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Ein Kommentar Juni 30, 2008, 7:14

Posted by Lila in Land und Leute.
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Herb Keinons Kommentar zum Gefangenen-Austausch-Deal in der Jerusalem Post ist interessant, und in seiner Beschreibung dieses Deals als typisch israelisch trifft er den Nagel auf den Kopf. Deswegen erlaube ich mir, ein bißchen ausführlich zu zitieren.

Keinon sieht die gestern getroffene Entscheidung als Illustration und Ausdruck der drei grundlegenden Charakteristika der israelischen Gesellschaft, im Guten wie im Schlechten.

This decision reflects some key characteristics of Israeli society. Indeed, it is fair to say it was a typically Israeli decision – for better and for worse.

Visitors from abroad are generally struck by three things about Israel: It is a country that feels vibrant and very much alive; it is a country that is superb at finding short-term solutions to problems; and it is a country where there is feeling of greater solidarity than elsewhere in the world, where people genuinely do feel a degree of responsibility for one another.

To understand Israel it is necessary to understand how this is a land in which everything touches everyone, where the news is real and immediate and impacts everyone who lives here. The famous Israeli solidarity stems not only from an altruistic concern of all for their fellows, but also from a feeling of „there but for the grace of God go I,“ so I’d best be concerned abut the other guy, because at some point in time I might want the other guy to be concerned about me.

There is almost no one in the country who doesn’t know someone who was killed or wounded during the second intifada; the country supported the decision to go to war in Lebanon in July 2006 because of a feeling that after the kidnappings of Gilad Schalit and Regev and Goldwasser, anyone’s kids could be next; and the country is worked up over the Iranian threat because the specter of a nuclear Iran is not a theoretical issue – it’s something real and frightening.

The country is small and feels vulnerable. The fact that the media has been dominated this last week by voices calling on the government to agree to the deal with Hizbullah came to some degree because people with opposing ideas were afraid to voice them, not only because of the negative public reaction that awaited former chief of General Staff Moshe Ya’alon for his recent comments about the prisoner swaps, but also because of self-censorship: a fear emanating from the critics‘ guts that one day it could be his kid on the line, and in that case he would turn every stone, and release every prisoner, to get him or her back.

That’s Israel. Everyone is near the firing line, and being near the firing line affects one’s vision.

Ja, genauso ist es, und es ist unheimlich schwer, das Leuten klarzumachen, die nie hier waren, für die Worte wie „iranische Atombombe“ oder „islamistischer Terror“ oder „Existenzrecht Israels“ abstrakte Begriffe sind, mit denen sie jonglieren. Begriffe für eine hitzige Diskussion, nach der man nach Hause geht und gut schläft. Für uns dagegen handelt es sich um konkrete Größen, die unser Leben beeinflussen und uns den Nachtschlaf stehlen, weil wir sie mit uns herumtragen.

Am einfachsten zu erklären ist es wohl mit einem Vergleich. Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen einem Menschen, der über Krebs als theoretische Bedrohung spricht, die in Pestiziden oder sonstwo lauert, und einem Menschen, der tatsächlich Krebs hat und mit den Auswirkungen auf sein Leben zurechtkommen muß. Der tatsächlich Erkrankte hört eher unmutig zu, wenn er andere darüber reden hört und dabei Phrasen mitanhören muß, die man sich nur leisten kann, wenn man selbst gesund ist und sich in tiefsten Inneren un-krebsbar fühlt, weil man sich ja stets gesund ernährt hat und überhaupt irgendwie unsterblich sen muß.

Das war also das erste Charakteristikum Israels: die starke Identifikation der meisten seiner Bürger mit dem Schicksal seiner Mitbürger, die große Solidarität. Diese Solidarität ist, wie Keinon richtig sagt, darin begründet, daß es heute der Junge meiner Nachbarn ist, der zur Armee geht, und morgen meine Nichte und mein Sohn, und daß ich mir nicht leisten kann, auch aus reinem Aberglauben!, zu sagen: sicherheitspolitische Erwägungen sind wichtiger als das Schicksal Einzelner, zum Besten des Staates laßt Gilad Shalit in Gaza verrotten, wo gehobelt wird, fallen Späne. Morgen können diese Späne von mir selbst abgehobelt werden, und was sage ich dann?

Das zweite Charakteristikum Israels sieht Keinon in der Fähigkeit, immer eine Lösung zu finden – auch wenn es nur eine kurzzeitige, vielleicht sogar improvisierte Lösung ist.

The second national characteristic that the decision reflected was the country’s aptitude for finding short-term solutions. Israel is great at short-term solutions. That’s one of the beauties of the society. When there are problems, this country does not hang its head and say „there are no solutions,“ it looks for one.

The way the country brought down terrorism casualties – from some 435 Israelis killed in 2002 to 13 killed last year – is proof of the nation’s ability to find short-term solutions. Remember, there were those who said there was „no military solution to terrorism.“ Israel found one.

That much of the world is looking to Israel to solve the Iranian nuclear issue reflects an appreciation of the country’s ability to find solutions to problems.

Likewise, Israel will find a technological solution to the Kassam rockets. It might take a couple of years, but a solution will be found.

What’s the problem? The problem is that when we do find a solution, the enemy will then look for a way around it, and around and around we will go. Israel’s short-term problems are so daunting that we have little energy or patience to look for longer-term answers.

Sunday’s decision was a short-term solution. It brought to close a painful chapter in the country’s history. It provided relief to the families.

But what of the dangers, that the deal will encourage more kidnappings, that there will no longer be any incentive to keep kidnapped soldiers alive? Those are problems we will deal with when they prop up – and then we will find short-term solutions to them, as well. For now, the cabinet has said, let’s deal with the immediate problem, and the immediate problem is Goldwasser and Regev.

Man nennt dieses System der kurzzeitigen Lösungen „pkak“, das ist ein Flaschenkorken, und darauf beruhte lange Zeit das Arbeitsverteilungssystem des Kibbuz. Es gab Langzeit-Arbeiter in den verschiedenen Zweigen arbeiteten, im besten Fall ausgebildete Arbeitskräfte. Dann gab es die rotierenden Arbeitskräfte, entweder Streithansel oder überaus fruchtbare Frauen oder Leute mit Nadeln im Popo, die jedes halbe Jahr woanders anfangen müssen, um sich frisch zu fühlen. Und dann gab es noch die „pkakim“, die Korken, die man überall da reinstopfte, wo man ein Problem hatte. Ich selbst war ein halbes Jahr lang „pkak chinuch“, also der Korken des Erziehungssystems. Jedes Kinderhaus, in dem jemand fehlte, forderte mich an, und ich arbeitete manche Tage in drei Kinderhäusern nacheinander. Da ich jung und neugierig war, hat mir das nichts ausgemacht, im Gegenteil, ich fand es sehr interessant.

Das einzige Problem mit dem pkak-System ist natürlich, daß ein neues Loch entsteht, wo man den pkak gerade rausgezogen hat. Man stopf also ein immergleiches Loch, das nur jeweils anderswo entsteht. Aber es funktioniert, weil mal dieses und mal jenes Team mit dem Loch zurechtkommen muß und darum niemals lauter murrt. Denn man murrt nur, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Solange alle in den Genuß des pkak-Systems kommen, ertragen sie das ihm zugrundeliegende Loch mit erstaunlicher Geduld, so meine Erfahrung. Improvisieren, le-alter, können nicht nur im Kibbuz alle gut.

Keinon meint also, daß auch dieser Deal ein Ausdruck dieser Liebe zum iltur, zur Improvisatin ist, zur kurzzeitigen Lösung, die das Loch nur stopft, indem woanders ein Loch aufgemacht wird.

Und das dritte Charakteristikum? Da wird Keinon ein bißchen schwach, denn es ist eigentlich eine Variation des zweiten.

The final Israeli characteristic that was reflected loud and clear in the decision was that this is a society that lives for the moment, that lives in the here and now. This characteristic is what makes the country feel so vibrant, so alive. There is tremendous energy here in all kinds of different spheres, largely because we live for today, for the now, not knowing what the future may hold.

Sunday’s decision was a decision for the moment. It made us feel that we were doing our duty to the families of Regev and Goldwasser, who have suffered too long already. It made us feel good about ourselves, and how we – unlike our enemies – sanctify life, and are willing to give up a great deal on the off chance that the soldiers may indeed still be alive. It was a decision made very much with an eye on the now.

As for tomorrow, and how the decision will impact tomorrow? Well, tomorrow we’ll deal with tomorrow – that, after all, is the quintessential Israeli way.

Ich würde sagen, das dritte Element, das diese Entscheidung beeinflußte, war das tiefverwurzelte Prinzip des pikuach nefesh, der Rettung einer Seele, für die man alles hintan stellt. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, daß die entführten Soldaten noch leben, sehr klein ist – man muß alles dafür riskieren. Und selbst wenn sie tot sind – ihre Familien leben. Ohne Gewißheit über das Schicksal der beiden bleibt für die Familien die Zeit stehen. Selbst wenn Goldwasser für tot erklärt wird und Karnit offiziell zur Witwe erklärt wird und theoretisch wieder heiraten könnte – wie kann sie weiterleben, wenn sie immer damit rechnet, daß er vielleicht doch noch lebt?

Und auch wenn wir ihnen das zumuten – Gilad Shalit lebt, und dieser Deal ist ein Schritt in Richtung zum nächsten. Und diese Seele müssen wir einfach retten, das hab ich ja auch gestern schon gesagt. Die Vorstellung, wir leben nun wie im Fall Ron Arad so weiter, kriegen alle paar Jahre mal eine Botschaft per Tonaufaufnahme oder einen Brief, bis das aufhört, diese Vorstellung ist absolut unerträglich.

Und ein letzter Grund wurde gestern im Fernsehen erwähnt, ich weiß leider nicht mehr, von wem vor lauter information overload. In der jüdischen Mentalität finden sich die Spuren der historischen Erfahrung. In der Hand von Feinden zu sein, ob Pharao oder Haman oder Hitler, wird als unendlich schlimm empfunden, fast schlimmer als der Tod (ich sage fast, weil der Tod unumkehrbar ist). Um Gefangene oder Geiseln freizubekommen, haben jüdische Gemeinden im Laufe der Jahrhunderte viel geopfert. (Es gibt natürlich auch die berühmten Fälle, in denen die Geiseln selbst sich geopfert haben und nicht ausgelöst werden wollten, um die Gemeinschaft nicht zu schädigen.)

Alles das spielt also mit und macht die Geschichte dieser drei zu einer, die jeden hier bewegt. Laut Ynet soll Olmert gestern geweint haben.

After the rest of the family members left his office, Karnit Goldwasser, Ehud’s wife, stayed behind. She went up to Olmert, shook his hand, and with red-rimmed eyes said: „I’ve been fighting for two years, and I feel that in the end, even if I won, what has it all been for? So I can shout ‚Hooray, I’m a widow‘?“ Olmert listened, and the tears coursed down his cheeks.

Eine menschliche Regung bei einem Mann, dem man eigentlich nicht viel Empathie zutraut, oder Interesse an irgendetwas außer seinem politischen Überleben (das er ohnehin abhaken kann). Merkwürdige Sache, wieso fällt es mir schwer, daran zu glauben, daß ihm das nahegeht? Liegt unter den verhärteten Schichten von Eigeninteresse und Überlebenskampf auch bei Olmert noch die Fähigkeit, mit zu leiden?

Ja, und so kam es auch, daß wir gestern abend eigentlich gar nicht in Endspielstimmung waren und mir die verdiente Niederlage der deutschen Nationalmannschaft nur darum richtig leidtat, weil mein Secundus sehr, sehr enttäuscht war. Immerhin, meinte er, alle anderen sind schon vorher rausgeflogen, aber trotzdem werden ihn nun Bardugo und die anderen Freunde in der Wettgruppe ein bißchen piesacken.

Aber mein Herz war so schwer, daß mir die sportliche Niederlage sogar ein bißchen zupaß kam- ich war nicht in Jubelstimmung und bin es auch jetzt nicht.

Ach Keinon, was er in seinem Artikel nicht sagt, ist: wie er sich die solide, un-improvisierte Langzeitlösung vorstellt. Ich weiß in meinem Kopf genau, wie die auszusehen hat – Friedensverträge, sichere Grenzen, allgemeine Anerkennung des Lebensrechts der israelischen Bürger. Diese Langzeitlösung auch nur zu erwähnen schmerzt wie eine Fata Morgana, der man jahrelang nachrennt. Ich glaube einfach nicht, daß wir sie in diesem Leben noch erreichen werden, solange die Ablehnung der arabischen Welt Hand in Hand geht mit dem versteckten Ressentiment der westlichen Welt, und beide kein Interesse daran haben, uns hier endgültig wurzeln zu lassen.

Und solange wir hier nicht unangefochten leben können, bleiben wir verletzlich und angreifbar für Erpressungen, und solange wir pikuach nefesh und Solidarität über alles stellen, sind wir erpreßbar durch die, denen diese Werte gar nichts sagen.

Das ist unser Schicksal in einer Nußschale, ein Lehrstück. Wenn man jemandem erklären würde, was es bedeutet, Israeli  zu sein, dann wäre diese Affäre ein gutes Beispiel. Mit Bangen eine Entscheidung zu erwarten, der man höchst gespalten gegenübersteht und deren Ausgang in jedem Fall tragisch ist, und die Zwickmühle bis ins eigene Innere zu spüren, voller Angst, der Kelch möge das nächste Mal bei einem selbst haltmachen – und die Unmöglichkeit, eine Langzeitlösung anzupeilen, weil sie uns von Umständen und Umwelt verweigert wird. Das macht diese Regev-Goldwasser-Geschichte für uns so bedeutungsvoll und zutiefst beklemmend.

Daß kein Außenstehender das so einfach versteht, ist klar. Ich habe gestern mit einer deutschen Ffeundin telefoniert, und sie hat den Deal nicht mal erwähnt. Das ist auch klar, denn für sie ist sowas Nachrichtenmaterial, nicht Teil ihres Lebens, und ohne pathetisch zu klingen, kann ich ihr nicht erklären, daß es für mich anders ist. Ich erlaube mir das nur hier im Blog.

Olmert listened, and the tears coursed down his cheeks.

Kommentare»

1. Ostap Bender - Juli 1, 2008, 1:18

Ich grübele jetzt den ganzen Tag, was man zu diesem Beitrag sagen sollte. Denn ich fühle, ich muss was sagen, sonst wäre ich einen Teil dieses großen Schweigens – in den 2 Jahren (auch jetzt nicht), habe ich keinen einzigen Beitrag in den deutschen Zeitungen gelesen über die Anstrengungen Karnit Goldwassers, über die Tragik und das moralische Dilema mit den Geiseln.

Ich kann eigentlich nur meine Bewunderung ausdrücken. Bewunderung für diese Gesellschaft, die Geschichte und Moral mit Pluralismus und Selbstkritik so weit verinnerlicht, dass sie scheinbar am Rande der Anarchie und Destruktion steht, in Wirklichkeit aber wahre Stärke zeigt. Hoffen wir auf bessere Ereignisse demnächst.

2. grenzgaenge - Juli 10, 2008, 17:12

die zeit zum iranischen atomprogramm und ueberlegungen in israel wie der ernstfall verhindert werden kann. meine meinung dazu kennst du. ich habe mich immer fuer einen praeventiven gegenschlag ausgesprochen. den boesartigen kommentar zu diesem und einem anderen bericht habe ich mir fuer meinen blogg aufgespart.

http://www.zeit.de/2008/29/Israel-Militaerschlag

3. grenzgaenge - Juli 20, 2008, 17:01

benny morris zur iranischen atomprogramm und moeglichen reaktionen darauf. erspart euch am besten die kommentare. ich habe nur mal drueberlesen (ueber die kommentare) und festgestellt das es der uebliche dreck ist. morris zu lesen ist da schon viel interessanter. nicht das ich auf einmal ein fan von benny morris geworden waere. aber die wandlung von morris ist schon beeindruckend. es gibt doch noch licht. auch im dunkelsten keller.

http://www.welt.de/politik/article2230158/Israel_und_Iran_stehen_kurz_vor_einem_Atomkrieg.html

„Analyse

Stehen Israel und Iran kurz vor einem Atomkrieg?

Im Nahen Osten droht noch in diesem Jahr ein Krieg mit Atomwaffen, meint Buchautor Benny Morris. Er erklärt, warum ein israelischer Angriff unausweichlich wird, wenn das Regime in Teheran sein Nuklearprogramm nicht bis zum Herbst einstellt. Sogar der Zeitraum eines möglichen Angriffs steht bereits fest.

Israel wird in den kommenden vier bis sieben Monaten die iranischen Atomanlagen angreifen. Das ist so gut wie sicher, und die Politiker in Teheran und Washington sollten innig hoffen, dass der Angriff erfolgreich ist und das Atomprogramm Irans beträchtlich zurückwirft, wenn nicht völlig ausschaltet. Denn sollte der Angriff fehlschlagen, gibt es im Nahen Osten höchstwahrscheinlich einen Atomkrieg.“

( … )

4. Lila - Juli 20, 2008, 17:06

Grenzgänger, entschuldige, aber was hat das mit meinem Beitrag zu tun?

5. grenzgaenge - Juli 20, 2008, 17:50

lila, hast recht. es war nicht der richtige beitrag. nu, loesche es einfach. slicha, slicha.

6. Lila - Juli 20, 2008, 17:51

Ich lösche doch so verdammt ungern. Was nicht Troll ist, lösch ich nicht.


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