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…und keiner guckt hin März 19, 2008, 1:17

Posted by Lila in Land und Leute.
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Meretz, die Links-Außen-Partei, hat heute einen neuen Vorsitzenden gewählt. Yossi Beilin, der superkluge, geschliffen sprechende, von keinem Selbstzweifel angekratzte scheidende Vorsitzende,  hat es nicht geschafft, die Partei der Idealisten und reinen Narren der brutalen Realität anzupassen. 1992, der große Sieg, da wurde auch hier im Kibbuz groß gefeiert. Denn traditionell ist unsere Kibbuzbewegung mit einer der Gründungsparteien von Meretz verbunden. Viele Kibbuzmitglieder sind oder waren mal bei Meretz aktiv. Jahrelang konnten diese linken Parteien auf eine satte Mehrheit in den Kibbuzim bauen.

Der neue Vorsitzende, Chaim Oron (den ich schon mehrmals bei Veranstaltungen im Kibbuz getroffen habe, er ist selbst Kibbuznik und sieht auch genauso aus),  ist volkstümlicher als der stets geschniegelte Beilin mit seinem selbstzufriedenen Lächeln. Aber niemand kennt ihn, außer uns in unserer Kibbuz-Clique. Die anderen Kandidaten: Ran Cohen, seltsam glanzlos, und Zehava Galon, eine engagierte Feministin und kluge Frau, die innenpolitisch gute Ideen hat, der aber ihre schrille Stimme (eine Albtraumversion einer SoWi-Lehrerin) noch mehr als ihre vollkommen vorhersehbaren Empörungen Stimmen gekostet haben mögen.

Das Format von Shula Aloni (die gleichzeitig beißen und ätzen kann), Amnon Rubinstein (der stets die Ruhe bewahrt) (beide waren übrigens ausgezeichnet als Bildungsminister) oder auch Yossi Sarid (der so zynisch ist, daß nur mein Mann seinen Humor versteht – und hoffentlich Sarids Frau) erreicht jedenfalls niemand.

Für die Linke in Israel war ihr größter Erfolg auch gleichzeitig der Weg ins Abseits. Ideen, die von der Linken zuerst ins Getümmel geworfen würden (mit den Palästinensern reden, Siedlungen abbauen, einen Zaun als defensive Maßnahme zu bauen, um die Zahl der Offensiven gegen den Terror zu reduzieren, einseitige Rückzüge als Vorleistung) – all diese Ideen sind längt mehrheitsfähig, sind von Barak, Sharon und Olmert,  übernommen und durchgeführt worden.  Beilin ist stolz darauf, daß Dinge, die früher verlacht wurden, heute ganz normal wirken. Aber ich weiß nicht, ob er das zu Ende gedacht hat – Verzeihung, Beilin hat es garantiert zu Ende gedacht, nur nicht offen gesagt.

Interessanterweise  nämlich haben diese Aktionen einen mehrfachen Effekt gehabt. Sie haben sich, bis auf den Schutzzaun, nicht als sehr ratsam erwiesen. Mit den Palästinensern ist Klasse und macht Spaß – nur leider machen sie trotzdem weiter Terror, das hatten wir nicht mit eingerechnet, wir dachten, wenn wir mit ihnen reden, hört der Terror auf. Weil normale Menschen denken: Terror ist da, wo kein Dialog ist. Nun, die Palästinenser beweisen nach Kräften, daß man beides kann: den Kuchen essen UND ihn in die Luft sprengen.

Rückzüge a la Libanon und Gaza mögen unsere Verlustzahlen an Soldaten mindern und sind daher in unserer „jeder Soldat ist mein Baby-lasst uns die Kinder beschützen“-Gesellschaft durchsetzbar. Doch auch hier erweist sich unsere schöne Rechnung (wo keine israelische Präsenz mehr ist, nimmt der Terror ab, bis er verschwindet) als schöne Illusion. Es braucht keine israelische Präsenz, um Terror zu erzeugen. Das geht auch prima ohne uns. Und wat machen wir dann? Zugucken, sich ducken? Über die Grenze rein und zurückschlagen? Ach Gott.

Die Idee vom Schutzzaun vermischte sich in der internationalen Wahrnehmung, ohne Zweifel aufgrund unzureichender Erklärungen unsererseits, mit der Idee einer Grenze. Was der Zaun nicht ist. Sondern er ist eine einfache sicherheitstechnische Maßnahme. Die Entscheidung, wo er verlaufen soll, wurde schlicht und einfach danach gefällt, wo er die meisten Menschenleben schützt. Da die internationale Meinung vielleicht nicht dachte, daß die Menschenleben wirklich gefährdet sind – oder daß sie es eben selbst schuld sind und daher keinen Schutz verdienen – eine Meinung, die in ähnlicher Form auch von der israelischen Regierung vertreten wird, Olmert in Sderot: „ich kann nicht versprechen, daß ich euch schützen kann, lebt mit den Qassams“ – dachte man, das ist eine Form der Grenzziehung. Da kann man sich den Mund fusslig reden, daß wir das abscheulich häßliche Ding gern wieder einklappen würden, so nur die ewigen Anschläge aufhörten – es hört längst keiner mehr zu.

Kurz, die Ideen der Linken, unsere Ideen,  sahen alle schön aus, solange sie wie die  falsche Königstochter auf der Seite lagen und niemand sah, daß ihnen ein Auge fehlte (Brüderchen und Schwesterchen). Statt nun nachzudenken, wie ich privat und alle anderen Linken, die ich kenne, statt zu überlegen, wie man die hehren Vorstellungen von fair play und Gegenseitigkeit in einem Konflikt ersetzen kann, ohne deswegen gleich unfair und einseitig zu werden – statt dessen hat die offizielle Linie von Meretz weitergeträumt, als wäre Oslo nie gewesen.

So sprach Beilin neulich in einem Interview in der ZEIT:

Die arabische Inititiative aus dem Jahr 2002 sieht vor, die Beziehungen zwischen den arabischen Staaten und Israel im Falle eines Friedensschlusses zwischen Israel, den Palästinensern und Syrien zu normalisieren. Meine Hoffnung war, dass wenn es eine Einigung bezüglich der strittigen Fragen gegeben hätte, die arabischen Staaten ihrerseits bereit gewesen wären zu sagen: Gut, es herrscht zwar immer noch kein Frieden mit den Palästinensern und auch Verhandlungen mit Syrien stehen noch aus, aber wir sind bereit, einen Teil unserer Initiative umzusetzen. Zum Beispiel hätte man mit der Einrichtung von Interessenbüros in Israel beginnen könenn.

Ja, Yossi, das wäre unheimlich schön, leider waren aber die strittigen Fragen nicht in einer Diskussion zu klären! Denn die arabischen Staaten haben von Anfang an gesagt: entweder ihr freßt die Initiative in einem Stück, oder ihr kriegt gar nichts. Man kann sagen, es war kindisch von Israel zu sagen, dann lieber gar nicht!, aber wenn man sich das Angebot mal anguckt, wäre es ziemlich riskant gewesen, es einfach so als Paket anzunehmen. Das können wir uns nicht leisten, wir haben kein zweites Ländchen im Kosmetikköfferchen dabei, das wir auspacken können, wenn uns das erste abhanden kommt.

(In dem Artikel hat auch ein Übersetzer den totalen Klops von den 300 neuen Siedlungen reingebaut – hä???? Es geht um etwa 300 neue Wohnungen – wirklich den ganzen Lärm nicht wert, der darum entbrannt ist, aber zu dem Thema ein andermal, ich bin auch nicht begeistert von Bauprojekten, die hinterher geräumt werden müssen und nur böses Blut machen und zu Spannungen führen, aber im Fall von Ariel wäre wohl ein Gebietstausch die realistischste Lösung, – wie gesagt, dazu ein andermal. Wollte nur diese verblüffende Zahl korrigieren.)

Beilin weint seiner Genfer Initiative hinterher, was ich verstehen kann, denn sie war schön, und auch Ayalons Mifkad war schön. Versuche, mal einfach Ordnung zu machen. Das einzige, winzige Problem: daß die Palästinenser nicht imstande sind, solche Pläne durchzusetzen. Selbst wenn Sari Nusseibeh und seine Mutter dafür sind, das reicht leider nicht. Ließe sich die Hamas von einer Liste mit Unterschriften einschüchtern? Ach was, natürlich nicht. Leider.

Kurz, die israelische Linke verliert rapide an Wählern, auch bei alten treuen Wählergruppen wie den Kibbuzniks, weil sie Lösungen von gestern vorschlägt. Ich bin nach wie vor der Meinung, daß es gut war, diese Lösungen auszuprobieren – man kann eine Hypothese weder beweisen noch widerlegen, wenn man sie nicht ausprobiert, zumindest in diesem Genre, Politik, nicht. Aber ich glaube, nur ein blauäugiger Optimist kann daran glauben, daß diese Lösungen tatsächlich funktioniert haben.

Daß daraufhin große Ratlosigkeit zurückbleibt, wenn man Jahr um Jahr alles mögliche versucht und nichts funktioniert – dem müßte sich die Politik eigentlich stellen. Sie tut es nicht. Olmert redet drumherum, Livni redet allen nach dem Munde, Bibi donnert los, leider im Leerlauf, und Chaim Oron ist eine ehrliche Haut und ein netter Kerl. Ob er aus dem müden Material noch Funken schlagen kann? Ich bezweifle es.

Meretz hat sich einen neuen Vorsitzenden gewählt, und niemand hat auch nur hingeguckt.

Kommentare»

1. Manfred - März 19, 2008, 2:01

„…wir haben kein zweites Ländchen im Kosmetikköfferchen dabei, das wir auspacken können, wenn uns das erste abhanden kommt.“

😀

2. Lila - März 19, 2008, 11:08

Zu dem Thema die stets lesenswerte Meryl Yourish, mit einem Zitat von Michael Goldfarb:

The land for peace paradigm is dead. It didn’t work. The Israelis gave up southern Lebanon and got a war with Hezbollah. They gave up Gaza and they now have a hot war in the south with rockets hitting Sderot daily. There is no chance that the Israelis give up the West Bank only to see the same thing happen, especially given the West Bank’s proximity to the economic heart of Israel.

Which only further contributes to the paralysis–the old paradigm is dead, but nothing has yet developed to take its place. Even the country’s peaceniks are horrified by the turn of events in Gaza–they are no longer pushing for a similar withdrawal from the West Bank.

Traurig. Aber vielleicht kommt ja jemandem eine gute Idee? Anwärter auf den Nobelpreis, würde ich sagen.

3. Marlin - März 19, 2008, 13:57

Ich werde mir was ausdenken, Lila.. 😛

😀

4. grenzgaenge - März 19, 2008, 18:07

es ist spannend zu lesen das es in israel noch eine vielversprechende „linke“ gibt (auch wenn sie vielleicht in der bedeutungslosigkeit versinkt). ich hoffe das linke politische lager in deutschland ist nicht vielversprechend und wird ohne versprechen in die bedeutungslosigkeit versinken 😉

wobei man vorsichtig sein sollte: „die linke“ (der name der partei ist programm) sollte nicht verharmlost werden. diesen fehler hat man schon einmal gemacht.

ich denke die israelische und die deutsche linke haben das gleiche problem: es sind keine koepfe da die menschen begeistern koennen. herr beck (zur erinnerung: spd vorsitzender) ist hoechstens zum abgewoehnen geeignet, lafontaine hat seine bedeutungslosigkeit noch nicht ueberwunden und fischt jetzt im rechten lager nach stimmen usw.

in israel gibt es wenigstens noch einen amnon runbinstein. welch ein brillianter denker. ich denke mit dankbarkeit an dieses buch zurueck

http://www.amazon.de/Geschichte-Zionismus-Theodor-Herzl-Barak/dp/3423242671

unglaublich gut geschrieben, man lernt aus jeder zeile. ich habe selten ein so gutes buch gelesen.

lila, du wirst es nicht glauben, ich wuerde amnon rubinstein sofort waehlen 🙂

ich weiss nicht wie runbinstein beim „volk“ ankommt, keine ahnung. aber ein grosser denker ist er bestimmt und – was ich von ihm lesen durfte – er scheint unbequem zu sein. das ist in meinen augen ein riesen pluspunkt fuer ihn.

5. Kvelli - März 20, 2008, 1:23

All das, was und wie Du es schreibst, kann ich in vielen Punkten nachvollziehen und dem auch zustimmen. Von den Linken in Israel habe ich bisher kaum gewusst. Schade ist immer, dass solche Sachen irgendwie meistens im Sande verlaufen, oder sich andere der Programme bedienen um sich damit rühmlich zu zeigen.

Einen lieben Gruß und Jouir la vie nach Israel

Kvelli von der Senioren-Lobby


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