jump to navigation

Secundus in der Unterwelt Oktober 27, 2008, 16:14

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
trackback

Seit ein paar Tagen hat Secundus eine seltsame Schwellung an der Wange. Da er niemals klagt, bemerkten wir es erst, als das Ding eines Morgens richtig aufgegangen war. Ich bekam einen Schrecken und scheuchte ihn zum Arzt hier im Kibbuz. Der verschrieb Antibiotika. Wohl ein Pickel, der sich selbständig machen wollte.

Als nach drei Tagen Antibiotika keine Besserung zu erkennen war, schickte der Arzt uns zur Ambulanz des Rambam-Krankenhauses in Haifa. Unser Arzt im Kibbuz ist von der zögerlichen Sorte, er guckte Secundus lange versonnen an und meinte verträumt: „Kieferchirurgie oder plastische Chirurgie? Kieferchirurgie oder plastische Chirurgie? Hmmmm….geht mal ins Rambam, da gibt es alle Arten von Ärzten…“ und stellte die Überweisung schließlich für beides aus. Ich kenne doch „Kupat cholim“ (was eigentlich „Krankenkasse“ heißt, aber oft als Synonym für das Gesundheitssystem gebraucht wird und von vielen „kaputt cholim“ genannt wird…) und ahnte gleich, daß uns daraus nichts Gutes erwachsen würde.

Wir fuhren zu dritt nach Haifa, Secundus, Y. und ich. Natürlich nutzte ich die Gelegenheit, um das uralte Döneken von Secundus mit drei Jahren zu erzählen, der sich am Kaffeetisch die Augenbraue aufschlug und genäht werden mußte. Wie wir nach Haifa fuhren, ich mit dem Arm um den Knirps, mit Eisbeutel und vielen Tüchern. Und wie Secundus an einer Ampel tief aufseufzte und lächelte: „endlich allein mit Mama und Abba!“ Jedes unserer Kinder freut sich über Allein-Zeit mit beiden Eltern, und wir bemühen uns auch, jedem diese Zeiten zu gönnen.

Im Rambam schickten sie uns natürlich von Pontius nach Pilatus und wieder zurück, aber im Looping. Obwohl von Anfang an klar war, daß ein plastischer Chirurg den Abszeß eröffnen muß, stand ja in der Überweisung auch was von Kieferchirurg. Wir mußten also zur Sicherheit auch dahin… ich erspare mir die Beschreibung der vollkommen überflüssigen Prozeduren, die Stunden in Anspruch nahmen – so wird das Geld zum Fenster rausgeworfen, und die Zeit auch. Das Wort kafkaesk wird oft mißbraucht, aber wie wir so durch die Unterwelt des Rambam geschickt wurden (die Ambulanz liegt im Moment im Keller, mitten in einem Gewirr endloser Gänge), kamen wir uns vor, als hätten wir unser Schicksal in die Hände eines willkürlichen Inquisitors gelegt. Als würden wir das Tageslicht nicht mehr sehen…

Nach sage und schreibe vier Stunden wurde Secundus endlich in ein kleines grünes Zimmer mitgenommen, auf die Pritsche gelegt, und während er sich mit dem netten jungen Arzt unterhielt, öffnete der ihm endlich den Abszeß. Wir standen draußen, guckten nervös durch die Luken und waren bereit, aufs kleinste Zeichen von Unbehagen auf Secundus´ Gesicht den Raum zu stürmen und die Spritze der ärztlichen Hand zu entwinden. Aber nein, es ging alles gut, der Junge grinste uns etwas schief durchs Fensterchen zu.

Secundus ist für ein paar Tage krankgeschrieben, er darf nicht mit auf Klassenfahrt, und ich hoffe, die neuen Antibiotika werden mit der Wunde bald aufräumen.

Er ist jetzt in diesem Übergangsstadium vom Kind zum Erwachsenen: wer auf seine Akte guckte, wollte ihn in die Kinderambulanz schicken, weil er erst 16 ist (oh sein Gesicht!). Wer ihn ansah statt der Akte, fragte: ah, du bist Soldat? Rambam ist nämlich das Krankenhaus der Armee mit ein paar sehr guten Spezialabteilungen, zum Beispiel für Verbrennungen, lo aleynu (ve-lo al af echad acher). Als wir noch Soldaten im Libanon hatten, landeten sehr oft Hubschrauber aus dem Norden im Rambam. Haifa hat drei große Krankenhäuser, aber das Rambam hat den besten Ruf. Dort werden Angehörige der Armee behandelt und man sieht viele Soldaten rumlaufen und -humpeln.

Auch wenn Secundus wie ein selbständiger junger Mann aussieht und auftritt, ist dieses verflixte elterliche Gefühl einfach nicht anders als vor 13 Jahren, als ihm die Ohren aufgemeißelt wurden, oder vor fast 17 Jahren, als er kurz nach der Geburt eine Bronchiolitis hatte. Dieses Elterndasein macht einen einfach so verletzlich. Natürlich läßt man sich nichts anmerken, das wäre dem jungen Mann nur peinlich und es wäre auch unangemessen. Ich habe auch als die Kinder noch klein waren stets die Haltung so gut bewahrt, daß ich bei allen Prozeduren, wo es nur irgend möglich war, dabeibleiben durfte. Y. ist ja sowieso cool. Bei ihm ist es echt, bei mir… eher nicht.

Aber als wir auf dem Parkplatz standen, direkt am Meer – an der Südseite der Haifaer Bucht, an einem wunderschönen Mittag mit drachenförmigen Wolken und Regenschauern – durfte ich ihn doch in den Arm nehmen. Ach, welche Erleichterung. Jetzt ruht mein Prinzchen auf der Couch, Primus hat ihm Spaghetti gemacht und er wird ein paar Tage mehr zuhause sein.

Kommentare»

1. kaltmamsell - Oktober 27, 2008, 16:51

Noch ein Glück!
(„Rambam“ liest sich für meine Augen aber eher wie der Laut, der in einem Comic Verletzte erzeugt und nicht etwa heilt.)

2. Lila - Oktober 27, 2008, 17:01

Das kommt noch besser, wenn man weiß, daß die Vorsilbe für „im“ auf Ivrit ba- heißt.

Wo wart ihr?
Ba-Rambam.

3. Lila - Oktober 27, 2008, 17:03

Im Ernst jetzt:

Maimonides’s full Hebrew name was Moshe ben Maimon (Hebrew: משה בן מימון‎) and his Arabic name was Abu Imran Mussa bin Maimun ibn Abdallah al-Qurtubi al-Israili (أبو عمران موسى بن ميمون بن عبد الله القرطبي الإسرائيلي).

However, he is most commonly known by his Greek name, Moses Maimonides (Μωυσής Μαϊμονίδης). All of these names literally mean „Moses, son of Maimon.“

Several Jewish works call him Maimoni (מימוני). However, most Jewish works refer to him by the Hebrew acronym of his title and name — רבי משה בן מימון (Rabbi Moshe ben Maimon‎) — thus, among Jews he is known as רמב“ם (the Rambam).

Also sprach Wikipedia.

4. Janina - Oktober 27, 2008, 17:29

Gute Besserung an den erwachsenen 😉 jungen Mann

5. arboretum - Oktober 27, 2008, 21:45

Ja. Hoffentlich heilt die Monsterbacke rasch.

6. knut - Oktober 30, 2008, 1:28

hoffentlich versteht sec. das mit dem prinzchen nicht. pubertierende jungs sind da manchmal wunderlich (und bei einigen hält sich das bis mitte 40) aber inzwischen bin ich wohl erwachsen genug um darüber zu lächeln (wenns nicht grad von meiner mutter kommt) schön immer was von euch zu erfahren. liebe grüsse knut

7. Lila - Oktober 30, 2008, 1:35

Och Knut, meine Kinder sind Kummer gewöhnt… und meinen Blog lesen sie nicht, sonst wäre ich schon längst unschädlich gemacht!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s