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Und das Volk steht auf Oktober 23, 2008, 21:26

Posted by Lila in Bloggen.
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Endlich mal was Nützliches. Leser, unterschreibet in Scharen, auf daß auch der deutsche Fernsehzuschauer in den Genuß unverstümmelter Sendungen komme.

Seit ich in Israel alle Filme in Originalton mit Untertiteln (die ich eh nicht angucke) sehen kann, bin ich für synchronisierte Sendungen gänzlich unbrauchbar geworden. Es klingt unnatürlich, man kennt die deutschen Stimmen, und zum Instrumentarium eines guten Schauspielers gehört einfach seine Stimme. Die Tonlage, ein leichtes Zögern oder eine Rauheit, ein Lächeln oder Stirnrunzeln liegen in der Stimme. Das kann auch der beste Synchronsprecher in seiner Kabine nicht bringen, dazu müßte er schon die ganze Rolle körperlich mitspielen, laufen, wenn der Schauspieler läuft, im Bett liegen, wenn der Schauspieler im Bett liegt, einen Dreispitz tragen, wenn das Original im 18. Jahrhundert spielt. Warum einen Künstler seines Instrumentariums roh berauben?

Zu den sprachlichen Feinheiten, dem ganzen Milieu, das da mitschwingt, brauch ich wohl nichts mehr zu sagen. Unvergeßlich der Indianerhäuptling bei Peter Pan, der eindeutig rheinisch spricht. Das geht nicht. Wenn ich United 93 auf Deutsch sehe, entgeht mir die bösartige Spitze gegen uns Deutsche, nämlich daß der einzige Appeaser in diesem Mikrokosmos der ganz normalen Helden – Deutscher ist. (Das hat mir den Film schlicht und einfach verdorben, denn niemand weiß, wie sich der Deutsche auf diesem Flug verhalten hat. Das Stereotyp des irgendwie verqueren Deutschen ragte wie ein Bocksfuß aus dem Film, der allen anderen Toten Reverenz erwies.)

Wie kann man Casablanca genießen, ohne die verschiedenen Akzente des Englischen, die in Ricks Bar durcheinanderraunen? (Vom einfach unsäglichen „ich schau dir in die Augen, Kleines“ ganz abgesehen. Ich bin sicher, alle Deutschen kriegen dafür ein halbes Jahr Fegefeuer extra aufgeschlagen, und das macht es immer noch nicht besser!)

Und was mit Schauspielern wie Alastair Petrie und Bill Paterson mit ihrem schottischen rrr und den kernigen Vokalen, den ganzen sozialen Unterschieden, die im Englischen sofort durch den ersten Laut etabliert werden, den jemand losläßt? Auch wenn wir es nicht erfassen, als tölpelige Deutsche (Spaß, Spaß, wir haben natürlich unsere eigenen Codes), und wenn ich schon beim Spanischen verloren bin – die Sprache, die Wortspiele, die Idioms, die will ich hören, auch wenn ich sie nicht verstehe, sondern den Umweg um die Untertitel nehme. Dicke Bretter sollen wir bohren.

Von dem Schaden, den Fernsehjargon und Synchron-Tauglichkeit unserer eigenen Muttersprache zufügen, ganz zu schweigen. Ganze Generationen von Deutschen nuscheln „tut mir leid“ statt „Entschuldigen Sie“, „Pardon“, „Ich bitte um Verzeihung“… weil das am besten auf die Lippenbewegungen beim „sorry“ paßt.  (Über das Betonen der unwichtigen Satzteile habe ich mich letztens schon ausgelassen…)

Kurz und gut, Kuli rausholen und unterschreiben!

Kommentare»

1. Anikó - Oktober 24, 2008, 10:40

Ich könnte mich auch sehr gut damit arrangieren, nur noch die Originale zu sehen mit Untertitel, aber glaube auch, dass wir noch Glück haben in Deutschland mit der Synchronisation. Wir können froh sein, dass es nicht so wie in Polen ist (bzw. war), wo ein Sprecher alle Rollen gesprochen hat und im Hintergrund noch leise die Originaltonspur zu hören war 😉 Hab als Kind mal einen so „synchronisierten“ Film in Ungarn gesehen, glaube es war ein Teil von Star Wars, sehr kurios!

2. Claudio Casula - Oktober 24, 2008, 14:27

Mein Lieblingsdesaster der Synchronisation ist das englische Unterschichtendrama „Riff-Raff“. In einer Szene lädt der junge Mann die junge Dame zu sich nach Hause ein, die beiden sitzen herum und reden, er geht raus, macht ihr einen Tee, kommt wieder zurück und stellt ihr die Tasse hin mit dem unsterblichen Satz: „Hier bist du.“

Noch ein schönes Beispiel: Josef Joffe erzählte mal von einem Film, in dem von einem „verspäteten Jack“ die Rede war. „The late Jack“ war natürlich mausetot.

3. jens - Oktober 24, 2008, 14:33

Für mich hat es auch etwas sehr gutes die deutsche Synchronisation, sie hat mich von vielen vielen Abenden mit „Sex in the City“ erspart . Inbal erträgt die deutschen Stimmen nicht – was mich gerettet hat.

Mittlerweile kann ich auch keine Synchron Fassungen mehr ertragen – und damit ist bei uns auch das deutsche Fernsehen überwiegend gestorben. Mit Ausnahme von „Magnum“ dessen deutsche Stimme liebe ich zu sehr als dass ich mir das Orginal anschauen könnte.

4. EausP - Oktober 24, 2008, 15:06

Volle Zustimmung!
Ich musste mich hier in Portugal auch erst mal an die Untertitel gewöhnen, und fand es anfangs etwas ‚lästig‘. Inzwischen will ich aber keine synchronisierte Filme mehr sehen bzw hören.

5. heplev - Oktober 24, 2008, 20:38

Ich werde nie vergessen, wie ich „Dirty Dancing“ erstmals im Original gesehen habe und am Ende fast vom Stuhl fiel. Da sagte der Eintänzer nämlich nicht, wie im Deutschen „Mein Baby gehört mir.“ (was für ein plattes Geschwätz!), sondern „Nobody puts Baby in a corner.“ Synchronisation ist ein Verbrechen!
Allerdings ist man vor derartigen Grausigkeiten auch im literarischen Bereich nicht gefeit. Wenn ich daran denke, wie ich Mitte der 80-er Jahre ein Buch vom Goldmann-Verlag las und mit dem Original verglich – seitdem lese ich englischsprachige Autoren nach Möglichkeit nur im Original. Und hier hatte ich den letzten Versuch gemacht auf Deutsch übersetztes zu lesen – was in diesem Bereich an Inkompetenz und Unwissen unterwegs ist, einfach grausam. (Beispiel: „Sit Shiva!“ das Original – auf Deutsch: „Setzen Sie sich, Shiva!“)

6. Lila - Oktober 24, 2008, 22:52

😛

Köstliche Beispiele, ich kichere hier stillvergnügt vor mich hin.

7. Claudio Casula - Oktober 26, 2008, 18:27

Na schön, dann noch einer: Auf einem Rückflug von Tel Aviv schmökerte ein Passagier in einem schlechten Thriller, in dem es gleich auf der ersten Seite hieß, jemand – die Szene spielte in Jerusalem – ginge an der „Yemin Moschee“ vorbei. (Für Nichteingeweihte: Yemin Moshe ist das schmucke Viertel gegenüber den Altstadtmauern / Shaár Yafo.)

8. Lila - Oktober 26, 2008, 18:31

Die Yemin-Moschee? Ja das ist doch dieses historische Bauwerk, das die fiesen Juden okkupiert, kolonisiert und in ein Stadtviertel verwandelt haben…??? 😛

9. Gegen Synchro! « Your Spooky Neighborhood Lorelei - Oktober 27, 2008, 16:27

[…] Bei Lila gefunden: eine Petition gegen Synchronisation im deutschen Fernsehen. Ich kann mir kaum etwas […]


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