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The battle of Winograd Januar 30, 2008, 16:03

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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Der Name Winograd, der ja eigentlich nur der Name des vorsitzenden Richters ist, paßt so gut. Er klingt wie ein Ortsname, und zwar einer, dessen Name ohne weiteres an eine große Schlacht denken läßt.

Heute abend wird die Winograd-Untersuchungskommission die Ergebnisse ihrer Überprüfung des Zweiten Libanonkriegs 2006 (den ich ja lieber Hisbollahkrieg nennen würde, oder Sommerkrieg) öffentlich bekanntgeben. Natürlich wird schon spekuliert, manche Leute sehen Olmert seinen Hut nehmen, andere sehen eine schwere Beschädigung des Rufs der Armee, es gibt Gerüchte und Vermutungen, aber bis in ein paar Stunden weiß keiner genau, was dabei rauskommt.

Eins ist klar: die israelische Armee widerspiegelt die Gesellschaft, und die Gesellschaft ist heutzutage nicht mehr bereit, ihre Söhne und Töchter frag- und klaglos zu opfern. Dadurch kämpft die Armee halbherziger, als es früher mal der Fall war, was besonders fatal ist, wenn man einer Truppe von Selbstmördern gegenübersteht, von denen jeder einzelne bereit ist, sein Leben in die Schanze zu schlagen.

Die kann man nicht besiegen, wenn man eine Armee hat, die das Leben liebt, und eine Gesellschaft im Rücken, die ständig ruft: „paßt auf die Kinder auf! paßt auf die Kinder auf!“ Der Begriff „ha-banim“, die Söhne oder die Jungens, ist praktisch zum Synonym für Soldaten geworden, oft werden auch die Mädchen dazugenannt. Diese Begriffsverwischung mag man beklagen – denn eine Gesellschaft, die ihre lebensnotwendige Armee mit umflorten, stolzen Augen anguckt wie auf dem Elternabend in der Grundschule, kann diese wunderbaren Kinder nicht in die Schlacht schicken und in Kauf nehmen, daß sie sterben.

Egal wie gut oder schlecht die Pläne der Armee sind oder waren, egal wie mutig und klug die Offiziere und Soldaten sind oder auch nicht, egal wie Nachschub und Versorgung und Kommunikation gehandhabt werden – es ist unsere Mentalität, die der Armee in den Arm fällt.

Natürlich aus meiner privaten Warte vollkommen zu Recht. Ich will doch meine Vier auch nicht auf einem Schlachtfeld sehen, chas-ve-chalila!, und habe endlose Diskussionen mit Primus, der partout in eine kämpfende Einheit will. Aber ich sehe auch, wie ich damit zu denen gehöre, die an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Ohne eine nicht nur militärtechnisch, sondern auch mental schlagfähige Armee, die auch Schläge einsteckt, können wir hier nicht überleben.

Gerade der zivile Geist, der daraus spricht, daß man dulce et decorum est nicht mehr für selbstverständlich oder akzeptabel hält, ist es aber, der Israel auch so stark macht. Das Dilemma ist unlösbar und auch von Richter Winograd nicht zu lösen.

Was die Armee angeht: da sage ich nicht viel zu, das ist nichts zum Bloggen. Nur meine private offene Frage noch einmal: ich habe mich schon während des Krieges gefragt und auch jetzt noch, wie viel eigentlich der dubiose Tennenbaum der Hisbollah verraten hat. Und wie viele Pläne für den Kriegsfall dadurch unbrauchbar wurden.

Dan Halutz war wohl wirklich eine Pleite, und der Entscheidungsprozeß, der ihn an die Spitze katapultiert hat, ist fragwürdig. Ein brillanter Mann und hervorragender Kampfpilot – aber vermutlich in Verein mit dem Amateur Amir Peretz nicht imstande, einen Krieg am Boden zu führen. Aber was ist mit dem Nördlichen Kommando – da saßen doch gute Offiziere der Infanterie, wieso hat es so viele Pannen gegeben? wieso war die Versorgung der Heimatfront so unzulänglich?

Wobei die Zivilisten selbst ja tadellos funktioniert haben – ein Teil hat in unbewohnbaren Bunkern ausgeharrt, andere sind in die Landesmitte gezogen und dort aufgenommen worden, und so Werte wie Nachbarschaftshilfe haben sich bewiesen. Natürlich gab es auch Hotels und Feriensiedlungen, die Profit aus der Lage schlagen wollten, aber insgesamt hat sich unsere hedonistische, materialistische, heterogene und viel gescholtene Gesellschaft bewährt.

Ich bin mal gespannt, wie die politische Landkarte morgen früh aussieht – die Armee hat ja eine ganze Reihe von Konsequenzen bereits gezogen. Ich weiß nicht, ob da noch viele Köpfe sind, die rollen könnten. Ich bin auch immer skeptisch, wenn man rein symbolisch Köpfe rollen läßt, denn ein Personalwechsel kann vertuschen, daß sich an der Sache selbst nichts geändert hat.

Der Krieg hätte eher beendet werden können, er hätte anders geführt werden können, er hätte anders beendet werden können. Was wirklich bei den Verhandlungen zum Waffenstillstand gelaufen ist, man wüßte es ja gern… Bolton hat ja neulich schon einiges angedeutet.

Y. kommt gerade rein, auf einen kurzen Besuch zuhause. Ich frage ihn, was er von Winograd erwartet. Er: „eigentlich nichts. Wir wissen auch ohne Winograd, was falsch gelaufen ist“. Es ist so schön, mit einem Mann verheiratet zu sein, der sich vom Winograd-Fieber ebensowenig anstecken läßt wie von anderen Massenphänomenen. Ich werde aber fernsehen und finde es gut, daß es hier so eine offene und auch leidenschaftliche Diskussion gibt, und das Bemühen, einmal gemachte Fehler nicht zu wiederholen.

Kommentare»

1. david - Januar 30, 2008, 20:21

> Eins ist klar: die israelische Armee widerspiegelt die
> Gesellschaft, und die Gesellschaft ist heutzutage nicht
> mehr bereit, ihre Söhne und Töchter frag- und klaglos
> zu opfern

Das war die Gesellschaft noch nie. Ist ja auch nicht der Sinn eiener regulaeren Armee, Soldaten zu opfern. Was wir viel mehr sehen, ist ein Vertrauensknick in die Armee. Ich meine, bis vor kurzen haben wir doch alle gedacht, dass Zahal eigentlich alles stemmen kann, auch die unmoeglichsten Missionen. Nun, einige Einheiten koennen das auch – aber im Moment ist einfach das Vertrauen futsch. Dazu noch der ganze Einfluss der Politik auf militaerische Entscheidungen, die Medien, die ganzen politischen Ambitionen einiger Individuen und die internen Verteilungskaempfe.
Klar, solche Probleme haben Hizbullah und Hamas mit ihren irrationen Zielen und faschistischer Fuerherstruktur nicht.

2. Lila - Januar 30, 2008, 20:36

David, ich glaube, du unterschätzt die Veränderung in der israelischen Mentalität. Heute werden kritische Fragen gestellt, die Eltern mischen sich in Angelegenheiten der Armee ein, das gab es 1967 oder 73 einfach nicht.

Der Schmerz, Angehörige zu verlieren, war natürlich immer unerträglich und unvorstellbar. Aber es wurde vorausgesetzt, daß diese Opfer notwendig sind, und man verließ sich auf die Armee, daß kein Todesfall „stam“, überflüssig, umsonst oder aufgrund von Pannen oder Fehlern war.

Eine Armee hat nicht die Aufgabe, Soldaten zu opfern. Aber sie muß, nachdem sie ihre Ziele definiert hat, sehen, wie sie sie erreicht, ohne vor Verlusten zurückzuschrecken, so grässlich das klingt und so ungern ich das hinschreibe. Eine Armee, die in erster Linie das Leben ihrer Angehörigen schützt, kann nur Manöver gewinnen, keinen Krieg.

Hör noch mal das Lied vom Givat ha Tahmoshet (über den Kampf am Munitionshügel in Jerusalem, wo auch Leute aus unserem Kibbuz gekämpft haben – Text hier) Bab el Wad (Text hier, historische Erklärung hier), Ha Re´ut (Rabins Lieblingslied aus dem Unabhängigkeitskrieg, Text bei Youtube). Man singt diese Lieder heute zur Erinnerung, als historische Zeugen einer Mentalität, die vergangen ist.

Die heutigen Lieder sind „Ihr habt Frieden versprochen“ („Kinder von 1973″) oder einfach nur Lieder der Trauer. Die Lieder spiegeln den Wandel in der Mentalität wieder.

Ich lebe in einer Gemeinschaft, in der die alten Ideale auf eine trockene, unpathetische Art und Weise nach wie vor noch leben. Die meisten Jugendlichen hier gehen in kämpfende Einheiten, nicht aus Kampfeslust oder gar Haß auf einen Feind, sondern aus dem Gefühl heraus, „wenn wir es nicht tun, wer tut es?“ Aber hinter den jugendlich-naiven Soldaten stehen nicht mehr begeisterte, sondern skeptische Eltern.

Das ist zumindest meine Beobachtung, gegründet auf die verschiedenen Kreise, in denen ich mich bewege.

Und nach wie vor, da hast Du vollkommen Recht und das hebt auch Winograd hervor, haben wir mutige, intelligente und hochmotivierte Soldaten. Ein junger Mann aus unserem Kibbuz hat einen Orden verliehen bekommen, für einen Akt ungewöhnlichen persönlichen Muts. Leute wie mein Mann haben sich freiwillig gemeldet, wie immer sind Israelis aus dem Ausland eingeflogen, um die Uniform zu tragen.

Alle Probleme, die wir haben, sind die Probleme einer offenen, demokratischen, kritischen und selbstkritischen Gesellschaft. Und darum glaube ich auch, daß sie sich beheben lassen.

Ich sehe jedenfalls an der Häufigkeit, mit der ich Uniformen waschen und bügle, daß Ashkenazi seine Aufgabe ernstnimmt. Viele Offiziere sind schon zurückgetreten, was man von Politikern nicht behaupten kann.

Nach wie vor glaube ich, daß das Militär besser mit Kritik umgeht als die Politik, weil zwar auch Ego-Kämpfe stattfinden, aber nicht ganz so kraß wie in der Politik.

3. Lila - Januar 30, 2008, 22:14

Über die Untersuchungsausschüsse der Armee und die Lehren, die Ashkenazi sofort gezogen hat.

Immediately following the war and under the direction of then-Chief of General Staff Lt.-Gen. Dan Halutz, the IDF assembled 70 inquiry teams that investigated, probed and studied all of the operational aspects of the war, from the soldiers on the ground to the commanders back at General Staff Headquarters. 10 of the teams studied the General Staff, 23 probed the IDF’s organic structure and another 40 teams studied the performance of the various divisions and regional commands that participated in the war.

„Most of the recommendations have been implemented,“ a top officer said Wednesday. „The rest are currently in the process.“

Regarding criticism that the IDF was under trained and unprepared for the war, since the summer of 2006, the military has embarked on an unprecedented training regimen that has brought an increase of 100 percent in the defense establishment’s funding of training and exercises. The drills have also included the political echelon.

As an example, the number of exercises involving reservist brigades has claimed 200 percent in the past year, including 81 percent in the Northern Command alone.

The IDF has also invested unprecedented funds in upgrading its C4I Branch – responsible for communication and networking – as well as intelligence-gathering infrastructure.

A new operational branch was established within Military Intelligence that is responsible for coordinating between MI and its „clients“, which include all of the IDF’s combat units including Special Forces. After the war, field commanders complained that they did not receive valuable intelligence information that was needed during operations in southern Lebanon.

Also, es besteht Hoffnung, daß wir in den nächsten Krieg… äh, ich wünschte, es gäbe keinen nächsten Krieg! Fällt nur schwer, das auch zu glauben…


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