jump to navigation

Fiddle-dee-dee Oktober 19, 2008, 13:20

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
trackback

Ich bin eigentlich eher zerstreut, vergesse Termine, Geburtstage, weiß nicht mehr, wie viel Geld ich für dies oder jenes ausgegeben habe, und kann mich oft an Namen nicht erinnern. „Oh, war das so abgemacht? Verflixt, hab ich vergessen“, denke (oder sage) ich zu meiner Schande viel zu oft.

Doch Einzelheiten, die ich nie im Leben brauchen werde, sind in mein Gedächtnis eingemeißelt und verwittern einfach nicht.

Ich weiß, daß ich unter zwölf Jahren gewesen sein muß, als ich mir das erste Mal „Vom Winde verweht“ aus dem elterlichen Bücherregal holte – ich weiß nämlich noch genau, wo es stand, im alten Wohnzimmer, als vor dem Auszug und der Trennung meiner Eltern. Und ich war zwölf, als wir auszogen. Jedenfalls habe ich es das erste Mal heimlich gelesen, weil ich nicht sicher war, ob meine Eltern das erlauben. Das Buch kam glücklicherweise beim Umzug zu meiner Mutter, und so konnte ich es im Laufe der nächsten Jahre lesen, wann ich wollte.

Ich erinnere mich auch noch genau, in welchem Kino meine Mutter und ich den Film sahen. Ich war etwas enttäuscht, daß durch Verfilmung und Synchronisation einige Sätze nicht mehr so lauteten wie im Buch, denn ich konnte das Buch natürlich in- und auswendig. Von Clark Gable war ich enttäuscht, mit seinem runden Gesicht, ich hatte mir Rhett Butler viel aristokratischer und schmaler vorgestellt, aber das verwegene Grinsen war natürlich genau richtig. Scarlett fand ich perfekt, an Melanie hatte ich mich schnell gewöhnt, und obwohl der Film natürlich skandalös kürzt, gefiel er mir. Damals gab es noch kein Video, Gott sei Dank, so blieben meine inneren Bilder intakt, auch nachdem ich den Film gesehen hatte. (Ich habe ihn insgesamt nur zweimal gesehen, aber das Buch viel öfter gelesen. Natürlich ist das Buch viel besser, klar.)

Als ich fünfzehn war, reisten wir durch die USA. Wir hatten einen Van gemietet, mein Bett war das über der Fahrerkabine, mit Fenstern rundherum, und da lag ich und las Gone with the wind endlich auf Englisch. Das gehört zu meinen stärksten Erinnerungen an diese Reise, wie wir durchs Death Valley oder den Yosemite Park fahren, und ich entdecke mit Entzücken, daß im englischen Original Halbsätze stehen, die der deutsche Übersetzer ausgelassen hat! (Hetty Tarletons Pferdegesicht, wenn ich mich recht erinnere.)

Ich habe das Erlebnis noch dadurch gekrönt, daß ich mir in einem Buchladen, es muß am Lake Tahoe gewesen sein, zum Gleich-Hinterherlesen noch die Vivien-Leigh-Biographie von Anne Edwards gekauft habe, die Leighs Leben so romantisch ausschmückt wie das Scarletts.

Nun, irgendwann war es genug. Ich ließ das Buch zuhause, als ich zum Studium ging, und habe es bestimmt seit über 25 Jahren nicht mehr angerührt.

Neulich lachten mich zwei dicke Bände auf Hebräisch an: chalaf im ha-ruach. Die konnte ich nicht stehenlassen, ich habe doch eine Leseratte zur Tochter, und sie ist genau im anfälligen Alter. Es dauerte eine Weile, bis Tertia sich drangab („Mama, das ist zu dick, das krieg ich nie im Leben durch“), aber als sie einmal angefangen hatte, mußte sie natürlich weiterlesen. Sie ist immer noch irgendwo im ersten Band in den ersten Kapiteln, aber sie hat entdeckt, daß sie mich mit Quiz-Fragen auf die Probe stellen kann (wie heißen die Töchter von Mrs. Tarleton?). Und daß ich mich gar nicht so schlecht halte. Bisher hat es keinen Satz gegeben, den sie mir vorgelesen hat und den ich nicht tadellos beenden konnte – auf Deutsch natürlich.

Tertia hat das auf den bekannten Irrsinn ihrer Mutter geschoben und gedacht, „das ist wieder so ein Buch, das nur meine Mutter kennt“. Trotzdem hat sie spaßeshalber angefangen, Leute zu fragen, ob sie GWTW gelesen haben. Zu ihrer großen Verblüffung haben alle es gelesen, sogar ihr Vater, der sonst um dicke Bücher einen Bogen macht wie die Katzen um den Besen.

„Und wer ist deine Lieblingsfigur?“ Vaters Lieblingsfigur ist Mammy, meine sind Scarletts Mutter, Mr. Wilkes und Mrs. Merriwether (ich hab eine Schwäche für Nebenfiguren, immer schon gehabt), meine Freundin I. findet Scarlett toll, eine andere ist ein Fan von Ashley Wilkes, und die meisten Männer fanden Rhett Butler sehr cool. Ja, Tertia fragte gestern bei unseren Freunden nach und stellte fest, daß alle GWTW gelesen hatten. Zugegeben, die Übersetzung ist nicht so gut, aber das Buch gehört einfach zu einer normalen Pubertät dazu. Und bis auf einen Mann konnten sich auch alle noch an Schlüsselszenen und Lieblingsfiguren erinnern (wobei der Film allerdings geholfen haben mag).

Sie wurde auch sehr dafür gelobt, daß sie sich an dicke Bücher gibt. So liest sie sich durch Scarletts Abenteuer und ich werde mich hüten, den Film zu besorgen, bevor sie durch ist.

Kommentare»

1. willow - Oktober 19, 2008, 14:04

vom Windhund verschmäht… 😉

2. kaltmamsell - Oktober 19, 2008, 21:39

50 cm Taille! Ich habe mir damals Mutters Schneidermaßband geholt, um zu sehen, wie das aussieht. Gruslig, stellte ich fest.

3. Anne - Oktober 20, 2008, 13:29

Ich habe immer Melanie und Mrs Merriwether und Bella am liebsten gehabt. (Ich weiß nicht mehr genau, ob die praktische und hilfsbereite Bordellchefin Bella hieß, aber die fand ich jedenfalls toll.)

4. Lila - Oktober 20, 2008, 14:24

Belle Watling. Oh ja, die hatte ich auch immer gern.

5. Indica - Oktober 21, 2008, 8:10

Oh, verflixt. Ich war wohl nie in der Pubertät. Hm, da gibt es doch ein Buch, das ich nie gelesen habe… (Projekt für die Rentenzeit: Pubertät nachholen.)

6. arboretum - Oktober 23, 2008, 0:40

Ashley Wilkes war doch dieser Langweiler, auf den Scarlett anfangs so scharf war. Habe ich nie verstanden. Und wenn mich meine Erinnerung nicht völlig täuscht, ging mir Melanies Tugendhaftigkeit mitunter etwas auf die Nerven. Die hätte ich manchmal gern etwas geschüttelt. Als Teenager war ich nicht unbedingt ein Ausbund an Geduld.

7. oskopia - Dezember 28, 2008, 18:24

Ich habs mir wegen diesem Blogbeitrag zu Weihnachten gewünscht. Als junges Mädchen mochte ich es nicht. Aber wenn es mir hier so warm empfohlen wird.
Im ersten Band dachte ich, ich mag es immer noch nicht – da werden die Charaktere grob gezeichnet – also ich meine, da wird hingeschrieben: „Selbstsüchtig“ – und nicht aufgezeigt. Das legt sich aber in den folgenden Büchern, wo mehr passiert. Oder ich habe mich einfach daran gewöhnt. Als junges Mädchen war ich auch an der Liebesgeschichte zu Ashley interessiert und fand es bitter traurig, daß sie ihn nicht kriegte – und mochte den Wechsel zu Rhett in diesem Alter gar nicht.
Diesmal wußte ich ja die grobe Handlung schon, also konnte ich entspannter lesen. Vielleicht muß man Kriegsbeschreibungen aus einem fremdem Land lesen, da kann man unbefangener entsetzt sein. Die ganze Ernte verbrennen. Zweimal! Das zweite große Thema sind die „guten Familien“, als junges Mädchen war ich Rebellin, da konnte ich den Sinn von gesellschaftlich sanktioniertem Benehmen nicht erkennen. Ob ich es heute gut finde, muß ich zum Glück nicht wissen, weil ich das gar nicht entscheiden muß und niemand das ändern kann.
Es war eine Lesefreude, vielen Dank Lila für diesen Tipp.

8. Lila - Dezember 28, 2008, 18:33

Oh, schön! Ja, es ist Trivialliteratur, aber man muß es gelesen haben. Ich fand die Kriegsschilderungen auch eindrücklich.

Ich war als Mädchen ängstlicher darauf bedacht, keinen Anstoß zu erregen, und habe es sehr mißbilligt, daß Scarlett sich mit allen anlegt, wenn ich mich recht erinnere. Mrs. Merriwether gefällt mir immer noch, und ich glaube, ich werde ihr immer ähnlicher 😛 Aber ich werde rebellischer, je älter ich werde.

Shermans Politik war absichtlich brutal, die Sherman-Doktrin besagt: Krieg ist eh brutal, am besten bringt man es schnell hinter sich. Wie die Amerikaner trotzdem den Bürgerkrieg bewältigt haben, ist bemerkenswert.

Und wer hat Dir am besten gefallen?

9. oskopia - Dezember 29, 2008, 11:43

Meine Lieblingsfiguren sind Will, Großmamma Fontaine und Dilcey – in dieser Reihenfolge. Und Melanie natürlich, wenn der gehärtete Stahl unter dem Samt zum Vorschein kommt. Wenn ich sie das erste Mal so gesehen hätte, hätte ich sie geliebt und gewußt, daß sie meine Freundin ist.

*g* – und ich gebe meinem Harmoniebedürfnis nach, und laß den Leuten ihre Regeln und passe mich an, so gut ich kann.

Als ich mitten im Buch war, hatte ich gedacht, wenn ich in Georgia zur Welt gekommen wäre, würde ich heute noch die Unabhängigkeit der Südstaaten vertreten. Das kann man nicht verzeihen – ein Gebiet zur Zugehörigkeit zu einem Staat zu zwingen. Doch inzwischen standen sie als Vereinigtes Amerika in fünf großen Kriegen – sie sind wohl doch eine Nation.

Liebe Grüße


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s