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Empfehlung Januar 24, 2008, 16:46

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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für Ron Leshems Buch „Wenn es ein Paradies gibt“.

Der Roman hat eine dokumentarische Wucht, der man sich nur schwer entziehen kann. Leshem nimmt den Leser mit ins Innere der Maschinerie namens Militär. Er lässt ihn teilhaben an den Gesprächen, den Blödeleien der Jungs, an ihren Ängsten und ihrem Alltag. Es sind vor allem die Details, die diese hermetisch abgeschlossene Welt präzise beschreiben: Stiefel ausziehen auch nachts verboten, raschelnde Chipstüten im getarnten Wachunterstand können den Tod bedeuten, und vor allem ist da dieses unbegreifliche Nebeneinander der Welten: hier der erbarmungslose Krieg, die Abgeschiedenheit der Festung, dort das aufregende Nachtleben Tel Avivs, die Cappuccino-schlürfenden, sorglosen Zivilisten. “ Und sechs Flugminuten von hier – es gibt keinen Gott! – läuft in irgendeinem Einkaufszentrum so ein Geschoss rum, eine, der hinten der Tanga rausguckt, und ihre größte Sorge ist die Wahl zwischen einem Shampoo aus Mandarinen, Ingwer und Grünem Teeextrakt“, bringt es Oschri auf den Punkt.

Mein Mann, der ja selbst lang genug in Beaufort gesessen hat und genau weiß, wovon die Rede ist, sagt, es ist realistisch. Er sagt, so war es, so ist es. Ich war zwar nicht bei der Armee, bin aber seit 20 Jahren mit einem Soldaten zusammen und kenne die Menschen, die aus der Armee wiederkommen. Auch mir kommt das Israel, das ich darin sehe, gut getroffen vor – mit seinen schönen, häßlichen, grausamen Seiten.

Lest die Besprechung, lest das Buch, vergleicht die Beschreibungen Israels mit den Vorurteilen, die Ihr im Kopf hat. Haßzerfressen, fanatisch, aggressiv – ich lese ja im SPon-Forum und anderswo immer wieder die Formeln der Gleichheit, die Metapher von den zwei tollwütigen, ineinander verbissenen Hunden. Nur daß der eine Hund eben weder tollwütig noch angriffslustig ist und den anderen Hund gar nicht beißen will. Er will nur endlich seine Ruhe haben, seine Hütte für sich haben, seinen Knochen. Mehr nicht.

Y. war als Soldat in Beirut, er war damals 18, so alt, wie Primus im Mai wird. Ich habe es schon erzählt. Er hat die Menschen dort ohne Haß angesehen, die alten Männer, die Sheshbesh spielten, während die Kämpfe tobten. Er wäre gern als Zivilist in den Libanon gefahren, das Land ist so schön, zu Anfang waren die Menschen auch sehr nett zu den Israelis.

Eines Morgens wachte er auf, nach ein paar Stunden Schlaf, und sah, daß er neben der Leiche eines „Feinds“ geschlafen hatte, in irgendeiner Ecke von Beirut. Er hat darüber ein Gedicht geschrieben, das mit den Worten endet, „wie schrecklich ist der Krieg, Bruder“. Für ihn war und ist jeder Tod sinnlos, ob Feind, ob Freund. Für die meisten Israelis, besonders wenn sie aus der Mühle der Armee erst mal raus sind, ist das so.

Auch das ist Israel. Gerade das ist Israel. Ich bin angenehm überrascht, eine so dämonisierungsfreie Besprechung zu finden – es klingt so, als sei die Verfasserin selbst ein bißchen erstaunt, daß sie sich in die verhaßtesten Menschen des Erdbodens, israelische Soldaten!, tatsächlich einfühlen konnte. Auch ihre Schlußfolgerung hat was für sich.

In Israel symbolisierte der Rückzug aus dem Libanon einen Wandel der Gesellschaft. Man war nicht mehr bereit, noch weitere Opfer hinzunehmen. Man war an dem Punkt angekommen, eher seinen Nationalstolz aufzugeben, als weiter Soldaten zu begraben. „Wenn es ein Paradies gibt“ ist ein leuchtendes Mahnmal für diese Wandlung. Kein Kriegsroman, sondern ein Rückzugsroman. Ein Plädoyer dafür, dass eine Niederlage so viel stärker machen kann als jeder mit Blut erkaufte Sieg.

Die unvergeßlichen Szenen der Jungens aus den Panzern, die ihre Mutter auf dem Handy anrufen und sagen, „ima, ani ba-bait – Mama, ich bin daheim“.

Ist es unsere Stärke, daß wir bereit zum Rückzug sind, zum riskanten Versuch, sich schwach zu zeigen – oder ist es der Grund unseres Untergangs? Der Verlust der Pufferzone im Südlibanon hat den Krieg sechs Jahre später möglich gemacht. Trotzdem hat der Abzug auch Verluste erspart. Ich glaube nach wie vor, daß er richtig war, auch wenn die Grenze immer unsicher bleibt. Das war sie auch mit Sicherheitszone.

Übrigens fand Y. den Film enttäuschend, er sagt, nichts kann die Atmosphäre des Orts einfangen, und jeder, der in Beaufort war, kann über den Filmset nur lachen. Für Leute allerdings, die das Vergnügen nicht hatten, die schönsten Teile ihrer Jugend in Bunkern und Panzern und Schießständen zu verbringen, ist er eindrucksvoll. Daß Israel trotzdem noch ein Land ist, in dem die Menschen Spaß am Leben haben, Medikamente herstellen und Technologien entwickeln und Mikroprozessoren bauen und uralte Schiffe aus dem Meer graben und Romane über Liebe und Besessenheit schreiben und sich an Schaltern gern vordrängeln – das könnte einen wundern. Ich glaube, Dan Shiftan hat recht, wenn er sagt, die israelische Gesellschaft ist mental sehr stark. Wie wir das machen? Keine Ahnung.

Kommentare»

1. Thatcher - Januar 24, 2008, 19:17

Ich bin immer sehr gespalten in dieser Frage – gespalten zwischen meinen Emotionen, meinen Gefühlen und meinem Wissen, meinem Verstand. Anscheinend ist dieser Widerspruch nicht aufhebbar. Manche Menschen aber spüren diesen Widerstreit in sich nicht, da sie das notwendige Wissen nicht haben oder des folgerichtigen Denkens mangeln. Was sie für unbezweifelbar halten, ist dann lediglich Ergebnis eines Prozesses, in dem der Bauch gegen den Kopf siegt.

Der Tod, besonders der eigene oder der von nahestehenden Menschen, ist immer schlimm. Noch schlimmer wird er dann, wenn er vermeidbar gewesen wäre, also durch Leichtsinn verursacht ist – oder durch Krieg. Im ersten Hinschauen ist es so sinnlos. Damit könnte die Debatte bereits beendet sein, der Friede durch endgültiges Niederlegen der eigenen Waffen für immer gesichert, die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet.

Und doch gibt es da noch diesen Widerstand, der nicht aus dem Bauch kommt, sondern aus dem Kopf. Der auf Wissen, auf Tradition, auf Stolz basiert – und damit irgendwie auch seine emotionale Komponente hat, haben muss, um nicht unterzugehen im Meer der Sentimentalität.

Außer den Menschen, die Krieg als grundsätzlich verwerflich, aber nun mal notwendig empfinden, gibt es auch solche, die Krieg lieben. Die dafür brennen zu kämpfen, zu töten, die Macht des eigenen Kollektivs dem anderen aufzuzwingen, und die nicht einmal der eigene Tod schreckt. Die über das Ansinnen, Krieg für immer zu bannen, lachen und sich bedanken für die freiwillig überlassene Herrschaft.

Das eigene Kollektiv, für das man Wertschätzung oder auch Liebe empfindet, wird unweigerlich untergehen, wenn man aufhört, sich für seien Existenz einzusetzen, und sei es mit dem Leben. Es gibt Feinde, die grundsätzlich anders empfinden als wir – warum sollte man ihnen das eigene Land, den eigenen Stolz überlassen, nur weil man findet, dass der Krieg und der Tod der eigenen Leute ein zu hoher Preis wäre?

Es gibt da, wie ich glaube, eine männliche und eine weibliche Empfindungsweise. Frauen würden den Tod eigener Leute, und damit den Krieg, auch um den Preis des Unterganges der eigenen Kultur verhindern. Sie würden sich den Eroberern fügen, sich anpassen, Teil eines anderen Volkes werden, damit nur das Kämpfen aufhört. Männer dagegen scheinen ein instinktives Wissen zu haben, dass man für die eigene Kultur, die eigene Gruppe (die größere, abstrakte Familie) auch mal zur Waffe greifen muss.

Wenn das weibliche Empfinden sich Einflusspositionen in einem Staat erwirbt, dann leidet darunter fast immer die Wehrbereitschaft. Die Männer werden mit weiblichen Kriegs-Vermeidungs-Emotionen angesteckt und werden Pazifisten. Das ist nicht nur ein Erfolg für feministische Bewegungen, sondern eine nicht zu unterschätzende Gefahr für einen Staat, für ein Volk, für eine Kultur.

Ich würde mich nicht dazu versteigen, die männliche Empfindungsweise sei richtig und die weibliche falsch. Ohne die pazifistischeren Frauensicht würden Kriege eskalieren, sinnlos übertrieben, zu viele Opfer fordern. Totalitäre, auf totalem Krieg aufbauende Systeme (Nationalsozialismus, Islam) basieren immer auf Männerbewegungen, die die Frauen aus Machtpositionen fast vollständig verdrängt haben. Zwar können auch Frauen ihre totalitären Bewegungen haben, doch basieren sie nicht auf Kampf, sondern eher auf Umerziehung, emotionaler Beeinflussung und Unterwanderung (Quotenregelungen).

Jeder (und jede) sollte bedenken: Nach dem Krieg kommt irgendwann Frieden, eine Zeit der Ruhe. Nach der Zeit des Todes kommt die Zeit des Lebens. Letztes Jahr gab es diesen Babyboom in Israel, genau neun Monate nach dem Ende des Libanon-Feldzuges – ein Schelm, wer da einen Zusammenhang sieht, oder vielleicht doch nicht? So schmerzhaft der Tod eigener Angehörigen auch ist, er darf nicht dazu verleiten, allzu sentimental zu werden und die Freiheit aufgeben zu wollen. Es sind auch Niederlagen denkbar, nach denen jede Freiheit verloren geht (etwa wenn diejenigen siegen, die den Krieg zum Gottesdienst erklären), und wenn die eintreten sollten, werden sich auch die Frauen wünschen, dass ihre Männer in den Krieg gezogen wären und die Feinde besiegt hätten.

Die Vernunft menschlicher Gemeinschaften ist normalerweise größer als die von Einzelmenschen, und je nach Lage setzt sich meistens das durch, was gerade angemessen ist. In Israel ist das bisher noch stets so gewesen. Für das Abendland dagegen sehe ich dunkle Wolken aufziehen.

2. grenzgaenge - Januar 24, 2008, 20:18

ich kann weder das israelische militaer noch das buch beurteilen (werde es aber lesen). mir faellt nur auf das vor allem buecher mit einer gewissen tendenz ins deutsche uebersetzt werden. zum thema „militaer“ unlaengst das buch von michal zamir („das maedchenschiff“), zu den siedlungen das buch von idith zertal und akiva eldar („die herren des landes“), vor nicht all zu langer zeit tom segev („1967 – israels zweite geburt“). alle diese buecher haben die tendenz israel und seine geschichte in einem sehr kritischen licht erscheinen zu lassen, m.E. im falle von zertal/eldar verbreitete stereotype zu bedienen. dafuer koennen die autorInnen der buecher natuerlich gar nichts und es verringert auch nicht den wert der buecher. trotzdem finde ich die ins deutsche uebersetzte literatur zu israel im allgemeinen als sehr unausgeglichen. das ist aber nur meine unmassgebliche subjektive meinung.

3. Lila - Januar 24, 2008, 20:50

Lieber Grenzgänger, als Israelin sehe ich eine Stärke in der unermüdlichen, kritischen Selbstreflexion, die in Israel stattfindet. M.E. unterscheidet das die Zivilisation von der Barbarei, um mal so harte Worte zu benutzen.

Daß sich außenstehende Beobachter dabei die Rosinen aus dem Kuchen picken können und das auch tun, ist leider die unweigerliche Folge. Statt in diesen Autoren das Spiegelbild, die Verwandtschaft mit der eigenen Kultur zu sehen, werden ihre Worte dann als Waffe gegen Israel eingesetzt.

Was soll man dazu sagen? Daß es keine Möglichkeit gibt, dieser Falle zu entgehen. Man muß, wie auch David vor ein paar Tagen sagte, sich davon lösen. Der innere Diskurs muß weitergehen, und was der deutsche Feuilletonleser davon versteht, tja, da haben wir keinen Einfluß mehr drauf.

Im guten Falle guckt er sich die Israelis an und sagt, „Mensch, die sind ja wie ich, nur leben sie auf einer Art Grillplatte“, im bösen Fall sagt er, „guck sie dir an, die Barbaren, selbstkritisch sind sie auch noch“.

Aber deswegen werden Akiva Eldar oder Chaim Yavin sich ihren kritischen Blick auf die Siedler ebensowenig verderben lassen wie die JPost ihren positiven…

Daß der gute Linke A.B. Yehoshua in D. nicht erhältlich ist, tut mir wirklich sehr leid. Ich mag seine Bücher gern, hab ihn auch schon ein paarmal persönlich gesehen und gehört – einmal warst Du dabei, weißt Du noch? Das war doch nett, man klettert aus dem Aufzug und hört Yehoshua sprechen…

Insgesamt sind aber israelische Autoren nicht schlecht vertreten auf dem deutschen Buchmarkt. Intellektuelle haben nun mal linke Neigungen… 😉

4. Lila - Januar 24, 2008, 21:03

Tja, Thatcher, ich teile Deine gespaltenen Gefühle voll und ganz.

Was Männer und Frauen angeht, weiß ich nicht – es gibt auch die Auffassung, daß Frauen, wenn sie denn erstmal Partei ergreifen, unversöhnlicher sind als Männer. Ich weiß es nicht. In Israel geht die Spaltung mehr durch die Generationen – die Generation der Söhne und Töchter will kämpfen und sich durchsetzen, während ihre Väter und Mütter das letzte Hemd für Frieden geben würden…

Mit Ausnahmen, natürlich. Aber wie wir vor dem Abzug aus dem Libanon 2000 die „Vier Mütter“ hatten, so haben wir jetzt Noam Shalit, der für die Rückkehr seines Sohnes nicht nur ein Linsengericht, sonder einen ganzen Berg Linsen geben würde. Menschlich mehr als verständlich!!!

Wir haben keine Wahl. Der Tag, an dem wir unsere Wehrhaftigkeit aufgeben, ist unser letzter. Und da kommt dann auch ein hypothetisches weibliches Bedürfnis wieder zum Tragen, nämlich das nach Schutz des Nachwuchses. Wenn das Nest bedroht ist, wie in Israel seit Jahrzehnten, können auch Frauen den Sinn einer Schutztruppe sehen.

Und die Palästinenser sagen das so: unsere beste Waffe sind die Gebärmütter (Pluralform…???) unserer Frauen.

Ich verlink gleich mal einen Artikel zum Thema Rolle der Frauen bei unseren Nachbarn.

5. grenzgaenge - Januar 24, 2008, 21:18

„Wir haben keine Wahl. Der Tag, an dem wir unsere Wehrhaftigkeit aufgeben, ist unser letzter.“

ja. genau das koennen leute ausserhalb israels nur sehr schwer nachvollziehen. ich waere ja auch nicht zur bundeswehr gegangen (aus bestimmten gruenden wurde ich gar nicht erst gemustert), sondern haette mich ganz bewusst fuer einen zivildienst im krankenhaus entschieden. schliesslich habe ich das in anderer form nachgeholt (ehrenamtlich im hospiz). es ist wirklich schwer in einer umgebung in der krieg weit weg zu sein scheint (!) den wert einer armee zu entdecken.

6. grenzgaenge - Juni 22, 2008, 13:10
7. grenzgaenge - Januar 25, 2009, 14:07

ein interessanter artikel von dan schueftan – aus der zeit (! ?) ich habe ja schon oefters betont das ich ein fan von dan schueftan bin. 🙂

http://www.zeit.de/online/2008/20/israel-arabische-nachbarn?page=all

(…)

„Nach 60 Jahren staatlicher Unabhängigkeit und 120 Jahren Zionismus wird den Juden in Israel endlich bewusst, was sie jahrzehntelang intuitiv getan haben – sich darauf zu konzentrieren, was in der Abwesenheit von Frieden zu tun ist, anstatt das schwer fassbare Ziel weiterzuverfolgen, ihre arabischen Nachbarn von der Existenzberechtigung eines jüdischen Nationalstaates zu überzeugen.“

(…)


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