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Zank und Streit Februar 3, 2008, 11:48

Posted by Lila in Presseschau.
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mag ich nicht. Trotzdem begebe ich mich flugs ins nächste Getümmel, wenn ich zugebe: das Kinderbuch vom Ferkelchen, das nach Gott sucht und ihn nicht findet, gefällt mir nicht wirklich.

Ich weiß nicht, wie ich auf diese Nachricht überhaupt gestoßen bin – aber schon eine Weile scheine ich überall auf Ferkelmeldungen zu stoßen. Hier eine positive Besprechung, und per Google stößt man eigentlich fast nur auf positive Besprechungen und Empörung über „Supermutters“ Zensur. Bei Amazon stößt es auf größte Begeisterung und Zustimmung.

Der Inhalt:

Das Buch erzählt die Geschichte des kleinen Ferkels und des kleinen Igels, die stets „großen Heidenspaß“ hatten. Doch dann entdecken sie eines Tages ein Plakat, auf dem geschrieben steht: „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!“ Darüber erschrecken die beiden sehr, denn sie hatten ja gar nicht geahnt, dass ihnen etwas fehlte. Also machen sie sich auf den Weg, um „Gott“ zu suchen.

Über die Abenteuer, die unsere beiden Helden später auf dem „Tempelberg“ erleben, sei an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Nur soviel: Rabbi, Bischof und Mufti erscheinen, obgleich sie sich in den Haaren liegen, als gleichermaßen verrückt, wie Ferkel und Igel nach überstandener Suche im Irrgarten der Religionen einhellig feststellen. „Und die Moral von der Geschicht‘: Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht!“

Und dann ein Strauß der beliebtesten Superlative:

Das von Helge Nyncke liebevoll illustrierte Buch ist nicht nur witzig, charmant und gescheit, es ist – auch wenn man mit Superlativen dieser Art sparsam umgehen sollte – das frechste Kinderbuch aller Zeiten! Denn so etwas hat es bislang noch nicht gegeben: Ein Bilderbuch, das die Religionskritik unverhohlen in die Kinderzimmer bringt, das (religiöses) Judentum, Christentum, Islam schon für Grundschüler verständlich als Wahnsysteme entlarvt!

Witzig, charmant, gescheit, das muß ich mir doch angucken. Es läuft auch schon eine Aktion, das gefährdete Ferkel zu retten, das interessiert mich. Die Versuche, Winnie the Poohs Ferkelchen vor seinen Verächtern zu retten, habe ich ja schon öfter erwähnt. Also, was ist das für eine Hysterie?

Doch je länger ich mir das Buch angucke, desto unwohler wird mir. Nein, ich würe es nicht auf den Index setzen, schließlich kann sich jeder selbst entscheiden, ob er ein Buch kauft, und es gibt genügend Leute, die jubeln und sagen: DAS Buch hat gefehlt! genauso denke ich, und jetzt kann ich es meinen Kindern vermitteln! Jedem das Seine. Von Indexen halte ich nicht viel.
Mir gefällt es aber trotzdem nicht. Aus mehreren Gründen.

Ich halte es für unernst, die Suche nach Gott und die Kritik an Weltreligionen zu vermischen. Auch Anhängern dieser Religionen ist bekannt, daß wir Menschen schwach sind und religiöse Strukturen von Menschen geschaffen sind. Weswegen es innerhalb jeder organisierten Religion immer wieder Protest, Erneuerung, Kritik und Aufruhr gegeben hat. Teilweise ist der erstickt worden, teilweise vereinnahmt, teilweise auch integriert und angenommen.

Keine Religion, die nicht mehrmals reformiert und erneuert worden ist, keine Religion, in der nicht bei näherem Hinsehen Risse, Widersprüche, ehrliches Bemühen um Bewahrung des ursprünglichen Funkens und gegen die Ermüdungserscheinungen der Tradition sichtbar werden. Und allzu viele Religionen, die in den Krieg ziehen, die ihre Nachbarn als Ketzer schlachten, die ihre Anhänger ausnutzen oder unterdrücken oder einschüchtern.

Das ist aber kein Thema für ein „witziges, charmantes, freches“ Kinderbuch. Das ist zu kompliziert, man kann es nicht plakativ und schlicht abtun, man müßte sich dafür mit zu vielen Fragen auseinandersetzen, auf die es keine Antwort gibt. Das wäre ein Thema für ein anspruchsvolles, komplexes, intelligentes Kinderbuch.

Also machen es sich die Kinderbuchleute einfacher, Kinder verstehen ja sowieso nur einfache Sachen!, und entwerfen drei Karikaturen: den fanatischen Rabbi, den verblödeten Bischof und einen Mufti. (Hier, klick auf Das Buch.)

bischof.jpg

rabbib.jpg

Alle drei kommen schlecht weg. Das Ferkelchen entlarvt ihren Wahn und wendet sich schließlich enttäuscht ab – Gott hat es nicht gefunden. Da das von Anfang an die Absicht seiner Schöpfer war, sollte es einen nicht wundern. Es wundert mich aber doch.

Nicht als ob ich Kinder religiös indoktrinieren wollte – genau das Gegenteil. Aber die Fairneß gebietet es doch, daran zu erinnern, daß der Weg zu Gott nicht unbedingt über einen Aufnahmeantrag bei einer organisierten Religion führt. Es gibt genügend Menschen, die ihren Weg zu Gott anders, individuell gefunden haben – auf eine Art, die nicht zu karikieren oder zu verspotten ist. Als Spüren einer tröstenden Gegenwart, als Staunen über die Schönheit und Unbegreiflichkeit der Welt, als Metapher für einen ethischen Kompaß, als Identifikation mit einer Tradition, die einem von Kind auf Zuhause bedeutet oder die man sich ehrlich erkämpft hat, wie auch immer.

Des weiteren wäre die Aufgabe schon schwieriger, nicht nur Karikaturen von Bischof, Rabbi oder Mufti zu zeigen, sondern Menschen, die ihren Glauben glaubwürdig leben. Ich kenne genügend Angehörige aller möglichen Religionen, die das jeden Tag tun. Es würde aber schwerfallen, einen frommen Katholiken bei der Messe, einen gläubigen Protestanten bei der Bibelstunde, einen gläubigen Moslem beim mitten in der Arbeit verrichteten Gebet oder eine gläubige jüdische Familie beim Kerzenanzünden am Shabat zu zeigen – als Karikatur. Denn hinter den verbohrten, abschreckenden Karikaturen verstecken sich nicht nur problematische Auseinandersetzungen um die Wahrheit, sondern auch Menschen, denen ihre Religion wichtig und teuer ist. Ich kann darüber nicht lachen.

Ich möchte auch nicht, daß meine Kinder darüber lachen. Ich möchte nicht, daß sie über Heiden lachen, über Hindus, Shintoisten, Pantheisten oder Atheisten. Ebensowenig wie über Mufti, Bischof oder Rabbi.

Das überrascht mich eigentlich selbst, denn bei den Karikaturen in der Jyllands-Posten bin ich vehement für das Recht eingetreten, auch respektlose Witze über Religionsvertreter zu machen. Ich fand keine der Karikaturen (die noch dazu auf die Verwurstung des Propheten durch Terroristen abzielte und somit eigentlich gegen-Terror-eingestellten Moslems aus dem Herzen gesprochen sein mußten) besonders witzig, also keine so lustig wie „der Papst treibt ab„, über die ich immer noch kichern kann.

Trotzdem. Es besteht ein Unterschied zwischen der Karikaturecke einer Zeitung, die Tag für Tag und jeden Tag wieder neu aufspießt, was gerade im Gespräch ist, für Erwachsene, die die Hintergründe kennen und eine Meinung haben – und einem Buch für Kinder.

Ein Kinderbuch liest man immer wieder vor. Man liest es auf dem Bett vor, das frisch gebadete Kind im Arm, mit der hoffnungsvollen Aussicht auf eine ruhige Nacht. Ich persönlich habe noch nie eine Vorliebe für süßliche Kinderbücher („Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab“ – nie gemocht) oder für brutal-moralische („Der Regenbogenfisch„, der erst häßlich werden muß, damit seine Neider ihn nicht mehr mobben – nie gemocht) oder allzu putzige (damit sind ganz viele zart Aquarell getuschte Bücher außen vor). Ich bin, was Kinderbücher angeht, einfach unheimlich pingelig. Vermutlich werde ich mal ins Kinderzimmer ziehen müssen, mich vor den vollen Bücherschrank setzen und eine Weiße Liste von Lila-approbierten Kinderbüchern schreiben müssen. Tatsächlich, ich mag nicht alles, was da steht.

Und das vorlaute Ferkel würde ich da gar nicht erst reinstellen. Die Formel „wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht“, können wir ja auch mal abwandeln. „Wer Mathe nicht kennt, der braucht sie nicht“. „Wer gute Bücher nicht kennt, der braucht sie nicht“. „Wer Musik nicht kennt, der braucht sie nicht“. „Wer Kenntnisse über die Welt außerhalb vom Dorf nicht kennt, der braucht sie nicht“. Klingt doch keck, charmant und rebellisch, nicht wahr? Wofür überhaupt sich bemühen, etwas zu verstehen – wo man doch gleich urteilen kann? Husch husch – und da springt alles über die Klinge, was wir nicht kennen. Was das Ferkel nicht kennt, das braucht es auch nicht. Genau, was ich meinen Kindern beibringen wil, nicht wahr?

Ich habe genug von Werbesendungen und Filmen, in denen Kinder sich über ihre Eltern erhaben fühlen und sie zurechtweisen. Ich habe genug von Jugendlichen, die ihre entwicklungsbedingte Arroganz für tatsächliche Überlegenheit halten, und noch nicht wissen, daß man mit zunehmendem Alter nur bescheidener wird. Ich habe nichts übrig für Leute, die den Glauben anderer mit ein paar zynischen Karikaturen abtun, als wären sie die einzig Vernünftigen in einem Meer des Irrsinns.

Dabei fällt mir ein ehemaliger Lehrer ein, Atheist der aggressiven Sorte, dem es unglaublichen Spaß machte, die Studenten zu provozieren. Er spottete über Christentum, Judentum und Islam, bis die gläubigen Studenten auf die Barrikaden gingen, und hatte daran Freude. Er hatte gute Argumente, hebelte die hilflosen „aber das können Sie doch nicht so sagen…“ stammelnden Erstsemester aus und hatte die Lacher auf seiner Seite.

In der letzten Stunde kamen wir irgendwie auf alternative Heilmethoden zu sprechen. Da stellte sich heraus, daß er regelmäßige Darmspülungen für unabdingbar hält und uns mit feurigen Worten erklärte, wie man sich ernähren muß und so weiter. Als einer von uns ein spöttisches Wort fallen ließ, sahen wir diesen coolen Lehrer ernst werden. Da war für ihn der Spaß vorbei. Das war sein Götze, sein Glaube, sein Halt in der entleerten Welt. Tatsächlich, für ihn war das wie ein Religionsersatz. Er geriet in heiliges Feuer, als er zu uns sprach.
Ich habe diesen Mann nicht erfunden, ich hab von ihm eine glatte 100 bekommen und mochte ihn sogar gern. Aber in dieser Sekunde, als sein Gesicht so redlich empört wurde wie die Gesichter seiner gläubigen Studenten ein ganzes Semester lang, hat er mich mehr gelehrt als in allen Stunden zuvor.

Wir Menschen sind schwach. Wir bauen Tempel, wir lehnen uns an Mauern, wir suchen Dinge, an die wir glauben können. Keiner sollte über den anderen lachen, wenn er seine Schwäche erkennt. Hätten diese Kinderbuch-Autoren genauso fröhlich über einen sandmalenden Navajo, einen Balinesen im Tempel oder einen räuchernden Neo-Paganen spotten wollen? Ich bezweifle es. Sie haben sich leichtere Opfer gesucht. Die drei großen Weltreligionen sind dafür wegen ihres monotheistischen Anspruchs der alleinigen Wahrheit gute Zielscheiben.

Gleichzeitig kann man sich den Beifall der Eltern sichern, weil man ja so erfrischend „politisch inkorrekt“ ist. Wo der Mufti und der Bischof veralbert werden, darf der Rabbi sich nicht beschweren. Wo der Rabbi und der Bischof auf die Schippe genommen werden, darf auch der Mufti sich nicht beschweren. Und wann hätten sich Christen letzthin über Veralberung beschwert? Sie treiben sie ja selbst voran, mit New-Age-Ritualen beim Kirchentag. Wer wollte da kleinlich sein und Spielverderber?
Übrigens haben die Schreiber sich gleich gegen jede Art der Kritik verwahrt, falls es solche Muffel doch geben sollte.

Mit heftigen Reaktionen auf das Buch ist zu rechnen. So werden sich tiefgläubige Muslime wohl schon allein darüber erzürnen, dass hier ausgerechnet ein kleines Ferkel in einer Moschee auftaucht. So sympathisch Nyncke das Ferkelchen auch gezeichnet hat, bei derartigen „Schweinereien“ verstehen muslimische Fanatiker gar keinen Spaß. „Verletzte religiöse Gefühle“ auch bei religiösen Juden und gläubigen Christen sind bei der Anlage des Buches vorprogrammiert. Das nehmen die Autoren aber in Kauf.

„Wer Aufklärung betreibt, also Klartext redet, statt die Dinge hermeneutisch zu vernebeln, der verletzt nun einmal religiöse Gefühle!“, sagt Schmidt-Salomon. Soll man darauf nicht Rücksicht nehmen? „Nein“, meint der Autor: „Denn was, bitteschön, sind ‚verletzte religiöse Gefühle‘, wenn man sie bei Licht betrachtet? Nichts weiter als ein Konglomerat aus Angst vor dem eigenen Glaubensverlust, gekränktem Stolz und Rachegelüsten gegenüber den vermeintlichen Lästerern! Das ist kaum schützenswert! Im Gegenteil! Wer auf ‚religiöse Gefühle‘ Rücksicht nimmt, der stellt damit weltanschauliche Borniertheit unter ‚Denk-mal-Schutz‘. Und das wäre auf Dauer fatal.“

Da habe ich also mein Fett weg. Mir gefällt das Buch nicht, ich bin also borniert, beleidigt, ängstlich und rachelüstern. Harter Toback für Kritik an einem Kinderbuch, würde ich sagen…

Dennoch. Ich glaube, Aufklärung ist anders gemeint. Wenn ich Aufklärung will, wende ich mich nach wie vor an Mendelssohn oder Lessing. Ein schönes Kinderbuch über deren Freundschaft und den schwierigen Weg zwischen Vernunft und Glauben – das wär doch mal was.

So, und jetzt zieh ich mir die Kapuze über und warte auf die herabprasselnden Kritiken meiner Kritik…

Kommentare»

1. Liisa - Februar 3, 2008, 12:28

Ich bin dann mit Dir „borniert, beleidigt, ängstlich und rachelüstern“! ;o) Ich finde Deine Kritik nämlich sehr gut und durchdacht. Abgesehen davon würde mich die „Weiße Liste von Lila-approbierten Kinderbüchern“ sehr interessieren!

Liebe Grüße von einer die immer noch regelmäßig hier mitliest auch wenn ich nicht so häufig kommentiere.

2. StefanHH - Februar 3, 2008, 12:35

Volle Zustimmung, Lila.

Das Thema „religiöser Wahn“ ist nun wirklich zu komplex und hässlich, um es auf diese Weise zu verflachen und es dann noch mit der Suche/Frage nach Gott zu verbinden.

3. Christiane - Februar 3, 2008, 13:29

Ich kann Deine Position absolut nachvollziehen und mag das Buch auch nicht. Es ist mir für ein Kinderbuch zu feindselig. Aber deshalb gleich verbieten? Das finde ich, geht ein bisschen weit. Zumal damit genau das Gegenteil erreicht wird. Das Buch bekommt eine riesen PR.

4. Marlin - Februar 3, 2008, 13:41

Vielleicht ist es ja fälschlich als Kinderbuch deklariert?

Und, ja, Glaube ist vermutlich viel wertvoller als individuelles Konstrukt statt als organisierte Rituale. Insofern kann ich die Kritik darin nachvollziehen, aber diese Zeichnungen kommen mir eher als Karikaturen vor. Schweinchen in Moschee? Rabbi, der mit der Tora den Mufti würgt? Also das finde ich schon ziemlich komisch und gewagt. 😀

Aber nicht unbedingt als Kinderbuch.

5. anneka - Februar 3, 2008, 13:52

Hut ab Lila, Danke für Deine Kritik. Ich muss sagen ich fasse dieses Buch nicht, und gar als Kinderbuch!
Eine gute Woche und liebe Grüsse
Anneka + mischpoke
P.S. Was macht der Winter, bei uns scheint wenigstens die Sonne.
P.S. 2: Ich musste Komptomiss machen, Hannah hat Lillifeebuch in rosa bekommen und liebt es. dafür haben wir bis jetzt Barbie und Disneybücher erfolgreich verhindert. Yori ist beim Huckelberry Finn und Jacob, man staune will Tintenherz lesen. Aber immerhin, er liest!!!!!!

6. Bernhard Steiger - Februar 3, 2008, 14:33

Hallo Lila
Habe mal mit einer Frau über die Wechselwirkungen von Kindermärchen, Kinderpsyche und spätere Lebenslinien gesprochen. Sie hatte darüber Ihre Doktorarbeit geschrieben und war von Grimms Märchen nicht begeistert. Nun ich mochte sie als Kind auch nicht, habe oft sehr schlecht davon getäumt, und habe unserem Sohn keine vorgelesen. Er ist „trotzdem“ gut gediehen. Sind Israelische Märchen auch so grausam?´
Gruß Bernhard

7. Anne - Februar 3, 2008, 14:36

Noch eine Zustimmung, wie langweilig. Deine Kritik finde ich wirklich sehr sorgfältig durchdacht und ausgewogen. Ich finde es auch völlig falsch, jede Art von Glauben als ein Wahnsystem zu denunzieren. Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die ihren Glauben ernsthaft leben und keineswegs wahnhaft auftreten, dass es in meinen Augen nur von Leugnen und Missachtung zeugt, das alles so einfach abzutun. Und du hast ganz recht, natürlich kann man bei jeder Religion Menswchen finden, die man leicht lächerlich machen kann, aber damit den Glauben an sich oder gläubige Menschen abzuqualifizieren, ist billig und dumm. I

ch habe auch schon oft erlebt, dass Leute, die offiziell anerkannte Religionen ablehnen, umso kritikloser dem Schamanismus, dem Baghwa(h)n oder anderen Kulten folgen. Ganz bedrohlich finde ich übrigens die Kulte, die aus Runen lesen und altgermanischen Göttern huldigen; einige der Anhänger sind nicht mehr sehr weit vom Germanenkult der Nazis entfernt.

Kinder zur Verachtung für Gläubige zu erziehen, finde ich verächtlich.

Aber mal was anderes: mit Liisa würde mich Deine „weiße Liste“ wirklich interessieren. Wenn allerdings Pippi Langstrumpf und „Die glücklichen Inseln hinter dem Winde“ auf Deiner schwarzen Liste stehen, dann würde ich Dir gerne für mehrere Monate Lakritze entziehen… :-))).

8. Anne - Februar 3, 2008, 14:38

Nachtrag: aber „Max und Moritz“ dürftest Du von mir aus auch gerne verbannen – was hat mir das als Kind für Angst gemacht!

9. knut - Februar 3, 2008, 14:51

schmidt-salomon ist der vorbeter des bundes der konfessionslosen und atheisten (oder einem anderen Verein, der hat hier in Köln während des Pabst-Besuches missioniert), ich kann über viel gröbere witze herzhafter lachen ( wer´s ganz heftig mag http://www.18metzger.de; ein netter Freund von mir, aber nicht so richtig für kinder geeignet), aber der pädagogische impetus dieser art von atheisten nervt. da wird dann auch paritätisch nach allen seiten ausgelangt, wenn das nicht langweilig ist. meine besten Kinderbücher der letzen Zeit: Kitamura lieb ich; Komoko Sakai: Mama ich lieb dich; Ed Young: 7 Blinde Mäuse; alles von Peter Schössow; Kate DiCamillo: Die wundersame Reise des Edward Tulane ; wenn man die kennt, lohnt es sich nicht sich mit Schmidt -salomon zu beschäftige

10. Norbert - Februar 3, 2008, 15:55

Man kann ohne Religion ein moralisch anspruchsvolleres Leben führen als Menschen, die viel Zeit und Mühe in die Praxis irgendeiner Religion verwenden. Trotzdem würde ich auch dieser Praxis einen Sinn zugestehen, auch wenn ich selbst nichts damit anfangen kann. Der zivilisatorische Fortschritt von Religionen besteht für mich darin, dass jeder einer Religion beitreten kann, ungeachtet aller Verwandschaft, Rasse, Sprache etc. Damit sind Religionen geeignet, den ziemlich normalen Hass auf alles, was „anders“ ist, im positivsten Fall aufzuheben, im negativsten Fall nur umzulenken auf andere Religionen oder Häretiker.
Das angesprochene Kinderbuch scheint mir in diesem Sinn eher vorreligiös zu sein. Die Religionsvertreter werden als „anders“ dargestellt, der Umgang mit dem „anders sein“ wird nicht als Konflikt dargestellt, stattdessen wird suggeriert, dass man am besten dem „Anderen“, dem „Fremden“, dem „Unverständlichen“ aus dem Weg geht und unter seinesgleichen bleibt.
Gegen ein religionskritisches Kinderbuch an sich hätte ich nichts, im Gegenteil. Es dürfte nur nicht billigste Ressentiments bedienen, sondern müsste eher den Mut des Einzelnen gegen die Dynamik der Gruppe thematisieren.

11. Annika - Februar 3, 2008, 16:24

Lila, ich bin in dieser Hinsicht vollkommen Deiner Meinung. Zwar bin ich entschieden gegen Zensur jeder Form und finde es unwürdig, solche Bücher zu verbieten- aber von dem Buch halte ich auch nichts. Skeptisch gegen alles zu sein lernt man in der heutigen Welt noch früh genug, und was Du als „Überlegenheitsverhalten“ von Kindern und Jugendlichen beschreibst, kann für diese in meinen Augen auch nicht so gesund sein. Man fühlt sich ungeheuer überlegen, wenn man sich einfach über alles lustig macht, aber heimlich fehlt einem dabei auch etwas. Und genau sowas fördern solche Bücher.
Ganz abgesehen davon, dass ich bei „Religionskritik“ ohnehin immer skeptisch war, da sie sich in den meisten Fällen gegen eine schädliche (oder einfach dumme) Vermittlung von religiösen Inhalten wendet, aber so tut, als ginge es ihr um die Religion selbst.
Davon abgesehen stimme ich auch Deinem Argument mit dem „was man nicht kennt braucht man nicht“ vollkommen zu. Man kann ohne eine Menge Dinge leben, wenn man sie nie kennen lernt- aber ist das irgend etwas anderes als Ignoranz?

12. Carsten - Februar 3, 2008, 17:36

Zum Buch kann ich wenig sagen – abgesehen davon, dass ich ein Verbot oder eine Indizierung für abwegig halte, aber damit stehe ich hier ja nicht allein da.

Drüben bei René hab ich eben dieses Video gefunden: http://www.youtube.com/watch?v=G5JtxrR6msg

Das geht für mich schon eher in die Richtung Religionskritik als Kritik am Konzept denn an dessen Ausprägung durch irdische, allzumenschliche Institutionen. Ist aber auch nicht unbedingt kindgerecht 😉

13. niels | zeineku.de - Februar 3, 2008, 17:39

Applaus. Ich kann nahezu jeden Satz unterschreiben.

14. grenzgaenge - Februar 3, 2008, 18:27

„Wenn ich Aufklärung will, wende ich mich nach wie vor an Mendelssohn oder Lessing. Ein schönes Kinderbuch über deren Freundschaft und den schwierigen Weg zwischen Vernunft und Glauben – das wär doch mal was.“

lila, das sehe ich auch so. mendelssohn und lessing und deren (schwierige) freundschaft waere sicherlich ein interessantes thema fuer ein buch. das haette noch eine andere facette: das freundschaften den namen besonders dann verdienen wenn sie schwierig sind. ich bin allerdings nicht optimistisch genug um zu glauben das ein solches buch jemals das licht der welt erblickt.

schavua tov,
der grenzgaenger

15. Carsten - Februar 3, 2008, 18:32

Für solche Probleme gibts ja Lösungen, nicht wahr, werter Grenzgänger?

16. giardino - Februar 3, 2008, 21:08

Nicht nur freue ich mich, dass ich endlich jemanden gefunden habe, der meine Abneigung gegen das klebrige Liebhab-Buch und den verlogenen Regenbogenfisch („hast du keine Freunde, kauf dir welche“) teilt. Ich unterschreibe auch sonst alles, was du schreibst. Nicht zuletzt die Vorwegnahme und damit Umdeutung jeglicher Kritik, wie sie der Herausgeber versucht, ist in meinen Augen ein typisches Indiz für Fanatismus. Und den mag ich nicht, egal ob religiös oder anti-religiös motiviert.

17. Yoram - Februar 3, 2008, 21:13

hatte selbst schon überlegt etwas zu schreiben, aber nachdem du dich des themas angenommen hast bleibt eigentlich nichts mehr zu sagen. danke. aber die weisse liste würde mich auch interessieren – und meines erachtens gehört pipi langstrumpf nicht unbedingt dazu … 😉

18. kaltmamsell - Februar 3, 2008, 22:10

Sehr klug geschrieben, liebe Lila, vielen Dank. Ich fand das Buch auch beim Reingucken ziemlich eklig – Aufklärung und Menschen zum Selberdenken bringen geht anders.
Und wie Liisa wäre mir Deine Empfehlungsliste für Kinderbücher viel wert.

19. Barbara - Februar 4, 2008, 3:10

Danke!
Widerspruch habe auch ich nicht mitzuteilen, nur die Beobachtung, daß es auf der Werbewebsite zwar den unsympathischen Rabbi (1x) und den unsympathischen Bischof (2x) zu sehen gibt, aber den Mufti hab ich nicht gefunden… Woran das wohl liegt?
Herzlichen Gruß,
Barbara – auch in Erwartung der Literaturliste

20. Carsten - Februar 4, 2008, 15:42

Du stehst scheinbar nicht allein da: Die Zeit scheint das Buch ganz öhnlich wie du zu beurteilen.

21. Lila - Februar 4, 2008, 15:54

Danke für den Link! Ich bin auf den A-Vorwurf gar nicht erst eingegangen, der führt nur aufs Glatteis. Das Buch ist so platt, daß die anti-jüdische Darstellung nur ein Teil eines ganzen Ensembles von Antis ist, das sehe ich auch so.

Aber ich muß mich doch schwer über die Eltern wundern, die so ein flaches, billiges Machwerk auf Platz 1 bei Amazon hieven.

22. spessart - Februar 4, 2008, 17:58

Da scheine ich der Erste in einer langen Reihe von Kommentatoren zu sein, der die Sache anders sieht.

Dabei erkenne ich dankbar an, daß offensichtlich keiner von Euch etwas von der Zensur des Buches hält, und einige diese Maßnahme gleich mir als beste Werbung für das Buch ansehen.

Ich will (und kann) mich gar nicht zur Qualität des Buches auslassen, da ich außer den veröffentlichten Bildchen noch nichts davon gesehen habe. Zum Text kann ich also keine Stellung beziehen.

Grundsätzlich kann ich aber sagen, daß sehr wohl großer Bedarf für ein religionskritisches Buch für Kinder besteht. Immerhin versuchen gerade religiöse Einrichtungen sehr früh Einfluß auf Kinder zu nehmen. Der intolerante Alleinvertretungsanspruch der monotheistischen Religionen ist denkbar schlecht dazu geeignet, einem Kind eine gesunde ethische Grundeinstellung und Respekt vor Andersdenkenden oder Andersgläubigen beizubringen.

Die Tatsache, daß die Kleriker aller Religionen sich durch seltsame Gewänder eine Sonderstellung verschaffen wollen, wird durch die Abbildungen angemessen karikiert. Es ist hier nicht die Karikatur zu verurteilen, sondern deren Vorbilder.

Daß sich schon die Kleriker innerhalb der christlichen Kirchen nicht einig werden und alle Versuche zur Ökumene immer wieder scheitern, der Benedikt, der der evangelischen Kirche den Status einer Kirche nicht zugesteht und die Muslime mit einem islamfeindlichen Zitat verärgert sind nur Beispiele für den ewigen Zank zwischen den Konfessionen und den Religionen. Auch hier trifft die Karikatur exakt ins Ziel.

Die Erkenntnis “wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht” scheint mir nicht, wie von Lila postuliert, ein Vorurteil, sondern das Ergebnis der Auseinandersetzung mit und zwischen den Klerikern.

Kurz um: Selbst wenn dieses Buch ein schwaches Exemplar seiner Gattung sein sollte, so ist die Gattung doch unbedingt notwendig, und es ist sehr zu begrüßen, daß Verlag und Autoren sich des Themas angenommen haben.

Wenn sie es spöttisch und satirisch getan haben, so befinden sie sich durchaus in bester Tradition der Aufklärung. Schon Voltaire hat diese Stilelemente mit großen Erfolg genutzt.

23. Norbert - Februar 4, 2008, 21:53

„…sind nur Beispiele für den ewigen Zank zwischen den Konfessionen und den Religionen.“

Es bleibt uns leider vorbehalten, wie Schweinchen und Igelchen ihre Konflikte lösen. Das Buch bietet ja keine wirklichen Vorschläge dazu an, stattdessen verkörpern Ferkel und Igel den Mythos vom Goldenen Zeitalter, in dem ohne Gesetz und Strafe jeder das Richtige tut. Vielleicht ist das aber auch zuviel der Ehre, das Wort Eskapismus ist wohl treffender.

„Selbst wenn dieses Buch ein schwaches Exemplar seiner Gattung sein sollte, so ist die Gattung doch unbedingt notwendig“.

Von welcher Gattung ist denn die Rede? Religionskritische Kinder- und Jugendbücher gibt es doch wohl schon lange, von Mark Twains „Huckleberry Finn“ bis zu Rushdies „Harun und das Meer der Geschichten“.
Das Kinderbuch vom Ferkelchen gehört wohl eher in eine andere, viel neuere Kategorie: Naive Bücher, die sich vorgeblich an Kinder richten, in Wirklichkeit aber von Erwachsenen gekauft und konsumiert werden, die sich ein wenig Eskapismus gönnen.
Und vielleicht gehört es auch in die selbe Schublade wie Dan Browns „Sakrileg“. Der hat wohl am besten begriffen, dass man sich mit angeblich provokanten „religionskritischen“ Inhalten eine goldene Nase verdienen kann. Voltaire hätte auch heute genug Stoff für spöttische Romane.

24. Lila - Februar 4, 2008, 22:42

Hallo Spessart, gut, daß sich einer dem Konsens widersetzt 😉 Hut ab, das ist nie einfach.

Natürlich bin ich nicht dafür, Kinder nur mit Produkten und Propaganda einer Einstellung zu füttern.

Daß ich die Frage nach Gott und die Frage nach der Berechtigung bestimmter Traditionen gern auseinanderhalten will, habe ich schon gesagt. Daß einem Traditionen (besonders solche, die man selbst nicht gut kennt) komisch vorkommen, kann ich verstehen. Doch das sollte einem eigentlich intellektuell nicht ausreichen, mit besserem Kennenlernen kann man vielleicht besser verstehen und dann auf Wissen basierend annehmen oder ablehnen.

Aber die Erkenntnis, daß man jede Religion ins Lächerliche ziehen kann, sagt noch gar nichts darüber aus, ob es Gott gibt oder nicht, wie man ihn finden kann und wie man damit jeweils lebt.

Ansonsten gebe ich Norbert Recht, es gibt natürlich schon längst Bücher, die ohne Gott auskommen oder Religion kritisch zeigen.

Ja, ich glaube, daß die Welt kritische Bücher braucht, für alle Altersstufen. Aber das Ferkelsbuch scheint mir eben das genaue Gegenteil von kritisch zu sein…

25. Lila - Februar 4, 2008, 22:58

Spessart:

Die Erkenntnis “wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht” scheint mir nicht, wie von Lila postuliert, ein Vorurteil, sondern das Ergebnis der Auseinandersetzung mit und zwischen den Klerikern.

Ich glaube, Spessart, da hast Du mich mißverstanden.

Wo hab ich was postuliert? Ich habe nicht gesagt, dieser Spruch sei ein Vorurteil. Hier noch einmal meine Worte:

Wofür überhaupt sich bemühen, etwas zu verstehen – wo man doch gleich urteilen kann? Husch husch – und da springt alles über die Klinge, was wir nicht kennen. Was das Ferkel nicht kennt, das braucht es auch nicht. Genau, was ich meinen Kindern beibringen wil, nicht wahr?

Ich habe gesagt, wer die Formel „Wer X nicht kennt, braucht es auch nicht“ anwendet, lebt mit Vorurteilen.

Ich ziehe vor, etwas kennenzulernen, bevor ich mich entscheide, ob ich es brauche oder nicht….

26. Manfred - Februar 5, 2008, 0:06

Ich schließe mich Norbert an: Das scheint ein Buch für erwachsene Atheisten zu sein, denen Richard Dawkins zu anstrengend ist: zu dick, zu schwer und keine Bilder.

27. spessart - Februar 5, 2008, 4:05

@ Lila

Aber die Erkenntnis, daß man jede Religion ins Lächerliche ziehen kann, sagt noch gar nichts darüber aus, ob es Gott gibt oder nicht, wie man ihn finden kann und wie man damit jeweils lebt.

Auch umgekehrt wird ein Schuh daraus. Eben weil keine der Religionen die Existenz eines Gottes beweisen kann, machen sie (und vor allem ihre Vertreter) sich mit ihrem Alleinvertretungsanspruch lächerlich.

Ich habe gesagt, wer die Formel “Wer X nicht kennt, braucht es auch nicht” anwendet, lebt mit Vorurteilen.

So ist es. Wenn ich aber die Auszüge aus dem Buch richtig verstanden habe, so wurden die Protagonisten durch ein Plakat mit der Aufschrift „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!“ erst auf Gott aufmerksam und begaben sich auf die Suche nach Gott.

Der Satz, den Du hier als Vorurteil ansiehst, scheint das Resultat dieser Suche nach Gott zu sein. Wobei sich die Suche nach Gott auf die Auseinandersetzung mit den Religionen beschränkt. Letzteres lasse ich als gutes Argument für jeden gläubigen Menschen zu, denn tatsächlich haben Klerus und Religion nur wenig gemeinsam.

@ Norbert
Unter dem Begriff „Gattung“ verstand ich in diesem Zusammenhang eine vergleichende Religionskritik für Kinder.
Seitenhiebe auf einzelne Religionen gibt es sicherlich schon häufiger.

28. Thatcher - Februar 5, 2008, 4:22

Ich finde dieses Ferkelbuch konsequent und mutig. Herrn Schmidt-Salomons sonstige Ansichten muss man nicht teilen (er scheint politisch linkslastig zu sein), aber der Mann muss einen todesverachtenden Mut haben, um so ein Buch in die durch Karikaturen und Raserei aufgeheizte Debatte zu veröffentlichen. Und davor ziehe ich den Hut.

Schmidt-Salomons eigener Ideologie scheint es zu entsprechen, alle drei Monotheismen strikt gleich, und zwar gleich schlecht dastehen zu lassen. Betrachtet man die Situation aber wirklich unvoreingenommen und maximal objektiv, dann kommen bei dieser strikten Gleichbehandlung Judentum und Christentum zu schlecht, resp. der Islam zu gut weg. Nur wer die Auswirkungen der drei Religionen mit unterschiedlicher Elle misst, kommt zu diesem auffällig unentschiedenen Schluss. Darin steckt bereits wieder eine gehörige Portion „political Correctness“ und eine Ideologie der erzwungenen Gleichheit, die tatsächliche Ungleichheiten negiert.

In Deutschland ist, wie schon gewohnt, an eine Debatte nur im Traum zu denken. Während die einen ängstlich darauf warten, dass das Ferkelbuch einem Imam in die Griffel fällt, damit der seinen Bruder in Kairo anruft und wieder einmal die Welt in Brand setzt, fischen die anderen ausgerechnet! das Bild des Rabbiners raus und schreien „Antisemitismus!“ Beides ist hysterisch und wird dem anspruchsvollen und gerechtfertigten Anliegen des Autors nicht gerecht. Provokationen dieser Art finde ich erfrischend, und sie sind wegen der allgegenwärtigen islamischen Einschüchterung viel zu selten. Hätten wir nur mehr Mut, würden wir uns einen Heidenspaß daraus machen, die Bigotten jede Woche von neuem auf die Palme zu treiben und sie dabei so lächerlich zu machen, bis sie keiner mehr ernst nimmt. Schade ist dabei nur, dass man im Falle einer ganz bestimmten Glaubensrichtung immer mit etlichen Todesopfern rechnen muss.

Das spirituelle Leben ist von den religiösen Organisationen so vollständig monopolisiert, in starre Formen gegossen und verflacht, dass es erstens nicht ganz weit hergeholt erscheint, sich bei der Frage nach „Gott“, „dem Göttlichen“, „dem, was über das Menschliche hinausgeht“ oder wie man das auch nennen mag, an die Großorganisationen zu wenden, die dann natürlich mit ihrer vorgefertigter Massenware kommen, die nun einmal so ist, wie sie ist, und die allseits bekannten unschönen Folgen hat. Zweitens glaube ich, dass eine geistig-spirituelle Wegsuche gerade wegen dieser Monopolisierung durch die Organisationen nur noch auf eigene Faust möglich ist – woraus folgt, dass keine zwei Menschen mehr existieren, die da von den gleichen Erfahrungen sprechen könnten. Ein einsames Geschäft, bei dem keine Hilfe ist, bei dem sogar fraglich ist, inwieweit Eltern dabei ihre Kinder unterstützen können. Mit Indoktrination im Sinne der „Großkonzerne“ Christentum, Judentum und Islam tut man ihnen aber ganz sicher einen Bärendienst. Indoktrination von Kindern, die weder philosophisches Hintergrundwissen noch psychologische Stabilität noch materielle Unabhängigkeit besitzen, also in allem von ihren Eltern abhängig sind, halte ich wirklich für schreienden Missbrauch. Mag sein, dass Kinder Rituale brauchen, aber zu diesem Preis?

Genauso halte ich es andererseits für verantwortungslos, seine Kinder gänzlich unvorbereitet in die Welt zu entlassen, in der solche üblen Dinge wie politisch-religiöser Extremismus, Bigotterie, fanatische Gewalttäter, Obskurantismus, Instrumentalisierung und Glaubenszwang herrschen. Es ist falsch und extrem leichtsinnig anzunehmen, dass ein Kind, wenn es nur unbehelligt bleibt von aller Religion, ein besseres Leben habe – dazu kommen nun einmal viel zu viele Religiöse darin vor, die Andersdenkenden nur allzu gern das Leben zur Hölle machen und das sogar noch für eine gute Tat, für den Willen Gottes bzw. Allahs halten.

Irgendein Kompromiss, eine Art lasche Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, ohne jede religiöse Schärfe und Strenge, eine Kindererziehung mit Werten und Pflichten, aber ohne Drohung mit „ewiger Verdammnis“ oder Ähnlichem scheint mir das Beste zu sein, bis das Kind sich später selbst ein fundiertes Urteil bilden und für etwas entscheiden kann.

Bleibt die Frage: Würde ich meinem Kind das Ferkelbuch kaufen? Eher nein, wegen der oben angesprochenen Schiefheit der Darstellung. Auch einen „Kinder-Dawkins“ oder Ähnliches hielte ich für wenig geeignet, da diese selbsternannten „neuen Aufklärer“ doch auffällig wenig Gutes an den jüdisch-christlichen Grundlagen lassen, die in vergangenen Jahrhunderten zwar viel Schaden angerichtet, aber immerhin auch die Zivilisation hervorzubringen geholfen haben. Hiervon möchte ich wiederum den Islam gänzlich ausnehmen; wenn Dawkins gegen den Monotheismus wettert, so hat er wohl diese Religion gewordene Barbarei im Sinn, kann sie aber nicht nennen, ohne auch auf die anderen beiden einzudreschen, da er ansonsten mindestens eine Todesfatwa am Hals hätte.

29. spessart - Februar 16, 2008, 21:07

Allgemein kann ich Dir nur zustimmen und bin ganz froh darüber, daß ich nicht ganz alleine dastehe.

Im Detail weicht meine Ansicht an einigen Stellen ab. So kann ich nicht sehen, daß die „jüdisch-christlichen Grundlagen … Zivilisation“ hervorbringen. Die jüdische Seite kann ich nicht beurteilen, dazu kenne ich zuwenig vom Judentum. Es ist ja infolge christlicher Nächstenliebe in unserer Region nicht mehr allzuviel davon erhalten.

Die christliche Seite kenne ich besser. Da kann ich nur sagen, daß wir unsere Kultur vorchristlichen Errungenschaften zu verdanken haben. Hätten wir uns auf den Grundlagen der griechischen Philosophen ungestört weiter entwickeln können, wären wir um einiges weiter.

Insbesondere die katholische Kirche ist eine Kulturbremse aller ersten Ranges, und hätten ihr nicht die Aufklärer die Zähne gerissen, sie wäre heute noch gefährlicher, als es der Islam jemals war.

30. grenzgaenge - Februar 17, 2008, 20:56

„Die jüdische Seite kann ich nicht beurteilen, dazu kenne ich zuwenig vom Judentum. Es ist ja infolge christlicher Nächstenliebe in unserer Region nicht mehr allzuviel davon erhalten.“

gut gesagt, spessart. was deutschland angeht stimme ich dir zu. allerdings ist es nicht so das von juedischer religion insgesamt nicht viel uebrig geblieben waere – baruch ha schem gibt es nicht nur deutschland. das juedische leben in den usa und in israel ist um einiges vielfaeltiger. um ganz ehrlich zu sein bin ich auch nicht sehr optimistisch was die vielfalt zukuenftigen juedischen lebens in deutschland angeht. aber das ist nur meine unwichtige subjektive meinung.

31. grenzgaenge - März 10, 2008, 15:08

danke an hagalil ….

http://www.hagalil.com/archiv/2008/03/ferkel.htm

„Eine echte Schweinerei:
Das Ferkelbuch ist nicht jugendgefährend

Von Andrea Livnat

Vergangene Woche entschied die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien über einen Antrag des BMFSFJ, des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, welches beantragt hatte das Buch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ in die Liste der jugendgefährdenden Medien aufzunehmen. Das zuständige sogenannte 12er-Gremium gelangte zur Auffassung, „dass das Buch, da vorliegend alle drei Religionen gleichermaßen angegriffen werden, nicht als antisemitisch einzustufen ist. (…) Dass in dem Buch Religionskritik geübt wird und dessen Inhalt möglicherweise das religiöse Empfinden der Gläubigen der drei dargestellten Religionen verletzt, war für die Bundesprüfstelle nicht entscheidungserheblich, da dies keinen Tatbestand der Jugendgefährdung darstellt.“

(……)

„Auch mit Kant, Feuerbach und anderem philosophischen Gepäck wird das Ganze nicht besser. Im Gegenteil, die intellektuellen Erklärungsversuche quälen einen noch mehr. Und alles im Sinne der Aufklärung.

Fazit: Noch dämlicher als das Buch war nur der Antrag des Ministeriums, der nun abgelehnt wurde, was dem Autor Gelegenheit zum Feiern gibt: „Anschlag auf Meinungsfreiheit gescheitert“.

Und so bleibt nur das wirkungsvollste Mittel gegen das Buch zu empfehlen: nicht kaufen!“


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