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Jerusalem Mai 24, 2008, 8:16

Posted by Lila in Land und Leute.
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Gestern waren Y. und ich allein (ohne Kinder! ohne auch nur eines!) in Jerusalem. Ich war schon eine ganze Weile nicht mehr da, und die letzten Male waren immer arbeitsbedingt und zielgerichtet. Oder zu einer Feier. Einfach so in Jerusalem rumlaufen, das hab ich ewig nicht mehr gemacht, dabei war es, als ich nach Israel kam, meine Wonne und Freude. Ich finde Jerusalem nämlich wunderschön; der Stein, aus dem alles gebaut ist, verleiht selbst den relativ sterilen und schicken neuen Vierteln einen Schimmer des Wunderbaren.

Y. mag Jerusalem weniger. Er begeistert sich wenig für alles Alte, nur weil es alt ist, er hat nicht viel für Religion übrig und läuft viel lieber durch schöne Natur als durch enge Gassen oder Kirchen oder Museen. Außerdem hört man leider den Namen Jerusalem nur, wenn von Anschlägen, politischem Streit oder sonst Ärger die Rede ist. (Wie kann ich deutsche Nachrichtenleser tadeln, wenn ihr Israelbild einseitig ist, wenn mein Jerusalembild es ebenfalls ist?)

Trotzdem haben wir gestern die Kurve gekriegt und sind hingefahren, seit Jahren zum ersten Mal wieder. Einfach so, ohne Plan. Y. meinte, er hat beim planlos-inspirierten Hin und Her durch die Altstadt Ecken gesehen, wo er noch nie war. Wir haben uns wie Touristen benommen, was wir ja auch waren, und das war schön. (Nein, wir haben weder Vered noch sonst jemand angerufen, das machen wir nächstes Mal, wenn wir vorher wissen, daß wir nach Jerusalem fahren, und nicht nur spontan losfahren).

Wir waren nicht nur in der Altstadt, aber die Altstadt ist zweifellos am eindrucksvollsten. Es zogen viele Moslems mit kleinen Teppichen über der Schulter in Richtung Tempelberg, als wir vom Ölberg in Richtung Jaffator fuhren. Schließlich sind wir durchs Neue Tor in die Altstadt gegangen. Mein einziges Ziel war, darin rumzulaufen und wieder ein Gefühl für die einzelnen Teile und ihre Lage und ihre Architektur zu bekommen.

Für uns Provinzler war es schön zu sehen, wie viele Touristen aus aller Welt wieder durch Jerusalem laufen. Eine Gruppe Inder, die Frauen in atemberaubenden Saris. Nonnen, Mönche. Viele Europäer, darunter sehr viele Deutsche, darunter ein Kamerateam mit einer großen Tigerente (????). Wir haben in einem kleinen Restaurant libanesisch zu Mittag gegessen, neben uns ein deutsches Paar, das mit der Speisekarte kämpfte, und denen wir ein bißchen halfen. Wir wünschten ihnen zum Abschied einen schönen Aufenthalt, sie uns auch.

Wir waren in der Grabeskirche, die picke-packe-voll war (und wo noch immer die Leiter außen vor einem der Fenster steht, wie auf den Photos vom Anfang des Jahrhunderts), in der Erlöserkirche, zu deren Gemeinde ich zwar gehöre, zu der ich mich aber nicht wirklich zugehörig fühle und deren kühles Innere mich ebenso ließ, und wir waren an der Klagemauer, die mich diesmal wirklich umgehauen hat. Es standen und saßen dort viele Betende. Es war das erste Mal seit langem, daß ich ohne Begleitung vor der Klagemauer stand, ohne Gruppe, ohne Erklärungen, einfach so.

So wie wir fromme (vielleicht auch weniger fromme) Christen, Juden und Moslems überall sahen, so lagen auch in allen Auslagen von Touristen-Shops Kippas, Kreuze aus Olivenholz und Gebetsketten nebeneinader, mit Chanukkiot, Flschen mit heiligem Öl oder Wasser und Keffiyes. So viele Läden bieten diese Ware an, man fragt sich, wer das je alles kauft.

Was es das letzte Mal, als ich dort war, auch noch nicht gab: so viele kleine Computerläden und Internetcafes. Die machen sich in der Altstadt etwas seltsam, in diesen alten Gewölben, neben den Geschäften für Gewürze und Kräuter, Parfüms, uralte Tonkrüge (echte Antiquitäten oder hübsche Fälschungen?), grellfarbige Kinderkleidung, bemalte armenische Teller und Tassen, und modeste Kopfbedeckungen. Und überall Touristen, Touristen, Touristen. So wie wir.

Ich habe in letzter Zeit so viel über Jerusalem und die Geschichte des Landes gelesen, daß ich zwischendurch fast einen Moment der Überwältigung hatte und es mir zu viel wurde. Thomas Manns tiefer Brunnen. Da haben wir uns in ein winziges Restaurant gesetzt und uns ausgeruht. Und haben beschlossen, wir fahren wieder hin, diesmal mit den Kindern.

Vom Ölberg aus gesehen: das Goldene Tor oder Tor der Barmherzigkeit, Shaar ha Rachamim. Noch ist es zugemauert, doch wenn der Messias kommt, wird es sich für einen Einzug öffnen.

Kommentare»

1. Georg - Mai 24, 2008, 9:01

Was man als Jugendlicher mit Begeisterung las, kann man bekanntlich nie mehr so richtig negativ kritisieren. Deshalb finde ich Micheners „Die Quelle“ noch heute faszinieren gerade da, wo er die verschiedenen Baumaßnahmen unterschiedlicher Epochen an einer fiktiven Stadt romanhaft beschreibt.
Ich war noch nie in Jerusalem, krieg meinen Arsch nicht hoch, doch irgendwann will ich wenigstens einmal dorthin. Dein Bericht ist ein weiterer kleiner Nadelpieks in meinem Hintern 🙂

2. Piet - Mai 24, 2008, 10:22

Oh, dann dreht die ARD gerade für’s Kinderfernsehen in Jerusalem. 🙂

Sich ohne Karte und ohne Zeitdruck durch die Gassen treiben zu lassen, ist eine tolle Art, Orte (neu) kennen zu lernen, weil man mit allen Sinnen und Neugier auf Dinge aufmerksam wird, die man so noch nicht gesehen hat. Auf der Karte nachvollziehen, wo man überall gewesen ist, kann man später immer noch. Man sollte viel öfter Zeit dafür haben (oder sie sich ab und zu nehmen), aber natürlich macht man’s dann doch erst im nächsten Urlaub wieder.

3. vered - Mai 24, 2008, 19:28

Zauberhafte Schilderung der Altstadt-Atmosphäre. Ich muss, ich muss wieder einmal hin. Mindestens 15 Jahre war ich nicht mehr da, wie kann man! Computerläden und Internetcafés gab es damals noch nicht, wohl aber das bunte Gedränge von Menschen – Einheimische, Pilger, Touristen von überall her, Mönche, Nonnen und Yeschivebocherim – in den engen Gassen. Es gab die Restaurants und Cafés, die Kirchenglocken und die Gebetsrufe (ab Tonband) der Muezzins, es gab die Düfte und Gerüche, die Verkaufsgewölbe und die Läden mit Antiquitäten und Andenkenkram: Schröckliche Teppiche mit dem Felsendom, Jesusse im Schneesturm, Konserven mit Luft garantiert aus dem Heiligen Land gefüllt, Wachskerzen und Weihrauch. Nebenbei, Lila. Deine Skepsis betr. die „uralten“ Tonkrüge ist gesund. Seinerzeit hat sich ein Kollege meines Mannes mit der Herstellung „antiker“ Tonfigürchen für die Altstadtläden die Butter aufs Brot verdient… Ein Kenner mag auch einmal einen echten Fund tun, wenn er genügend Ausdauer aufbringt, aber die Gewinnchancen in der Lotterie sind wohl grösser. Übrigens wird auch „armenische Keramik“ made in Hebron feilgeboten, eine Fälschung minderer Qualität dieser schönen kunsthandwerklichen Arbeiten. Da lohnt es sich, in einen armenischen Laden zu gehen und etwas mehr zu bezahlen.
Die Klagemauer – ja,, wieder eine andere Welt. Mich bewegte jeder Besuch tief, am meisten aber jener ganz kurz nach dem Sechstagekrieg, als man die Geschichte förmlich fühlte und einatmete.
Wieder etwas Anderes: der Gang über die Stadtmauer. Warm empfohlen,aber ob die Aufgänge heute noch offen sind?
Ich gleite ab in Nostalgie, Lila, das hast du mir angetan. Dass du mich nicht angerufen hast, war gut, mit der Altstadt können wir nicht konkurrieren. Aber den Satz „Nein, wir haben weder Vered noch sonst jemand angerufen, das machen wir nächstes Mal“ musst du doch einmal einlösen, vielleicht in Verbindung mit Ein Karem? Auch dort kann man wunderbar Tourist spielen.


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