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Mein Herz ist voll September 26, 2008, 19:13

Posted by Lila in Land und Leute.
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heute abend. Ich mach mehrere Teile draus.

Odeds Eltern

Wie jedes Jahr – am Freitag vor Rosh Hashana kommen alle alten Freunde zusammen, am Grab von Y.s Freund Oded, der im September 1982 im Libanon gefallen ist. Ich habe ja schon öfter von den Menschen berichtet, die wir dabei treffen. Es war Y über Jahre hinweg unmöglich, diese Treffen zu besuchen, aber eine der Offizierinnen ließ ihm keine Ruhe und rief ihn jedes Jahr wieder an. Vor ein paar Jahren ging er dann hin, und seitdem jedes Jahr zweimal – am allgemeinen Gedenktag und am Todestag im September. Wir haben die alten Eltern auch zwischendurch besucht, auch mit den Kindern, sind mit den Kindern auch einfach so ans Grab gegangen, und meist nimmt Y zu den Treffen auch eines der Kinder mit.

Ich geh manchmal mit, manchmal nicht, weil ich weiß, wie mich das aufwühlt. Ich kann mich ja so schlecht emotional abgrenzen, und Oded ist für uns so präsent, obwohl er und Y lang vor meiner Zeit Freunde waren. Ich habe ja mal vor ein paar Jahren geträumt, daß Y krumm geht und weint, und Oded auf den Schultern trägt. Und ich weiß, daß er ihn tatsächlich auf den Schultern trägt und sein Leben für Oded mitlebt und daß es den anderen Freunden auch so geht.

Odeds Mutter und ich haben uns sofort gut verstanden, sie malt und radiert und wir haben gemeinsame Bekannte und Lehrer gehabt. Wenn ich nicht mitfahre, sagt Y immer: sie hat extra nach dir gefragt, und du mußt nächstes Jahr mitkommen. Und so bin ich diesmal mitgekommen.

Schon von weitem konnten wir sehen, daß vor dem kleinen, ruhig gelegenen Friedhof des Moshavs eine große Gruppe steht. Gott sei Dank, auch dieses Jahr sind wieder viele gekommen. Begrüßungen, der kleine Friedhof, eine ganze Gruppe von Grabsteinen mit Odeds Familiennamen. Auch die Armee schickt immer zwei junge Soldaten, einen jungen Mann und eine Frau, die mit Uniform und dem roten Barett der Fallschirmjäger kommen.

Odeds Eltern sind alt geworden. Beide gehen am Stock, beide begrüßen herzlich jeden einzelnen. Der Rabbi des Moshavs kannte Oded noch und erzählt von ihm, bevor er Psalmen betet und El ha-rachamim. Er erinnert daran, daß Oded seinen Namen erhalten hat (der Trost), um die Familie über den Tod seines Onkels zu trösten, der im Unabhängigkeitskrieg fiel. Sie wollten ihm nicht denselben Namen geben, aber durch den Namen eine Verbindung herstellen. Wie in so vielen Familien ging die Verbindung zu weit – sie sind nebeneinander begraben, Onkel und Neffe, beide mit dem typischen Grabstein der Armee, mit dem kissenförmigen Stein.

Der alte Vater weint so hilflos, daß er das Kaddish nicht mehr sagen kann, und der Rabbiner betet es statt seiner. 26 Jahre, und der Schmerz ist so groß. Man steht hilflos dabei und möchte sich einfach nur hinlegen und nicht weiter darüber nachdenken, wie traurig das ist. Odeds Geschwister haben alle große Kinder, die älteste Nichte wird demnächst heiraten. Es tröstet die Eltern natürlich, daß sie eine große Familie haben. Alle Neffen und Nichten sind natürlich da und stehen um das Grab herum.

Nach der kleinen Zeremonie sind alle, wie jedes Jahr, bei Odeds Eltern eingeladen. Sie sind Moshavnikim, haben einen großen Bauernhof und einen großen Garten. Alle holen aus den Autos die Quiches und Salate und Kuchen, die sie vorbereitet haben, und ein großes Buffet wird aufgeschlagen. Dann setzen sich alle in Grüppchen zusammen und erholen sich seelisch durch den Austausch von „was machen die Kinder, wie läuft es beruflich, und was sonst noch?“ Die Eltern gehen von Grüppchen zu Grüppchen und fragen nach. Viele Freunde haben ihre Kinder mitgebracht, weil alle wissen, wie kinderlieb Odeds Eltern sind und wie wichtig es ihnen ist, daß auch die nächste Generation noch weiß, wer Oded war. Er ist ja jetzt länger tot, als er gelebt hat – er war 20, als er starb.

Odeds Freundin

Wir saßen mit einer Frau und ihrer Tochter zusammen. Diese Frau haben wir jahrelang dort getroffen, bis eines Tages Y ein Gespräch mit ihr anfing. Sie war Odeds Freundin gewesen, bevor er zur Armee ging, also vor Ys Zeit. Es stellte sich heraus, daß ihre Tochter mit Tertia in einer Klasse ist und die Mädchen befreundet ist. Ein Jahr drauf brachten wir dann beide Mädchen mit, und das war nett. Heute sitzen wir wieder mit ihr und ihrer Tochter.

Irgendwann steht sie auf und sagt, „ich muß weg, ich muß heute noch nach P. fahren“. P. ist ein winziges Moshav im Süden. „Oh“, meine ich, „da ist es hübsch, wir haben da Familie“. „Was? Wen habt ihr das?“, fragt sie, „da kenne ich alle“. „Mimi und Gil“, sagen wir, und sie ruft, „waas? Mimi und Gil?“ „Ja, Mimi ist eine Cousine meiner Mutter“, sagt Y. Und die Freundin sagt ganz aufgeregt: „Und Gil ist mein Adoptivbruder!“

Es ist der reinste Zufall, daß wir uns noch nie bei einem Familienereignis getroffen haben. Weil P. so weit weg ist, sind wir nicht immer hingefahren, und die Familie von Gil kennen wir gar nicht. Jedenfalls war das wirklich verrückt, nicht nur Bekannte, sondern Familie! Drei Verbindungen: durch Oded, durch unsere Töchter, durch die Ehe ihres Adoptivbruders mit Ys Tante. Wir verabschieden uns mit großer Herzlichkeit. Verrückt. Sie winkt uns noch aus dem Auto und ruft, „olam katan!“ Kleine Welt, wirklich.

Odeds Commander

Jedes Jahr kommen auch die Offiziere. Der höchste Offizier, der immer dabei ist und sich Zeit nimmt, ist ein vielbeschäftigter und charismatischer Mann namens Nir Barkat. Nir kennt in Israel jeder. Er war CEO einer erfolgreichen Hi-Tech-Firma, und als er sie verkaufte, war er einer der ersten schwerreichen jungen Unternehmer, die sich eigentlich aufs Altenteil zurückziehen können. Doch statt dessen fing er an, sich um Lokalpolitik seiner Heimatstadt Jerusalem einzusetzen. Vor ein paar Jahren stand er zur Wahl als Bürgermeister, und alle seine Soldaten waren für ihn im Einsatz. Auch Y half freiwillig mit und wird es auch wieder tun. Denn am 11.11. wird wieder ein Bürgermeister in Jerusalem gewählt, und diesmal, meint Nir, hat er gute Chancen.

Er erzählte vom Wahlkampf, von den religiösen Wählern, die nur einen religiösen Bürgermeister wollen und die mit großer Disziplin wählen gehen. Von den säkularen Wählern, die jammern, aber nicht zur Wahl gehen – und dann umziehen, weil ihnen der religiöse Bürgermeister nicht paßt. Er erzählte von dem Schock, den diese Säkularen erlebten, beim Skandal mit der Saiten-Brücke.

Als diese teure Brücke eingeweiht wurde, sollte eine Gruppe Schülerinnen tanzen. (Moderner Tanz ist in Israel sehr interessant und gut, und viele junge Leute tanzen.) Die Religiösen protestierten, daß junge Mädchen im Trikot tanzen sollten, nannten es Porn*graphie und die Mädchen prutzot, also N*tten, die ihr Fleisch schamlos zur Schau stellen. Die Tanzgruppe knickte ein, und damit die Mädchen trotzdem tanzen konnten, wurden sackähnliche Gewänder genäht. In diesen formlosen Säcken mußten sie dann tanzen, noch dazu mit Kopfbedeckung, obwohl auch bei frommen Juden unverheiratete Mädchen das Haar offen tragen dürfen.

In der säkularen Bevölkerung kam das sehr, sehr schlecht an. 12jährige Mädchen, die im Trikot tanzen, als prutzot zu bezeichnen und ihnen Burqas zu verpassen, empörte auch viele gläubige Juden, die pragmatischer sind und sich in der westlichen Kultur mit genüged Selbstsicherheit bewegen, um nicht jedes Mädchenbein se*uell zu interpretieren. Mit dieser Burqa-Aktion von Seiten der Ultra-Orthodoxen und dem Aufschrei, der daraufhin nicht nur durch säkulare Familien ging, sind einige Leute erwacht.

Auch vielen gemäßigten Religiösen geht das zu weit. Nir erzählte uns ein bißchen von der Dynamik zwischen den einzelnen Gruppen, sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik.

Ich wünsche Nir viel Glück und Erfolg. Es gibt eigentlich kaum einen symbolträchtigeren Job als Bürgermeister von Jerusalem – im Sessel des unvergessenen Teddy Kollek zu sitzen. Es gibt zwei Bürgermeister, die jeder kennt: der Bürgermeister von New York und der von Jerusalem.

Der heutige Bürgermeister, ein religiöser Jude namens Lupoliansky, wirkt sympathisch genug, aber provinziell und längst nicht dem Format seines Amts gewachsen. Säkulare Bürger verlassen Jerusalem in Scharen, die Stadt verarmt und die Spannungen sind so schon groß genug. Nir war ein ausgezeichneter Offizier und Geschäftsmann, er hat sich als Lokalpolitiker um jede Kleinigkeit gekümmert und sich mit Haut und Haaren seiner Stadt verschrieben. Außerdem habe ich nie einen getriebeneren Menschen gesehen, er brennt geradezu vor Eifer und Ideen und auch Ehrgeiz.

Hier ein paar Links zu Nir, wer sich dafür interessiert.Seine Wahlkampfseite. Sein Facebook. Haaretz über Nir und englischsprachige Einwohner. Jerusalem Business Forum.

Y kennt ihn seit 26 Jahren, ich kenne ihn nun auch schon ein paar Jahre, und wir werden ihm sehr fest die Daumen drücken.

Es war gut für mein seelisches Gleichgewicht, daß nach den traurigen Momenten auf dem Friedhof erst die Entdeckung der Verbindung mit Odeds alter Freundin kam, und dann das politisch-allgemeine Gespräch. Aber es ist jedes Jahr ein trauriger, trauriger Tag.

Kommentare»

1. grenzgaenge - September 28, 2008, 13:44

danke fuer den bericht, lila. wirklich lesenswert. ich war heute morgen – zusammen mit dem rabbiner, dem vorstand, einigen anderen leuten, auf den friedhoefen der schul. es sind mehrere friedhoefe weil die schul ja mehrere staedte und einiges laendliches gebiet umfasst. gerade die laendlichen juedischen friedhoefe finde ich ausgesprochen interessant, man sieht die etwas andere tradition. aber das ist ein beitrag fuer sich. ich finde es wichtig das diese besuche stattfinden, fuer die angehoerigen, aber auch um sich klarzumachen das niemand vergessen wird und nicht zuletzt auch um zu zeigen das geschichte nicht vergessen wird. zachor eben.

lila, du hast es bestimmt schon zehntausendmal gehoert in den letzten tagen, trotzdem: SHANA TOVA, sei eingeschrieben ins buch des lebens ! gerade DU !

morgen abend beginnt rosch haschana. mein jahr ist zu ende, ein neues jahr beginnt. ich freue mich auf den klang des schofar in der schul, auf menschen die ich sonst nicht unbedingt in der schul sehe. natuerlich beginnt fuer mich morgen abend auch wieder schabbes. so schnell geht die woche vorbei.

😉

2. Shavua tov/Shana Tova ! « grenzgaenge - September 28, 2008, 14:03

[…] heute gab es (auch das ist eine rosch haschana tradition) einen rundgang ueber die friefhoefe der schul. es sind mehrere. die schul umfasst einige staedte und viel laendliches gebiet. diese besuche sind teil einer juedischen tradition mit dem namen “zachor”. nicht vergessen. das ist ein beitrag fuer sich. ein langes thema. es geht darum menschen nicht zu vergessen. es geht auch darum geschichte nicht zu vergessen. schwierig in einem land das zu gerne schnell vergessen will. doch die juedische tradition lebt. auch das prinzip “zachor” lebt. lila hat einen eindrucksvollen beitrag darueber geschrieben.  […]

3. willow - September 29, 2008, 8:20

Nun, auch von mir „SHANA TOVA“….

http://roshhashanahgirl.com/


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