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Hart und einseitig Dezember 10, 2008, 7:15

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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Lieber Leser Urs, Dein Einwand verdient eine ausführliche Antwort, damit Du wenigstens nachvollziehen, wenn schon nicht goutieren kannst, woher die Härte und Einseitigkeit kommt, die Du störend findest.

Vorangeschickt:  ich wollte niemanden kränken, einige meiner besten Freunde sind Schweizer 😉  und ich meinte mit meiner unnötig spitzen Bemerkung im letzten Eintrag nur diese bzw diesen Schreiber der NZZ. Besatzung und Totalbschnürung, das ist eine Verzerrung der Tatsachen, die den Leser ärgert, der die Wahrheit kennt. Tut mir leid, wenn der Ärger dann die Falschen trifft. War nicht so gemeint.

Vor ein paar Jahren, zu Zeiten des Osloer Prozesses, war Gaza ein Boomtown mit blühender Wirtschaft. Wer hat dem ein Ende bereitet? Bestimmt nicht Israel. Es war die willkürlich und sinnlos vom Zaun gebrochene Intifada, die es unmöglich gemacht hat, dem Gazastreifen weiterhin wirtschaftlich behilflich zu sein.

Ich habe schon öfter auf das Industriegebiet Erez hingewiesen, und ihr trauriges Ende.

So war die Lage in Erez zu früheren Zeiten, ich weiß nicht genau, von wann der Text ist.

The Erez Industrial Park, situated on the northern border of the Gaza Strip, is under Israeli control and is administered by the Israeli authorities.

The location of the industrial Park allows for the daily entrance of Palestinian workers from the Gaza Strip to factories situated in the Park, without the need to enter the borders of the State of Israel, thus permitting the continuous employment of Palestinians, regardless of security closures that may affect the border crossing into Israel.

To date there are some four thousand Palestinian workers employed in the Erez Industrial Park, making the Park one of the major sites for employment of Palestinians in the Gaza Strip. The planned expansion of the Park to include additional factories will allow for the employment of thousands of additional Palestinian workers.

Wiederholt, so 2001 und auch 2004, warnt die Armee, daß die ständigen Terrorangriffe auf Erez den Industriepark kaputtmachen.

„We have seen an acceleration of attempts (by militants) to strike at very specific targetted points,“ Brigadier General Ruth Yaron said, referring to the Erez crossing point and the neighbouring Israeli-Palestinian business park.

„Terror organisations are aiming specifically at the points where you have Israelis and Palestinians meeting,“ she told reporters at a meeting here of the Foreign Press Association in Jerusalem.

The increase of attacks in the area, which Yaron said had killed some 14 people in the past few months, raised serious questions about the future of the Israeli-Palestinian industrial park.

Einzelheiten zu den Anschlägen auch hier und hier. Das war vor der Räumung.

Es gibt doch zu denken, daß es gerade Einrichtungen wie Erez gab, die von den Terroristen aufs Korn genommen wurden. Erstens gefährdeten sie damit akut das Leben ihrer eigenen Leute. Zweites gefährdeten sie damit ihren Lebensunterhalt und führten sie damit geradewegs in die Verelendung, die sie dann Israel in die Schuhe schieben können. Drittens zeigen sie den Israelis, daß normale Beziehungen unerwünscht und unmöglich sind. Erez war ein Versuch der Zusammenarbeit und Normalisierung.

Erez funktionierte. Geschäftsleute verstehen sich nämlich, wenn sie gemeinsame Interessen haben. Und dem war auch so. Der Terror in Erez richtete sich auch insbesondere gegen palästinensische Geschäftsleute, die in Israel keinen a priori Feind sahen, sondern Geschäftspartner. Solche Palästinenser werden nicht geduldet. Wer aber hört ihre Stimme, wer solidarisiert sich mit ihnen? Die europäische Friedensbewegung idealisiert lieber den armen, hilflosen Terroristen als seine Opfer – zu denen auch der Geschäftsmann aus Gaza gehört.

Es ist auch nicht so, als wären diese Vorfälle ein gut gehütetes Geheimnis gewesen. Obwohl sie international durchaus in den Zeitungen standen, fanden sie keine Beachtung. Man könnte fast meinen, daß die Medien sich entschieden hatten, wer der Schuldige ist, und andere Erklärungsversuche nicht in Betracht zog. Nur israelische Härte ist für das Schicksal der Menschen in Gaza verantwortlich, scheint der Konsens zu lauten. Jedenfalls erwähnen die Artikel über das Elend in Gaza den Terror meist ohne konkrete Beispiele wie Erez, und oft nur als Zitat der Israelis, also ob es sich auch um Vorwände handeln könnte, nicht um überprüfbare Tatsachen.

Die palästinensische Version der Geschichte (Interview mit Abu Salah), die nicht das geringste Verständnis für die Sicherheitsbedürfnisse Israel hat, hat sich international vollkommen durchgesetzt.  Dabei finde ich besonders den Schlußsatz aufschlußreich:

Personally, I prefer not to enter into any project with the Israeli side unless there is a political solution, even a gradual one. I don’t expect peace tomorrow, but let’s have it gradually and let’s have a window, a small opening for a solution. Just now, there is nothing.

Ich nenne das die Alles-oder-Nichts-Haltung. Viele Bedingungen, viele Forderungen an Israel (Israel soll, Israel muß, Israel darf nicht…), wenig bis gar keine Bereitschaft, echte Verpflichtungen einzugehen. Auf die Dauer ein bißchen einseitig. Noch dazu, wo wir diese Partnerschaften nicht unbedingt brauchen. Es wäre schön, wenn wir sie hätten, ohne Zweifel, aber wir haben unsere Wirtschaft auf die Beine gestellt, auch unter Boykott-Bedingungen, statt uns nur darauf zu beschränken, die jeweils andere Seite zu torpedieren. Konstruktiv statt destruktiv.

Man sollte meinen, der Abzug Israels 2005 hätte den Palästinensern zu Bewußtsein gebracht, daß sie nun für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind, und daß ihre größten Schätze alle Einrichtungen sind, die ihnen ein Einkommen gewähren. Doch was geschah?

Gazan Palestinians ravaged their own fledgling economic infrastructure. Looters made off with the greenhouses, supposed to have given 14,000 Palestinians a living.

Vandals dismantled the Erez industrial and workshop center, which had jobs for another 12,000. The Peres Peace Center and international coordinator James Wolfensohn raised $14m to buy the greenhouses from the Israeli farmers and so keep the Palestinian workers in their former jobs after their Israeli employers left.

In Erez, the former joint Israeli-Palestinian ventures were ransacked and torn down or vandalized, power centers were smashed and electric wiring pulled out of walls and stolen.

Heute ist Erez tot, das Experiment einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit als Pilotprojekt für Frieden ist gescheitert. Dazu ausführlicher in Haaretz.

The first intifada, undoubtedly a popular uprising, erupted after about two decades of prosperity, the likes of which the Palestinian economy had never experienced. Between 1968 and 1986, the Palestinian GDP grew by 9.3 percent a year in real terms, almost as much as Netanyahu is now promising. The Palestinian economy grew at a similar rate even in the three to four years prior to the second intifada. While an economic deterioration may increase violence, improving the economy does not necessarily make things safer.

Netanyahu proposes improving the Palestinians‘ economic situation by setting up industrial parks near Palestinian cities. This would free them, and us, from having them come work in Israel. The industrial park that existed until recently near the Erez border crossing employed 5,200 people. When the industrial park being set up in Jenin, at the initiative of the Peres Center for Peace, is completed in 2011, it will create a similar number of positions.

Ich fürchte, auch aufgrund von Aussagen wie der von Abu Salah, der Industriepark Jenin wird dasselbe Schicksal haben wie Erez. Solange bei den Palästinensern die das Sagen haben, für die jede Kooperation mit Israel Verrat ist, solange solche Bereiche der Zusammenarbeit Ziele für Terro sind, auf Kosten der eigenen Leute – so lange bleibt Israel gar nichts anderes übrig, als sich zu schützen.

Stell Dir mal einen Moment vor, lieber Urs, die Deutschen würden die Schweiz bombardieren. Och, keine großen Raketen, nur so kleine Dinger, die auf ein paar Dörfchen an der Grenze fliegen, auf Schulen, Wohnhäuser, Fabriken, E-Werke. Wie würde das die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Schweiz beeinflussen, wie die politische Stimmung? Wußtest Du, daß in den letzten vier Wochen über 200 Raketen auf Südisrael niedergegangen sind? Daß das seit acht Jahren so geht, und daß der UNO (s. letzter Beitrag) nichts Besseres einfällt, als einen Forderungskatalog an Israel vorzulegen? Meinst Du nicht, die Härte und Einseitigkeit liegen eher auf der Seite der Berichterstatter, die keinen Gedanken daran verschwenden, wie das Ganze  für Israelis aussieht. Hart und einseitig werden wir dafür verurteilt, daß wir uns vor Terror schützen.

Auf unserer Seite gibt es einfach niemanden, der eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Palästinensern ablehnen würde.  Stef Wertheimer hat sein Leben dieser Idee gewidmet, der Peres Center gibt dafür Gelder aus, Politiker wie Sneh hängen der Idee nach wie vor an, und israelische Geschäftsleute haben in Erez und andere Unternehmen investiert. Sie würden es wieder tun, wenn nur die Chance bestünde, den Palästinensern zu helfen. Aber wer sich partout nicht helfen läßt und dann noch konsequent die Schuld nur bei anderen sucht – Urs, was macht man mit dem? Hast Du eine kreative Lösung? Eine Öffnung der Grenzen bedeutet nicht Handel, sondern mehr Terroranschläge. Wie oft sollen wir das Risiko noch eingehen? Wäre eine widerwillig anerkennende Schlagzeile in der NZZ das Leben einer Frau auf dem Markt in Beer Sheva, eines Falafel essenden Schülers, eines Studenten in Sapir wert?

Was aus dem Plan geworden ist, daß die Türkei die Verantwortung für Erez übernimmt, weiß ich nicht. Wer will schon in einem Gebiet investieren, in dem täglich Qassamraketen niedergehen?

Wer also, lieber Urs, ist verantwortlich für den wirtschaftlichen Niedergang des Gazastreifens? Wenn man die Fakten prüft, kann man nur sagen: der Terror. Statt daß mal jemand anerkennt, daß Israel wirklich versucht hat, zu helfen, wird uns die gesamte Schuld zugeschoben. Dabei leiden wir unter dem Terror zuallererst, sind seine Zielscheibe. Ich verwahre mich gegen den Vorwurf, angesichts dieser Tatsachen als hart und einseitig bezeichnet zu werden. Ich bin nicht hart, bin es nie gewesen. Ich unterstütze jeden Versuch, den Palästinensern zu helfen, aus vollem Herzen. Aber nicht auf Kosten von Leib und Leben Unschuldiger, ob Palästinenser oder Israelis, die zur Zielscheibe werden. Und ich bin auch nicht einseitig. Ich habe oft genug meine Empathie mit den Opfern des Terrors auf der palästinensischen Seite geäußert, zum Beispiel mit den Bauern und Geschäftsleuten, deren Versuche, eine funktionierende Wirtschaft aufzubauen, von den Terroristen torpediert und dem Rest der Welt ignoriert wird.

Wenn Europäer sich schon mit den Palästinensern solidarisieren wollen, warum nicht mit diesen Menschen?

Und ein letztes Wort zum Thema „freie Handelswege Israels“: wir werden und wurden unermüdlich boykottiert. Wir haben alles andere als gute Bedingungen für wirtschaftliche Blüte in einem schmalen, wasserlosen, rohstoffarmen winzigen Land mit geschlossenen Grenzen rundherum. Ständige Bedrohung durch Krieg und Terror eine uneinheitliche Bevölkerung mit großen Anteilen von Minderheiten sind keine idealen Bedingungen. Daß wir es trotzdem gschafft haben, eine brummende Wirtschaft auf die Beine zu stellen, in Wissenschaft und Handel eine respektable Position zu erkämpfen, ist keine Selbstverständlichkeit.

Kommentare»

1. beer7 - Dezember 10, 2008, 10:46

Eine kleine Zusatzinformation:

Offensichtlich geht es aus Sicht der Hamas der Bevoelkerung im Gazastreifen noch nicht schlecht genug. Warum werden seit dem Abzug systematisch die Grenzuebergaenge beschossen, ueber die Lebensmittel (Kerem Shalom) und Treibstoff (Nahal Oz) in den Gazastreifen geliefert werden?

http://beer7.wordpress.com/2008/12/03/pal-jugendliche-hamaskaempfer-und-kanonenfutter/
http://beer7.wordpress.com/2008/04/16/die-oellieferung-in-den-gazastreifen-findet-heute-nicht-statt/

2. Jo - Dezember 10, 2008, 13:53

Danke, dass du immer wieder es schaffst, so klar und unaufgeregt (auch wenn es allerlei Grund dazu geben würde…) die Fakten darzulegen.
Man merkt, dass das, wass du schreibst, von Herzen kommt und eine ehrliche Bereitschaft ist.
Zum Frieden gehört aber auch die andere Seite, und solange die keine oder kaum Schritte in Richtung Zusammenarbeit macht, wie soll dann Vertrauen entstehen? Wie soll dann denn Frieden jemals funktionieren? Die Palästinenser werden doch genauso wie die Israelis es schon getan haben, schmerzhafte Kompromisse eingehen müssen, aber dafür muss man Bereitschaft zeigen.

3. Markus - Dezember 10, 2008, 23:02

Zitat Jo: „Danke, dass du immer wieder es schaffst, so klar und unaufgeregt (auch wenn es allerlei Grund dazu geben würde…) die Fakten darzulegen.“

Zustimmung, Lila.
Ich bin auch erstaunt und beeindruckt über Deine Kenntnis der Fakten und Hintergründe. Du lebst nicht nur Israel, sondern weißt auch eine Menge und kannst Zusammenhänge herstellen.
Machst Du das beruflich?

4. Lila - Dezember 11, 2008, 0:29

Danke, Ihr seid lieb, aber ich weiß natürlich nur einen winzigen Teil, was ich eben so mitkriege. Über die Sachen, mit denen ich beruflich zu tun habe, weiß ich ungleich gründlicher Bescheid. Die sind aber auch viel schöner! Morgen zB halte ich einen Vortrag über amerikanische Kunst als Spiegel amerikanischer Identität. Ich finde das so interessant, ich arbeite so ein Thema mehr aus persönlicher Neugierde aus als aus beruflicher Verpflichtung. Aber auch da habe ich immer das Gefühl, mein Wissen ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

5. Omar H. - Januar 11, 2009, 1:59

mir streuben die haare wenn ich das lese,du hast ein beispiel genommen wenn die deutschen die schweiz bombadieren würden warum sieht ihr das nicht anders zb was würden die schweizer tun wenn die deutschen ihnen die schweiz weck nehmen würden und sie die schweizer aus ihrem eigenen land vertreiben und die die geblieben sind müssen die regeln der deutschen befolgen und wenn nicht dann rieseln halt ein paar bomben auf sie und ihren familien herunter, mit der begründung da gibt es ja eine gruppe die terror betreibt und die deutschen gefährdet,die sich eigentlich nur gegen das währen was ihnen aufgezwungen wird und das ihn ihrem eigenen land.
Man sollte sich fragen warum sich die palästinnenser währen das garantiert nicht ohne grund.
Schon allein die mauer die gebaut wurde ist grund genug wisst ihr überhaupt wie viele familien auseinander gerissen wurden oder wie viel leid sie in ihrem eigenen land zugefügt und erfahren müssen und wie vielle neugeborene sterben musten weil die schwangeren nicht durch die israelischen kontrollen gekommen sind um rechzeitig ins krankenhaus zu kommen das sind einige sachen von vieles wo von ihr wahrscheinlich nichts wisst oder nicht wissen wollt und dann erst sollte man ein vorurteil bilden.

6. Lila - Januar 11, 2009, 6:53

dann erst sollte man ein vorurteil bilden.

In der Tat. Genauso bildet man ein Vorurteil.

Ehrenwort, das ist ein authentischer Kommentar, den hab ich nicht aus Bosheit selbst geschrieben!


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