jump to navigation

Hintergrund Oktober 11, 2007, 8:55

Posted by Lila in Land und Leute.
trackback

zur Geschichte des akademischen Boykotts gegen Israel, und warum er nicht durchgekommen ist. Nicht etwa, weil die Initiatoren sich besonnen hätten. Sondern weil der Boykott gegen geltendes englisches Recht verstoßen hätte.

Die beiden britischen Akademiker, Hirsh und Pike, die gegen den Boykott am heftigsten gekämpft haben, werden nun in Haaretz interviewt. Hirsh ist Jude, Pike nicht.

„Even people who oppose Israel’s policies thought that the idea of the boycott was idiotic,“ says Pike in reply to a question about his participation in the campaign as a non-Jew. „My area of research in philosophy is the principles of justice, and this was clearly unjust. I thought it was important for non-Jews to voice their opinions aloud too.“

Das finde ich auch. Interessanterweise sind auch unter den Inititatoren des Boykotts Juden, die sich besonders energisch vom ungeliebten jüdischen Staat abgrenzen wollen.

Über die Diskussionskultur der Anti-Israel-Aktivisten:

Pike says that they threatened to sue him, called him „a Zionist scab“ and some even decided that he was actually Jewish. „Many people said that I was getting money from the Israeli embassy,“ he says, „which is really untrue. I lost friendships during this period. In previous discussions in the union they told me, ‚Jon, you’re wrong.‘ This time, they said, ‚Jon, you’re a liar,‘ and that’s a big difference.“ 

Im Kampf gegen Israel sind alle Mittel recht, persönliche Angriffe und Unterstellungen eingeschlossen.  Es geht nicht um Argumente oder Sachverhalte, sondern um Weltanschauung und moralische Überlegenheit. Kommt mir bekannt vor! Und zum Thema Boykott und antisemitische Motive:

Hirsh says he is not certain that the motivation of those who proposed the boycott was anti-Semitism, but he’s certain that the proposal itself is an anti-Semitic act.


„Boycotts against Jews have a very long history. You have to note the fact that nobody who proposed the boycott proposed boycotting American academia for the invasion of Iraq, Russians academia for the occupation of Chechnya, or Chinese academia for what is happening in Tibet. Using other, stricter standards towards Jews is a discriminatory and racist act.“ 

Auch wenn der Boykott also offiziell nicht durchgeführt werden kann – israelische Wissenschaftler stoßen häufiger in Europa auf gläserne Wände, hinter denen es nicht weitergeht.  Man kann nicht genau sagen, ob es nun der Name einer israelischen Uni im Lebenslauf ist oder ein akademischer Grund, weshalb ein Professor nicht eingeladen, ein Papier abgelehnt wird.

Wie es im Moment mit den weiteren Boykottaufrufen steht, dem der Journalisten und der Ärzte in Großbritannien, weiß ich nicht.  Die Briten haben uns wirklich auf dem Kieker. Wollen sie ihre moslemische Minderheit glücklich machen, ihre tief verwurzelten antisemitischen Traditionen pflegen oder juckt sie einfach so der Hafer?

Hirsh and Pike have no good answer to the question of why all this happened in Britain of all places. Anyone who has been keeping abreast of public opinion in Europe in recent years could have expected such an initiative in France or Spain, for example, where public opinion is much more belligerent toward Israel.

„I only have a feeling about that,“ says Hirsh, „which is based on things I heard at one of the conferences on the subject. Suddenly one of the participants got up and said, ‚how do the Israelis dare accuse us of anti-Semitism? After all, we saved them in the Holocaust.‘ The British, unlike other countries in Europe, have no history of collaboration with the Nazis during World War II, perhaps because they never had the opportunity. Therefore their consciences are clearer when it comes to Jews. On the other hand, there are many guilty feelings in Britain about the colonialist past and a feeling that Israel was established because of Britain. This feeling has only been reinforced in recent years in light of the present support of Israel by British and U.S. governments.“

Was natürlich mit der historischen Realität wenig zu tun hat. Aber wen kümmert das? Das britischen Mandat und die Beschränkung der Zahl der Einwanderer hatten den Tod vieler aus Europa geflüchteten Juden zur Folge. Auch in England gab es durchaus Sympathien für Hitler – was geschehen wäre, wenn Hitler den Engländern wirklich Zusammenarbeit oder einen Bund angeboten hätte, darüber kann man nur spekulieren. Aber sich jetzt als Retter der Juden aufzuspielen, dem Staat Israel die eigene dreckige Kolonialpolitik anzuhängen, obwohl Israel gegründet wurde, um Unrecht der Kolonialpolitik auszugleichen – das ist ein echter Knüller.

Auch wenn der Boykott abgeblasen ist – ein gutes Gefühl habe ich deswegen noch lange nicht.

Kommentare»

1. planq - Oktober 11, 2007, 16:45

„Aber sich jetzt als Retter der Juden aufzuspielen, dem Staat Israel die eigene dreckige Kolonialpolitik anzuhängen, obwohl Israel gegründet wurde, um Unrecht der Kolonialpolitik auszugleichen – das ist ein echter Knüller.“

Vielleicht bin ich jetzt etwas unwissend, aber wie kommt man zu der Annahme ein Land sei gegründet worden um Unrecht der Kolonialpolitik auszugleichen obwohl alle angrenzenden Länder dieses Land nicht gewollt haben und es ihnen somit auf erzwungen wurde. Nur mal so aus Arabischer sicht gesehen.

Ansonsten ist der Artikel ziemlich gut geworden.

2. Lila - Oktober 11, 2007, 17:08

Den angrenzenden Ländern ist ein unlieber Nachbar aufgedrängt worden – das würde ich eher für den Regel- als den Ausnahmefall halten, ginge es nicht um Israel und den mörderischen Haß, der darauf folgt! Welche Länder lieben ihre Nachbarn? Ich kenne keines. Meist verstehen sich traditionell Länder ganz gut, die keine gemeinsame Grenze haben – Deutschland und Spanien, Polen und Frankreich. Hingegen ärgern sich Grenznachbarn immer wieder. Grenzkriege sind das Alltäglichste überhaupt.

Sollte man, weil es den Nachbarn nicht paßte, den Staat Israel etwa nicht gründen? Frag mal die Serben, ob sie von den Staaten um sie herum begeistert sind… Hätte hier das ganze Gebiet unter britischer Herrschaft bleiben sollen? Das Osmanische Reich wiederhergestellt werden sollen? Oder nur die Araber ihre, wieviele sind es?, 22 Staaten haben sollen, die Juden aber weiterhin als Wanderer zwischen den Welten bleiben sollen?

Sowohl Araber als auch Juden haben in diesem Landstrich lange Jahre gelebt – in winzigen Gruppen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts gab es mehrere bedeutende Einwanderungswellen: aus Europa kamen Juden, aus der Arabischen Halbinsel Araber.

Im ehemaligen britischen Mandatsgebiet wurden zwei Staaten gegründet, ein großer für die Araber und ein kleiner für die Juden. Beide bestehen bis heute: Jordanien und Israel. Damit sollte den dort lebenden Menschen Autonomie gegeben werden, die sie natürlich nicht hatten, als hier Kolonialmächte, sprich die Briten, waren.

Im Libanon waren übrigens die Franzosen. Die Grenze zwischen Israel und dem Libanon zB haben Briten und Franzosen gezogen.

Daß die Jordanier, deren Staat nur ein Jahr vor Israel gegründet würde, flugs im neuen Staat einmarschiert sind – wäre das für Dich ein Grund, die Gründung des Judenstaats rückgängig zu machen? Sollte man allen kleinen Staaten, deren große Nachbarn sich von ihnen genervt fühlen, nun das Existenzrecht absprechen?

Alle Begründungen, die die Araber gegen den Staat Israel vorgebracht haben, waren vorgeschoben. Jerusalem war nie eine wichtige heilige Stadt des Islam. Seine Wichtigkeit erklärt sich in erster Linie daraus, daß viele der im Koran erwähnten Propheten dort lebten – und diese wiederum waren Juden.. bis zu Issa, den wir als Jesus kennen…

Es gibt sogar Leute, die sagen, daß laut Koran das Land Kanaan jüdisch sein soll und es keinen theologischen Grund für Moslems gibt, den Staat Israel abzulehnen. http://www.templemount.org/quranland.html

Verrückt, was? Wußte ich auch nicht.

Aber theologische Gründe waren bis zum Aufstieg des politischen Islamismus sowieso vorgeschoben – der Panarabismus war säkular und expansionistisch. Das kleine jüdische Stückchen Land störte einfach.

Guck Dir die Karte einfach noch mal an.

Und dann sag mir, ob sich um dieses winzige, magere, rohstoffarme Stückchen Land der Kampf lohnt, der darum geführt wird. Die Juden wollen nichts weiter, als diesen Streifen Land bewohnen, in Frieden leben, mit gesicherten Grenzen und ohne daß schon wieder ein Nachbar einmarschiert, wenn man gerade in der Synagoge ist um am Yom Kippur zu beten.

Mehr wollen die Juden nicht, als dort zu leben, wo jede Münze, die Du aus dem Boden buddelst, hebräische Schriftzeichen zeigt. Ein vermessener Wunsch? Weil die Nachbarn dagegen sind?

Dann schaff als erstes die Niederlande ab. Wie ist deren Gründung ihren Nachbarländern Ende des 17. Jahrhunderts auf den Senkel gegangen, mit ihren demokratischen Strukturen und ihrem wirtschaftlichen Erfolg, während Flandern noch spanisch besetzt und Deutschland zersplittert war!

Weißt Du, es gibt den Punkt, an dem muß man mal sagen: okay, diese Nachbarn, die kann ich nicht leiden. Ich habe nichts mit ihnen gemein, sie sind mir unsympathisch. Aber sie leben nun mal hier und ich finde mich damit ab.

Ich verspreche Dir – der Tag, an dem die arabischen Nachbarn das sagen, und einige haben es schon gesagt!, war der Tag, an dem alle Feindseligkeiten aufgehört haben.

Frag die Ägypter, frag die Jordanier. Es klappt.

Also, was sagst Du?

(Ein Lob von Dir ist wahrhaftig ein Lob!)

PS: Massenhaft Quellen-Info hier.

PPS: Und nochwas: selbst WENN für alle Moslems Jerusalem heilig ist – da würde ich ihnen sagen, was ich den Siedlern sage, die die Herrschaft über heilige Stätten als wichtig empfinden. Man kann ein Heiligtum auch besuchen, ohne dort politische Macht auszuüben. Niemand hindert Moslems daran, in ihren Moscheen zu beten – wenn es je Zugangsbeschränkungen gibt, dann nur wegen drohender Gewaltausbrüche, aber nicht aus anti-islamischer Willkür. Der Tempelbereich, der wohlgemerkt das Gebiet des uralten jüdischen Tempels ist!, wird vom islamischem Waqf überwacht und kontrolliert. Israel war und ist immer bereit, auf Forderungen der Moslems einzugehen – im Fall des unglückseligen Plans einer Moschee in Nazareth sogar soweit, daß der Vatikan mit Abbruch der ohnehin schon fragilen Beziehungen gedroht hat!

Umgekehrt ist das nicht so. Arabische Plünderer haben das Josephsgrab verwüstet, Juden durften nicht an die Klagemauer, als Ostjerusalem jordanisch war. Aber da muß man eben bei einem Friedensschluß drauf drängen, daß die Heiligen Stätten nicht entweiht werden.

Weißt Du, daß das Grab der von Juden verehrten Königin Esther im Iran in Tip-Top-Verfassung gehalten wird? Das ist doch schön. Wieso muß man einen Staat zerschlagen, um an die Heiligtümer dranzukommen, die in ihm liegen? Es ist doch viel vernünftiger, sich zu einigen. Wieso sollten fromme Juden nicht an Rahels Grab beten gehen, geschützt und respektvoll behandelt von palästinensischen Polizisten? So wie israelische Polizisten nach dem Terroranschlag auf moslemische Beter sie geschützt hat.

Das sind alles Fragen, für die jeder Jude sehr viel Verständnis hat und die der jüdische Staat mit Respekt behandelt. Ein Respekt, den Moslems vor anderen Religionen nicht immer so schön beweisen wie vor Esthers Grab – ich verweise auf das Spektakel um die Geburtskirche und den wachsenden Druck auf arabische Christen.

3. willow - Oktober 11, 2007, 17:46

@planq:

Zu den Staatengründungen nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches: wie hättest du denn eine Aufteilung für gerecht empfunden?

Allen Völkern je nach ihrem Bevölkerungsanteil?

Nach Religionszugehörigkeit getrennt?

Irgendsoetwas doch vermutlich… wenn das tatsächlich so gelaufen wäre, dann hätten diejenigen, welche heute am lautesten schreien noch viel weniger abbekommen – denn was unheimlich gerne ausgeblendet wird, die arabischen Stämme sind von der Bevölkerung her damals relativ unbedeutend gewesen, dagegen stellten die verschiedenen christlichen Bevölkerungsanteile um die 30% der Bevölkerung! Man stelle sich vor, die mit der Aufteilung beauftragten Mandatsmächte hätten einen entsprechenden christlichen Staat gründen wollen… aber damals rechnete eben niemand damit, daß es zu einer gewaltsamen Vertreibung und Verfolgung der Christen kommen könnte. Was ebenso weitgehend unbekannt ist, auch die Juden stellten im osmanischen Reich einen nicht unbedeutenden Anteil, mehr als 5% mindestens – und sie haben doch tatsächlich einen Flecken Land für sich haben wollen! Wobei mathematisch Begabtere durchaus mal ausrechnen könnten, wieviele Prozent vom osmanischen Reich die Fläche Israels einnimmt.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s