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Nur zum Verständnis der Lage Oktober 12, 2008, 16:56

Posted by Lila in Uncategorized.
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Ich bin nicht in Akko und weiß nicht, was da passiert, ich hör es auch nur in den Nachrichten. Aber ich habe glaube ich oft genug erzählt, was für ein besonderer Tag das ist, Yom Kippur.

Niemand fährt Auto, auch die säkularen Kibbuzniks nicht, die am Yom Kippur eine alternative Feier halten (dieses Jahr bei uns im Kibbuz mit einer interessanten Journalistin) und ansonsten essen und trinken und nicht beten.

Wir mußten einmal am Yom Kippur zu Tertia ins Krankenhaus, die damals als Frühgeburt ums Überleben kämpfte, und oben im Norden, zwischen den arabischen Orten, fuhren tatsächlich Autos. Aber überall sonst fährt wirklich keiner. Das muß man gesehen haben, um es zu glauben. Viele Kinder sind mit Rollern, Rädern und Dreirädern unterwegs, und die Straßen sind voll mit Skatern und Skateboardern. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit noch an den autofreien Sonntag – so ähnlich sehen hier die Straßen aus.

Letztes Jahr, Yom Kippur, Tel Aviv

Letztes Jahr zu Yom Kippur hat ein Beduine aus Kfar Shibli ein kleines Mädchen überfahren, Tal Zino, die so alt war wie meine Quarta, neun Jahre alt. Der Fahrer ist mit einem Geländewagen in eine Menschenmenge gefahren, und Tal ist dabei gestorben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er das mit Absicht getan hat.

In den letzten Monaten ist es außerdem mehrmals vorgekommen, daß arabische Bauarbeiter bzw Autofahrer in Gruppen von Fußgängern gefahren sind. Außerdem haben sich mehrere Fälle ereignet, in denen israelischen Arabern Beteiligung an geplanten Terroranschlägen nachgewiesen wurden.

Als also am Vorabend des Yom Kippur ein Auto mit lauter Musik schnell durch eine Wohnstraße gebrettert ist, in der Kinder spielten, war das nicht etwa, wie in der ZEIT steht, eine „harmlose Ruhestörung„. Es war eine Bedrohung.

Nun bin ich ein friedfertiger Mensch, meine einzige gute Bekannte in Akko ist Araberin und ich war auch entsetzt, als ich hörte, daß dort Wohnungen von arabischen Familien ausgebrannt sind. Ich halte jede Art von Gewalt für gemein und kontraproduktiv und moralisch falsch, ich verteidige keinen Randalierer – weder wenn er für den Yom-Kippur-Frieden noch für die Al-Aqsa-Moschee randaliert. Aber ich bemühe mich auch ehrlich zu sein, zu mir selbst und zu meinen Lesern.

Wir wohnten mal im Kibbuz in einem Häuschen an einer kleinen Straße. Ein junger Mann, der in der Landwirtschaft arbeitete, machte sich damals einen Spaß daraus, mit seinem tractoron diesen Weg entlangzubrettern. Quarta war damals klein und floh weinend vor Angst aus dem Garten ins Haus. Ich wartete ab, bis dieser junge Mann wiederkam, und ich glaube, ich war selten in meinem Leben näher daran, jemandem mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht zu springen. Ehrlich, mir wird heiß vor Wut, wenn ich nur daran denke.

Ich esse am Yom Kippur und bin nicht jüdisch und harmlose Ruhestörungen ertrage ich mit Gleichmut. Aber ich kann die Emotionen verstehen, die ein schnell und aggressiv fahrendes Auto in einer Gruppe spielender Kinder auslöst. Auch wenn ich die Aktionen für absolut falsch halte, die daraufhin gefolgt sind.

Und wer diesen Zusammenhang verschweigt und statt dessen wieder die olle Kamelle von der Besatzung auftischt, der lügt. Arabische Gewalt gegen Juden gab es VOR der Besatzung und VOR der Staatsgründung. Und die Besatzung halten nicht wir am Laufen, die Besatzung halten die am Laufen, die nach jedem Rückzug Israels aus dem geräumten Gebiet einen Schießübungsplatz machen.

Ich weiß nicht, ob Journalisten wie Thumann den Kontext mit Absicht verschweigen, ob sie ihn nicht verstehen oder nicht kennen.

Aber eine qualifizierte Äußerung zu dem, was sich im Moment in Israel abspielt, kann sein Artikel nicht darstellen, auch wenn er von den Lesern mit überwiegender Begeisterung aufgenommen wird. Die Zusammenhänge sind auch hier noch längst nicht geklärt. (Der arabische Autofahrer hat sich entschuldigt, jüdische und arabische Randalierer sind festgenommen worden.) Eines aber ist klar: ein Teil der jüdischen Bevölkerung fühlt sich von ihren arabischen Nachbarn bedroht.

Das war nicht immer so. Es ist eine Frucht der Intifada, die seit Jahren angefacht wird und die jeden produktiven Kompromiß verhindert. Es ist einfach zu viel passiert. Mir persönlich tut diese Entwicklung leid und weh. Und beileibe nicht nur, weil sie wieder mal einen wunderbaren Anlaß für ein Israel-bashing-Fest liefert – das ist eigentlich zweitrangig. Sondern weil wir eine Chance verlieren, Mehrheit und Minderheit zugleich. Aber wo Mehrheit und Minderheit nicht wollen, kann man nur mit Mr. Bennet sagen, „seems a hopeless business“.

Kommentare»

1. Dagny - Oktober 12, 2008, 18:39

Danke. Ich kenne die Yom-Kippur Gepflogenheiten nicht im Detail und war überascht aus der Presse das beschriebene zu erfahren. Vielen Dank für die Erläuterung.


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