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Ärzte, Ärzte, Mai 19, 2008, 16:43

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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Hort der Menschlichkeit. Schon wieder eine Geschichte aus dem medizinischen Bereich. Solche Geschichten geben einem den Glauben zurück, daß wir und die Palästinenser ganz normal und menschlich miteinander leben können, wenn wir uns auf gemeinsame Interessen konzentrieren und nicht auf entgegengesetzte. Wenn es um Kranke und Verletzte geht, dann sind alle auf einer Seite und arbeiten zusammen. Das ist so schön zu sehen. (ich habe die Geschichte von Pajamas Media, und haben den Weg dorthin über David B. gefunden.)

Es war im Dezember, an einem regnerischen Tag in der Nähe von Ramallah. Da gibt es eine Armeebasis. Ein Taxi mit Palästinensern kam bis vors Tor gefahren, drinnen Menschen, die dringend um Hilfe riefen. Ein 12jähriger Junge war schwerstverletzt – und der israelische Militärarzt sah sofort, daß er dringend Hilfe brauchte. Bewußtlos, schwere Kopfverletzung. anEin Albtraum.

Während ein Team von Ärzten und Sanitätern den Jungen behandelte (vor den Toren der Basis, wegen der Sicherheitsvorschriften) (wer sich darüber aufregt, dem antworte ich ein andermal, ich bin jetzt in dieser Geschichte drin), erzählte der Cousin des Jungen, daß er ihn auf dem Boden liegend fand. Der Junge, Shadi, war wohl vom dritten Stock seines Elternhauses, wo ein ungesicherter Balkon ist, direkt auf den Kopf gefallen. Oh Gott.

Der Cousin dachte, er bringt ihn am besten zur Militärbasis, denn da gibt es Ärzte und Sanitäter. Das haut mich einfach um, daß er in diesem Moment nicht an die Feindschaft und den Haß dachte, sondern ganz pragmatisch, was gut für den Jungen ist. Und das brachte ihn ganz genau zur richtigen Lösung, denn Gott sei Dank wurde sein Vertrauen nicht enttäuscht. (Der Artikel erläutert auch, daß die Bewohner von Ramallah sich bei Notfällen an die Militärärzte wenden, das ist wohl eine Besonderheit dieser Armeebasis, daß sie der Bevölkerung medizinische Dienste bietet.)

Der Arzt, ein orthodoxer Jude, sah sofort, daß weder er noch das Krankenhaus in Ramallah bei einer so schweren Hirnverletzung helfen können. Und er bestellte einen Sanitätshubschrauber, um den Jungen nach Israel fliegen zu lassen. So mutig, wie der Cousin war, als er sich an die verhaßten Feinde um Hilfe wandte, so mutig war der Arzt. Denn ein Helikopter des israelischen Militärs ist natürlich ein wunderbares Ziel für die Scharfschützen auf den Hügeln um Ramallah herum. In Ramallah so eine ungeschützte Aktion unternehmen wie die Verladung eines Schwerverletzten in einen Hubschrauber, das ist gefährlich.

Aber für den Arzt war die Entscheidung leicht, denn er richtete sich wieder nur danach, was der Junge brauchte. Er brauchte Helikopter-Transport, und er bekam ihn. Er kam in ein israelisches Krankenhaus, er überlebte. Seit Januar ist er in einer Reha-Abteilung in Israel und lernt dort sprechen, gehen und essen von neuem.

Aus dieser Geschichte kann man mehreres lernen. Erstens, daß es überall gute Menschen gibt, und daß in Notsituationen ein Mensch seines Bruders Hüter ist. Zweitens, daß sachlich zielgerichtete Entscheidungen, die konkret helfen, die besten sind.

Um es zynisch auszudrücken: der Cousin hätte sagen können, „lassen wir Shadi hier vor dem Tor verbluten und rufen Journalisten, dann haben wir einen Coup. Bis bewiesen ist, daß die Israelis ihn nicht erschossen haben, sind die Schlagzeilen schon um die Welt“. Der Arzt hätte sagen können, „sollen sie doch in ihr Krankenhaus nach Ramallah gehen, was soll ich ein medizinisches Team und eine Helikopterbesatzung riskieren, von dem teuren Helikopter ganz zu schweigen, und alles nur für einen kleinen Araber“.

Das haben sie aber nicht.

Und wer jetzt sagt, ja ja, immer die edlen Israelis als Retter, wenn die Palästinenser nicht Opfer sind, dann gefällt Dir die Geschichte schon weniger? – den erinnere ich an die oft erzählte Geschichte vom arabischen Arzt, der meine Tertia gerettet hat. Gerettet. Ohne ihn hätt ich die Motte nicht mehr. Und ich sehe noch vor mir, wie er sie zwei Jahre später wiedersah, sofort auf seine Schultern hob und mit ihr über die Kinderstation tanzte, singend: das ist mein Mädchen. Und sie lachte. Den werde ich nie vergessen, den Arzt.

Ein guter Arzt hilft, egal wo er herkommt und wo der Patient herkommt. Und er entscheidet pragmatisch und sachbezogen. Da könnten wir uns alle was von abgucken.

Ich wünsche Shadi eine gute Genesung und seiner Familie alles Gute.

Kommentare»

1. grenzgaenge - Mai 19, 2008, 17:08

das ist ja interessant, lila. ich habe in meinem blogg gerade ueber aerzte und medizin geschrieben. in einem ganz anderen zusammenhang. passt nicht wirklich, aber trotzdem …

http://grenzgaenge.wordpress.com/2008/05/19/medizin-und-selbstbestimmung/

2. jim - Mai 19, 2008, 23:03

„Ohne ihn hätt ich die Motte nicht mehr. Und ich sehe noch vor mir, wie er sie zwei Jahre später wiedersah, sofort auf seine Schultern hob und mit ihr über die Kinderstation tanzte, singend: das ist mein Mädchen. Und sie lachte. Den werde ich nie vergessen, den Arzt.“

Fält schwer, weiter zu lesen, denn die Buchstaben verschwimmen plötzlich irgendwie.
Das ist so wunderbar schön …

3. Boche - Mai 20, 2008, 10:11

Danke für diese immer wieder bewegenden Geschichten!

4. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Einfach - Mai 20, 2008, 10:14

[…] könnte so einfach sein. Was in Notfällen so gut klappt, sollte doch irgendwann mal auch im Normalfall funktionieren. […]

5. Stefan - Mai 20, 2008, 14:13

Von diesen Meldungen sollte es viel mehr geben, aber wen interessieren schon positive Meldungen? Die „Friedens“-Hetzer von „International Solidarity Movement Germany“ zählen lieber die „medizinischen Opfer, die wegen der Blockade des Gaza-Streifens durch die zionistischen Besatzer gestorben sind, weil diese ihnen die Ausreise verweigerten, obwohl sie dringend medizinische Behandlung gebraucht hätten, die sie aber im Gaza-Streifen nicht erhalten konnten, wie medizinische Quellen berichteten“. (Wie viele Phrasen waren das jetzt???) Propagandistisch macht sowas natürlich viel mehr her. Danke für deinen Bericht.

6. grenzgaenge - Mai 20, 2008, 16:31

danke, stefan, du sprichst mir aus dem blogg 🙂


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