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Was mich nervt Februar 21, 2008, 22:18

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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Ich bin pingelig. Wie heißt der Singular von Antiobiotika? Richtig, Antibiotikum. Ein Antibiotikum, viele Antibiotika.

Im Hebräischen gibt es die Endsilbe -um nicht, aber die Endsilbe -a ist als weibliche Singularendung gebräuchlich: eine menorah, viele menoroth. Also heißt es auch ein Antibiotika, viele Antibiotikot.

Und ich winde mich vorm Fernseher, nachdem sowohl die Ankerdame als auch die interviewte Ärztin von „antibiotikot“ oder „einem Antibiotika“ spricht. Das tut weh!!!

(Dasselbe geht mit dem Visum. Ein Visa, viele Visot. Ei ei ei….)

Gut, daß sie schon zum Thema Virusim übergegangen sind…

Kommentare»

1. MartinM - Februar 21, 2008, 22:35

Erinnert mich an einen Freund, der irgendwann mal Theologie studiert und dabei ein bisschen Hebräisch gelernt hatte, und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von der „wunderbaren Logik des Hebräischen“ schwärmte. Ich vermute, dass nur Sprachen, die nicht im Alltag gesprochen werden, diese „wunderbare Logik“ (falls überhaupt vorhanden) länger als ein paar Tage durchhalten können.

2. Lila - Februar 21, 2008, 23:04

Der Freund hat Recht. Die obigen Beispiele rühren ja gerade daher, daß die hebräischen Muttersprachler konsequent und logisch ihre stets gültigen Regeln anwenden.

Das Hebräische ist zweimal ordentlich sortiert worden: einmal von den „alten Masoreten“, die die Schriftsprache anhand des Bibeltexts festgeschrieben und sortiert haben. Das zweite Mal bei seiner Wiederbelebung durch Eliezer Ben Yehuda im 19. Jahrhundert.

So kommt es, daß das Hebräische fast ohne Ausnahmen und ohne komplizierte Grammatik auskommt. Die Regeln sind klar und schön wie dorische Säulen, für jede Regel gibt es eine Begründung.

Die unsterblichen Worte meines alten Lateinlehrers, wenn jemand „aber warum???“ zu fragen wagte: „da jehste nach Köllln, buddelste dir ne allte Römer aus, da kannste fraaren, WARUM“…. die gelten für das Hebräische nicht. Viele Regeln leiten sich aus der Aussprache, den Lauten her.

Wer korrektes, klares Hebräisch spricht, dem kann ich lange zuhören. Natürlich wird in der Alltagssprache viel verschliffen oder mit Slang durchsetzt. Außerdem fehlen dem Hebräischen, wegen seines sachlich-strengen Charakters, ausdrucksvolle Adjektive. Dafür können gut gewählte Metaphern eintreten.

Ich liebe die hebräische Sprache, wirklich.

Ob Dein theologischer Freund es auch sprechen kann? Vermutlich hat er als Theologe lesen und übersetzen gelernt, an der Hebräischen Bibel, so wie wir Latein am Caesar. Vielleicht hat er auch einen Kurs in modernem Ivrit belegt, manche Kirchlichen Hochschulen bieten das an.

Ich hab schon Dutzende Neueinwanderer gesehen, die ohne eine Spur Ivrit ankamen und sich nach kurzer Zeit klar verständlich machen konnten. Und nach einem Jahr fließend und schön sprachen. Die Sprache ist ideal zum Lernen, wirklich.

Es gibt eine Vergangenheitsform, die mit Nachsilben gebildet wird, und eine Futurform, mit Vorsilben. Das Präsens ist ein einfaches Partizip und kann auch substantiv verwendet werden.

Zwei Geschlechter, nur zwei Pluralendungen (-im für männlich, -oth für weiblich). Keine Hilfsverben. Untergeordnete Satzkonstruktionen werden ungern benutzt – gute hebräische Sätze sind wie Blöcke aufeinandergefügt, knapp und klar, nicht wie verzweigte Gewächse. Kein Kitt nötig.

Worte sind auf meist drei-buchstabige Wurzeln zurückzuführen, die durch immer gleiche grammatikalische Zutaten (Silben oder Vokalverschiebungen) erweitert und in ihrer Bedeutung verändert werden.

Wer mit diesem schlichten Material gut umgehen kann, der ist praktisch unübersetzbar.

3. JB - Februar 21, 2008, 23:28

„Ich hab schon Dutzende Neueinwanderer gesehen, die ohne eine Spur Ivrit ankamen und sich nach kurzer Zeit klar verständlich machen konnten. “ danke das hat mir Mut gemacht!

4. David - Februar 21, 2008, 23:50

TV ist eh immer eine gute Quelle fuer neue Woerter, die wie der Titel eines Songs von Koby Oz klingen. Mein Favorit ist ja noch „Chatuley Tiv Tam“ von Rafi Ginat.

Und warum nicht gleich Antibiotikumim.

Ich bin mir aber sicher, es gibt einen richtigen Hebraeisches Begriff fuer das Lehnwort, sowas wie
תרופה שפועל נגד מחלות זיהומיות
Nur wuerde so ausser ein paar Gelehrten wohl niemand sprechen.

Es gibt eine kleine Story von Yoram Kaniuk, in der er sich in eines dieser neuen Cafes am Boulevard Rothschild setzt und einen „Miz tapuach tzahav“ bestellt, worauf ihn die arme Kellnerin nur fragend ansieht.

5. Lila - Februar 22, 2008, 0:03

Hätte er mal zahav sagen sollen.

Erinnert mich an eine köstliche Geschichte, die ich jetzt mal jagen gehe.

Hab sie nicht mehr gefunden, muß aber bei War Zone gewesen sein. In den Kommentaren.

Von der Neueinwanderin, die zum ersten Mal in Jerusalem Bus fuhr und den Fahrer fragte: „kama mamon zeh?“ und er ganz cool, „tre zuzim“.

Ich habe eine halbe Stunde gelacht, als ich das gelesen hatte. Ein schlagfertiger Busfahrer!

PS: Ich habe es hier ebenfalls gefunden. Ist wohl schon eine Legende. Der ganze Artikel ist wirklich lustig. Pssssh.

6. David - Februar 22, 2008, 15:19

> Hätte er mal zahav sagen sollen.

Uuuf, Pedantit. Sollte natuerlich zahav heissen.

7. Lila - Februar 22, 2008, 20:37

Oh tut mir leid, daß ich so pingelköppig bin. 😳

8. nexuslex - Februar 23, 2008, 1:24

Schockierend! Darauf gönne ich mehr erst mal zwei Espressos

9. vered - Februar 23, 2008, 10:12

>nexuslex: Gönnst du dir zwei Espressos oder zwei Espressi ? 🙂

10. mischpokenkönig - Februar 23, 2008, 12:33

Das Russische macht das ja manchmal genauso: das Visum – die Visa виза – визы…

Und trotzdem das Hebräische so einfach und strukturiert sein soll wie du sagst, wartet es mit einer Reihe komischer Dinge auf: der Tisch – die Tische: shulchan (mask. Endung) – shulchanot (fem. Endung). Oder die Vokalverschiebungen überall in den Worten, die es Uneingeweihten ja fast unmöglich machen, irgendetwas miteinander zu kombnieren: jeled – jeladim zum Beispiel. Mal ganz zu schweigen von 135 verschiedenen Gruppen (oder waren ’s noch mehr) der Flexion der Verben, die zumindestens meine Grammatik identifiziert hat. Hebräisch ist leider eine Sprache, deren Kod ch bislang noch nicht knacken konnte.

Da lob ich mir mein Russisch. Das ist zwar mit Sicherheit nicht leichter, aber ich kann ’s schon enigermassen…

11. flowerkraut - Februar 23, 2008, 15:35

Ich habe meine Hebräischbemühungen eingestellt, als ich merkte, dass ich nie einen Fachtext diagonal würde lesen können. Und was die Literatur angeht: Hoch lebe daher auch hier der Berufstand des Übersetzers bzw. die Übersetzerinnen! Eigentlich sollten diese Menschen einmal pauschal mit dem Nobelpreis gewürdigt werden.

12. Lila - Februar 23, 2008, 15:53

Lieber Mischpokenkönig, Russisch kann ich leider nicht. Aber Visum kommt aus dem Lateinisichen, von videre, sehen, wenn ich nicht ganz und gar alles vergessen habe.

Und jetzt alle weggucken, die kein Hebräisch lernen wollen.

Die meisten Verschiebungen im Hebräischen sind ganz logisch zu begründen, Du mußt nur den Unterschied zwischen hohen, mittleren und tiefen Vokalen kennen. Nach einem hohen Vokal (i oder e) kann kein Gutturallaut (chet und ayn) kommen, das ist nicht glatt auszusprechen. Darum werden vor einem Gutturallaut die Vokale „erniedrigt“, auch wenn grammatisch eigentlich ein i stehen müßte.

Also michtav (das ch ist hier ein kav, also nicht guttural)
aber mechlaf (das ch ist hier ein chet, also guttural).

Wurzeln:
katav
chalaf

Auch das Deutsche kombiniert nie ein hartes ch mit einem hohen Vokal, vergleiche die Aussprache von

Bach
Sicht

Nur daß das Deutsche die Aussprache des ch verändert, das Hebräische dagegen den Vokal verändert. Nach hebräischer Logik müßte aus Sicht also Si-acht werden und das ch hart bleiben.

Vor ayn oder chet wird deswegen auch ein patach eingefügt, das patach furtivum oder patach ganav: wie in nosea, yodea, poteach. Durch das patach wird das ayn oder chet aussprechbar.

Und die Verkürzungen in der ersten Silbe durch schwa sind ganz regelmäßig. Wenn Du mehr als zwei Silben hast, wird die erste verkürzt, indem der Vokal durch ein shva ersetzt wird.

yeled – y (e) ladim
yalda – y (e) ladot

Natürlich nur, wenn die Betonung hinten ist.

Auch die Wurzelkonjugationen sind ganz regelmäßig. Die 135 Gruppen mußt Du ja nicht auswendig kennen, es reicht, wenn Du die Eigenheiten der Wurzelkonsonanten kennst. Die verhalten sich ganz regelmäßig. Nun und lamed fallen weg oder verflüchtigen sich in einen Dagesh, he am Ende wird zu einem tav.

Das Schöne am Hebräischen ist, daß die Grundlagen einfach sind: Lautlehre, Silben erkennen etc. Wenn man Laute und Silben identifizieren kann, hat man den logischen Schlüssel für die meisten Regeln. Ich habe Glück mit meiner Lehrerin gehabt, ich habe ja den zweijährigen Kurs für Muttersprachler belegen müssen, um mein Lehrerdiplom zu kriegen. Die Frau hat ganz systematisch unterrichtet, und auch wenn das schon lange her ist, erinnere ich mich noch gut an die Erleichterung, als alle Unregelmässigkeiten auf einmal eine Erklärung hatten.

Nur ein paar Substantive haben unpassende Endsilben, die zu ihrem grammatikalischen Geschlecht nicht passen. Chalon patuach – chalonot ptuchim. Aber hm, verglichen mit den vielen Ausnahmen, die man im Deutschen kennt, ist das kein großes Problem.

Ansonsten fallen mir gerade keine Ausnahmen ein. Das Schwierige sind ja nicht die Regeln, sondern die Ausnahmen.

Nur neumodische Worte wie minzar ignorieren die alten Regeln. Hier müßte ja eigentlich das nun wegfallen und statt dessen das zain doppelt sein. Aber bei klassischen hebräischen Worten kannst Du Dich drauf verlassen, daß sie Regeln greifen.

Es reicht zu wissen, wie hoch ein Vokal ist, ob ein Konsonant stimmhaft oder stimmlos ist, guttural oder nicht, und eine Silbe geschlossen, offen, betont oder unbetont. Dann kannst Du Dir alles andere ableiten. Die Formen sind immer die gleichen.

13. mischpokenkönig - Februar 23, 2008, 19:25

Dankeschön. Alle Klarheiten restlos beseitigt: All das haben mir schon Dutzende von Hebräischlehrern versucht zu erklären, aber hängen geblieben ist es mitnichten. Vielleicht klappt’s ja besser vor Ort. Also auf nach Jerusalem! Vielleicht ja schon im Mai – mit derselben Truppe, wie die Regierung im Vorjahr.

14. Lila - Februar 24, 2008, 2:02

Oh, Du Armer. Da hilft nur eins: längere Zeit in Israel bleiben und NUR Hebräisch sprechen. Dann machts auf einmal klick.

15. Heimo - Februar 24, 2008, 4:48

lehrreiche Lektion in den Kommentaren- ich lerne ja auch schon seit einem Jahr hebräisch (mit gelegentlichen Pausen) & bin immer ganz begeistert, wenn ich paar brauchbare Tips bekomme..

16. Lila - Februar 24, 2008, 8:11

Na da hab ich mich ja nicht umsonst ins Zeug gelegt 😉

Hör viel israelische Musik, das ist die schmerzlose Art und Weise, sich an die Sprache zu gewöhnen.

17. Michael - Februar 24, 2008, 13:31

Wie verhält es sich eigentlich mit dem Althebräisch und Ivrit? Ist das so wie Latein und Italienisch, oder kann man sich mit Althebräisch in Israel verständlich machen?

18. Lila - Februar 24, 2008, 13:46

Ich glaube schon – was auch daran liegt, daß die meisten Ivrit-Sprecher die Bibel ja kennen, wie das Beispiel vom Busfahrer zeigt (obwohl es da um nicht ganz so altes Hebräisch ging). Das Vokabular und die Grammatik funktionieren ähnlich – nur daß sich das moderne Ivrit z.B. im Gebrauch der Zeiten und im Satzbau vom Bibelhebräischen entfernt hat.

Ich würde es gern mal hören. Stelle ich mir recht schwierig vor. Aber ich nehme an, die meisten Israelis würden es verstehen. Man liest die Bibel ja auch im Urtext und mit ein bißchen Hilfe zu Anfang oder bei komplizierten Sätzen ist das kein Problem. Man betet die Psalmen im Urtext und singt sie. Die Haggada zu Pessach ist ja auch altertümlich, mit Textteilen aus verschiedenen Epochen, und jeder kennt sie und versteht sie.

Ich habe übrigens große Heiterkeit ausgelöst, als ich neu hier war, weil ich statt des modernen „achshav“ für jetzt das biblische „atta“ benutzt habe. Aber verstanden haben mich alle.

Was meinen andere Israelis? David, Ruth…?


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