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Kleine Beobachtung Februar 28, 2008, 22:50

Posted by Lila in Land und Leute.
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Heute saß ich in der Lobby des Hauptgebäudes der Uni Haifa und wartete auf jemanden. Ich hatte Zeit, mich umzugucken. Im Auditorium fand heute eine interessante Konferenz statt, leider hab ich sie verpaßt – abgehalten von der erziehungswissenschaftlichen Fakultät, Thema: mehrsprachige Erziehung. Das ist in Israel ja ein vielschichtiges Thema, es gibt viele Familien, die zwei oder mehrere Sprachen sprechen.

Ich sah gegen Ende der Konferenz die Leute herausströmen. Viele Frauen, etwa zwei Drittel Frauen, ein Drittel Männer. Juden, Araber, einige durch Kipa oder Kopftuch eindeutig erkennbar, einige nicht so einfach zuzuordnen. Arabisch und hebräisch durcheinander, alle noch im Schwung der Diskussion. Ich kriegte mit, daß besonders viele Lehrer, die Sprachen unterrichten, gekommen waren – und ich saß für kurze Zeit wie eine Insel in einem Meer von angeregt diskutierenden Grüppchen. Ein paar ließen sich um mich herum nieder, andere zogen weiter.

Ich dachte mir, das glaubt mir keiner in Deutschland. Daß hier arabische und jüdische Akademiker und Studierende und Lehrer zusammenstehen und sachlich und angeregt diskutieren. Die multikulturelle Idee, die in ihrer Naivität lachhaft geworden ist, lebt an einer Einrichtung wie der Uni Haifa ganz selbstverständlich, nicht unreflektiert oder theoretisch oder eben naiv, sondern faktenorientiert – und vor allem zum gegenseitigen Nutzen.

Es geht, es klappt – man braucht die richtigen Bedingungen und Leute, die willig sind. Und in unserer Gegend ist nichts Außergewöhnliches dabei. Gerade darum wollte ich es festhalten.  Auch das ist Israel, nicht nur Krieg, Bedrohung und inneren Spannung.

Kommentare»

1. Ostap Bender - Februar 29, 2008, 0:12

Und, geht das, mehrsprachige Erziehung? Meine Beobachtug ist, dass nur Mütter und Frauen unbedingt krampfhaft darauf bestehen, dass das Kind auch die zweite Elternsprache hört und erlernt. Ich jedenfalls, kriege jedesmal Schelte, wenn ich mich oute, mit meinem Sohn nicht in meiner Muttersprache sprechen zu wollen.

2. Lila - Februar 29, 2008, 0:32

Na, ich war ja selbst zu sehr in Zeitdruck, um in die Konferenz reinzugehen…

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen: es funktioniert in einer Konstellation wie bei uns bis zu einem gewissen Grade. Bei uns sprechen ja Umgebung und Papa Bär Hebräisch, nur Mama Bär brummt Deutsch. Oft genug verfalle ich selbst ins Hebräische, besonders seit die Kinder groß sind und die Unterhaltungen zu komplex, als daß sie ein Springen zwischen den Sprachen gut vertragen könnten.

Viel einfacher ist die Konstellation, in der es eine Binnen- und eine Außensprache gibt. Ich kenne viele solcher Familien. Die Eltern sprechen Russisch oder Englisch oder Ungarisch, die Umgebung Hebräisch, die Kinder lernen beides. Sie haben viel weniger mit Problemen zu kämpfen als meine Kinder, die mit Akzent sprechen, denen die Worte manchmal nicht einfallen oder die zu Anfang immer in die Sprache reinfinden müssen, wenn sie nach Deutschland kommen.

Ich kenne mehrere Frauen, die Zweisprachigkeit letztendlich NICHT durchgeführt haben – hast Du die Kritik von praktizierenden Doppelsprachlerinnen eingesteckt oder war es mehr eine allgemein-weltanschauliche Kritik? Ich kenne wirklich sehr viele zweisprachige und mehrere dreisprachige Familien, und es hängt tatsächlich viel vom Willen der Mutter ab – Väter ziehen eher schon mal mit.

Leider ist es mir nicht gelungen, Y. zum Deutschsprechen zu animieren. Er meint, ich krittele dann zu viel an ihm rum. Schade.

Aber ich habe mit deutschen Kindercassetten, Filmen, Computerspielen und natürlich bergeweise Büchern versucht, eine Art deutscher Umgebung zu schaffen, zumindest sprachlich.

Interessanterweise sprechen Primus und Quarta am besten deutsch. Primus konnte es mal sehr gut, seit er älter wird, haben wir die Probleme, auch im Deutschen zu bleiben, wenn wir uns unterhalten. Und Quarta geniert sich für nichts, sie quasselt drauflos, mischt die Sprachen und verständigt sich. Sie lernt ja jetzt auch Englisch und das macht ihr nicht zu schaffen.

Secundus, der Vorsichtige, und Tertia, die Verschlossene, finden den Weg ins Deutsche nicht so leicht.

Aber ich bin wirklich nicht konsequent genug.

In der Konferenz ging es auch um Lehrer, und wie Fremdsprachenunterricht sich die Erfahrungen von Familien zunutze machen können, und um Arabischunterricht und Hebräischunterricht an israelischen Schulen, an kognitive Auswirkungen von Zweisprachigkeit etc.

Meinen Kindern hat es nur gut getan. Sie lernen in der Schule ja nur zwei Fremdsprachen, Englisch und Arabisch, da bin ich froh, daß sie auch Deutsch können. Primus liest sogar fließend, obwohl ich das nie trainiert habe.

Ich bin keine hol-das-Heft-raus-wir-üben-Mama. Da hab ich wohl viel versäumt 😦

3. Ostap Bender - Februar 29, 2008, 0:42

„hast Du die Kritik von praktizierenden Doppelsprachlerinnen eingesteckt oder war es mehr eine allgemein-weltanschauliche Kritik“

Es waren immer Frauen, die jemanden kennen, der eine Mutter kennt, oder die direkt eine Mutter kennen, die allein es dem Kind beigebracht hat, fließend ihre Sprache zu sprechen. (Shit, ich glaube, ich benutze zu viel Kommas. Argh, schon wieder. Aaa…)

4. Lila - Februar 29, 2008, 0:46

Eben mal gelacht. Oh ja, die haben tolle Tips, solche kenne ich auch. Immer auf die Theoretiker hören 😉

5. sven - Februar 29, 2008, 5:11

Habe mir gespannt deinen Kommentar durchgelesen Lila,
ich habe eine 5 Monate alte Tochter, spreche deutsch mit ihr, meine Frau katalanisch, mit meiner Frau spreche ich spanisch/deutsch und leben tun wir in Nepal.
Mal sehen was aus dieser Konstellation wird.
Liebe Grüße

6. su - Februar 29, 2008, 12:50

zur situation: auf der einen seite dieser tödliche hass, und auf der anderen seite eine friedliche normalität. ich bekomme das nicht zusammen. sind die „normalen“ zu wenige? oder erhitzen sich die „normalen“ bei dem kleinsten anlass und werden fanatisch? oder überlassen die „normalen“ den fanatikern das feld, weil sie sich nicht richtig betroffen fühlen? …

zur zweisprachigkeit: für frauen, die einen anderssprachigen partner haben und mit diesem in seine heimat gehen, ist es nicht so einfach, die kinder zweisprachig zu erziehen. wenn sie nicht völlig vom gesellschaftlichen leben ausgeschlossen sein wollen, müssen sie auch die landessprache lernen. wenn sie dann zu hause nur ihre muttersprache sprechen, haben sie selbst nachteile. das funktioniert also oft nicht. zweisprachigkeit ist aber nur „richtig“, wenn die kinder konsequent einen ansprchpartner haben, der ausschließlich die andere sprache spricht. wobei man die genetisch bedingte veranlagung zum spracherwerb auch nicht vernachlässigen darf. das kommt dann auch wieder noch darauf an, was man für ein lerntyp ist usw.

zweisprachig aufgewachsenen kindern, auch wenn es nicht völlig perfekt war, fällt es aber auf jeden fall leichter, andere sprachen zu erlernen.

wenn es nicht um zweisprachigkeit, sondern um eine zweit-sprache geht, wird derzeit empfohlen, zwischen dem dritten und vierten lebensjahr mit dem lernen zu beginnen.

7. EausP - Februar 29, 2008, 12:54

Es sind wirklich meist die Mütter, die sich bemühen, dass das Kind ihre Sprache lernt. Ich bin auf einer Liste für mehrsprachige Erziehung, dort schreiben/lesen fast nur Mütter. Warum das so ist weiss ich nicht. Einer der wenigen Väter dort schrieb mal, dass er sich anfangs überwinden musste mit seinem Baby die eigene Sprache zu reden.
Damit die Zweisprachigkeit funktioniert muss man schon konsequent sein. Krampfhafte Versuche sind aber auf Dauer eher erfolglos, genauso wie halbherzige Versuche.
Bei uns (Vater portugiesisch, Mutter deutsch, Umfeld die ersten Jahre nur portugiesisch) hat es gut geklappt.

8. EausP - Februar 29, 2008, 13:12

Frage an su:
„zur zweisprachigkeit: für frauen, die einen anderssprachigen partner haben und mit diesem in seine heimat gehen, ist es nicht so einfach, die kinder zweisprachig zu erziehen. wenn sie nicht völlig vom gesellschaftlichen leben ausgeschlossen sein wollen, müssen sie auch die landessprache lernen. wenn sie dann zu hause nur ihre muttersprache sprechen, haben sie selbst nachteile.“

Welche Nachteile hat jemand, der mit den Kindern seine Muttersprache spricht und ansonsten versucht die Landessprache zu lernen?
Welche ‚Vorteile‘ hat ein Kind wenn Mutter oder Vater die Landessprache mit ihm spricht, diese aber schlecht, teilweise falsch und mit Akzent?

9. Lila - Februar 29, 2008, 13:25

Ich kenne viele Kinder, die zuhause mit ihren Eltern russisch, englisch, Nederlands oder arabisch sprechen, aber in der Schule und mit den Freunden hebräisch. Sie sprechen allesamt ein ausgezeichnetes Hebräisch. Ich sehe da keinen Zusammenhang.

Arabische Eltern zB, die ihre Kinder in die Schule meiner Kinder schicken, wollen ja damit erreichen, daß ihre Kinder beide Sprachen absolut fließend sprechen. Und das klappt auch hervorragend.

Das klappt wie gesagt viel besser als bei mir, weil ich die Einzige bin, di emit den Kindern im Alltag Deutsch spricht.

Ich lese wohl in der Zeitung, daß es in Deutschland Migrantenkinder gibt, die kein Deutsch können – in diesen Fällen ist wohl auch das Elternhaus nicht daran interessiert, daß sie es lernen. Das ist aber dann keine zweisprachige Erziehung, sondern eine einsprachige in anderssprachiger Umgebung. Damit tut man den Kindern wohl kaum einen Gefallen.

Meine Mutter hat jahrzehntelang Migrantenkinder unterrichtet und kennt solche Fälle auch. Meist sprechen die Mütter dieser Kinder nur gebrochen Deutsch. Wieso es die Kinder aber dann in Schule und Kindergarten trotzdem nicht richtig lernen – das ist eine gute Frage.

Ich habe wirklich großes Vertrauen in die Fähigkeiten von Kindern, Sprachen zu lernen, allein durch Sprechen. Ich habe noch nie gesehen, daß Zweisprachigkeit „aus Vorsatz“ funktioniert, wenn zB deutsche Eltern mit ihren Kindern Englisch als zweite Sprache einführen wollen, „damit sie es früh lernen“.

Ich finde auch, wenn ich meinen Kindern akzentfreies Deutsch beibringen kann, warum sollte ich sie dann mit meinem polternden Hebräisch quälen? Und ich tu es trotzdem oft genug…

10. iolanthe - Februar 29, 2008, 16:44

Zweisprachigkeit ist nie schlecht. Das ist eine ziemilch pauschale Aussage, aber doch in aller Regel richtig.

Es gibt ja diesen Trend, es als schick und besonders (integrations-)vorbildlich anzusehen, wenn zB türkische Eltern mit ihren Kindern in Deutschland Deutsch reden. Linguistisch gesehen ist das aber nicht unbedingt besser. Man sollte mit seinen Kindern die Sprache sprechen, die einem selber als „passend“ erscheint bzw. die einem näher liegt.
Solange die Kinder ansonsten ausreichend Sprachangebot der „ortsansässigen“ Sprache (also im Beispiel Deutsch) bekommen (etwa im Kindergarten, auf dem Spielplatz oder beim Einkaufen), ist das überhaupt kein Problem. Manche Kinder brauchen dann zum Spracherwerb etwas länger, legen zwischendurch vielleicht auch „Sprechpausen“ in einer der Sprachen ein. Das ist aber vollkommen in Ordnung so und kein Grund zur Besorgnis.

Für zweisprachige Paare gilt im Prinzip das selbe. Jeder bitte in der Sprache, die die seine ist. Natürlich wird das in der Tat irgendwann etwas unübersichtlich. Ich denke aber, dass sich das lohnt.
Vor allem, wo es für Kinder ja wirklich schöner ist, mit ihren Eltern in einer Sprache sprechen zu können, in der die Eltern auch alles gut, ungezwungen und emotional ausdrücken können.
Fehlerhafte Ansprache schadet Kindern zwar meist auch nicht (solange sie eben außerhalb noch ausreichend „richtiges“ Angebot bekommen) – viele Sprachen aber noch viel weniger.

Sprachenlernen ist DAS, was kleine Kinder besonders können. Das sollte man doch ausnutzen.

11. su - März 3, 2008, 12:08

@ EausP: wenn frauen aus familiären gründen in ein fremdes land gehen, sind sie oft nicht besonders vielen situationen ausgesetzt, wo sie die landessprache sprechen müssen (wenn sie keinen job haben). die paar floskeln für das tägliche leben hat man schnell gelernt. und wenn man dann zu hause nur die eigene sprache spricht, kann man schnell auf dem gesellschaftlichen abstellgleis landen. ich spreche hier von der realität und nicht davon, was für eine zweisprachige erziehung von kindern vorteilhaft ist. die konsequenz aus dieser erkenntnis ist einfach, besonders diese mütter zu fördern, damit sie selbst die landessprache so lernen können, dass sie gesellschaftlich integriert sind und nicht nur abhängig von dem mann, und dann eben auch getrost mit den kindern ihre sprache sprechen können, ohne befürchten zu müssen, „abgehängt“ zu werden. und keine angst: die kinder lernen die landessprache sehr gut, auch wenn die mutter sie schlecht spricht, denn sie haben ja genug andere, richtigsprechende, personen in ihrem lebensumfeld. sie haben dann eben nur keine chance auf zweisprachigkeit…


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