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Bei den Kindergärtnerinnen Januar 23, 2008, 23:23

Posted by Lila in Kunst.
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Ich hab ja schon ein paarmal erwähnt, daß ich eine Fortbildung für Kindergärtnerinnen mache, mit einer Kollegin zusammen. Dieser Kurs geht so gemischt, na ja, die Frauen gewöhnen sich langsam an mich und haben inzwischen mehr Spaß. Sie quasseln noch immer unaufhörlich, ich hatte im Leben noch kein so unruhiges Publikum! auch nicht, als ich 14jährige unterrichtet habe!, aber die Stunden haben auch ihre Höhepunkte.

Wir fragen vor Beginn der Stunde immer, ob jemand was zu erzählen hat. Dann kommen schöne Geschichten raus, von Aktivitäten und Ideen und „Farbfesten“ im Kindergarten. Am schönsten war die einer Frau, die uns erzählte, wie sie mit den Kindern einen Miro-Tag gemacht hat. Sie hat ein Bild von Miro aufgehängt, die Kinder mit Grundfarben malen lassen, ein Mobile aus Miro-Linien mit ihnen gebastelt, kurz, es war ein kreativer Tag.

Gegen Mittag kam ein Opa zu Besuch, von einem der Kinder, und dem zeigte das Enkelkind stolz die Kunstecke. Der Opa war begeistert. Er ist Schreiner, und am nächsten Tag brachte er dem Kindergarten eine Überraschung mit: eine Staffelei für die Kinder. Die Kindergärtnerin wollte nun wissen, was sie damit alles machen kann und was der Unterschied zwischen Arbeit am Tisch und Arbeit an der Staffelei ist.

Außerdem sagte sie mit erstauntem Unterton: „Ich habe mich bisher nie an Kunst herangewagt, meine Stärke waren immer mehr Naturwissenschaften. Aber eigentlich macht es Spaß…“ Sie war stolz auf sich selbst, und das kann ich gut nachempfinden. Es ist so ein schönes Gefühl, wenn man die eigenen Grenzen erweitert und sich auf Neuland traut – und dabei noch Erfolg hat! Ihre Kolleginnen haben ihre Ideen notiert. Da war sie noch stolzer.

Da habe ich also nicht umsonst ein paar Pfund Nervenstränge investiert, es kommt tatsächlich was dabei raus. Wobei ich natürlich fairerweise sagen muß, daß meine Kollegin die praktischen Anweisungen bringt (ich habe aber natürlich auch ein paar Asse im Ärmel, Kunstlehrerin, das sitzt drin!) und ich vorher den theoretischen Boden dafür lege.

Wir geben immer eine Doppelstunde: ich 90 Minuten, sie 90 Minuten. Das ist natürlich am Ende eines Arbeitstages im Kindergarten knochenhart, das sehe ich ein. Die insgesamt sieben Treffen bringen so viele Punkte ein wie ein ganzes Semester, das ja auch 14 Treffen (oft auch nur 13) beinhaltet.

Wir halten diesen Kurs an zwei Zentren und vergleichen ständig, was wir tun, verbessern, reflektieren, feilen an der Übereinstimmung und an der Präsentation. Wir bringen Materialien mit, empfehlen Bücher und Spiele, ich habe ja auch noch einen ganzen Fundus selbstgemachter Hilfsmittel und Ideen, von denen meine Kollegin ebenfalls profitiert.

Ich nenne den Kurs „Grundbegriffe der Kunstbetrachtung“, meine Kollegin nennt ihren Kurs „Kunst im Kindergarten“. Angefangen habe ich mit einer allgemeinen Stunde über den Zusammenhang von Kunst und Kindheit und Kreativität allgemein. Dann kam eine Stunde über grundlegende Informationen über Kunstwerke: Name des Künstlers, Name des Kunstwerks, Entstehungszeit, Größe, Format, Technik, Aufenthaltsort – und was diese Grundinformationen einem alles verraten können, wenn man sonst keine weiteren Quellen hat.

Dann eine Stunde über Linie und Form, und dann eine über Farbe und Farbtheorie. Die nächste Stunde, die wir heute vorbereitet haben, behandelt Raum, Perspektive und Komposition. Dann eine über figurative und abstrakte Malerei – das Verständnis abstrakter Malerei ist mir wichtig für Menschen, die mit Kindern arbeiten, denn kindliche Kunst hat oft mehr mit abstrakter Malerei gemeinsam als mit figurativ-realistischer. Die letzte Stunde wendet sich dann Inhalten zu: Kind und Familie, Gefühle und Beziehungen in der Kunst.

Wie gesagt, ich mach den theoretischen Teil, die Kollegin den praktischen. Die Kindergärtnerinnen können Reproduktionen zum Thema mitnehmen. Es besteht bereits Bedarf nach einem zweiten Teil im nächsten Jahr, meinte die Leiterin des einen Zentrums. Ich weiß noch nicht, ob ich das wirklich will… aber eine Idee dazu habe ich schon. Ich würde den zweiten Teil nur für Absolventen des Grundkurses öffnen, und dann würde ich die sieben Treffen jeweils verschiedenen Themen widmen: Tiere in der Kunst, Mädchen und Jungen, biblische Geschichten, Humor, optische Täuschungen und Spiele, Schiffe und Meer, Wetter in der Kunst, alt und jung, Außenseiter, Bäume, Essen und Trinken in der Kunst… das sind nur ein paar Ideen.

Ich finde immer, es ist einfacher, ein Thema zu verfolgen als einfach nur den Stil einer Epoche zu lernen. Wer nicht genau weiß, was Impressionismus ist, dem kann ich entweder eine ganze Stunde lang Renoir und Monet zeigen, oder nach Poussin und Chardin als Vorbereitung Renoir und Monet, und dann Cezanne und Picasso. Ich finde, die jeweiligen stilistischen Eigenheiten des Impressionismus kommen bei so einer Gegenüberstellung klarer und schmerzloser raus, als wenn ich eine ganze Stunde drauf rumreite. Außerdem lernt man dabei, ein Thema per Kunst aufzubereiten.

Meine Kollegin, die erstmal ganz sicher war, der nächste Kurs muß Stilrichtungen und Epochen behandeln, war begeistert von der Idee.  Darauf wäre sie gar nicht gekommen. Sie ist ja keine Kunsthistorikerin, sondern Frühpädagogin, und kennt aus den Kursen, die sie besucht hat, nur die typische Stilrichtungs-Salami. Also scheibchenweise einen Stil nach dem anderen schlucken, ohne Rücksicht auf Inhalte. „Nimm noch ein bißchen Klassizismus, der ist lecker… schieb die Romantik gleich hinterher…“

Ich halte davon nicht so viel, es ist natürlich für Kunsthistoriker unabdingbares Grundwissen, aber was soll man damit außerhalb von Museum und Seminar anfangen? Ich halte viel mehr von der Fähigkeit, eigenständig formal zu analysieren, wie mein Kurs es ja lehren soll. Einfacher gesagt: gründlich hingucken. Und dann wissen, was man sieht.
Ich kenne ja all die Fallstricke, wenn man an der Hochschule Stilrichtungen lehrt. Das 20. Jahrhundert wird dann zum katalogischen Albtraum. So fragen die Lernenden immer total verunsichert: „…und was fürn Stil ist das jetzt noch mal, Schmidt-Rottluff???“, und wenn man antwortet, „Expressionismus“, dann glauben sie erleichtert, mehr muß man nicht wissen. Und sehen gar nicht mehr, was das eigentlich bedeutet, Expression. Ich mag diese -ismus-Ballerei nicht sehr gern, sie ist nur für Kunsthistoriker interessant, aber nicht für Leute, die hinterher damit arbeiten müssen. Für die ist viel interessanter, wo sie interessante Bilder zum Thema Nashorn herkriegen.

Na ja, mal sehen, wie die Reaktionen auf unseren Kurs dieses Mal aussehen werden. Dann sehen wir weiter.

Wie immer bin ich für alle Anregungen aus dem Leserkreise dankbar…

Kommentare»

1. arabrabenna - Januar 23, 2008, 23:42

Habe zwar keine Anregungen für dich, aber ich kann mir gut vorstellen, daß dein Unterricht mir mehr Interesse an Kunst entlocken könnte! Hatte nie gute Kunstlehrer.

2. Lila - Januar 23, 2008, 23:44

Das Volk verlangt Bilder vom Enkelchen!!!!!!

3. knut - Januar 24, 2008, 11:39

wenn das mit dem nashorn wirklich eine frage war: ich war im sommer in einer tollen william kentrigde ausstellung in Frankfurt, der auch diesem Dürer Nashorn verfallen war knut

4. Gabi - Januar 24, 2008, 18:19

Zum Thema Bilder vom Nashorn –> Philippe Halsman: Dalí with Rhinoceros: http://www.sk-kultur.de/photographie/ausstellungen_info.php?id=70&goback=index&actBtn=ausstellungen&pasBtn=ausstellungen. Leider ist die Ausstellung schon lange vorbei.


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