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So lange nichts geschrieben, Oktober 10, 2008, 2:00

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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und keine sensationellen Neuigkeiten. Ich drücke mich vor der Kenntnisnahme der Weltläufte, will gar nicht wissen, was sich nun schon wieder tut. Mir reicht, was ich widerwillig mitkriege. Als komplette Laiin in allen Geldfragen sage ich nichts weiter zu den massenweisen Zusammenbrüchen von Börsen und Banken als: mir hat das allwissende Lächeln der Finanzexperten noch nie gefallen, und es wundert mich nicht, daß vieles anscheinend nur heiße Luft war. Ob es hilft? Nein, sie analysieren schon wieder. Bisher hat Israel nur unmittelbar mit der Finanzkrise zu schaffe, so erzählen uns zumindest die Experten… also kein wirklich beruhigender Stand der Dinge.

Wir waren krank, ein besonders gemeines Magen-Darm-Virus fiel ein wie Attila und seine Hunnen. Als erste fiel Quarta ihm zum Opfer, doch als sie nachts in unser Bett kriechen wollte, Trost holen, da waren wir auch schon unter die Hufe geraten. Na ja, immerhin ging der Spuk so schnell, wie er gekommen war. Aber puh, zwei Tage lang ging es uns sehr schlecht.

Primus hat sich mit seinem Leben in der eigenen Wohnung angefreundet. Er ist zwar immer noch die meiste Zeit hier, doch er geht abends ganz vergnügt in seine eigenen vier Wände, und er sitzt auch öfter mit den Freunden zusammen. Sie scheinen alle ungefähr gleichzeitig die elterlichen Schutz- und Kontrollzonen zu verlassen. Primus ist jedenfalls auf der Arbeit fleißig, nach der Arbeit mit Freunden zusammen, und hat immer noch Zeit, mit seiner alten Mutter lange Unterhaltungen zu führen. Ist ein braver Junge, mein Primus. Er hat noch mal Aufschub von der Armee bekommen, sie haben ihn einer anderen Waffengattung (argh, wenn ich das schon höre…. Waffengattung…) zugeordnet und er muß erst am 30.11. los.

Secundus hat seine letzte Feuerschrift-Aktion gemacht, Gott sei Dank, er hat den Posten abgegeben und leitet nun einen anderen Ausschuß. Er ist ebenfalls ständig auf Jück, und wir hören schon mal von den Lehrern, daß er ohne Sportsachen…. ohne Mathehausaufgaben…… oder ohne Englischbuch aufgekreuzt ist. Sein Verhalten ist aber tadellos, sagen die Lehrer, ebenfalls seine Noten (laut Arbeiten). Er schläft mehrmals die Woche oben in der Schule, wir haben es ja erlaubt und ich rufe ihn oft an, oder er mich.

Ich versuche mit allen Kräften, ihm, wie man auf Ivrit sagt, „in den Venen zu sitzen“, damit er weiterhin in der Schule obenauf bleibt und keinen Quatsch macht. Ihn zum Reden zu kriegen ist viel schwieriger als mit Primus. Ich muß so tun, als würde es mich eigentlich nur nebenbei interessieren, dann erzählt er lockerer. Primus dagegen braucht meine ganze Aufmerksamkeit, sonst sagt er, „du hörst nicht zu“. Beide sind nachmittags immer zuhause, und ich hoffe, solange der Kühlschrank voll bleibt und Mama mal entweder sehr beschäftigt ist und nur nebenbei zuhört, oder aber voll konzentriert zuhört…, werden sie auch weiterhin viel Zeit hier verbringen.

Secundus hat mir eine Übung gezeigt, die sie im Englischunterricht vor Yom Kippur gemacht haben. Schüler und Lehrerin haben positive Worte gesammelt, auf Englisch natürlich, und haben sich dann gegenseitig Blätter mit solchen Worten zusammengestellt, die auf die jeweils anderen zutreffen. Secundus zeigte mir sein Blatt, auf dem die Worte „serious“, „calm“, „strong“, „handsome“ und „reliable“ mehrmals vorkamen. Einmal auch das Wort „perfect“. Ich: „wer hat dich denn als perfect bezeichnet?“ Er, feixend: „na, das war ich selbst“.

Die Mädchen? Ach, meine Mädchen, wie schön, daß sie noch ganz Mamas Mädchen sind. Tertia hat nach unserem großen Erfolg bei der Vorbereitung auf die Napoleon-Klausur diesmal meine Hilfe für das 19. Jahrhundert gebraucht. Industrielle Revolution, Nationalismus und so Sachen. Wir haben wieder zusammen aus den abstrakten Notizen in ihrem Geschichtsheft eine schöne, bunte, auch lustige und anschauliche Power-Point-Präsentation gemacht, darunter zB ein Kapitel über die Unterschiede zwischen einem Schuster und einer Arbeiterin in einer Schuhfabrik. Tertia war begeistert und meinte, Geschichte ist ja ganz einfach, wenn man es nur versteht. Mal gucken, wie die Klausur geworden ist, sie rief mich jedenfalls ganz vergnügt danach an. (Tertia ist das einzige meiner Kinder, das mich nach jeder Klassenarbeit und Prüfung anruft, um mir zu erzählen, wie es war. Bei Mathearbeiten eine Qual für mich, aber was tut man nicht alles… sie ist ja sehr gut in Mathe.)

Jedenfalls hat Tertia wohl Blut geleckt, was das 19. Jahrhundert anging, und meinte: „sag mal, hast du eigentlich Filme übers 19. Jahrhunderte?“ Ich habe ja wenig Filme in meiner Sammlung, die NICHT im 19. Jahrhundet spielen, und Tertia fand sie ja bisher eher langweilig. Jetzt haben wir zusammen North and South geguckt, „Mama, das ist ja die industrielle Revolution!“, und ich war richtig glücklich. Zum Schluß meinte sie, es ist doch viel schöner, wenn man so richtig versteht, worum es geht, und nicht nur so ungefähr. Wir haben hinterher noch lange geredet.

Quarta, meine kleine Motte, hat mich gestern geärgert. Ich hab mit einer Freundin telefoniert, die sehr, sehr schwierig ist (ich hab sie auch noch nie hier erwähnt, weil sie sich mich als Freundin ausgesucht hat, nicht ich sie). Sie ruft sehr oft an, die Kinder und Y. stöhnen schon, und erzählt mir ihre Probleme, zu deren Lösung ich nichts beitragen kann, und die mir leider allesamt trivial vorkommen, so peinlich es mir ist. Was soll ich dazu sagen , wenn mir eine kinderlose, unverheiratete, kräftige und von ihren Eltern gut unterstützte Frau, ein paar Jahre jünger als ich, mir vorjammert, sie hat keine Zeit und kommt zu nichts? Ich putze meist Gemüse oder schäle Kartoffeln, während sie mir das erzählt. Ich bringe es natürlich trotzdem nicht fertig, sie abzuweisen, sie hat ja sonst niemanden, weil sie so schwierig ist.

Quarta schmeißt jetzt jedesmal, wenn ich mit ihr rede, eine Szene. Ich habe sie gestern abend ganz erstaunt gefragt, woher dieses kindische Benehmen denn kommt. „Och, ich dachte, dann ruft sie vielleicht weniger an, und kürzer ist es außerdem für dich, wenn ich so tue, als würde ich heulen“, meinte sie. Da hat auch Y. gegrinst, dem diese Freundin erst recht nicht paßt. Als ich ihm neulich erzählte, daß sie sich bei einem Dating-Dienst im Internet eingeschrieben hat, meinte er ganz trocken, „tja, da werd ich wohl meine Mitgliedschaft kündigen“.

Morgen wird mein geliebter Schwiegervater 70, und ich habe den ganzen Tag damit verbracht, eine weitere PowerPointPräsentation zu erstellen, die ebenfalls sehr schön (geschmackvoll, ohne fertige Sachen, uäh) geworden ist. Dafür habe ich Unmengen alter Bilder durchgesehen und verarbeitet. Der Schnee von 1950, in dem er gespielt hat. Die vielen Ausflüge in die Natur, das Singen im Chor, die vielen Armeezeiten, und immer Kibbuz, Kibbuz, Kibbuz. Die erste Gruppe des Kibbuz, die erste Gruppe in der High school, er war immer dabei. Israel hat sich so verändert. Ich hoffe, unsere Ecke hier bleibt wie sie ist. „The railway…??!!“ Nein, hier nicht, hier soll es still und ruhig bleiben.

Leider mußte mein Lieblingsbaum vor unserem Haus, unter dem wir immer gesessen haben, abgehackt werden – er war tot, wir wußten es ja, und er war nicht mehr zu retten. Aber es ist traurig, der Baum war so schön und ich mochte ihn. Jetzt ist dieser schreckliche Stumpf da. Wir überlegen nun, welchen Baum wir statt seiner wo haben wollen. Ich will keinen neuen Baum, ich will meinen alten Baum wiederhaben.

Der Semesterbeginn rückt unaufhaltsam näher. Ich bin von meinem kleinen Schreibtisch auf den großen Eßtisch umgezogen, den habe ich ausziehen müssen, und er ist überladen mit Büchern, Artikeln, Notizen, Bildern. Ich bin kurz vor dem Verzweifeln. Übermorgen fängt Y. bei seinem neuen Arbeitsplatz an, dann wird das Leben noch schwerer. (Von dem höheren Verdienst werden wir dank Steuern und Abgaben genau 120 Shekel mehr haben – durch fünf teilen, in etwa.) Ich kann die Bedrückung nicht abschütteln und liege in einem Rückstand, den ich für unaufholbar halte. Ich möchte nicht mal darüber sprechen, es ist zu bedrückend. Ich brauche dringend, dringend eine Pause.

Doch etwas Heiteres zum Schluß: Y. wurde neulich von einem Besucher gefragt, ob unser Kater Leo (der kleine Dickbauch mit den Patschpfoten, den Y. von der Mülltonne in Yokneam mitgebracht hat, nachdem sie sich dort mehrmals getroffen hatten und klar war, daß der Kleine kein Heim hat), also ob dieser Straßenkater ein Rassekater ist. Y. wollte schon lachen, da meinte der Mann, Leo sieht aus wie eine Bombaykatze. Bombaykatze? Nie von gehört. Doch wozu gibt es Dr. Google? Bombay cats. Tatsächlich.

Leo ist bis aufs Schnurrhaar ein Bombaykater. Wir haben uns die Bilder angeguckt, die Beschreibungen durchgelesen und nur gelacht. Das Stadium der Distanzierung vom Menschen, das andere Katzen irgendwann durchlaufen und selbst mein kleiner Lucifer mir nicht erspart hat, das gibt es bei Bombaykatzen nicht. Sie bleiben liebebedürftig wie Junge. Ich glaube zwar immer noch nicht, daß eine seltene Rassekatze an der Mülltonne in Yokneam ausgesetzt wurde, aber vermutlich ist Leo eine Spontan-Mutation zum Bombay.

Daß wir diesen Kater von der Straße gerettet haben, war eine gute Tat, aber nicht weniger für uns als für ihn. Manchmal, wenn mir alles über den Kopf wächst und ich allein bin mit ihm, dann legt er sich bräsig über die Bücher, die ich gerade brauche, und sagt mit seinen schönen Augen: „schmusen ist doch viel schöner!“ Na komm Leo, genug gebloggt, schmusen ist doch viel schöner….

Kommentare»

1. grenzgaenge - Oktober 10, 2008, 11:59

liebe lila,

gut zu wissen das du wieder gesund bist. ich wuensche dir einen gesunden rest des jahres.

was du zur boersen- und bankenkrise sagst trifft den nagel auf den kopf. da braucht es keine analyse. die heisse luft entweicht aus einem kranken system das nun auf seine reale groesse gestutzt wird.

bei mir gibt es auch nicht viel neues. schliesslich ist jontef saison und du weisst was der grenzgaenger dann tut.

hmmm, ich geniesse die zeit ausserhalb des pc richtig. weil eben jontef und schabbat ist bin ich nicht so viel am pc zur zeit. auch das hat seine qualitaet. es erloest mich davon den lauf der dinge zu betrachten. meine seele brauchte so eine zeit ganz, ganz dringend.

herzliche gruesse und schabbat schalom,
der grenzgaenger

2. vered - Oktober 10, 2008, 14:36

*aufatme tief*, lila da, o wie gut!

3. arabrabenna - Oktober 10, 2008, 18:19

Du schreibst so schön lebendig, daß ich mir alles gut vorstellen kann. Danke für´s Erzählen! Ich wünsche dir und deiner Familie viel Segen! Wir fliegen am Mittwoch zur Hochzeit unserer Secunda (sie war mit bei euch) nach Südafrika. Habe sie seit Januar nicht gesehen! Werde wohl viele Taschentücher brauchen! Liebe Grüße!


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