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Gerechtigkeit Mai 21, 2008, 20:11

Posted by Lila in Presseschau.
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Vermutlich wird es in den Medien keine großen Schlagzeilen* machen, aber liebe Leser, fragt Euch mal warum.

Heute erging das Urteil im Prozeß Philippe Karsenty gegen France 2. Ich habe die Geschichte schon öfter erwähnt, die dahintersteht. Es geht um die Live-Übertragung des angeblich von den Israelis verschuldeten Todes eines Jungen, der zur Ikone geworden ist: Muhammad al Durra. Karsenty hat dem französischen Sender vorgeworfen, daß er vollkommen unkritisch seinem palästinensischen Stringer geglaubt hat, wichtiges Material weggelassen hat und das Unmögliche behauptet hat, nämlich, daß der Junge durch Kugeln der israelischen Armee getötet wurde.

Daraufhin wehrte sich France 2 mit einer Verleumdungsklage gegen Karsenty. Die Geschichte wand sich ewig durch die Instanzen. Jetzt hat Philippe Karsenty endlich Recht bekommen: er darf ungestraft sagen, daß France 2 tendenziös und unwahr berichtet, daß es die Versionen der Paästinenser ungeprüft übernimmt, Geshichten hindreht und damit weiteren Zündstoff für Gewalt liefert.

Wie viele Menschen sind „im Namen Mohammad al-Durras“ schon getötet worden ? Zahllose. Wie viele Menschen haben das Gesicht des Kindes vor Augen, wenn sie vor Wut über israelische Brutalität schäumen? Alles Lüge, Freunde. Es stimmt nicht, wie so viele, unendliche viele Geschichten nicht sitmmen, die man in den Mainstream-Medien über Israel und die Palästinenser erzählt.

Das ist in meinen Augen der Dreyfus-Skandal unserer Zeit. Und wenn die Medien ihn totschweigen, statt endlich mal der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, nämlich daß sie palästinensische Gruselgeschichten und Lügenmärchen ungeprüft als Nachrichten-Items servieren, dann ist der Skandal nur noch größer.

Bitte, liebe Leser, sagt Bescheid, wenn Ihr irgendwo ein Echo auf dieses Urteil in Zeitung, Radio oder Nachrichten findet. Ach, wäre das schön, wenn jetzt mal ein paar selbstkritische Worte kämen. Aber keine Sorge, so unrealistisch bin ich nicht, ich erwarte nichts.

Ich kopiere hier einen Brief von Karsenty ein, den ich bei Meryl Yourish gefunden habe:

Philippe Karsenty gave the following statement regarding his victory:

“Today a French court ruled that I did not defame France 2 when I said that its news report was a staged hoax. Because I refused to be brainwashed, I was sued for defamation.

“Our victory today was a victory for freedom–the freedom to think and to speak one’s mind; the freedom to question what one is told; and the freedom to disbelieve the solemn pronouncements of others when the individual concludes that his reasoning is correct and that the state and the state-run media–and all of the institutions they represent–are wrong.

“The Al Dura lie is an assault on our ability to think, to criticize, to evaluate, and, finally, to reject information–especially the right to reject information on which we base our most cherished assumptions. One of Europe’s most cherished assumptions is that Israel is a viscious Nazi-like entity that deliberately murders Palestinian Arab children. Moreover, polls conducted in Europe have identified Israel as the greatest threat to world peace, greater than Iran and North Korea, Pakistan and Syria. The Al Dura hoax is one of the pillars on which these assumptions rely.

“It is ironic that I, a private individual, had to lecture one of France’s most influential TV stations in order to demonstrate that a child cannot move, lift his head, arm and leg, stare at the camera and still be considered “dead” a good 10 seconds after the newscaster tells us… ‘the child is dead.’ One need only look at France 2’s own footage to realize that the ‘death’ scene was faked.

“My only objective was to correct this error. However, on the part of the French media, it turned into a titanic battle against critical thinking and freedom of thought and expression. On my part, it became a battle for the right not to be brainwashed bythe French media. Only a few weeks ago, a French television station produced a documentary ‘proving’ that the Al Durah story is authentic. First, I was compared to a Holocaust denier, and then to the fringe elements that insist that 911 was an inside job. I, and others who share my opinion about the story, including Richard Landes, were labeled dangerous extremists and fanatics. All the while, viewers observed the ‘dead’ boy move exactly as I just described it. I can only conclude that, in France, it is critical thinking that is either dead or dying. Every French citizen should be complaining about this insult to our intelligence. In fact, very few complain because mass brainwashing works. Where are the angry letters to the station for its absurd documentary? Do the citizens of France now believe that a “dead” boy can move? Or have they merely forgotten how to think and draw their own conclusions?

The right to think, to speak, to evaluate, to accept and reject the conclusions of others goes to the very heart of what it means to be free.

Now it is time for France 2 to acknowledge that it created and is continuing to perpetuate the worst anti-Semitic libel of our era. It’s the responsibility of the French government and ultimately, the responsibility of the French president, Nicolas Sarkozy, who is, for all practical purposes, the chief executive of French public television, to finally reveal the truth.”

Zum Thema außerdem in anderen Blogs: Israel Matzav macht sich Gedanken und zeigt ein Bild, um uns daran zu erinnern, wie dieser Fall ausgeschlachtet wurde. Aussie Dave freut sich, daß es noch Gerechtigkeit gibt. Bei Richard Landes, der diesem Fall sorgfältig nachgegangen ist und auf dessen Blog sich alle Fakten finden, herrschen Freude und Erleichterung vor. Ich empfehle eine gründlichere Lektüre für Zweifler. Außerdem finden sich bei ihm weitere Links.

Aber ich denke mit schwerem Herzen: wie viele Menschen werden nie davon hören, daß sie belogen worden sind, und werden uns nach wie vor als blutberauschte Massenmörder, neue Nazis und was nicht alles bezeichnen. Und andere werden es einfach nicht glauben. Werden sagen, ja ja, jüdisches Geld kauft alles.

Und ich sage Euch: das ist nur ein winziges Teilchen in dem großen Bild, das da „palästinensisches Narrativ“ heißt. Es kommt einem das Entsetzen, wenn man daran denkt. Wir bezahlen für diese Lügen, die als Vorwand für endlosen Terror gegen uns dienen. Wir werden weiter bezahlen. Leider.

Doch ich würde viel darum geben, die herausgeschnittenen Teile der Aufnahmen von France 2 zu sehen und endlich zu wissen, was an diesem Tag wirklich geschehen ist. (Eine gründliche Analyse der Aufnahmen gibt es bei Richard Landes. Wer wissen will, wie der SChwindel funktioniert, sollte sich das zu Gemüte führen.)

Update: Medienecho hier. Interessante Überlegungen zum Thema Narrativ, Wirklichkeit und der Verbindung zwischen beiden hier.

*Nachtrag am 13.6.: Wie schade, daß ich Recht behalten habe. Der Fall hat keine Spuren in der deutschen Presse hinterlassen. Kein einziger der Journalisten, die damals gegen Israel gegiftet haben, hat sich entschuldigt oder auch nur milde Zweifel bekannt. Nichts.

Kommentare

1. jakobo - Mai 21, 2008, 21:49

Hi, Lila:
wie geht es dir? Ich kann die freude leider nicht so ganz
teilen😦. Ich hab ehrlich gesagt nicht so viel von
dem Prozess mitbekommen. aber was ich bis jetzt auch
durch deinen artikel mitbekommen habe ist, dass
Karsenty sein recht auf meinungsäußerung durchgesetzt
hat. nicht mehr und nicht weniger. das ist sehr wichtig.
aber es bringt uns ja der wahrheit keinen schritt näher.
Wirklich interessant wird es doch erst, wenn dieser
sender dazu verdonnert weden könnte das material
rauszugeben. Oder wenn man den sender auf
fahrlässigkeit oder verleumnung verklagen könnte.

Jakobo

2. Dr. Dean - Mai 21, 2008, 23:47

Hi Lila!

Ich verstehe deinen Ärger, und auch dein Urteil, das ich dennoch für etwas überzogen halte, jedenfalls an dem Punkt, dass dies mit dem Dreyfuß-Skandal vergleichbar sei.

Im Dreyfuß-Skandal kulminierte der Antisemitismus auf eine unfassbare Weise – fast wie in einem Jahrhundertschmelztiegel. Die Propaganda-Gefechte rund um al Durra haben nicht diesen Stellenwert, sind aber dennoch ein ziemlich großer Skandal.

Wenn France 2 gegen eine missliebige und zugespitzte Meinung klagt, ist das schon ziemlich heftig, und noch heftiger ist das ganze Propaganda-Drumrum, diese beinahe unfassbare Instrumentalisierung des Todes, des Vaters – zumal es wirklich gute Gründe zur Bezweifelung der palästinensischen Version gibt.

(..) [sie] werden uns nach wie vor als blutberauschte Massenmörder, neue Nazis und was nicht alles bezeichnen.

Ach was, schnickschnack! Wer bitteschön sieht „die“ Israelis als Massenmörder? Es gibt mehr als genügend Spinner, z.B. in Diskussionsforen massenepidemisch auftretende hocherregte selbsternannte Nahost-Experten mit einer Unmenge unzutreffender Ansichten, aber „Massenmörder„? Nee, sorry, Lila, man kann das Gefühl, dass „man“ falsch beurteilt wird, auch übertreiben. Selbst von den beknacktesten „Israel-Kritikern“ hört man so gut wie nie diesen bekloppten und auf Israel gemünzten Vorwurf „Massenmörder“.

(Anyway, auf Bushs Administration bezogen könnte man diesen Vorwurf evtl. sogar anführen)

Das systematisch Aufkochen von Hass vor dem Hintergrund eines in vielerlei Hinsicht unklaren Falles ist traurig – ja, wie Lila schreibt, sogar mörderisch. Fälle wie dieser zeigen, dass die Wahrheit (sofern sie überhaupt zu greifen ist) zu den ersten Opfern eines Konfliktes gehört, und das gilt bei diesem seit Jahrzehnten schwelenden Krieg in besonderen Maß.

Drei Fragen:

1. Was wissen wir?
2. Haben die israelischen Soldaten ausdauernd auf Zivilisten geschossen?
3. Wie hängt das alles zusammen?

ad 1.

Wir wissen mehr als uns lieb sein kann, aber eben nicht ganz genau, warum das Kind starb. Die Wahrscheinlichkeit spricht sehr dafür, dass es eine Art „Propaganda-Opfer“ der palästinensischen Seite ist. Völlige Sicherheit (oder auch nur: hinreichende Sicherheit) besteht meines Wissens aber nicht. Der Fall von Al Durrah ist aus selbstempfundener p. Sicht „typisch“, und zwar dafür, wie man meint, von Israel behandelt zu werden.

Zu den konfliktbedingten Perversionen gehört es, dass es derartige Vorfälle tatsächlich gibt, Jugendliche, angefüllt mit Hass und Langeweile, in Soldatenkluft, die Mist bauen und Unschuldige aus Affekt oder gruppendynamischen Zusammenhängen heraus wie Tonscheiben an- oder sogar abschießen. Ich weiß nicht, wie häufig das ist (ich nehme an: recht selten), aber vermeidbar ist so was leider kaum.

Das Wissen darum – und vor allem das bis zur groteske, intensiv verzerrte Ungerechtigkeitsgefühl auf p. Seite erklären vermutlich (und wie pervers ist das!), warum p. Propaganda-Verbrecher diese Szene mit Al Durrah und seinem Kind filmen ließen – und die Erschießung des Kindes anordneten. Sie wollten unbedingt diese Art von Verbrechen auf Film festgehalten haben…

Verrückt.

Wie gesagt: Bewiesen ist das nicht, aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür. Eine sehr traurige Geschichte, traurig für den Vater, schade um das Kind, schade um Israel, deren Bewohner auch infolge derartiger Propaganda-Lügen angegriffen wurde, schade auch um die Palästinenser, besonders um jene, die eigentlich nur in Frieden leben möchten.

Außerdem wissen wir inzwischen von einem Riesenhaufen von Details, von Gerüchten – und einem jämmerlichen Propagandakrieg.

Insofern kann man tatsächlich gewisse Parallelen zum Dreyfuß-Skandal ziehen. Ich sehe, beim Schreiben, dass ich mich Lilas Vergleich annähere – obwohl ich dennoch Zweifel an der Größenordnung habe.

ad 2)

Ja. Und vorher wurden sie angegriffen und mussten um ihr Leben fürchten. Ist es nicht pervers, wenn die Zivilisten genauso gut, sehr unzivil, deine potentiellen Mörder sein könnten?

Ich bin kein Sicherheitsexperte, ich kenne die Situation nicht im Detail, aber ich kann mir vorstellen, dass sie so ausdauernd schossen, einfach, um den p. Mob, der ihnen nach dem Leben trachtet, auf Distanz zu halten. Sie sahen mit ihren Zielfernrohren, dass sich da etwas hinter der Betontonne rührt – und sie hielten rauf. Was sollten sie sonst tun, relativ kurz nach einem Angriff?

Ist das nicht traurig? Du musst auf Menschen schießen, eventuell sogar Zivilisten, damit die nicht auf die Idee kommen, dich und deine Kumpels, die in einem kleinen Kontrollposten untergebracht sind, anzugreifen und zu lynchmorden? Es wird nicht schön sein, wenn man ahnt bzw. zu ahnen meint, was in den Herzen und Köpfen dieser Soldaten vorgegangen ist, vorher – und danach. Es waren keine Helden, jedenfalls bezweifele ich das sehr. Sie haben nur das getan, und nur das gefühlt und gedacht, was ihnen in dieser Situation möglich war.

Krieg ist Mist.

ad 3)

Wenn ich das wüsste.

P.S.
Im Cicero gibt es einen aktuellen Artikel, der auch auf den Fall rund um Al Durrahs Kind Bezug nimmt.

P.P.S.
Leider fehlt mir die Fähigkeit, Verwundungen zu heilen. Ich hätte diese gern.

3. Lila - Mai 22, 2008, 0:01

Dr. Dean, wenn Du wüßtest, was ich alles an Mails und Kommentaren ernte! Massenmörder, Blutrausch und ähnlich schöne Dinge sind da ganz gebräuchlich. Wer so denkt? Ganz, ganz viele Leute.

Wie ist Israel in den Ruf gekommen, das gefährlichste und kriegstreiberischste Land der Welt zu sein, wie Umfragen immer wieder zeigen? Durch Geschichten wie al-Dura.

Wieso steht Israels Recht auf eine staatliche Existenz zur Disposition? Weil es Leute gibt, die das arabische Narrativ einfach für wahr halten. Es reicht, jede beliebige Seite von Talkbacks zu Nachost-Artikeln zu lesen. Frag mal die Leute, die Du kennst, was Israelis charakterisiert. Arroganz, Brutalität, Aggressivität, Mißachtung menschlichen Lebens – das sind die ersten Vokabeln, die Du hören wirst.

Frag sie mal, wer die meisten Menschenleben im Nahen Osten auf der Kappe hat. Frag sie mal, die Arbeitskollegen, Nachbaren, Verwandten. Frag sie mal, wer Mohammad al-Dura erschossen hat. Oder ob es in Jenin ein Massaker gegeben hat.

Die Ergebnisse sind niederschlagend, ich kann es Dir versichern. Oder erfreulich, je nachdem, auf welcher Seite man steht.

Danke für den Link zu Cicero. Werd ich gleich mal nachlesen. Bisher habe ich in deutschen Medien nichts gefunden, aber ich war auch mit Fußballgucken beschäftigt…

Oh, und noch etwas zur Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten. Wenn es sie nicht mehr gibt, gibt es auch keinen Schutz für Zivilisten mehr. Angesichts der Tatsache, daß Hamas, Hisbollah und Konsorten diese Unterscheidung bewußt und wissentliche aufgehlboben haben und als Zivilisten fungierne (z.B. vorgestern einen 16jährigen mit vier Rohrbomben unterm T-shirt losgeschickt haben), wundert es einen, daß nicht noch viel mehr Zivilisten ums Leben kommen.

Und die Opfer der israelischen Seite, obwohl in reinen Zahlen weniger, haben einen unverhältnismäßig großen Anteil FRauen und Kinder.

Auch mir ist es um jedes Opfer schade. Aber wer Raketen neben einer Schule abschießt, kann nicht hinterher Schutz für Schulen fordern. Besonders wenn er auf Schulen feuert. Das ist doch verkehrte Welt.

4. Dr. Dean - Mai 22, 2008, 0:44

Frag mal die Leute, die Du kennst, (…)

Vielleicht kenne ich die falschen Leute. Die Leute, die ich kenne, berichten mir, dass Israelis „sehr warme“ Menschen seien, zumal verglichen mit Deutschland. Man könnte das als Konsensformel nehmen.

Nun, und die hysterischen Nahost-Dauerkommentatoren tue ich mir nicht (mehr) an. Ich hab mal (das zähle ich inzwischen zu meinen Jugendsünden), über rund zwei Jahre hinweg im „Nahost-Forum“ eines großen Portals fleißig mitdiskutiert. Aufgehört habe ich, als es sich dieses Forum zirka knapp hälftig in hassende „Islam-Kritiker“ und hassende „Israel-Kritiker“ aufgespalten hat und die Kommunikation zunehemend papageienartige Züge angenommen hat..

Diese Erfahrung mit dem speziellen Typus der „Nahost-Kommentatoren“ war außerordentlich eklig – und übt bis heute einen erheblichen Einfluss auf mich aus – aber ich vermute, das ist anders als bei dir, deshalb, weil ich mich durch diesen merkwürdigen Eifer nicht angegriffen fühle. Ich sehe solchen Kram nicht einmal als eine Kommunikationsbasis an, eher schon als das Gegenteil davon.

Ich tue diese Menschen, diese ganzen eifrigen Nahostkommentatoren in meine Rubrik „schnatternde Wirrköpfe“ und damit ist der Fall für mich erledigt – zumal sich dieser Personentypus bzw. deren Haltung in „real life“ allenfalls als Andeutungen zeigt, und sich hier – bislang ausnahmslos – sich als Formen von Fehl-Informiertheit erwiesen haben.

(ähem: von der ich selber aber auch nicht frei bin)

Die überaus ekligen Nahost-Forumserfahrungen haben es mir aber sehr einfach gemacht, mit islamistischen Muslimen klar zu kommen. Eigentlich merkwürdig. Im realen Leben ist es mir jedenfalls bisher immer gelungen, ausnahmslos, das Gift zu entfernen.

Das spricht für das reale Leben und gegen Internet-Foren, besonders gegen jene speziellen Netzbewohner, die sich total in ein Konfliktthema reingebissen haben. Krank.

Real kenne ich das nicht, nicht in meinem Umfeld. Obwohl, einmal hat ein Arbeitskollege ganz stolz auf Finkelsteins Holocaustindustrie verwiesen, was er gründlich gelesen habe. Bei dem hatte ich aber keine Lust auf Diskussionen, und ich bedauerte ihn im Stellen dafür, dass er solchem Kram auf dem Leim gegangen ist. Aber sonst?

Vermutlich habe ich nur Glück gehabt, und zu diesem Glück gehört auch, dass ich gelernt habe, mich nicht angegriffen zu fühlen. Würde ich in Israel leben, würde mir dieses Kunststück misslingen, wohl sogar gründlich, schon allein, weil ich eigentlich viel zu emotional bin und schlecht mit dem latenten Gefühl ständiger Bedrohung klar käme.

Ich glaube, es ist ganz außerordentlich schwer, objektiv schwer, in Konfliktsituationen überhaupt eine vernünftige Berichterstattung auf die Beine zu stellen.

Was die Berichterstattung in deutschen Medien betrifft, zum aktuellen Urteil, müsste nach meiner Einschätzung eigentlich noch was kommen. Kann mich aber auch täuschen, weil das vemutlich in vielen Redaktionsstuben vor allem als „französische Angelegenheit“ gewertet wird. Hängt vermutlich davon ab, ob sich DDP, AP, Reuters oder DPA zu einer Meldung heraberbarmen.

5. Lila - Mai 22, 2008, 6:22

Da hast Du Glück, und ich freue mich, das zu hören.

Ich habe im Laufe der Zeit von den vollkommen unerwarteten Seiten höchst merkwürdige Dinge gehört, die oft nicht mal bös gemeint waren. Aber die zeigten, was für einen Ruf Israel hat.

So eine gute Freundin meiner Mutter, mir lieb seit Kinderzeiten, als vor ein paar Jahren der „Brief der Piloten“ veröffentlicht wurde – sehr harsche Kritik an der Armee führung (die interessanterweise zuerst den Medien serviert wurde). Die Freundin meiner Mutter meinte kummervoll, „das sind mutige Menschen, die werden das wohl mit ihrem Leben bezahlen“.

Die gute Frau war sicher, daß Israel eine Militärdiktatur ist, in der kritsiche Geister frühmorgens aus dem Bett geholt und ohne Prozeß an die Wand gestellt werden. Ohne darüber nachzudenken. Erst als ich nachfragte, meinte sie erstaunt, das wußte sie ja gar nicht, daß es in Israel keine Todesstrafe gibt und wir eine Demokratie sind, in der kritsche Äußerungen nicht lebensgefährlich sind, sondern Teil des Lebens.

Auch eine sentimentale Kommentatorin, die übermich sagte, daß ich mit Todesmut auch negative Seiten über Israel berichte, machte sich wohl etwas verkehrte Vorstellungen davon, was in Israel alles möglich ist. HIer sitzen in der Knesset Abgeordnete, die die Abschaffung des Staats Israel fordern, die mit ihrem Status als Abgeordnete im Ausland an Kongressen teilnehmen, wo festgestellt wird, daß Israel ein Apartheidsstaat ist… Kurz, demokratisches Kuddelmuddel, wie es sein muß.

Aber die unterschwelligen Vorurteile zeigen ganz eindeutig, an welchen Staat Israel viele Leute erinnert – ganz so, wie es die anti-israelische Propaganda seit Jahrzehnten behauptet: an NS–Deutschland.

6. willow - Mai 22, 2008, 9:35

Tja, Dr.Dean, wenn eine Mehrheit in Deutschland und Europa Israel so positiv sehen würde wie es deine Freunde und Bekannten scheinbar tun, wie erklärst du dir dann, daß bei den weltweiten „Sympathieumfragen“ der Staat Israel regelmäßig als fürchterlichster aller Schurkenstaaten eingeschätzt wird? Da stimmt doch etwas nicht… für eine Mehrheit der Deutschen hat Israel ein schlechteres Image als die verbrecherischsten Diktaturen. Und ich habe durchaus den Eindruck, daß „unsere“ Medien, da ganz bewußt einen tief verwurzelten Antisemitismus bedienen.

Natürlich würde jeder Journalist diesen Vorwurf vehement zurückweisen, es ist allgemeiner Konsens, daß klassischer „direkter“ Antisemitismus verurteilenswert ist -ausgenommen vielleicht Seitens des Islam- … aber es ist auffällig, wie populär „die Juden“ in der Berichterstattung sind. Natürlich fast ausschließlich Negativschlagzeilen (gefühlt min. 1:10 in den seriöseren Medien), von den Verfehlungen einzelner Funktionäre oder Gemeinden bis hin zu den Affären der israelischen Minister und vor allem dem von Israelis verübten Genozid an den Palästinensern.

Von daher sehe ich durchaus Parallelen zwischen der Stimmung heute und zur Dreyfuß-Zeit – der Jude ist generell Schuld. Nur eben mit dem Unterschied, daß damals wesentlich mehr Persönlichkeiten, Politiker wie Intellektuelle, gegen diesen Antisemitismus ankämpften…

7. grenzgaenge - Mai 22, 2008, 11:05

„Massenmörder, Blutrausch und ähnlich schöne Dinge sind da ganz gebräuchlich.“

hi lila,

so was kenne ich. weisst du was die gute seite dieser sache ist ? es gibt spam filter bei hotmail. bei dieser gelegenheit kann man gleich mal testen ob die dinger auch funktionieren:-)

herzliche gruesse,
der grenzgaenger

8. Hendrik - Mai 22, 2008, 11:17

Tja, von gezieltem Antisemitismus in den seriösen Medien und in sonstigen einigermaßen ernst zunehmenden Kreisen habe ich zumindest noch nichts bemerkt. Eher von Anti-arabismus und Anti-islamismus. Natürlich gibt es eine Menge Verstörter, Spinner und Komplexgeplagter, die an Israel ganz verschiedene Dinge glauben abarbeiten zu können. Aber die Masse würde ich eher als unwissend, naiv bis freiwillig blind bezeichnen. Hier in Lilas Kommentaren hat kürzlich jemand auf eine interessante Studie über Sympatien für Außenseiter hingewiesen. Der kleinere, schwächere gewinnt das Mitleid, der vermeintlich stärkere die Verurteilungen. So sind die Menschen, das interessiert sie und weil sie das interessiert, funktionieren so u.a. auch die Nachrichtenmechanismen in den Medien. Viel Blut – Große Nachricht, wenig Blut – k(l)eine Nachricht, viel Leid – großes Thema, kleines Leid – keines Thema. Großer Skandal… usw. Wenn man danach über die Einstellungen der Medien urteilen würde, dann wäre die deutsche Presse antideutsch, antibritisch, antifranzösisch, antieuropäisch usw. Wobei ich mich über die Berichterstattung über die politischen Skandale in Israel eher freue, weil sie hier zeigt, dass Israel eine der funktionstüchtigsten Demokratien überhaupt ist, in der man Präsidenten und Premiers sogar verklagen kann und es auch gemacht wird und es eine aktive Öffentlichkeit gibt, die nicht mundtot, sonder lauthals ihre Funktion wahrnimmt.
Dennoch ist es natürlich manchmal anstregend, weil viele Leute sich absolut nicht vorstellen können, dass ihr naives Täter -Opfer, stark-schwach Schema im Nahen Osten einfach nicht funktioniert und sie leider oft auch völlig unwillig sind, sich gedanklich auf die fremden Realitäten einzulassen. Ich hab mir auch schon den Mund fusselig geredet, um dann zu hören: aber Israel ist doch so stark, da kann es doch auch mal nachgeben. Inzwischen kann man da ja mit dem Gaza-Beispiel kontern. Leider!

9. willow - Mai 22, 2008, 12:48

@Henrik:

Dein Vergleich hinkt… „dann wäre die deutsche Presse antideutsch, antibritisch, antifranzösisch, antieuropäisch usw.“ – denn in diesen Fällen wird eben nicht durchweg kritisch und negativ berichtet, sondern eben mal so und mal so. Und genau dies passiert im Fall Israel genau nicht. Es gibt sogut wie keinen Beitrag, der unterstreicht, daß Korruptionsskandale und Ministerrücktritte wegen persönlicher Verfehlungen ausschließlich in Demokratien und nie in Diktaturen passieren. Nur ganz selten einmal werden irgendwelche wissenschaftlichen oder kulturellen Leistungen Israels gewürdigt – dagegen sind sich fast alle Journalisten einig, was die von Israel an den Palästinensern verübten Verbrechen angeht. Wie gesagt, es ist kein Zufall, wenn in repräsentativen Befragungen große Teile der Bevölkerung (70% in D.) Israel negativ bewerten. Dies wäre bei halbwegs fairer Berichterstattung eigentlich unmöglich… womit wir wieder beim Fall Al Durra wären. Das sind die Assoziationen, die eine Mehrheit der ganz normalen „mit dem Zweiten sieht man besser“ Bevölkerung vor Augen hat. Oder eben einen kleinen Jungen, der einen Stein auf einen Panzer wirft … Israel, der Mörderstaat. Wie gesagt, ich kann es nur empfehlen, im Freundes- und Bekanntenkreis mal das Gespräch auf Israel zu bringen – ich jedenfalls habe eine Menge Überraschungen erlebt (sogar einige wenige positive). Es wird aber recht schnell deprimierend.

Nur am Rande – das mit dem Antisemitismus ist eh so eine Sache… hier z.B. zwei Beispiele dafür, was in Deutschland heute nicht als Antisemitismus gilt:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/Polizei-Justiz-Antisemitismus;art126,2458084
http://www.bild.de/BTO/news/2007/09/14/rabbiber-messerattacke/polizei-fahndungserfolg,geo=2494216.html

obwohl es ja doch den Anschein hat…

10. Lila - Mai 22, 2008, 14:36

Also, es gibt schon von Zeit zu Zeit mal Artikel, die über Israelis in einem anderen Licht berichten, ein Beispiel hier:

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,554728,00.html

Aber über Aktionen wie Israels Hilfe für herzkranke arabische Kinder, die Hilfe für Kinder aus Chernobyl, Hilfe bei Erdbeben in aller Welt wird nicht berichtet, weil das niemandem wichtig genug ist – die deutschen Medien berichten über den deutschen Angle bei Katastrophen, die Franzosen über den französischen etc. (Wie mir beim Heimflug von Deutschland über Wien nach dem Tsunami auffiel – drei verschiedene Berichterstattungen über das selbe Ereignis.)

Das ist menschlich verständlich und auch medientechnisch verständlich. Diese Aktionen werden ja auch nicht für die Medien gemacht. Nur ist das Ergebnis, daß diese Nuancen im Bild von Israel total fehlen.

Wie viele Medikamente und Behandlungsmethoden und Hi-Tech-Produkte hier entwickelt werden, wie viele Patente aus Israel kommen, wie viele Filme hier gedreht werden, BÜcher geeschrieben, Forschungsprojekte initiiert werden, wie viele Lehrer aus der Dritten Welt hier Fortbildungen machen… und weiß der Himmel was noch alles – das zeigt zumindest, daß unser Leben nicht nur aus Krieg und Kampf besteht. Im Gegenteil, wir sind stolz darauf, daß das Leben trotzdem weitergeht.

Die israelische Identität besteht aus viel mehr als nur dem Nahostkonflikt (was bei den Palästinensern wesentlich dünner ist, sie haben wesentlich weniger kulturelle Produkte, die sich nicht der Gegnerschaft zu Israel verdanken, was schade ist und sich hoffentnlich in der Zukunft mal ausgleicht).

Ich greife selten und ungern zum Wort Antisemitismus, ich finde, man tut den Opfern des echten A. keinen Gefallen damit, daß man das Wort täglich aus der Tasche holt. Anti-israelische oder anti-zionistische Ressentiments sehe ich schon öfter am Werk, oft ohne daß sich derjenige, der sie ausdrückt, dessen überhaupt bewußt ist. Gerade die „Ausgewogenheit“, die von beiden Seiten gleichermaßen ausgehende Gewalt und Ablehnung zu sehen glaubt, meint es ja gut. Aber sieht eben nur die Realität nicht. Das ist noch kein Antisemitismus, das ist wirklich eher eine Verzerrung, die sich durch die gesamte Gesellschaft zieht.

Es gibt eben keine Tatsachen mehr, nur noch Narrative. Ich möchte die faktenschaffende Realität der Narrative nicht leugnen, wir sehen ihre Ergebnisse täglich, aber trotzdem muß man auch Fakten erkenne, die nicht ins Narrativ passen. Wo das nicht mehr geschieht, tut man Unrecht.

Im Falle al Dura spreche ich von Antisemitismus. Der große Vorwurf der Antisemiten gegen die Juden, unter vielen anderen, war immer, daß sie Kindern Leides tun. Der bethlehemitische Kindermord (der nie stattgefunden hat, falls es Leser gibt ,denen das unbekannt ist, täten sie gut daran, sich zu informieren), die Mazzenlüge, eine lange Reihe von kindlichen Märtyrern jüdischer Blutrunst zieht sich durch die Geschichte. Juden töten Unschuldige, Juden töten Kinder. So lautet die Anschuldigung.

Und dieses Bild vom grausam tötenden Juden bedient die al Dura-Lüge, so wie viele andere Lügen nach ihr.

Wie viele Shahidim sind losgezogen, um den angeblich kaltblütig erschossenen Jungen zu rächen? Wir haben die Menschen doch nicht schon vergessen, die in den Jahren der Intifada täglich auf unsren Straßen starben? Das sind Pogrom-Methoden. Der aufgebrachte Mob stürmt in die Gheotts, um die Opfer jüdischer Blutrituale zu rächen.

Daß es diese Blutrituale nicht gibt, interessiert nicht.

Von der Willigkeit, jede Anschuldigung gegen Juden zu glauben, lebt der Antisemitismus. Die Judne ziehen die Strippen, die Juden schicken Bomber in die Twin Towers, die Juden waren´s. Haut drauf, ihr werdet schon keinen Verkehrten treffen.

Wie gesagt, ich mag die inflationäre Verwendung des A.-Worts nicht, aber hier glaube ich gibt es keine andere Erklärung.

Hochachtung dem deutschen FernsehTeam, das als erstes dieser
Geschichte nachging.

Viele Fragen bleiben offen.

Aber hat sich schon mal jemand gefragt, warum immer wieder die Palästinenser eine Untersuchung ihrer Todesopfer durch unabhängige Experten verweigern? Und ist es so undenkbar, daß Leute, die so skrupellos im Windschatten von Schulen und Krankenhäusern und Familien-Wohnhäusern mit Sprengstoff und Raketen hantieren, die im Beisein von Kindern Raketen abschießen – dass diese Leute bewußt einen Opfertod inszenieren?

Ihr habt die lammfrommen Gesichter selbst gesehen, mit denen die Palästinenser ihre Kerzen-Demos gemacht haben, während das Tageslicht deutlich zu sehen war, oder eine Straßenlaterne im Hintergrund. Welcher Grund besteht, ihnen so unbesehen alles zu glauben?

Ich kann selbst kaum glauben, daß ich das hinschreibe. Vor zehn Jahren habe ich den Palästinensern auch alles geglaubt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß jemand mit echtem Leid Schindluder treiben kann. Womit er ja die wahren Opfer seines eigenen Volks, die der KOnflikt zweifellos hervorgebracht hat, entwertet und zynisch ausnutzt.

Ich kann das nicht verstehen, nicht von den Palästinensern, aber noch weniger von den deutschen Nachrichtenredakteuren, die sich getürkten Bullshit andrehen lassen und dann nicht mal hinterher erklären: so war es nicht, wir sind reingefallen.

Genug, genug.

11. vered - Mai 22, 2008, 16:54

„Wie viele Medikamente und Behandlungsmethoden und Hi-Tech-Produkte hier entwickelt werden, wie viele Patente aus Israel kommen, wie viele Filme hier gedreht werden, BÜcher geeschrieben, Forschungsprojekte initiiert werden, wie viele Lehrer aus der Dritten Welt hier Fortbildungen machen… und weiß der Himmel was noch alles – das zeigt zumindest, daß unser Leben nicht nur aus Krieg und Kampf besteht. Im Gegenteil, wir sind stolz darauf, daß das Leben trotzdem weitergeht,“ … schreibst du.

Es gibt eine Möglichkeit, genau solche Nachrichten zu abonnieren. Wer will, kann jede Woche „ILI News – News I LIKE „per E-Mail bekommen. So stellt sie sich vor:

Wöchentlich kommt das Beste aus Israels
Wirtschaft, Medizin, Technologie, Kultur,
Politik, Gesellschaft und Sport.
Ein Gegengewicht zum SPIEGEL und was
nicht in der Sueddeutschen Zeitung steht.

Die ILI News sind kostenlos.

Und so kommst du dran:

Du gibst http://www.il-israel.org/ ein, tippst nachher auf ILI News und füllst das Formular aus.Es lohnt sich.

12. grenzgaenge - Mai 22, 2008, 18:45

danke, vered. ili macht wirklich eine wunderbare arbeit:-)

13. willow - Mai 22, 2008, 18:50

Nun vered, wer danach sucht, wird aus positives und interessantes über Israel finden -hier werden wir ja z.B. durch Lila auf dem Laufenden gehalten- aber wer darauf vertraut, durch seine Tageszeitung, durch Radio und Fernsehen umfassend und fair informiert zu werden, der hat ein völlig anderes Bild von Israel und seinen Nachbarn. Für die schildert Bettina Marx die Realität und sind „wir“ exotische Spinner, den Flache-Erde-Leuten vergleichbar.

14. grenzgaenge - Mai 22, 2008, 19:14

@willow: du hast ja recht. aber was will uns diese erkenntnis sagen ? ich finde es besser gegen den frust anzuschreiben, israel tage zu veranstalten, seine meinung zu sagen, als zu resignieren. sicherlich resginiere ich auch manchmal. aber diese phasen gehen schnell vorbei. wenn ich dann ganz traurig bin steige ich ins flugzeug. so weit ist tel aviv nicht entfernt. etwas ueber 4 stunden flug. nach ein paar tagen tel aviv bin ich dann angefuellt mit aktivitaeten:-)

15. willow - Mai 22, 2008, 22:05

@grenzgaenge:

Das sind so diese Tage, da bin ich einfach nur entsetzt, was für Gewissheiten auch „gutwillige“ Menschen so in ihren Köpfen herumtragen… aber Frust? Nöööö, ich nerve mein Umfeld weiter😀 !

16. Dr. Dean - Mai 23, 2008, 14:30

@ Lila

Ich fürchte, du ziehst – auch mit deinem Blog – einige sehr spezielle Kommentatoren an., die teils sehr entsetzliche Vorurteile präsentieren, oder, nicht weniger schlimm, mit Worten Krieg spielen.

Das vergrößert dann wie mit einem Brennglas die Vorurteile, die dir (bzw.: Israel) seitens normaler und (teils) informationsmäßig unterbelichter Menschen entgegen gebracht werden. So vermute ich ich es jedenfalls, – ob das richtig vermutet ist, weiß ich allerdings nicht.

Ich vermeide es, inzwischen sogar so gut es geht, auf das „Thema Israel“ zu sprechen zu kommen. Ich mein, was soll dabei herauskommen? Die Situation zu verstehen, ist schon schwierig genug, und für mich kann ich nicht sagen, dass ich das Gefühl hätte, die Situation Israels und, darüber hinaus, den Nahost-Konflikt verstanden zu haben. Ich fühle mich sogar ein Stück weit dumm und hilflos, uninformiert und zu allem Überfluss so gut wie außerstande, auf meine Fragen Antworten zu finden. So – und nun kommen irgendwelche Menschen auf mich zu, die offenkundig auch ihre Schwierigkeiten haben (oder schlimmer noch: keine Schwierigkeiten haben), Ereignisse des Konfliktes einzuordnen.

Was soll ich davon halten? Oft sind diese Leute auf geradezu abgründige Weise schlecht informiert, aber ich tröste mich damit, dass sie die Innenpolitik Nigerias, die Außenpolitik Perus oder die sozialen und religiösen Verhältnisse im Sudan genauso wenig beurteilen könnten. Dennoch würden sie zu fast jeder kleinen Meldung, von der sie erfahren, eine Meinung äußern.

Würde ich Menschen danach beurteilen, wie sehr sie in der Lage sind, ihre Irrtümer zu überwinden und bessere Informationen zu akzeptieren, müsste ich eine sehr schlechte Meinung vom Menschengeschlecht entwickeln, und dies umso mehr, wenn politische Angelegenheiten betrachtet werden. Ulkigerweise, und das ist tatsächlich so, muss ich – wenn es um Israel geht – diese eben geäußerte Meinung sogleich revidieren.

Meine Erfahrung ist, dass „der“ durchschnittliche Deutsche in Sachen Israel geradezu ungewöhnlich aufgeschlossen ist, auch besseren Informationen gegenüber – und da machen islamische Migranten bzw. deren Kinder (bislang) keine Ausnahme.

Ich erinnere mich z.B. noch gut an einen angehenden Speditionskaufmann aus Bosnien, sehr islamistisch gestimmt, der mir wegen eines Buches, das ich las den Spruch „nächstes Jahr in Jerusalem“ geradezu als Beweis der finsteren Absichten der Judenheit präsentierte. Er war von diesem Gedanken ganz außerordentlich eingenommen und hing recht lang – immerhin zwei Tage lang – an diesem Gedanken. Aber er hörte sich an, was ich ihm zu sagen hatte, und am Ende war er tatsächlich vollkommen überzeugt davon, sich geirrt zu haben. Für ihn war das in Bezug auf seine Meinung über „die“ Juden der Wendepunkt überhaupt. Mit einem mal kamen ihm gläubige Juden im Prinzip vor wie er sich selbst, nämlich eben sehr religiös und anderen Menschen gegenüber zu Respekt verpflichtet.

Dabei beherrschte er am Anfang sein islamistisches Einmaleins ziemlich gut. Nachdem er mich kennengelernt hat, hat es aber den Wert für ihn verloren. So war das – wir waren danach eine zeitlang befreundet, haben uns aber aus den Augen verloren.

Wie gesagt: Ich mag mit meinen Erfahrungen einfach nur Glück gehabt haben. Würde ich im Kreis politischer Extremisten verkehren, oder mich immer noch in Foren rumtreiben, wo Menschen mit schweren emotionalen Problemen auf einem Konflikt rumreiten um damit ihren Hass und ihre Besserwisserei ausleben zu können, würde ich vielleicht anders urteilen. Aber mein Bild wird im Wesentlichen von realen Begegnungen im „real life“ gesprägt, und dort hat sich so mancher Hardcore-„Israel-Kritiker“ bei näherem Betrachten entweder als seelisch schwer krank oder eben als überraschend harmlos herausgestellt.

Was kann man tun? Ich für mich habe mich dafür entschieden, vielleicht auch als Selbstschutz, in „Sachen Israel“ nach Möglichkeit die Ruhe zu bewahren und an die Aufklärbarkeit von Menschen zu glauben. Ich kann vielleicht keine in Foren herumschwärmenden Horden von Hassern bändigen, dazu reichen meine Kräfte nicht (und ich würde mich auch fragen, ob das eine lohnenswerte Aufgabe ist), aber im tatsächlichen Leben fernab des Datentunnels habe ich bislang allen Grund zur Zuversicht.

Was übrigens wenig daran ändert, dass mich der Nahost-Konflikt insgesamt eher ratlos macht. Einige meiner Ansichten passen auch in gar kein Raster, beispielsweise finde ich Olmert an vielen Punkten geradezu großartig, und ich glaube sogar, dass eines Tages die „Genfer Initiative“ bzw. etwas Vergleichbares eine gute Zukunft haben könnte.

Lila, da kannst du sehen, dass mir die Wirklichkeit so gut wie nichts anhaben kann. Manchmal wundere ich mich über mich selbst.

Ich wünsche dir – und den anderen Lesern dieser Zeilen – einen schönen Tag!

17. Lila - Mai 23, 2008, 18:40

Dr. Dean, ich stimme Dir zu, so ein Blog ist wirklcih manchmal ein Magnet für Durchgeknallte, die sich aber meist nach einer Weile verziehen. (Das machen die unzähligen, wunderbar netten Menschen mit einem weiten Meinungsspektrum wieder wett, die sich hier ebenfalls einfinden.)

Danach gehe ich auch weniger, aber bei meinen Besuchen in Deutschland (besonders im Sommer 2006, sonst vermeide ich das Thema eher….) bin ich immer wieder mit Feindseligkeit und geradezu schauerlichen Vorurteilen konfrontiert worden. Und das von Leuten, die ich sonst als besonnen und wohlinformiert kenne. Aber sobald es um Israel und die Juden geht, kommen die seltsamsten Vorurteile zum Vorschein, teilwese geradewegs aus Kinderbüchern wie dem Giftpilz stammend.

Da kriege ich Angst! Auch das miserable Abschneiden Iraels in allen Umfragen paßt dazu.

Andererseits – wären wir nicht auf die Außenwelt angewiesen (sowohl beim nächsten Krieg als auch beim nächsten Friedensschluß) dann könnten wir einfach sagen, na und? Ich sage das, wenn ich Vorurteilen gegen Deutsche begegne. Dann sollen die Leute halt glauben, daß ich pingelig und humorlos bin, bloß weil ich Deutsche bin (es stimmt ja auch, he he).

Deutschland ist nicht darauf angewiesen, daß die Außenwelt es gerecht beurteilt. Selbst mit den idiotischsten Schlagzeilen in der britischen Zeitung vor Fußballspielen wird Deutschland fertig:-)

Aber Israel braucht die Weltmeinung und internationale Anerkennung, sonst können wir auf die Dauer nicht als Staat existieren.

Also, mich macht der Nahostkonflikt auch ratlos. Olmert hat ein paar gute Ideen von anderen übernommen, und seine Bereitschaft, in Verhandlungen einzusteigen, auch bei Verlust, ist grundsätlich positiv. Leider ist das ohne Integrität wertlos.

Die Genfer Initiative habe ich auch unterstützt, weil ich dachte, DAZU können die Palästinenser doch nicht nein sagen. Es ist aber nichts draus geworden. Realistischer war die INitiative von Ami Ayalon und Sari Nusseibeh, ist aber auch nichts draus geworden. Irgendjemand meinte mal außer Sari und seiner Mutter wäre auf der palästinensichen Seite niemand mehr dafür.

Wie viele Israelis heute, nach dem Abzug aus dem Gazastreifen und dem Chaos dort, noch einen Abzug aus der WEstbank unterstützen? Nach wie vor eine Mehrheit, aber eine knappere.

Ich schreib da demmächst mal was drüber, wenn ich nicht mit einem Bein in der Küche beim Salatschnibbeln bin!!!

Ich bin grundsätzlich auch zuversichtlich und glaube an das Gute im Menschen. Ich sehe es auch oft. Manchmal überkommt mich der Pessimismus, und meine Leser müssen es ausbaden…

18. grenzgaenge - Mai 25, 2008, 11:51

„Wie viele Israelis heute, nach dem Abzug aus dem Gazastreifen und dem Chaos dort, noch einen Abzug aus der WEstbank unterstützen? Nach wie vor eine Mehrheit, aber eine knappere.“

@lila: man kann fehler natuerlich auch endlos wiederholen. sollen die siedler aus judäa und samaria auch noch vertrieben werden ? was ist mit ma’ale adumim ? was ist mit hebron ? soll die stadt wieder „judenrein“ werden ? weisst du: das beruhigende ist das ein neuer mosche levinger kommen wird um die mitzwa das ganze land israel zu besiedlen (neu) zu erfuellen.

19. Hendrik - Mai 25, 2008, 23:24

Nur als Hinweis,im Moment läuft gerade ein Beitrag zum Al Dura Urteil in ttt (Titel Thesen Temperamente) in der ARD. Klare Aussage: Kein Mord vor laufenden Kameras, Al Dura war Inszenierung für die Kamera, auch wenn man die weiteren Hintergründe und Wahrheiten des Falls nicht weiß.
Danach noch ein Gespräch über die Manipulation von Bildern in der Geschichte. Auf die öffentlich rechtlichen ist doch wenigstens noch Verlaß. Immerhin.

20. Lila - Mai 25, 2008, 23:30

Lieber Hendrik, das hört man gern, ich glaube sogar, die Sendung gab es schon, als ich noch in Deutschland lebte.

21. Piet - Mai 26, 2008, 0:56

Oh, da bin ich zu spät, was ja nicht unerfreulich ist.😉 Hier noch der link zur Sendung: Die Macht der Bilder (1) – War der Tod des Palästinenserjungen Mohammed Al Durah Manipulation?

22. Lila - Mai 26, 2008, 1:10

Vielen Dank, Piet, für den Link. Ich wünschte, wir wüßten irgendwann mal die ganze Wahrheit.

Hätte es damals eine professionell, von objektiven Beobachtern ausgeführte Obduktion bzw einen Verletzungsbericht gegeben, wäre die ganze Geschichte vermutlich nie so weit hochgekocht, ebenso wie viele andere. Unvorstellbarer Zynismus, so eine Geschichte zu fälschen.

23. Piet - Mai 26, 2008, 18:38

Tja, die Wahrheit… Im Anschluss an den Beitrag gab es ein Interview mit Gerhard Paul („Wie Fotos Meinung machen“), das aber leider weder als Text-, noch Filmaufzeichnung im Netz verfügbar ist (hab’s zumindest nicht gefunden). Er forderte, dass das, was wir im schulischen Kunstunterricht als klassische Bildinterpretation kennen gelernt haben, eigentlich stark intensiviert werden müsste, weil die Art des Umgangs mit Bildern und Bildmanipulationen zwar nicht neu sei (Vietnam, das Mädchen zwischen den Journalisten an der Front z.B., oder der herausgeschnittene Trotzki neben Lenin), uns aber in Zukunft immer stärker beschäftigen würde. Dabei ist „virtuelle Kriegsführung“ ja nur ein denkbares Feld von vielen.

Ja, wenn man bedenkt, was diese eine Filmsequenz alles nach sich gezogen hat an Manipulation von Menschen, an Toten, an verpassten Chancen… vielleicht wird sie einmal in die Geschichte eingehen als Beispiel für eben dies.

24. Lila - Mai 26, 2008, 18:51

Piet, das ist genau, was ich versuche, im Unterrricht zu machen.

Ich erinnere mich, wie ich kurz nach diesem traumatischen Vorfall mit al Dura in einem Vortrag saß, über romanische Kapitelle. Gegen Ende kamen wir mit der genialen Vortragenden ins Gespräch, und sie erzählte uns, daß sie soeben einen Brief an France 2 geschrieben hat. Sie hat als erste gesagt, daß es unmöglich so gewesen sein kann, wie die Journalisten behaupteten. Und sie stützte ihre Argumentation auf nichts anderes als die Bilder.

War sehr eindrucksvoll.

25. woelkchen - Mai 28, 2008, 14:09

ttt war wirklich sehr aufschlußreich. Endlich wurde mal die andere Seite beleuchtet. Ich denke, dass leider viel zu wenige Menschen diese Sendung anschauen – das wäre ja Fernsehen mit Sinn und Denkanstößen😉

26. Lila - Mai 30, 2008, 15:27

Nachtrag: auch in der Schweiz erscheint ein Artikel, der fragt:

War die Erschiessung eines Knaben inszeniert?

Dank der Leserin, die mir den Link zugeschickt hat!

27. willow - Juni 2, 2008, 10:34
28. Mia - Juni 2, 2008, 15:14

So schön es auch ist, dies in deutschsprachigen Medien zu sehen, umso ernüchternder ist es dann, wenn man auf Focus die Kommentare dazu liest.

29. Nachtrag « Letters from Rungholt - Juni 27, 2008, 13:03

[…] Nachtrag Juni 27, 2008, 13:03 Posted by Lila in Uncategorized. trackback zum Thema Mohamad al-Dura. […]


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