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Nicht schon wieder Mai 29, 2008, 7:44

Posted by Lila in Land und Leute.
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Ich mag nicht drüber nachdenken, mag es eigentlich gar nicht wissen, möchte es nicht persönlich nehmen, aber ich kann mir nicht helfen. Der neuerliche Versuch der britischen Akademiker, Israel offiziell zu boykottieren, ist brutal und verletzend und kränkend und gemein. Ich weiß von Freunden, die die Boykott-Mentalität schon zu spüren bekommen haben, auch wenn er offiziell nicht nicht beschlossen und auch umstritten ist. Britische Zeitschriften lehnen Artikel von israelischen Autoren ab, Museen kooperieren nicht, britische Wissenschaftler kommen nicht mehr zu Konferenzen in Israel und laden keine Israelis mehr ein.

Ich fahre gleich los an die Uni. Jeder, der schon mal an der Uni Haifa war, hat gesehen, wie selbstverständlich dort arabische und jüdische Studenten, Christen, Moslems, Tscherkessen, Drusen, alle miteinander studieren, lehren, Kaffee trinken. Ich sage ja immer, ich glaube nicht, daß man an einer deutschen Uni so viele verschleierte Studentinnen sieht wie bei uns. Niemand redet dem anderen rein, es ist egal, woher jemand kommt, wie er heißt. Viele arabische Studenten sind die ersten ihrer Familie, die eine akademische Ausbildung machen. Die Uni bietet ihnen besondere Unterstützung, auch mithilfe deutscher Freunde. Studenten egangieren sich in Projekten, Araber und Juden zusammen.

Ich selbst bin ja Ausländerin, Nichtjüdin, und kann bezeugen, daß das niemandem etwas ausgemacht hat. Mir nicht, anderen nicht. Man hört so viele Sprachen auf dem Campus, Hebräisch, Arabisch, Amharit, Russisch, Englisch, Griechisch. Wie man so eine Einrichtung boykottieren kann, die viel egalitärer ist als viele deutsche Unis, die sich so sozial engagiert, die so aktiv für Gleichberechtigung und Pluralismus eintritt, eine Uni, an der A.B. Yehoshua, Fania Oz-Salzberger und viele andere außergewöhnliche Menschen unterrichten, an der Sammy Smooha einige der interessantesten Analysen des arabisch-israelischen Zusammenlebens abliefert, ob bequem oder unbequem – eine Uni, deren Forschungsdekan Araber ist — das geht einfach über meinen Verstand.

Und es ist ja nicht so, als würden die britischen Akademiker über eine lange Liste Länder abstimmen, mit denen sie die Beziehungen abbrechen, eine Liste, auf der sich Syrien, China, Burma, Nordkorea, Pakistan, Saudi-Arabien, was weiß ich, Länder mit bekannten Problemen befinden. Und daß sich auf dieser Liste auch Israel findet. Nein nein, es wird NUR gegen Israel vorgegangen.

Getreu der UN-Devise, daß die israelischen Verbrechen so ungeheuerlich sind, daß man zu gar nichts anderem Zeit hat. Wer hat schon Zeit, sich um Darfur zu kümmern, wenn die Israelis sich mal wieder gegen Raketenbeschuß wehren? noch dazu mit gezielten, kleinteiligen Militäraktionen oder wirtschaftlichen Maßnahmen statt mit Flächenbombardierung? Unerhört. Da muß sofort eine Resolution heraus!

Oh, und wir wollen gar nicht erst daran denken, daß es die britische Kolonialpolitik war, die uns den Ärger hier erst eingebrockt hat. Wir wollen auch nicht daran erinnern, daß die Briten jüdische Flüchtlinge zurück in den Holocaust geschickt haben und somit die Seite Nazi-Deutschlands gegen die Juden genommen haben. Nein nein, daran darf man nicht denken, ebensowenig wie man fragen darf, mit welchem Recht Großbritannien Gibraltar besetzt hält, Nordirland, oder warum es für die Falklandinsenln in den Krieg gezogen ist. (Der geographische und historische Bezug ist jedenfalls dünner als die Beziehung der Juden zu Jerusalem, das seit mehreren tausend Jahren Dreh- und Angelpunkt jüdischer Identität ist…) Aber so kleinlich wollen wir gar nicht sein…

Ich sollte mich über diese bodenlose, blinde und haßerfüllte Ungerechtigkeit nicht ärgern, die irgendwelche britischen Dozenten dazu führt, Jahr um Jahr zu versuchen, die Uni Haifa speziell herauszupicken und mit dem Boykottsiegel zu versehen. Ich sollte aus meinem Kopf den Chor verbannen, der immer monoton schreit: Deutsche, wehrt euch… aber er will nicht stillwerden.

Die Ohrfeigen, die wir einstecken, während wir hier Angriffswelle um Angriffswelle hinter uns bringen, die töten uns nicht. Aber sie tun weh. Mir zumindest.

Kommentare»

1. david - Mai 29, 2008, 10:08

Das kommt nicht nur dir seltsam vor. Der letzte gescheiterte Boykottversuch hat das Image der britischen Acdemia schon mehr geschadet, als genutzt – und die Aktionen der beiteiligten Organisationen wurden sogar im United Kingdumb selbst als bizarrer anti-semitischer Hass-Zirkus gebrandmarkt.

Sollte ein Boykott wirklich durchgesetzt werden, dürfte das die britischen Akademiker selbst schwer treffen, da zahlreiche amerikanische Unis zum einen ihre Kontakte mit den britischen Unis abbrechen würden und zum anderen einige Forschungsprojekte in GB kein Geld mehr bekämen. Ich vermute, der jetzige Boykottaufruf wird wieder scheitern, an dem stillen Boycott vieler britischer Unis wird weiter sich allerdings nichts ändern.

2. Marlin - Mai 29, 2008, 20:13

Akademische Titel schützen vor Blödheit nicht.

*koppschüttel*

3. heplev - Mai 29, 2008, 20:18

Mal ganz ehrlich: Wäre die Endlösung der Judenfrage auf nahöstlichem Boden nicht beinahe das britisch unterstützte Erbe des Schnurrbärtlers gewesen? Widerstand gegen diese Variante gab es von britischer Seite jedenfalls nicht, sondern Unterstützung. So gesehen ist es nur konsequente Fortsetzung dessen, was sie schon vor 70 Jahren dachten und glaubten.

4. david - Mai 29, 2008, 20:45

Nein – das tut der Balfour Declaration unrecht. Vergiss auch nicht Orde Wingate.

Es scheint vielmer, als sei der offizielle Linie der britischen Regierung immer ambivalent gewesen. Im Gegensatz dazu ist der Boycott-Aufruf der UCU ja nicht die offizielle Meinung der Regierung.

5. Lila - Mai 29, 2008, 20:48

Ambivalent – oder doppelzüngig. Schwer zu sagen… Ein paar Überlegungen zum Thema bei Israel Matzav, natürlich nicht die ganze Wahrheit, aber doch ein Teil.

Britain’s behavior in the Middle East, dating back for nearly a century, has been and continues to be triplicitous. It’s not that they’re playing two parties off against each other – they’re playing three. During the Mandate period, Britain promised what is now the State of Israel (plus Judea and Samaria) to the Jews for a Jewish state, to the ‚Palestinians‘ as a ‚Palestinian state‘ and to Syria as the ‚restoration‘ of ’southern Syria.‘ Now, with the State of Israel being sixty years old, Britain is still up to the same old tricks. It’s worth looking back to see the pattern over the last hundred years or so.

Und dann weiter mit diesem Text. Ganz interessant.

6. heplev - Mai 30, 2008, 19:08

@ david
Das Problem mit Zusagen wie der Balfour-Erklärung ist: Das waren immer einzelne, die sich da einsetzten. Es gab im 19. Jahrhundert in England regelrechte christliche Zionisten, bevor Juden anfingen wieder in das Land Israel zu ziehen.
Zustimmung zu solcher Politik entstand aus Nützlichkeitsdenken. Deshalb sind ja z.T. die Araber auch so sauer, weil ihnen ebenfalls Versprechungen gemacht wurden.
Fakt ist aber, dass die Briten mehr gegen die Juden unternahmen als gegen irgendeine andere Gruppe – dass arabische Terroristen weniger Risiko eingingen als jüdische Aktivisten (ganz zu schweigen von jüdischen Terroristen).
Die Überlegungen von Israel Matzav sind schon auch richtig. Aber letztlich haben die Briten ausschließlich im eigenen (Macht-)Interesse agiert, wobei sie versuchten mit den Arabern möglichst wenig Ärger zu bekommen – von den Juden hatten sie eigentlich nichts zu befürchten. Das Bild, das sich heute in Sachen mehr oder weniger radikale Muslime im Westen auch bietet. Schaurig und leider alles andere als ehrenwert. Eher moralfrei.

7. heplev - Mai 30, 2008, 19:08

@ Lila
Danke für den Link zu American Thinker. Das sieht nach einem extrem interessanten Artikel aus!


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