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Qassam-Ticker, Neuauflage Dezember 21, 2008, 14:54

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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Obwohl die Raketen, Qassams, Mörsergranaten und Grads, seit November wieder fliegen, habe ich bisher darauf verzichtet, den Ticker wiederzubeleben. Ich bin ja auch nicht so konsequent wie zB Elder of Zion. Aber wer sich auf diese Seite verirrt, sollte doch mitkriegen, daß im Süden von Israel Menschen im Krieg leben, auch wenn die Medien anderswo das für Kinkerlitzchen halten, nicht der Erwähnung wert. Heute waren bis zu dieser Stunde vierzehn, ein Mann wurde leicht verletzt.

Da eine militärische Aktion zur Eindämmung, wenn schon nicht totalen Unterbindung des Raketenterrors wohl kurz bevorsteht, nehme ich an, daß die deutschen Medien in Kürze wieder Notiz vom Gazastreifen nehmen werden. Nämlich, wenn Israel als Aggressor dargestellt werden kann. Es würde mich freuen, wenn ich mich irre.

Und ich sehe dem Eingreifen der Armee mit großer Beklommenheit entgegen, ich wünschte so sehr, es wäre nicht nötig. Die Hamas hat natürlich in den letzten Monaten aufgerüstet wie verrückt, sie sitzt in Wohnvierteln und benutzt Zivilisten als Schutzschild, und es wird unmöglich sein, Verluste auf beiden Seiten zu vermeiden. Bevor sich wieder die guten Herzen über Israel erregen, nochmal kurz zur Erinnerung: alle Raketen, die aus dem Gazastreifen abgeschossen werden, sind gegen Zivilisten gerichtet – nach Definition der Hamas gibt es in Israel nämlich gar keine Zivilisten. Und auch im Gazastreifen gibt es Zivilisten nur, wenn ausländischen Journalisten das Leid geklagt wird. Der Schutz von Zivilisten, die saubere Trennung von Kombattanten und Zivilisten, diese Grundsätze sind der Hamas gänzlich unbekannt. (Es landen ja auch immer wieder Raketen auf palästinensischem Gebiet.) Das macht den Kampf gegen sie so schwierig, beinahe unmöglich.

Mir graut davor, denn ich habe mir trotz der haßerfüllten Demonstrationen, der giftigen Rhetorik und der schamlosen Lügen („Israel dreht den Strom ab!“) das Mitleid bewahrt. Ich sehe die Bewohner des Gazastreifens als Geiseln der Hamas, und sie zeigen typische Anzeichen des Stockholm-Syndroms. Sie tun mir leid, denn sie erkennen nicht, daß sie ohne die Hamas viel besser leben könnten. Vermutlich wollen sie gar nicht besser leben, sondern sind bereit, alles dem Kampf gegen den verhaßten zionistischen Feind zu opfern.  Traurig, traurig.  Könnte ich doch nur in Worten klarmachen, wie sehr mein Herz sich wünscht, es wäre anders, es wäre möglich, ein vielleicht mürrisches, aber aggressionsfreies Nebeneinander zu erreichen.

Mein Schwiegervater, der seit den 50er Jahren in allen Kriegen Israels mitgekämpft hat (und dabei ein paar unglaubliche Dinge erlebt hat!), sagte gestern abend übrigens genau dasselbe. Seine Mutter hat, als sie mit ihm schwanger war, den Kibbuz mit dem Gewehr bewacht, weil vor der Staatsgründung Angriffe von Arabern oft vorkamen. Seine Kinder haben im Krieg gekämpft, jetzt tragen seine ersten Enkel Uniform. Er hat es satt, satt, satt wie Steineklopfen, daß es immer so weitergeht.

Ich weiß nicht, wie viele Leser ich im Moment habe – meine ehrlich gemeinte Frage nach einer möglichen Reaktion Israels hat keine realistischen oder gar optimistischen Antworten bekommen. Ich bin und bleibe ratlos. Wie die armen Menschen das im Süden aushalten, weiß ich nicht. Ich habe erst zweimal im Leben unter realer Bedrohung durch Raketenbeschuß gelebt, 1991 und vor zwei Jahren, jedesmal nur für kurze Zeit.

1991 habe ich den Beschuß auf Checkpost gehört und unsere Fenster haben gewackelt, vor zwei Jahren war ich schon in Urlaub, als in unserem Gebiet Raketen fielen. Aber wirklich, ich hab das Gefühl nicht vergessen. Man fühlt sich so schutzlos, so ausgesetzt. Ich habe mir damals geschworen: ich werde mich nie wieder über irgendwas beschweren, wenn diese Bedrohung nur aufhört! Natürlich habe ich diesen Schwur nicht halten können, wie schwach ist die menschliche Natur. Aber wenn man die Kinder nicht zum Federballspielen auf die Wiese lassen mag, weil man Angst hat, da schlägt was ein – das ist kein Leben.

Und es glaube keiner, ich wünschte nun den Zivilisten im Gazastreifen aus Rachsucht dasselbe. Ich wünsche das niemandem. Ich möchte, daß es überflüssig ist in unserer Welt. Ich möchte, daß die Welt sich weiterentwickelt. Im Babyhaus wird gebissen, weil die Kinder noch nicht sprechen können.  An der Uni, ja schon in der Grundschule wird ausgesprochen, was einen stört, und nicht gebissen. Ich möchte, daß wir das Babyhaus-Stadium hinter uns lassen. Ich will auf keine Beiß-Ührchen pusten müssen, weder bei uns noch bei anderen. Ich möchte, daß gegenseitige Ansprüche geklärt und aus der Welt geschafft werden, in freundlichem Entgegenkommen, wie unter zivilisierten Menschen üblich. Ich möchte König Hussein wiederhaben. Oder Sadat. Jemanden, mit dem man sprechen kann. Jemanden, der bereit ist zu sagen: die Vergangenheit war nicht schön, aber ab jetzt beißen wir nicht mehr.

Während ich das noch schreibe, erscheint bei Ynet schon der nächste Artikel. Nicht sehr ermutigend.

Kommentare»

1. Raketenterror « grenzgaenge - Dezember 21, 2008, 15:07

[…] etwas darueber zu lesen. mit der zeit wird das ja auch langweilig. darueber hinaus ist das mit dem raketenterror der den sueden israels heimsucht so eine sache. das passt nicht in den medien mainstream. die […]

2. Markus - Dezember 21, 2008, 17:59

> Ich weiß nicht, wie viele Leser ich im Moment habe – meine ehrlich gemeinte Frage nach einer möglichen Reaktion Israels hat keine realistischen oder gar optimistischen Antworten bekommen. Ich bin und bleibe ratlos.

Die Frage nach der möglichen Reaktion Israels habe ich gelesen, aber – natürlich – ist mir auch nichts so recht eingefallen. Was Israel jetzt auch tut – es kann nur ein Griff in die Sch… sein.

Tun sie nix – denkt Hamas: Super und macht immer weiter und die Bewohner Sderots und anderer Städte werden langsam >wahnsinning<.

Greifen sie an, werden die Verluste auf beiden Seiten hoch sein und die Welt wird wieder sagen: Die bösen übermächtigen Israels gehen auf die armen schwachen Gazianer los.

Am sinnvollsten erscheint mir noch die Möglichkeit, ein Abwehrsystem zu errichten. Aber selbst wenn das technisch gelingen sollte, bin ich mir sicher, dass die Hamas andere Wege finden wird, Israel so zu attackieren, dass es weh tut.

Ich wünsche Dir und Deiner Familie den Segen des Allerhöchsten und ein Leben frei von Angst. Ein frommer Wunsch – ich weiß – aber ich bin auch fromm 🙂

3. olaf61 - Dezember 21, 2008, 18:29

Das Dumme ist, ein Gespräch muss von beiden Seiten gewollt sein und das, was die israelische Regierung tut, nämlich nichts, als würde Sderot nicht mehr dazu gehören, ermutigt die Raketenschiesser nur. Ja, es wäre so schön, würden überall nur nette Menschen leben, so ist es aber nicht. Und was Israel auch tut, es wird immer falsch sein. Dann sollte der Staat auch das Beste Falsche tun, im Interesse seiner Staatsbürger.

4. Piet - Dezember 21, 2008, 19:52

Ich hatte es hier schon angedeutet, aber in der Tagesschau zeichnet sich ja schon ab, wie die zu erwartende Berichterstattung aussehen wird. Etwas anders sieht es im Tagesspiegel und in der Zeit aus.

Übrigens teile ich deine Ansicht über das Stockholmsyndrom nicht: Ich finde den link leider gerade nicht (wenn, reiche ich ihn nach), aber eine große Mehrheit war nach Umfragen in Gaza-Stadt für die Verlängerung des Waffenstillstandes (im Gegensatz zur Hamas).

5. Lila - Dezember 21, 2008, 20:33

Ja, Piet,aber wenn man dann wieder die Bilder von den jubelnden Paraden sieht… ich weiß es nicht, man kann den Menschen nicht ins Herz gucken. Aber daß die Hamas die Bewohner des Gazastreifens als Geiseln genommen hat, meine ich ernst. Auch wenn die Geiseln sich ihre Geiselnehmer „frei“ gewählt haben. Das meine ich mit dem Stockholmsyndrom.

Ja, Markus, den Segen des Allerhöchsten brauchen wir, das ist auch das einzige, was mich tröstet.

Gerade wird in den Nachrichten ausgeführt, wie sich die Hamas bewaffnet hat und durch die Blockade nur stärker geworden ist – Israel ist an allem schuld, und das verbindet. Und gleichzeitig fällt wieder eine Rakete in einem Kibbuz, neben dem Schwimmbad. Live aus Sderot.

6. Ostap Bender - Dezember 21, 2008, 21:35

Ist das etwa ein ARD-Mikro?

Unglaublich.


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