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Veränderungen September 12, 2008, 14:19

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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stehen an. Ich mag doch keine Veränderungen. Vielleicht, weil ich so ein Gewohnheitstier bin und die Routine schön finde und perfektioniere und kein Bedürfnis nach dem Reiz des Neuen habe – der Reiz des Bekannten ist mir viel lieber. Vielleicht leiste ich auch Widerstand gegen Veränderungen, weil ich sie dann familiär ausbalancieren und auffangen muß.

Y. hat endlich, endlich einen neuen Job. Obwohl er eigentlich gar nicht danach gesucht hat. Seit der Entlassungswelle vor fast zwei Jahren hat er sich in der Firma nicht mehr wohlgefühlt, obwohl er auch jetzt eine Beförderung angeboten bekommen hat und persönlich nur davon profitiert hat. Aber gerade das ging ihm gegen den Strich.

Er hat 17 Jahre in der Fabrik des Kibbuz gearbeitet, seit er sein Studium beendet hat, und auch vor dem Studium hat er dort als einfacher Arbeiter geschuftet. Seine Großeltern gehörten zu den Kibbuzniks, die die Idee hatten, auf Industrie zu setzen und besonders auf diese Art Industrie, die damals ungewöhnlich war. Er kennt in der Fabrik jede Schraube bei Vor- und Familiennamen, jede Maschine, jedes Abflußrohr. Es wird schwierig sein, ihn zu ersetzen, und er hätte wohl ausgeharrt, als letzter Ingenieur der „alten Garde“. Aber das Angebot, das ihm beharrlich angetragen wurde, bis er es genauer ansah, ist einfach zu gut.

Wir haben gestern abend die Flasche Prosecco getrunken, die wir aus Deutschland mitgebracht haben. Y. strahlt, eine Last ist von ihm abgefallen. Es war einfach zu viel in den letzten Jahren. Nicht als ob es jetzt viel weniger würde – aber er freut sich auf neue Herausforderungen, neue Aufgaben, eine neue Umgebung.

Ich freue mich, ihn fröhlich zu sehen, denn ich habe ihn ja die ganzen Jahre durch alle Höhen und Tiefen begleitet. (Er hat auch mehrmals anerkennend bemerkt, wenn er mir von der Arbeit erzählte, daß ich schon Fragen stelle wie ein Ingenieur 🙂 ) Aber ich bin auch etwas beklommen, denn er wird nun nicht mehr nur zwei Minuten von zuhause entfernt arbeiten. Es hat mich immer beruhigt, wenn ich wußte, daß er in der Nähe ist, wenn ich weg bin. Obwohl die Kinder schon groß sind, ist mir der Gedanke merkwürdig, daß wir nun wirklich einen Teil des Tages voneinander entfernt verbringen werden.

Es ist überhaupt merkwürdig, daß Primus abends in seine kleine Wohnung geht. Er hat gemischte Gefühle – einerseits freut er sich, mit seinen Freunden auf der Terrasse zu sitzen und zu reden, andererseits fühlt er sich bei uns zuhause ja auch sehr wohl. Ich habe keine gemischten Gefühle, nur einen ungemischten Unwillen, ihn gehen zu lassen. Er arbeitet auch so hart im Dining Room. Er schleppt den ganzen Tag schwere Sachen, aber das stört ihn nicht. Im Gegenteil, er ist stolz, daß er da der Stärkste ist, und würde viel lieber in der Landwirtschaft arbeiten, wo es noch viel mehr körperliche Arbeit gibt.

Secundus möchte ab Oktober wieder drei Nächte pro Woche oben an der Schule schlafen. Ich habe ja schon erzählt, daß es drei „Kreise“ gibt, die auch preislich verschieden sind. „Kreis Eins“ ist Vollmitglied des Internats und hat ein Zimmer dort, was mehrere Hundert Shekel im Monat kostet. „Kreis Zwei“ nimmt nur an den Aktivitäten des Internats teil, schläft aber zuhause, das ist billiger. Primus war Kreis Zwei.

Tertia ist von Anfang an unbeirrt „Kreis Drei“: sie geht nie zu einer Aktivität und würde nicht auf die Idee kommen, in der Schule ein Zimmer zu nehmen. Das kostet uns nichts, und sie liebt ihr Zimmer, ihre ebenfalls am Internat desinteressierten Freundinnen und ihre Bücher. Tertia arbeitet aber auch – einen Tag die Woche lernen die Oberstufenschüler nicht, sondern arbeiten. Das Geld wird gespart, um davon die Abschlußfahrt nach Polen und den Führerschein zu bezahlen. Tertia arbeitet in der Feriensiedlung, also Küchenmädchen oder Zimmermädchen in den Ferienhäusern. Sie wollte weder Kindergarten noch Schafhaus oder Fabrik. In den Ferienhäusern arbeitet auch ihre beste Freundin, und sie kichern den ganzen Tag über Zwiebeln und Kopfkissenbezügen.

Nur Kreis Eins-Mitglieder sind berechtigt, Ausschüsse zu leiten und Gelder zu verwalten und Verantwortung zu übernehmen. Und da ist Secundus ja wild drauf. Er war ja ein Jahr lang erfolgreich Leiter des Kulturausschusses und hat Dutzende von Bunten Abenden, Vorführungen und Festen gestaltet. Und darum wird er im landwirtschaftlichen Betrieb der Schule arbeiten, um sich die Mitgliedschaft leisten zu können (na ja, das Meiste zahlen wir).

Das Zimmer der Jungen steht also ab nächsten Monat mehrere Nächte pro Woche leer. Wer mich kennt, weiß, wie sehr mir das zuwider ist. Ich gehe doch nachts immer gucken, was mein Kind und mein Reh machen. Und mein Katz.

Verflixte Veränderungen. Aber ich darf mich nicht beschweren, ich weiß ja, daß ich sie nur auf Zeit habe, die Kinder, und daß sie ihr eigenes Leben führen müssen. Außerdem war ich die erste, die angefangen hat, „draußen“ zu arbeiten. Und es wird Y. genauso gut tun wie mir, aus dem Dunstkreis des Kibbuz rauszukommen, in eine Welt, wo einen nicht alle sofort kennen oder zu kennen glauben.

Kommentare»

1. Hendrik - September 12, 2008, 15:08

Das ist ja eine interessante Regelung, dass man Geld (vordergründig für das Zimmer) bezahlen und im Internat schlafen muss, um Verantwortung übernehmen zu dürfen. Werden so nicht früh abgeschlossene Eliten im Kibbutz gebildet? Noch dazu abhängig von der Zahlungsbereitsschaft der Familie. Ist das auch in anderen Kibbutzim üblich oder nur eine spezielle Regelung Eurer Schule?

Viele Fragen, viele Grüße,
Hendrik

2. olaf61 - September 12, 2008, 15:26

Wer sagt, Veränderungen sind eine Chance, ist ein verdammter Lügner. Zuerst bringen sie Unruhe, Angst und Ungewissheit. Ich lese hier sehr, sehr gerne und ich bin sicher, Ihr, als Familie, ihr werdet das durchstehen. Es ist alles eine Frage der Gewöhnung.

3. Lila - September 12, 2008, 15:43

Hendrik, das ist eine neue Regelung, in meinen Augen nichts als eine weitere unerfreuliche Folge der Privatisierung. Vorher hat der Kibbuz alles bezahlt, und das Geld, das die Kinder verdient haben, ging in die gemeinsame Kasse. Wie ich ja öfter schon geschrieben habe, ich bin doch immer so repetetetetetiv….

Bei der Abstimmung über die (teilweise) Privatisierung des Kibbuz hat sich wohl niemand überlegt, was das alles nach sich zieht.

Mit Elite hat das aber nichts zu tun. Es gibt auch Stipendien, sogar eine ganze Menge. Und es ist doch sinnvoll, daß die Aktivitäten auch von denen geleitet werden, die sich am meisten engagieren, also mindestens Kreis Eins und Zwei.

Sie sind auch auf dem Gelände anwesend, das ist auch wichtig. Immerhin hat die Schule Schüler aus sechs oder sieben Kibbuzim und vielen Städten der Umgebung. Zu Proben und Festen waren die, die im Internat ein Zimmer haben, tatsächlich am treusten.

Secundus hatte letztes Jahr zB einen ganzen Vorratsraum für Tontechnik und Beleuchtung unter sich. Wenn jemand etwas braucht, ist es gut, wenn Secundus und sein Schlüssel erreichbar sind.

Es ist das erste Jahr, in dem die Schule und das Internat mit der Privatisierung unseres Kibbuz unter einen Hut gebracht werden, eine Art Versuchsdurchlauf, und dafür ist erst mal wohl so entschieden worden.

Wenn sich Kinder aus Kreis Zwei diskriminiert fühlen, brauchen sie das nur zu sagen, und nächstes Jahr wird es geändert. Schule und Internat sind demokratisch organisiert, die Kinder haben volles Mitspracherecht bei allen Entscheidungen.

Ich merke immer, wie schwer es ist, eine flexible, offene Sache wie den Kibbuz in möglichst wenig Worten zu beschreiben, ohne daß jemand falsche Schlüsse zieht…. weswegen ich meist viele Worte mache 🙂

4. Anne - September 12, 2008, 23:41

Mir geht es genau so wir Dir: ich fürchte Veränderungen leider immer sehr und finde auch, dass manche durchaus nicht sein müssen. Und Verbesserungen bringen sie auch nicht immer.
Klar freut man sich irgendwie, dass die Kinder keine ängstlichen Mama-Kinder sind, aber müssen sie denn wirklich gehen? Ja, ja, sie müssen, aber sich darüber richtig freuen, nur freuen, kann man doch nur, wenn man sie an irgendeiner geheimen Stelle auch ganz gerne los ist; sonst tut es auch weh…

5. Marlin - September 13, 2008, 20:35

Alles Unerwartete ist nicht gut für mich. Größere Veränderungen sind meist auch so. Aber was will man machen? Der Lauf der Welt ist nicht aufzuhalten. 😦

6. grenzgaenge - September 13, 2008, 21:40

„Wer sagt, Veränderungen sind eine Chance, ist ein verdammter Lügner. Zuerst bringen sie Unruhe, Angst und Ungewissheit.“

schavua tov euch allen, eine gute woche.

nun, olaf, dann nenne mich ruhig einen „verdammten luegner“. es ist mir egal, wirklich.

ich verstehe dein problem, liebe lila, trotzdem sehe ich in veraenderungen etwas wichtiges, positives und wuenschenswertes. ich empfinde gegenueber veraenderungen auch keine angst. unruhe und auch ungewissheit betrachte ich als positive elemente. dadurch kann naemlich auch produktive kraft freigesetzt werden.

ich denke in deutschland leidet man weniger an sozialer ungerechtigkeit. eher an einer vollkaskomentalitaet. der staat hat eben zu viel abgesichert. das raecht sich jetzt. sicherlich gibt es menschen die ohne eigene schuld in not geraten, es gibt aber auch menschen die aus bequemlichkeit nicht die kraft finden sich aus der eigenen not zu befreien. ich betrachte den sozialstaat durchaus mit gemischten gefuehlen denn soziale leistungen koennen eben auch entmuendigen und ein hindernis sein wenn es darum geht (auch risikoreiche) wege zu gehen. ich beobachte das immer wieder bei einstellungsgespraechen und immer oefter auch bei jugendlichen. der lebensstil der sozialen absicherung (oder sprechen wir klartext: der stuetze vom amt) hat sich von den eötern auf die kinder uebertragen. ein kreislauf vor dem viele sozial(!)wissenschaftler vor jahren warnen.

also ich wuerde dafuer plaedieren veraenderungen als chance zu sehen. ich lasse mir meine lust auf veraenderungen und risiko jedenfalls nicht nehmen.

7. grenzgaenge - September 13, 2008, 21:42

sorry, nicht eötern sondern eltern (vierte zeile von unten). waerst du bitte so lieb den buchstabgen zu aenderun, lila ? danke !

8. Bjoern - September 14, 2008, 14:54

Wo ist denn diese nette ‚Fundstück-Kritzelei neben dem Telefon‘ geblieben? Wieder herausgenommen? Sah sehr lustig aus, was ich da in meinem Blog-Sammler fand.
Gruß

9. Indica - September 15, 2008, 10:47

Ach ja, Veränderungen, schwieriges Thema.

Jedes Mal erlebe auch ich, dass sie mir Angst machen, mich schlecht träumen lassen, wenn ich in eine neue Ungewissheit starte. Andererseits habe ich so oft Veränderungen erlebt, dass sich die Gewissheit „Wird schon werden“ auch genügend Raum in meinem zarten Seelchen geschaffen hat.

Dennoch bedeuten Veränderungen, gerade ja auch in der Familie, eine Menge Logistik und Umorganisation und das ist natürlich anstrengend und oft nervig.

Im Moment bin ich selbst auf einer Baustelle die personifizierte Veränderung, bzw. ich initiiere diese Veränderungen mit, und erlebe das ganze Programm von Angst, Unsicherheit, Widerstand und Widerwillen. Vermeintlich gegen mich, aber eben nur vermeintlich. Die Ängste und der Widerstand sind groß, obwohl niemand Schaden dadurch erleidet, sondern sich Dinge einfach nur verändern müssen. Interessantes Phänomen, das ich da gerade ein wenig wie durchs Mikroskop betrachte und miterlebe.

10. Manfred - September 16, 2008, 3:28

Vielleicht sollte ich mal erwähnen, dass ich auch die privateren Beiträge von Dir sehr gerne lese, auch wenn ich sie nur selten kommentiere, weil ich da nicht so schön klugscheißern kann wie bei den politischen. 😀

Ich kann Dir das nachfühlen, dass Dir bestimmte Veränderungen so gar nicht schmecken. Meine Tochter geht bald für ein halbes Jahr nach Frankreich, und ob sie dann wieder bei uns einzieht, steht in den Sternen; unser Sohn ist schon seit ein paar Jahren flügge.

Dann werden wir das erstemal seit über zwanzig Jahren nicht mehr in dieser Elternrolle sein, sondern wieder ein Paar. Einerseits freue ich mich sehr darauf, andererseits, nun ja: Dann ist meine kleine Motte nicht mehr da. Ich bin da hin- und hergerissen.


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