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Was ich alles ignorieren muß, Oktober 30, 2008, 23:09

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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um halbwegs ruhig schlafen zu können. Eine ganze Menge, ich will gar nicht in Einzelheiten gehen. Von Seiten der Siedler hat sich eine solche Wut gegen die Armee angestaut, daß sie zu verbaler und auch körperlicher Gewalt bereit sind. Das ist keine neue Erscheinung, aber sie verschärft sich immer weiter, und ich habe das Gefühl, unter der Oberfläche wartet noch viel mehr.

Das ist eine sehr komplizierte Sache, denn die junge Generation der Siedler stellt die Soldaten mit der höchsten Motivation, in kämpfenden Einheiten und in sehr hohen Positionen. Was früher Bastionen der Kibbuz-Jugend waren, ist heute in die Hände der Soldaten mit gehäkelten Kippot übergegangen („kippot srugot“ oder „knitted kippot“, obwohl die natürlich nicht gestrickt, sondern gehäkelt sind :roll:). Es ist bestimmt kein Zufall, daß die letzten Anschläge in Jerusalem von solchen jungen Soldaten aufgehalten wurden. Aus dem Milieu, das von außen so einheitlich aussieht, kommen also gleichzeitig die einsatzbereitesten Soldaten, und die Hasser ebendieser Soldaten. Was daraus noch werden kann, mag ich mir nicht ausmalen.

Natürlich sind die Probleme mit den Palästinensern keineswegs weniger geworden, auch wenn man davon im Moment weniger hört. Anschläge werden vereitelt, in den letzten Tagen fallen auch wieder Qassams*, und immer wieder kommt es vor, daß Unschuldige, Unbeteiligte ihr Leben verlieren. Zum Beispiel der Hirte, der die Soldaten für Diebe hielt – die Soldaten, die den Hirten für einen Angreifer hielten  und ihn erschossen – ein Albtraum, und nur einer von viel zu vielen. Oh Gott, ich wünschte, wir wären schon so weit, daß die Palästinenser unsere Sicherheit nicht mehr gefährden, wir die Truppen abziehen können und niemand mehr sterben muß, wiel er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Bedrückend, traurig.

Die Soldaten sind immer mitten im Konflikt. Sie beschützen palästinensische Bauern vor wütenden Siedlern, während palästinensische Sicherheitskräfte anfangen, gegen Hamas-Mitglieder vorzugehen – das gibt es auch, und es ermutigt mich. Aber die Hoffnung der frühen neunziger Jahre, daß es mal eine richtige Kooperation zwischen den Palästinensern und uns gibt, so wie wir mit Jordanien an der Grenze zusammenarbeiten, hab ich mir abgeschminkt. Alles sehr zerbrechliche Beziehungen. Wir werden noch lange mit hohem Aufwand unsere Sicherheit schützen müssen, aber Unbeteiligte auf der palästinensischen Seite in Ruhe lassen.

Ich schlafe schlecht. Heute ist der 30. 10. Am 30. 11. wird Primus eingezogen. Er hat sich schon die Haare ganz kurz scheren lassen, und es steht ihm sehr gut. Was ihm noch wie ein großes, jungmännliches Abenteuer vorkommt, ist für seinen Vater und mich Auslöser endloser Albträume.  Gewalt erleiden oder ausüben, dafür haben wir ihn nicht erzogen. Ich hoffe, wir haben Glück, und sein Armeedienst wird Gewalt verhindern.

*Falscher Alarm, Gott sei Dank.

Kommentare»

1. jim - Oktober 31, 2008, 3:08

„Was ihm noch wie ein großes, jungmännliches Abenteuer vorkommt, ist für seinen Vater und mich Auslöser endloser Albträume. Gewalt erleiden oder ausüben, dafür haben wir ihn nicht erzogen.“

Seit Du zum ersten Male, ist schon ne Weile her, hier darüber geschrieben hast, dass Dein Kind demnächst auch zur Armee einrücken wird, hab ich immer wieder mal dran denken müssen, wie ungerecht solch Art der jungen Menschen abverlangten Verantwortung in unserer sogenannten zivilisierten Welt doch verteilt ist.
Ich meine, bei uns hier, da können sich die Jungs es aussuchen, ob sie nun Ersatzdienst machen wollen, oder zum Heer gehen, paar Monate und es ist egal, wie sie sich entscheiden.
Nicht ganz, zumindest mir nicht, muss ich nun aber doch ehrlicher Weise sagen. Denn ich persönlich bin aus vielerlei Gründen wirklich froh, wenn unsere Söhne sich nicht für eine Heeresausbildung entscheiden, weiß gleichzeitig aber auch, dass viele Israelische Familien darunter leiden, denn Israel will zwar auch nicht, aber es muss!
Möchte aber noch etws ganz Wichtiges, Beruhigendes loswerden:
Kinder, die das Glück haben, in einer einigermaßen solidarisch-harmonischen Familie heranzuwachsen, die das Glück haben, selbstlos, also um ihrer selbst Willen geliebt zu sein, die also das Glück haben, das nötige Urvertrauen, eine eigene autonome Identität auszubilden, die sind in Sicherheit! Es kann ihnen nichts passieren. Und selbst die härteste militärische Ausbildung kann ihre Perlönlichkeit, ihren Charakter, ihr empathsches Vermögen und aber auch nicht das Wissen um die ihnen abverlangte Verantwortung.nicht mehr beeinträchtigen.

Es sind das genau die Leute, die so dringend gebraucht werden, in der Armee und selbstvertändlich auch im täglichen Leben, von welchen es aber leider immer viel zuwenige gibt, bei Euch dort in Israel und auch hier bei uns.

Möchte Euch, der ganzen Familie und insbesondere dem Jungen alles nur erdenlich Liebe und auch viel Glück wünschen, für diese schwere Zeit.

Jim

2. Lila - Oktober 31, 2008, 7:16

Danke, Jim. Ja, leider, zieht es sich hin, erst hieß es, Juli, dann Anfang November, jetzt Ende November. Es ändert sich auch die Einheit, zu der er eingezogen wird. Ich wäre froh, wenn wir schon wüßten, wo er nun hinkommt, wie es dort ist, und wie er zurechtkommt.

Du bist optimistisch, das bin ich für andere auch immer 😉 Eine halbwegs harmonische Kindheit schützt vor vielem, nicht vor allem.

Um Secundus mache ich mir weniger Sorgen, er ist viel robuster. Vielleicht kommt mir das auch nur so vor, weil es noch nicht so weit ist. Und dann die Mädchen… so viele Stunden hat die Nacht gar nicht, wie ich Schlaf verliere.

3. grenzgaenge - Oktober 31, 2008, 8:20

schabbat schalom, lila. see you 🙂

mhhh, nein, ich werde nichts zu deinem beitrag schreiben. meine meinung dazu duerfte klar sein !!

4. willow - Oktober 31, 2008, 11:36

Ja Jim, wir können wirklich glücklich sein, daß „bei uns“ für die Kinder nicht die dringende Notwendigkeit besteht, einen Wehrdienst machen zu müssen. Nicht, daß es nicht auch in Israel „Alternativen“ zum Wehrdienst gibt – aber die große Mehrheit der Heranwachsenden in Israel sieht eben diese fürchterliche Notwendigkeit…

Für Eltern ein Alptraum, aber wir können ja überlegen, wie wir der Lila bissel beistehen können…

5. Stefan - November 3, 2008, 1:12

Liebe Lila,
gerade deine Betrachtungen im letzten Absatz zeugen von menschlicher Größe.
Ich glaube, dass die meisten Menschen hier in unserem Sicherheitsbiotop Deutschland eure Situation nur bedingt nachempfinden können. Alle guten Wünsche!

6. grenzgaenge - November 5, 2008, 18:29

liebe lila,

ist so ruhig hier 🙂

hast du dich von meinem fundamentalistischen besuch noch nicht erholt ? ich habe deine armen kinder gaaaaaanz bestimmt religioes indoktriniert. gaaaaaanz bestimmt. arme lila !!

*LOL*

ich hoffe dich hat nicht die lust am schreiben verlassen.

haifa war wirklich schoen. danke fuer den hinweis.

ich kenne haifa ja nicht wirklich. trotzdem kam ich ueberall an. ich habe die erfahrung gemacht das die leute in israel sehr hilfsbereit sind. das ist mein subjektiver eindruck. natuerlich freut mich das.

der grenzgaenger wird jetzt gleich seinen abendspaziergang machen.

bis morgen und liebe gruesse.
g/

7. Lila - November 5, 2008, 18:58

Nee, mich hat nur die Zeit verlassen. Ich habe ein paar halbverhungerte Einträge in den drafts folder gestopft, da vergammeln sie nun.

Ja, Du kommst Dir in Deutschland bestimmt sehr fundamentalistisch vor, aber im Vergleich zu den Fundamentalisten, die ich hier so kenne, bist Du ein ganz Weichgespülter :fieses Lachen: Und meine Kinder sind jahrzehntelang so erbarmungslos indoktriniert worden, daß Du da keinen Schaden anrichten kannst. Auch wenn Du so wunderbar vollbepackt bist 😀

Ja, Haifa ist schön. Also nicht schön wie Delft oder Venedig oder Mariehamina schön sind. Mehr so wie das Ruhrgebiet schön ist – schöne Natur, durch die Mühle menschlicher Nutzung gedreht, teils heruntergekommen, teils erneuert, lebendig und schäbig – Haifa hat irgendwas.

Man sagt ja, Jerusalem betet, Tel Aviv feiert und Haifa arbeitet.

Ich freue mich, daß es Dir gefallen hat.

8. olaf61 - November 7, 2008, 19:36

Um mal mit Lenin zu sprechen, „eine Revolution ist nur dann etwas wert, wenn sie sich zu verteidigen versteht.“ Was aber auch auf Staaten zutrifft. Wenn Primus also Israel dient, dann kann das zwar die Mutter nicht beruhigen, es dient aber der Sicherheit ihrer anderen Kinder. Man kann nun mal nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt und ihm nichts entgegegengesetzt wird. Dem bösen Nachbarn. Das nennt sich Realität. Oder wer soll Euch schützen, wenn nicht die eigenen Kinder? Ich drücke jedenfalls die Daumen, dass er den Wehrdienst unbeschadet übersteht. Toi, toi, toi!

9. califax - November 8, 2008, 1:52

Meine Nichte ist Soldat. Nicht mein Kind und nicht Israel sondern nur aller Wahrscheinlichkeit bald Afghanistan.
Mir tut der Bauch weh, wenn ich dran denke.
In Deiner Lage möchte ich nicht sein.

10. willow - November 8, 2008, 23:36

Im Film wird darauf hingewiesen, dass die ausgebildeten Soldaten ganz plötzlich allein waren mit ihren Ängsten, ihrer Panik (und später mit ihrem Gewissen).

Ja. Genau so sind Extremsituationen, nicht nur für Soldaten. Was bildest du dir eigentlich ein….

11. jim - November 11, 2008, 4:15

Nein, Lila wird ihren Sohn in die Erwachsenenwelt entlassen, ein vollkommen normaler und gesunder Abnabelungprozess, der in Israel auf Grund der herrschenden Realität im Zuge der Einberufung zur Armee vor sich geht und so in gewisser Weise sogar erleichtert wird.

Primus wird auf Grund seiner familiären Prädisposition die Herausforderung annehmen. Eigenverantwortung und Empathie werden bei hoher Sensibilität seine Einstellung, seine Entscheidungsfähigkeit, seine kognitiven Fähigkeiten auch unter Druck maßgeblich bestimmen und vervollkommnen, so seine Entwicklung sehr positiv beeinflußen und damit eine gute Basis für ein freies, weitestgehend selbstbestimmtes und erfülltes Leben bieten.

Bei Secundus, der robuster erscheint und bei den Madchen wird es nicht anders sein, denn entscheidend ist die gesunde Grundstruktur jedes Einzelnen und die wird innerhalb der Familie in allerfrühester Kindheit ausgebildet.

Man braucht sich also, davon bin ich nach langer Zeit der Lekture dieses Blogs überzeugt, keinerlei Sorgen zu machen.


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