdem gemacht und ein paar Sätze aus meinem Text heraus gestrichen, die dich evtl. vielleicht verärgern, reizen oder aufregen könnten. Es ist nach meinem Verständnis gerade nicht die Zeit, um unnötige Ärgernisse in Kauf zu nehmen. Vielleicht findest du den von mir zusammen gestellten Kram interessant, die Daten – oder auch, wie ich diese bewerte.

Überraschende Umfrage-Häppchen aus Gaza und Westbank

Vorab/Einleitung: Diese Auswahl ist einseitig und dient lediglich dazu, einen Teil vergangener (möglicherweise: unwiderbringlicher) Stimmungslagen abzubilden, und zwar lediglich jene, welche Hoffnung machen könnten – Hoffnung auf einen künftigen Frieden.

Hierbei wurden deprimierende und – auch das – schockierende Befunde weggelassen, die in diesem Umfragen enthalten waren, beispielsweise judenfeindliche Ansichten in der Bevökerung von Westbank und Gaza, falsche Sichtweisen auf den Konflikt oder auch übertriebene Forderungen.

Dennoch gibt es, gerade auch in Zusammenhang mit der Genfer Initiative (besonders in den Jahren 2003 bis 2005) einige positive Überraschungen zu vermelden, die in doch krassen Gegensatz beispielsweise zur Welt- bzw. Nahostsicht rechtgerichteter Kreise in Israel stehen, zum Beispiel zu den „haut die Araber wo ihr sie trefft“-Kreisen, die es im Übrigen in Deutschland auch gibt.

Es gibt allerdings keinen eindeutigen Schluss, den man aus diesen Umfragen ziehen kann, außer vielleicht, dass die festgefügten Weltbilder der Extremisten eben nicht stimmig sind, beispielsweise deren Ansichten darüber, wie angeblich „die“ Palästinenser denken würden.

Der wichtigste Befund der verschiedenen Umfrage-Überraschungen ist meiner Meinung nach, dass das – m. E. oft sehr verkorkste – Denken und Empfinden der Palästinenser schwankend ist, sich in friedlicheren Phasen von einer besseren Seite zeigt, dass es sogar berechtigte Hoffnung gibt darauf, dass die Mehrheit der Palästinenser, sogar im Gaza-Streifen, eines Tages den friedlichen Ausgleich bevorzugen gegenüber jeglichem Kampf, Terror und Krieg.

[Eine Anmerkung für rechtsgerichtete Eiferer: Wer mag, kann mir an dieser Stelle „Antisemitismus“ vorwerfen. Ich schlucke derartige Hervorbringungen […gestrichen…] auch aufgrund meiner Herkunft, mit recht großer Geduld. Es ist mir schlicht egal. […gestrichen…] Ich behaupte tatsächlich, dass Israel einen großen Einfluss, auch in Zukunft, auf die Stimmungslage in Gaza und Westbank haben kann. Wer mir das als „Antisemitismus“ auslegen möchte, der erkennt darin sehr klar meine „antisemitische“ Ansicht: Ich glaube, dass der jüdische Anteil Israels auf dem Wege von Politik und Diplomatie einen großen Einfluss auf sein Schicksal haben kann, ja sogar darauf, wie stark und intensiv der Terror und der Hass ausfällt, der Israel in den kommenden Jahrzehnten entgegen schlägt.]

Leider habe ich allerdings kaum Ratschläge, wie eine Verbesserung der Lage am besten zu leisten ist, und leider bedeutet dieser, von mir angenommene, mögliche Einfluss auch nicht, dass damit der Hass und Terror gegen Isreal und seine Bewohner vollends auszuräumen wäre.

Und dennoch: Hoffnung ist ein Wert, sogar ein großer.

Überraschung Nummer 1: Bereitschaft zur Konfliktbeendigung ist bzw. war vorhanden

Auf eine bestimmte Formulierung hin (in Zusammenhang mit der Genfer Initiative)

When the permanent status agreement is fully implemented, it will mean the end of the conflict and no further claims will be made by either side. The parties will recognize Palestine and Israel as the homelands of their respective peoples.

zeigt sich m.E. Folgendes:

A) Der Anteil der „unversöhnlichen Konfliktfreunde“ ist in Gaza nicht wesentlich höher als in der Westbank. (52,5 % vs 59,1 %)

(das ist immer noch beunruhigend groß – allerdings geben andere Umfragen hier niedrigere Werte an)

B) Insgesamt gab es 2003 einen Anteil von 42,2 Prozent unter den Palästinensern, welche ein Konfliktende mit „no further claims“ (!) befürworteten. Das ist zwar immer noch eine (recht starke) Minderheit, aber bereits eine kleine Verbesserung der Stimmungslage würde – meiner Ansicht nach – die palästinensischen Friedensfreunde ins Vortreffen bzw. in eine mehrheitliche Position bringen.

Das ist m. E. eine große Überraschung – und steht deutlich fernab eifernder rechtsgerichteter Propaganda.

Im Übrigen lassen sich diese Daten sogar noch positiver auffassen, wenn man berücksichtigt, dass zum Zeitpunkt dieser Umfrage rund 27 Prozent der Befragten nicht die geringste Kenntnis von der Genfer Initiative hatten. Es ist m. E. durchaus realistisch anzunehmen, dass a) ein höherer Informationsgrad und b) eine höhere politische Verwirklichungschance (z. B. eine echte Chance) die Umfragezahlen beeinflusst hätten, und zwar in Richtung einer höheren Friedensbereitschaft.

Fast zwei Drittel (genauer gesagt: 62,4 %) der Befragten in Gaza befürworteten zudem, im Fall einer Umsetzung der Genfer Initiative, eine multinationale Sicherheitstruppe zur Gewährleistung von Sicherheit bei gleichzeitigem Verzicht auf palästinensische Souveränität. Immerhin 66,1 Prozent der Bevölkerung in Gaza befürwortete neue Verhandlungen mit Israel. Und – auch das schätze ich als Überraschung ein – 87,2 % der Bevölkerung in Gaza befürwortete „wide and fundamental domestic reforms and changes in the institutions and authorities of the Palestinian Authority.„. Anders gesagt, für die palästinensische Zivilgesellschaft ist es common sense, dass ein erheblicher Teil der Probleme hausgemacht ist.

Paranoid und widerwärtig finde ich es, dass die befragte Gaza-Bevölkerung gleichzeitig mit Mehrheit (!) (hier in starken Gegensatz zur Bevölkerung der Westbank) Anschläge auf israelische Zivilisten voll befürwortet, und gleichzeitig mit einer Rate von über 80 Prozent (!) eine Waffenruhe mit Israel begrüßt.

Ich habe nicht die geringste Idee, wie das zusammenpasst.

(Datenquelle: Survey Research Unit: Public Opinion Poll # 10, Dezember 2003, weitere Umfragen hier)

Überraschung Nummer 2: Unterschiede in den politischen Haltungen lassen sich auf Mediennutzung zurück führen – und dennoch steht Hamas in Gaza nicht gut da

Während in Gaza im Jahr 2008 der islamistische Sender Al-Aqsa TV einen Marktanteil von über 30 Prozent erzielt, liegt der Wert für die Westbank nur bei 11,3 Prozent. Wenn man es so deuten will, kann man einen erheblichen Anteil der Meinungsunterschiede zwischen der Bevölkerung in Gaza und Westbank auf eine unterschiedliche Beeinflussung zurückführen. Dennoch liegt die Zufriedenheit mit der Amtsführung von Mahmud Abbas im Gaza höher (!) und zwar bei beachtlichen 45,8 Prozent.

(Quelle)

Mit anderen Worten: Ohne ihr innerpalästinensisches Gewaltregime müsste Hamas in Gaza – unter demokratischen Bedingungen – die Entmachtung fürchten. Gegen Marwan Barghouti (Fatah) hätte ein Hamas-Kandidat in Gaza kaum eine Chance!

Ergo: Wenn z. B. Livni im Fall von Gaza von einem „Hamas state“ spricht, so ist dies gleichermaßen unwahr wie unangemessen emotionalisierend. Die Bevölkerung in Gaza steht keineswegs so deutlich hinter der Hamas, wie das in der israelischen Öffentlichkeit geglaubt wird. Allerdings hat der Gaza-Krieg 08/09 die Hamas in Gaza re-popularisiert. Wie stark dieser Effekt ausfällt, lässt sich im Augenblick nicht sagen.

Anmerkung: Ich halte schon seit vielen Jahren eine Reform der palästinensischen Medien für überfällig und für eine entscheidende Voraussetzung zur Erzielung eines friedlicheren und erträglichen Zustandes. Das Meinungsspektrum muss sich verbreitern, die Meinungsfreiheit muss sich verbreitern bei gleichzeitiger Zurückdrängung von Hass-Medien und unsachlicher Berichterstattung.

Überraschung Nummer 3: Die Umfragen des PCPSR sind ziemlich zuverlässig

Während das PCPSR im Dezember 2003 eine (schwache) Ablehnung gegenüber der Genfer Initiative seitens der Palästinenser ermittelte, kam eine Umfrage der Rice-Universität in Texas auf eine Zustimmungsrate von 55,6 Prozent für und 38,5 Prozent gegen ein Abkommen mit Israel gemäß der Genfer Initiative. (<a href=“http://www.swissinfo.ch/ger/archive.html?siteSect=883&sid=4503376&ty=st“Quelle)

Tatsächlich deuten recht viele Umfragen dahin, dass unter den Palästinensern eine Mehrheit für eine Friedenslösung erzielbar ist. Unter guten politischen Rahmenbedingungen kann dies nach meiner Einschätzung sogar eine deutliche Mehrheit sein.

Überraschung Nummer 4: Die Berichterstattung in Gaza und Westbank befindet sich im Würgegriff der militanten Kräfte

Beispiel

Schlussbemkerkung

Ich breche meine „Grabungen“ an dieser Stelle ab. Ich bin der Nahostkonflikterei ohnehin überdrüssig, des Herumstreitens rund um den Nahostkonflikt noch um einige Potenzen mehr, dazu kommt:

Es langweilt mich zu sehr, um eine derartige Akribie bei der Suche nach Umfragen und deren Bewertung fortzusetzen. Es ist auch zu aussichtslos.

Ich fürchte, ich werde damit keinen einzigen Menschen, der diesen Konflikt für einen zentralen Teil seines Weltbildes hält, damit etwas geben, was er für sich selbst auch nur als informativ ansieht.

[…gestrichen…]

Ich bitte dafür um Verständnis. Ich bin des Streitens überdrüssig, und zwar ganz besonders, wenn es Nahostfragen betrifft.

[…gestrichen…]

Wenn es schlecht läuft, zerbricht Israel irgendwann einmal am Fluch der Gewalt – und zwar auch an der Gewalt, die es selbst ausübt, pflegt und für gerechtfertigt hält.

Wehrhaftigkeit ersetzt keine politischen Lösungen.

Davon jedenfalls gehe ich aus. Ich drücke den Menschen in der Region meine Daumen dafür, dass meine schlimmsten Befürchtungen nicht wahr werden und dass sich – irgendwann – wieder ein Raum für berechtigte Hoffnungen öffnet.

Im Moment und für die nähere Zukunft erwarte ich eher das Üble.

19. John Dean - Januar 4, 2009, 16:27

Ergänzung: Zu meinen üblen Befürchtungen gehört, dass die nunmehr re-popularisierte Hamas bald auch in der Westbank die Macht erringt.


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