jump to navigation

Blödsinnig Oktober 11, 2007, 9:04

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Persönliches.
trackback

Wann wird das Thema Mutterschaft (sieht ohne -t auch prima aus!) mal ohne das Tremolo in der Stimme abgehandelt?

Aber Hitler zum Trotz sei gesagt: Warum soll die Kindererziehung, die schwerste Arbeit, die in der Gesellschaft verrichtet wird, nicht wieder hochgehalten und geehrt werden?

So schreibt eine Juristin namens Tönnies in der FAZ, in einem Artikel, der von Blödsinn nur so wimmelt, aber ich bin mal gnädig (hab auch gar keine Zeit!) und picke mir nur diesen Satz raus.

Die schwerste Arbeit, die in der Gesellschaft verrichtet wird? Oha. Welch Superlativ. Ich glaube nicht, daß die mütterliche Kindererziehung die schwerste Arbeit ist. Sie ist schwer, aber sie ist auch befriedigend.

Sterbende Angehörige pflegen – das ist schwer. Anderleuts Kinder erziehen, unter Beschuß der sorgenden Eltern – das ist schwer. Jeden Tag anspruchsvolle Leute bedienen – das ist schwer. Kranken eine schlimme Diagnose mitteilen – das ist schwer. Einen kleinen Betrieb führen, der gegen die Großen kämpfen muß – das ist schwer. Eine Theorie entwickeln, die allen anderen widerspricht – das ist schwer.

Oh, es gibt viele schwere Arbeiten ohne Heiligenschein, ohne automatische Anerkennung. Da gibt es keinen Wettbewerb, keine Preise und keine Superlative. Das Leben ist überhaut ziemlich schwer, oder? Aber werden die anderen schweren Dinge anerkannt, mütterliche Mühen aber unter den Teppich gekehrt?

Mütterliche Erzieungsarbeit ist immer von der Umwelt gewürdigt worden, machen wir uns doch nichts vor. Die 68er haben auch Kinder gehabt und sie genossen und Bücher über Erziehung gelesen und wollten ihre Kinder glücklich sehen und sind mit ihnen verreist und haben sie nackig rumspringen lassen. Sie waren auch stolz auf ihre Kinder und haben das Beste für sie gewollt. Über das Wie kann man streiten, die Moden in der Kindererziehung wechseln…

Der immer wieder konstruierte Gegensatz NS-Zeit vs. 68er ist noch dazu historisch ungenau. Zwischen Mutterkreuz und Kinderladen schob sich nämlich eine hochinteressante Periode, ich würde sie die Würmeling-Phase nennen. Daß gegen die rebelliert wurde, ist recht verständlich. Wer ein Mutterideal favorisiert, das mit Erwerbstätigkeit nicht zu vereinen ist, sollte sich harmloserweise lieber mit Würmeling als mit Magda Goebbels schmücken. Würde ich mal so empfehlen.  Soo arm ist unsere deutsche Geschichte denn doch nicht, daß man nur die Wahl zwischen bösen 68ern und noch böseren Nazis hätte.

Aber es sind nicht die 68er und wohl auch nicht Würmeling oder Magda Goebbels, die den Eltern die Lust am Kinderkriegen ausgetrieben haben, sondern die zunehmende Schwierigkeit, in einen Lebenslauf all die Maximalforderungen zu stopfen, die im Umlauf sind: beruflicher Erfolg, erfüllte Partnerschaft, Wohlstand (Eigenheim, zwei Autos, Auslandsreisen muß doch sein!), und dann eben auch noch Kinder… Da läßt eben mancher etwas weg. Es können auch Kinder sein.

Meine kinderlosen Freundinnen sagen: „es hat irgendwie nie gepaßt, und dann war es zu spät“, „ich wollte keine Kinder“, „ich mag keine Kinder“ – in Variationen. Keine von ihnen hat gesagt, „Mutterschaft ist überholt, die 68er haben das deutlich gezeigt“ oder „ich bin grundsätzlich gegen Mutterschaft, weil sie mich versklaven würde“ oder anderen ideologischen Kram.

Nein, die Gründe für Kinderlosigkeit sind entweder persönlich oder biographisch, aber doch nicht ideologisch. Eine gesellschaftliche Ächtung der Mutterschaft hat es doch nie gegeben, das ist ein Hirngespinst. Aber stimmt es, daß das so schwer ist, diese Arbeit der Mutter?

Ja, es ist schwierig, man schläft nachts nicht, Impfen ist schrecklich, Trotzalter, Hausaufgaben, alles üble Sachen, die einem das Leben vergällen… ach wirklich? Eltern, sagt, bin ich die einzige, die sich durch ein Mamaliebdrücken und einen stolzen Blick auf die Blockflöten-Solistin mehr als entschädigt fühlen? Wenn doch nur jede schwierige Aufgabe in der Gesellschaft so vergolten würde…

Also, wenn ich was nicht leiden kann, dann ist es diese Heroisierung der Mütterlichkeit. Brrrrr. Und hätte ich noch keine Kinder, würde mich das vermutlich ziemlich abschrecken.

Kommentare»

1. Sanníe - Oktober 11, 2007, 10:29

.

2. willow - Oktober 11, 2007, 10:43

„Eine gesellschaftliche Ächtung der Mutterschaft hat es doch nie gegeben, das ist ein Hirngespinst.“

Naja, für die in der DDR aufgewachsenen war es schon befremdlich, daß Kinder „über Nacht“ zum Verarmungsrisiko wurden… habe da einige alleinerziehende Mütter im Bekanntenkreis, was die sich da an Bösartigkeiten gefallen lassen mußten – da half auch die Gewißheit nicht, daß bestimmt auch sehr viel Neid im Spiel war.

Der Kern der aktuellen Debatte scheint mir doch, daß Blondie irgendwie in ein Wespennest gestochen hat indem sie diesen „Zwang zu kollektiver Erziehung“ thematisierte. Das wiederum ist etwas, das es auch in der DDR gab – wobei es natürlich auch das Henne-Ei Problem gibt… wurden die Kinderkrippen und Kindergärten forciert weil die jungen Mütter für die Produktion gebraucht wurden – und nahm man die Möglichkeit, die Kleinen erzieherisch in Richtung „Fortschritt“ zu schubsen als willkommene Zugabe. Oder wollte „man“ einen Gegenpol zur vermeintlich „zu bürgerlichen“ Erziehung im Familienkreis schaffen, sozialistisches Gedankengut über die Kinder in die Familien tragen – wobei es natürlich auch sehr praktisch war, die Frauen als dringend benötigte Arbeitskräfte einsetzen zu können.

Und so viel anders tickten da wohl auch „die 68er“ nicht, auch ihnen ging es ja ausdrücklich darum, die spießige Bevölkerung zu „erziehen“ …. hin zu den guten, richtigen Idealen – und damit durchaus auch schon bei den ganz Kleinen anzufangen. Auch deinen Beitrag über Kindererziehung im Kibbuz fand ich da überaus interessant, wegen der Parallelen aber auch wegen der Unterschiede.

Warum solche Themen aber irgendwie „Tabu“ sein sollen, das finde ich doch sehr Merkwürdig… oder auch nicht, sehr viele dieser Erzieher sitzen eben heute nicht nur in den Kindergärten und Schulen sondern auch bei den Zeitungen und beim Fernsehen 🙂 !

3. Lila - Oktober 11, 2007, 11:04

Ja, ich müßte eigentlich ein Default dazuschreiben, daß ich nur von den westdeutschen Verhältnissen spreche! Aber Apologeten der NS-Erziehung müßte doch klar sein, daß sich Würmeling und Konsorten gerade gegen die Züge wandte, die diese mit DDR-Erziehung gemeinsam hatte: die Erziehung der Kinder an ein Kollektiv zu delegieren.

Uns im Westen wurde gerade die Öffnung vieler Chance für Mütter immer als vorbildlich in der DDR gepriesen. Wobei ich nicht beurteilen kann, wie das für DDR-Bürger selbst ausgesehen hat – was ich bisher von den Krippen dort gesehen habe, lockt mich nicht sehr, aber wirklich, das soll nichts heißen.

Daß die 68er die Hybris besaßen, die ganze schäbige, spießige Welt umzuerziehen, stimmt – aber sie haben darum die Mütter nicht geringgeschätzt. Ein aus der 68er hervorgegangener Zweig der Frauenbewegung neigt im Gegenteil zu einer hymnischen Überhöhung der Mutterschaft – Stichwort Müttermanifest der Grünen. Wer die Welt verbessern will, bedient sich gern der mütterlichen Legitmation. Die 68er mögen als Studenten angefangen haben, aber sie haben ja auch Familien gegründet und diese als ebenso exemplarisch gestalten wollen wie ihr Studium.

Nein nein, ich sehe Kinderfeindlichkeit, Familienfeindlichkeit, meinetwegen Mütterfeindlichkeit in Deutschland ganz woanders als bei den 68ern. Verbotsschilder, strenge Blicke, wenn mal eins heult, die Erwartung, daß Kinder sich überall musterhaft betragen – das finde ich ausgeprägter. Es waren Mütter mit 68er-Idealen, die in der Öffentlichkeit angefangen haben zu stillen, Umstandskleidung zu tragen, die nicht kaschiert, sondern betont und die Kinder in Tragetüchern zu tragen.

Über die DDR kann ich da nichts sagen. Aber die Diskussion dreht sich eindeutig um die Dämonisierung der 68er, als ob die Elternschaft hätten abschaffen wollten und nun endlich, endlich der Backlash kommt. Ich glaube, da sind vd Leyens Analysen wesentlich treffender als die Tönnies´oder wessen auch immer.

4. schoschana - Oktober 11, 2007, 11:17

ich bin eines der ersten „kinderladen-kinder“ ;). ich habe nie meine elterngeneration damit zusammengebracht, dass sie die elternschaft abschaffen wollte. im gegenteil, kinder waren doch da noch viel mehr teil des ganzen, wir waren einfach dabei. viel hat sich um uns gedreht. es wurde auch viel experimentiert, aber eben, weil wir überhaupt da waren. erst später wurde es wieder ganz still. heute empfinde ich die stimmung viel feindlicher kindern gegenüber als in meiner generation, auch wenn wir damals schon mit den schildern „im hof spielende kinder verboten“ konfrontiert waren (die aber nicht von unseren eltern, sondern von der generation davor aufgestellt worden waren). die schilder gibt es so nicht mehr, aber unausgesprochen ist die weisung doch noch vielfach vorhanden.

5. Lila - Oktober 11, 2007, 11:24

Eben. Ob die Würmeling-Generation oder die 68er kinderfreundlicher waren – das ist hier die Frage. Mein Votum tenidert zu den 68ern.

Die Würmelings haben ihre Kinder auch geliebt und waren stolz auf sie und die ganze Müttergeneration hat jeden Gedanken an außer-familiäre Entfaltung geopfert, aber sie hat auch mit Strenge, Triebverzicht, Diszipilin etc erzogen. Das ging, wenn man sich die 50er Jahre mal anguckt, recht weit – und es war klar, daß die nächste Generation dagegen protestiert. Heute schlägt das Pendel wieder mehr in Richtung Grenzen setzen und Disziplin – aber die Freudlosigkeit, der eisige Respekt vor Autoritätspersonen, die Ängste, von denen damals eine ganze Generation Autoren erzählt, die kann man aus der Gleichung nicht einfach weglassen.

Das ist alles viel komplizierter, als die einfache Gleichung „prä-68er: familienfreundlich, post-68er: familienfeindlich“ weismachen will.

Ich selbst bin in einer Familie aufgewachsen, in der das Würmelingsche Familiengefühl meines Vaters mit dem eher 68er-orientierten Weltbild meiner wesentlich jüngeren Mutter kollidierte. Königsberger Klopse gegen Ratatouille, Händel gegen Leonard Cohen, Sonntagsspaziergang gegen Grillen an der Rur, so stellte sich der Konflikt in meiner Kindheit dar… Es war keine Frage, beide haben Familie bejaht. Aber Familie jeweils anders gelebt.

sie haben sich scheiden lassen, als ich elf war…

6. willow - Oktober 11, 2007, 11:24

Ach Lila, ich finde ja gerade diesen Austausch zwischen Ost und West und zusätzlich noch dem Blick aus Israel so interessant 🙂 !

Aber wie gesagt, was ausgeklammert wird – im Moment entdeckt „der Westen“ ja gerade die Ganztagsbetreuung in Krippen und Kindergärten für sich – ist doch die Möglichkeit einer gewissen sanften, lieben ideologischen Lenkung der Kinder… und wer das, wie Blondie, nicht nur als etwas Positives sieht, der wird sehr schnell als konservatives, spießiges Relikt bekämpft.

Ich fand durchaus gut, wie sich die kindliche Früherziehung „im Osten“ nach „der Wende“ verändert hat, eindeutig zum Besseren. Aber die Erzieherinnen vermitteln weiterhin ganz selbstverständlich ihr doch recht „linkes“ Weltbild – nicht daß mich das stört, wir fanden das für unsere Kinder sehr gut, aber ich verstehe auch, wenn Eltern mit einem etwas tratitionellerem Gesellschaftsbid das nicht so gut finden … 😉

7. Lila - Oktober 11, 2007, 11:29

Willow, das kann ich nicht beurteilen, ich bin nicht in Deutschland. Aber Krippen und Kindergärten gibt es viele. Wenn Du Deine Kinder in eine gut katholische Einrichtung gibst, in einen Waldkindergarten, einen anthroposophischen oder freien oder lernorientierten Kindergarten – da haben Personal und Eltern eine jeweils ganz andere Weltsicht als in der DDR. Das DDR-Modell soll doch nicht einfach kopiert werden. Mir schienen, von außen betrachtet, dort vor )allem Sekundärtugenden trainiert zu werden – ich mag mich irren.

Aber wenn es eine größere Vielfalt an Angeboten gibt, dann werden die Eltern die Chance haben, das zu finden, das ihrem häuslichen Erziehungsstil entspricht und das Leben der Kinder erweitert, aber nicht auffrißt oder beschneidet.

Jede Gemeinschaft hilft dann eben den Eltern, die Kinder großzuziehen und im Arbeitsmarkt zu bleiben, wenn sie das wünschen.

Gleichzeitig müßte der Arbeitsmarkt Eltern mehr entgegenkommen in den schwierigen Jahren – das ist die zweite Seite der Medaille. Und auch da schneidet die NS-Gesellschaft ja wohl nicht gerade glänzend ab…………..und Würmeling-Deutschland auch nicht, und auch die 68er nicht.

(Wirklich, es reicht, das populär geschriebene Buch von Barbara Beuys zu lesen, um alle Illusionen über die mütterliche Ehre im NS-Reich zu verlieren!)

8. kaltmamsell - Oktober 11, 2007, 12:40

Danke.

9. Add a link - Oktober 11, 2007, 13:05

Sibylle ist übrigens die Enkelin von Ferdinand Tönnies.
http://de.wikipedia.org/wiki/Sibylle_T%C3%B6nnies

10. Lila - Oktober 11, 2007, 13:16

Mich würde ja mehr interessieren, ob sie selbst Kinder hat…..

Ich möchte mich nicht über Leute lustigmachen, die es aus irgendwelchen Gründen schwer hatten mit ihren Kindern – Depressionen, Krankheiten, es gibt viele Gründe, weswegen einem die Mutterschaft schwieriger vorkommen kann als alles andere. Wenn jemand aus der Erinnerung an eine schwere Zeit spricht, sei es fern von mir, zu spotten. Da habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn Tönnies selbst vielleicht Schweres mitgemacht hat mit ihren Kindern.

Vielleicht war sie aber auch die kinderlose Tante, die immer hinter den Glucken in der Familie zurückstehen mußte, sich immer anhören mußte: wir haben aber die Kinder, wir haben es so schwer!

Wie gesagt, ich weiß nichts über sie und bin vielleicht zu fies, weil ich dieses Pathos nun mal nicht abkann…. es auch unfair finde.

Gesellschaftliche Anerkennung zu fordern, als gebe es sie nicht schon, ist etwas Anderes als persönliche Erfahrung, die als schwer empfunden wurde.

11. Add a link - Oktober 11, 2007, 13:20

Hm, das weiß ich leider nicht.

12. beer7 - Oktober 11, 2007, 13:28

„Kollektive Erziehung“ vs. familiaere Erziehung kann doch nur dann als Gegensatz aufgebaut werden, wenn implizit davon ausgegangen wird, dass der Staat ein Monopol auf die Kinderbetreuung hat oder haben sollte.

Sobald die Eltern waehlen koennen zwischen kath. Krippe, alternativem Kinderladen, Montessori, Tagesmutter, Nachbarschafts-Elternhilfe usw. usw., wird diese Befuerchtung irrelvant.

13. Lila - Oktober 11, 2007, 13:32

Ja, Ruth, und man wagt es kaum zu sagen: es besteht sogar nach wie vor die Möglichkeit, die Kinder gänzlich zuhause zu erziehen, wenn man will! Vd Leyen hat keinesfalls vor, den niobengleichen Müttern ihren schreienden Nachwuchs zu entreißen, um ihn in rumänische Waisenhäuser zu stecken.

14. willow - Oktober 11, 2007, 13:46

Schon richtig, aber die Unterschiede zwischen kath. Krippe und alternativem Kinderladen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren… 😉

Wie gesagt, ich habe damit überhaupt kein Problem, habe mich eben wegen der Sekundärtugenden und der verbesserten Teamfähigkeit bewußt dafür entschieden – aber andere fürchten sich vor Erziehung hin zu Kollektivismus und Unterwürfigkeit und führen z.B. den in Ostdeutschland recht verbreiteten Hang zu sowohl Rechts- als auch Linksextremismus auf die frühkindliche Gruppenerziehung zurück… 😉

15. willow - Oktober 11, 2007, 13:57

Da wir ja zum Glück keine anderen Probleme haben hier noch ein besonders netter Artikel zum Thema im Tagesspiegel:

http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Eva-Herman;art15532,2397023

16. Jolie - Oktober 11, 2007, 15:43

In all den Blogs und journalistischen Kommentaren habe ich diese Sicht bislang schmerzlich vermisst. Schön, dass Du sie formuliert hast und die ganze Diskussion tiefer beleuchtest.

17. Lila - Oktober 11, 2007, 15:54

Ah, Jolie – lang nicht mehr gesehen – hallo!

18. Add a link - Oktober 11, 2007, 22:41

Ich hatte den Artikel gar nicht gelesen, Lila, Du anscheinend auch nicht ganz: „Ich habe in dieser Zeit sechs Kinder zur Welt gebracht und wurde in meinem Freundeskreis als Karnickel oder Gebärmaschine bezeichnet.“ Daneben enthält der Artikel allerdings so manche Blödheit, recht lustig.

19. home42 - Oktober 12, 2007, 0:55

Danke für diesen erstklassigen Post!

20. Das Leben usw. - Oktober 12, 2007, 0:56

Eva Herman – hoffentlich begreift sie jetzt!

Vielleicht, aber nur vielleicht wird es Eva Herman ja jetzt klar, dass mit ihren Äußerungen zur Familienpolitik im Dritten Reich und mit ihren neuerlichen Bemerkungen zu Hitlers Autobahnen etwas nicht stimmt. Denn die rechtsradikale Partei DVU will S…

21. Lila - Oktober 12, 2007, 8:41

Ah, richtig, das habe ich nicht registriert, Add a link. Ich war so davon überzeugt, daß ich nichts über sie weiß….

22. Thatcher - Oktober 12, 2007, 11:04

Wer ist eigentlich für Dich ein ’68er, Lila?

Wenn ich da einmal an meinen seligen Vater denke, der hat genau zu der Zeit studiert, und er hat mir berichtet, dass es eine „großartige Zeit“ gewesen sei, dass er auch an „sit-ins“ teilgenommen hätte und insgesamt sehr viel Spaß gehabt hätte. Nur: Während die intellektuellen Vorreiter der Bewegung in Frankfurt/Main saßen, ist er über die niedersächsische Provonz nicht hinausgekommen, wo der katholische Rahmen stets gewahrt blieb.

Diese Bewegung hatte eine Masse an Mitläufern, und es liegt in der Natur der Sache, dass nicht jeder das volle Programm verinnerlicht hatte. Sofern mein Vater ein ’68er war, war er ein Mitläufer und Mitmacher ohne tiefere Kenntnis der Ziele (die er als recht strenger Katholik wohl vehement abgelehnt hätte). Die gedankliche Basis, wie sie von Horkheimer, Adorno und Marcuse gelegt war, enthielt kaum Positives, appellierte an primitive Triebe (darüber wirkten sie auch so nachhaltig) und hatte das Ziel, sämtliche bürgerlichen Strukturen zu zerstören, um dem Marxismus den Boden zu bereiten. Der harte Kern der ’68er um Dutschke, Cohn-Bendit und Fischer waren echte Kulturrevolutionäre, deren Gefährlichkeit allgemein unterschätzt wird.

Fischer hat einen Polizisten vermöbelt? Er setzte lediglich die Ideen Horkheimers und Adornos in die Tat um, demnach alle legale Gewalt illegitim, weil faschistisch, und alle illegale Gewalt legitimer Widerstand sei. Genau diese Einstellung ist es, die auch die Randalierer, Steinewerfer und „Fascho!“-Brüller auf Anti-G8-, Anti-Atom- und Anti-Alles-Happenings antreibt: Uns ist alles erlaubt, und wer sich gegen uns stellt, ist ein „Fascho“.

Hier geht es ja im weitesten Sinne um Familie, und da waren weniger die ’68er, sondern die Feministinnen das Gefährliche. Die Idee hinter „Gender Mainstreaming“ ist es, dass alle Geschlechtsunterschiede nur kulturelle Konstrukte seien und also auch „dekonstruiert“ werden müssten. Dass Frauen Kinder kriegen und Männer nicht, lag also an entsprechendem patriarchalen Zwang, von dem es sich zu befreien galt. Und dass Frauen in menschlichen Gemeinschaften mehr fürs Soziale, für den Zusammenhalt gewirkt hatten, war nun ebenso Folge männlicher Unterdrückung. Der Verweis auf empirische Wissenschaften, auf die Historie oder außereuropäische Gesellschaften wurde als „Biologismus“ abgetan. Mit dieser Propaganda wirkten Schwarzer und Co. auf die Frauen ein und stachelten sie gegen ihre Männer auf, „entmännlichten“ sie (etwa durch Zwang zu männeruntypischem Verhalten) und wollten selbstverständlich ihren Anteil an den Vorzügen des Männerdaseins – Job, Karriere, Geld, Freiheit. Das Schlagwort lautete „Dink“ (Double Income No Kids), und das schloss Kinder aus – und wenn doch welche gekommen waren, kamen nicht nur Spott und Verratsvorwürfe von den Geschlechtsgenossinnen, sondern den Kindern mangelte es auch der Geborgenheit und der Wertevermittlung. Dazu kam dann noch die tägliche Berieselung mit ’68er-Phrasen durch Schule und Fernsehen.

Ich kann zwar nicht wie eine Frau empfinden, aber wenn ich mir die Reaktionen auf Eva Herman so ansehe (1000 Kommentare zu einem Artikel an nur einem Tag, und >90% sind pro Herman), dann denke ich, dass sie Dinge ausspricht, die zwar so empfunden werden, aber effektiv tabuisiert sind. Dass man sie jetzt in einen Zusammenhang mit den Nazis bringt, ist völlig konstruiert, Teil der Skandalisierung und soll verhindern, dass sie den feministischen Konsens in Schulen, Medien und Politik nicht gefährden soll. Denen geht es um Macht und Geld, und wenn Ansichten wie die Hermans gesellschaftsfähig würden, würden sie das ganz schnell verlieren.

23. Lila - Oktober 12, 2007, 13:01

Thatcher, ich habe mich schon gefragt, wo Du bist – und bei dem Thema wußte ich, daß Du Dich melden wirst! Danke!!! Ich finde es gut, daß Du hier eine abweichende Meinung reinstellst.

Was Gender angeht und Feminismus: da werden wir uns nun mal nicht einig. Ich hole hier ein bißchen aus, das habe ich mit Dir schon ein paarmal getan, aber von Dir nur Ideologie zur Antwort bekommen. Versuch mal, mich als Person zu verstehen – es geht hier um Leben, echtes normales Leben, nicht um Ideologien. Das sind alles ganz selbstverständliche, ja banale Sachen, und ich schreibe sie nur für Dich. Ich glaube, meine sämtlichen Leserinnen leben genauso und ich nehme nur mich als Beispiel, weil ich nur über mich sprechen kann. Aber ich bin nur einen von vielen.

Ich sehe nicht ein, wieso die Tatsache, daß ich vier Kinder geboren habe, mich davon abhalten soll, meine verschiedenen, eindeutig vorhandenen Begabungen einzusetzen und mich beruflich zu entwickeln. Das Wort Karriere ist trügerisch: es geht nicht um Karriere, es geht um Arbeit AUSSER Haushalt und Kindererziehung.

Weißt Du, wie kurz die Phase ist, in der Kinder die Mutter wirklich brauchen? Weißt Du, wie lang das Leben ist? Wieso sollte ich von der Zeitspanne, in der Schwangerschaft, Stillzeit und Kleinkind die Hauptrolle spielen, mein ganzes Leben bestimmen lassen? Das ist doch widersinnig.

ich kenne in Deutschland viele Frauen meines Alters, deren Kinder längst selbständig sind und die nichts zu tun haben. Sie haben frühe mal studiert, die Gesellschaft hat in sie investiert.Dann kam die Kinderpause. Danach kein Rückweg in die Arbeit. Jetzt tun sie nichts oder suchen sich Pseudo-Beschäftigungen. Der Arbeitsmarkt will sie nicht mehr, sie waren zu lange „draußen“. Das ist brutal, und sie sind deprimiert. Sie suchen Bestätigung, die sie u.a. darin finden, daß sie mich niedermachen und andere arbeitende Frauen. Das ist traurig, aber ich würde nicht mit ihnen tauschen wollen.

Warum ein ganzes Geschlecht, nur wegen der Gebärmutter, auf so einen Lebenslauf festlegen? Können wir uns das leisten? Sollen nur kinderlose Frauen außer Haus arbeiten? Oder wie? Geht es uns dann besser?

Das sind Ideen des bürgerlichen Zeitalters, besonders der 50er Jahre. Es ist eine bestimmte Weltanschauung.

Du nennst als Vorzüge des Männerdaseins: Job, Karriere, Geld. Sagst Du. Ich vermisse ein Wort: Arbeit. Job ist Job – Arbeit ist etwas ganz anderes. Ich hoffe, ich dringe zu Dir durch. Mir geht es um selbstbestimmte, kompetente Arbeit – nicht um Karriere.

Das Wort Karriere wird zwar immer wieder benutzt, aber ich halte es für unsachlich. Ja für eine Unterstellung – ein Wort, das bei Männern positiv, bei Frauen dagegen negativ besetzt ist.

Wenn Du mich von „Karriere“ ausschließt, weil ich eine Frau bin und das „gegen meine Natur“ ist, nicht wahr, dann verschließt Du mir auch den Weg zu einer befriedigenden Tätigkeit außer Kindern großziehen und Haushalt zu machen. Welches Recht hast Du dazu? Meinst Du, irgendein Mann, Hauptsache Mann!, könnte dieselbe Arbeit tun wie ich? Niemand könnte das, keine andere Frau und kein anderer Mann.

Ich wäre todunglücklich, wenn ich die Dinge, die ich mir in langen Jahren als Wissen erworben und erarbeitet habe, nicht weitergeben könnte. Dasselbe gilt für viele Frauen und Männer, denen es nicht um Karriere geht (also Weiterkommen, Stufenleiter erklimmen, mehr Geld, mehr Privilegien – die äußerlichen Zeichen beruflichen Erfolgs), sondern um die Arbeit selbst. Egal ob man damit Karriere macht.

Mir geht es also gar nicht um Karriere, sondern um Arbeit, in der meine Begabungen andren zugute kommen, so daß ich zufrieden bin und die anderen auch. Meinst Du, die Welt braucht unsere Arbeit nicht? Meinst Du, nur weil ich eine Gebärmutter habe, ist alles andere, was ich geben könnte, überflüssig, unerwünscht, minderwertig?

Versuch mal, Dich in mich reinzuversetzen, das ist nicht schwer. Ich habe vier Kinder. Ich arbeite. Die Kinder sind stolz, daß ich arbeite. Die Kinder sind stolz, daß ich manchmal als Expertin in die Schule eingeladen werde, daß sie schon mal angesprochen werden auf mich. Die Kinder sehen meine Arbeit als eine Bereicherung an. Meine Arbeit ist ein Teil von mir.

Manchmal sind sie genervt, wenn ich keine Zeit für sie habe. Auch sog. Nur-Hausfrauen haben nicht immer Zeit! Wenn Du die Zeit vergleichst, die berufstätige Mütter vs nicht-berufstätige Mütter mit ihren Kindern verbringen, kommst Du auf ähnliche Zahlen. Meinen Kindern geht nichts ab.

Aber gehen wir mal einen Schritt in der Zeit zurück. Vielleicht war es ja ein Fehler, mir überhaupt die Möglichkeit zu geben, zu einer stolzen, arbeitenden Frau zu werden? Sollte man weiblichen Wesen diesen Weg zu ihrem eigenen Besten nicht besser verbauen?

Guck Dir mal Abiturklassen an. Die Mädchen und die Jungen. Und Du willst mir im Ernst sagen, daß Du den Mädchen jetzt ein Studium verweigern willst, weil sie ja sowieso heiraten? Nur die Jungens dürfen was werden?

Helene Lange hat als Mädchen bittere Tränen vergossen, weil ihre Brüder und deren Freunde zur Uni durften und sie nicht. Hast Du mal Middlemarch gelesen? Wie demütig Dorothea Brooke ihrem Mann gegenüber ist, obwohl sie viel klüger ist – er hat eine formale Bildung genossen, sie aber nicht.

Willst Du wieder dahin zurück, wo Bildung nach Geschlecht zugeteilt wird? Doch nicht ernstlich. Willst Du wieder Frauen, die hysterisch sind, deren unterdrückte Talente sich in Neurosen Bahn brechen? Warum? Haben Frauen genetisch keine Talente? Warum sollten nur Männer Talente entwickeln??? Ich habe noch nie eine Begründung gelesen, die mcih überzeugt hätte, außer, daß Männer dann weniger Konkurrenz hätten udn sich Frauen wieder überlegen fühlen können.

Also Mr. Casaubon für alle???

Na gut, Du läßt die Mädchen also studieren. Und dann? Nimmst Du ihnen das Versprechen ab, nur zu arbeiten, bis Kinder kommen? Nun und dann? Dann sind sie bis zum Rest ihres Lebens dazu verdammt, Fenster zu putzen und unter dem Sofa zu wischen? Nu wirklich, Thatcher. Würde Dich das zufriedenstellen?

Ich werde da mal ganz persönlich. Ich liebe Hausarbeit und bin für meinen ordentlichen, sauberen Haushalt bekannt. Meine Schwägerinnen, meine Freundinnen, sie holen sich Tips bei mir, und öfter habe ich bei Freunden beim Umzugsputz geholfen, und bei Aufräum-Orgien. Ich bin da sehr gut drin, wirklich.

Wenn ich Wochen habe, in denen der äußere Streß runtergeht und ich mich aufs Haus konzentrieren kann, bin ich glücklich. Ich koche relativ gern (nicht so gern wie ich putze oder Wäsche mache), ich habe es gern, wenn sich alle bei mir sattessen. Ich sticke gern, ich mache gern Handarbeiten. Ich bügle gern. Meine Kuchen sind bekannt. Die Augen meines Schwagers leuchten, wenn er hört, daß ich Kuchen gemacht habe. Ich bin da kindisch stolz drauf. Diese Fähigkeiten kommen nicht von allein, bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich das richtig draufhatte.

Ich habe keine Putzfrau, ich mache alles selbst. Ich bin im Laufe der Jahre eine richtig gute Hausfrau geworden. Und das gern. Bei meinen deutschen Freundinnen, die nicht arbeiten und eine Putzfrau haben, ist es nicht viel sauberer als bei mir. Vielleicht ein bißchen. Ich denke, es würde Dir nicht auffallen.

Das Zerrbild der verkniffenen Feministin, die nicht bereit ist, für andre was zu tun, die jede Art „weiblicher“ Arbeit ablehnt, das ist ein Zerrbild, das es nur in den Köpfen von Feminismus-Hassern gibt. Meine arbeitenden Freundinnen und ich, wir kriegen das alles unter einen Hut. Meine 68er Mutter und Tante ebenfalls. Meine Kolleginnen auch. Meine Nachbarinnen, Freundinnen.

Das ist doch kein Problem! Wieso meinst Du, wir können das nicht? Weil Du es nicht könntest? Wenn Du müßtest, dann könntest Du es auch. Es ist gar nicht schwer, Menschen haben viel mehr Energie und Reserven, als mancher Theoretiker glaubt.

Man braucht auch Hilfe, ja. Bis mein Mann den neuen Job hatte, der seine Zeit frißt, haben wir uns die Arbeit fast geteilt. Zu meinen Stoßzeiten hat er mehr übernommen, jetzt übernehme ich mehr. Das hat doch mit dem Geschlecht nichts zu tun. Er ist als Kibbuznik aufgewachsen, kann jede Hausarbeit wie eine Frau. Er sieht es nicht als entwürdigend an, ein Klo zu putzen – nur Ideologen teilen Arbeit in „hohe“ und „niedrige“ ein. Die hohe Arbeit ist für Männer, die niedrige für Frauen.

Ich kenne (deutsche) Männer, die nie ein Klo putzen würden, wenn es eine Frau gibt, die ihnen das abnehmen kann. Da sehen sie als niedrige Arbeit an. Ich kann sie dafür nicht respektieren. Mir scheint, sie begreifen nicht, was Arbeit ist. Ich habe einen recht emphatischen Begriff von Arbeit. Klos putzen ist eine Arbeit, die gemacht werden muß, was ist dabei, sie zu machen? Was erniedrigt mich daran? Ich putze die Klos, ich schreibe einen Artikel, warum sollte ein Mensch sich nur auf eine Sorte Arbeit beschränken, wenn er beides gern tut?

Sobald Du die Arbeit dieser Welt nicht mehr in niedrig und hoch einsortierst, verlieren auch die Geschlechterkategorien ihre Wirkung. Ich lebe gar nicht in dieser sortierten Welt. Ich will nicht nur eine Hälfte der Welt. Ich will beides, ich habe das Recht auf beides.

Wer zwingt mich zu wählen? Eva Herman? Wer ist das überhaupt? Wieso kräht sie so laut? Sucht sie Aufmerksamkeit? Was fehlt ihr im Leben?

Ich persönlich, und das habe ich schon vorher gesagt, ärgere mich über Herman, weil sie eine Heuchlerin ist und auch dumm. Erstmal zum Thema Heuchlerin.

Meine Oma hat ihr Leben lang „Haushalt und Kinder“ gearbeitet, obwohl ihr Traum Krankenschwester gewesen wäre. (Sie wäre eine wunderbare Krankenschwester geworden.) Meine Oma war ein unendlich tüchtiger, redlicher Mensch. Sie hat alles, was sie angepackt hat, gut gemacht. Meine Oma war eine Frau, wie sie Leute wie Du toll finden würden, und auch ich finde meine Oma war toll. Jeden Tag, wenn ich meine Spüle scheuere, schenke ich meiner Oma liebevolles Gedenken. Bedaure, daß sie nicht sieht, wie gut ich alles in Schuß halte. Sie ist meine innere Musterhausfrau, die ich nie erreichen werde, die das auch gar nicht verlangt.

Wenn meine Oma aufstünde und sagte, „Kind, die Frauen heute machen sich verrückt, lebt doch so wie ich“, dann würde ich ihr respektvoll zuhören. Meine Oma hat ein Modell gelebt, das ich nicht leben kann, aber von Grund auf respektiere.

Das tut Herman nicht. Sie hat Karriere gemacht – Karriere, ob es Arbeit im von mir oben emphatisch beschriebenen Sinne war, weiß ich nicht. Sie hat ein Kind, spät bekommen. Wie viel Zeit sie für ihr Kind hat, bei all ihren Verpflichtungen, weiß ich nicht. Ich denke mir, sie hat eine Putzfrau, warum auch nicht. Ich sehe sie als eine Frau, die alles Negative lebt, das man mit Karriere verbinden kann – eine hohle Medienfrau. Die aber gleichzeitig predigt, als wäre sie meine Oma.

Sie ist nicht meine Oma, sie hat nicht das Recht, mir die Leviten zu lesen. Sie heuchelt. Sie pickt sich die angenehmen Seiten des Lebens raus wie Rosinen. Meine Oma hätte das Recht gehabt, mir ihr Lebensmodell anzupreisen. Aber doch nicht diese Frau! Thatcher, guck doch mal hinter die Fassade.

Meine Oma hat übrigens zu uns Enkelmädchen immer wieder gesagt: Lernt was Vernünftiges, Kinder. Wir konnten das nicht. Heiratet nicht zu früh, macht was aus euch.

Das war die Frucht ihrer Erkenntnis aus einem reichen Leben, reich an Arbeit für andere, reich an Kinderliebe und Eingemachtem und Garten und Freundschaften. Was lernen, was werden. Sie war sicher, daß wir das Eingemachte auch so hinkriegen. Sie hat Recht gehabt. Alle Enkelmädchen arbeiten und sind was geworden.

Wer ist Eva Herman, der Generation unserer Töchter was anderes zu empfehlen, als wäre mein Leben ein Fehlschlag? Wer ist Eva Herman, daß sie meiner tüchtigen Oma widerspricht????

Darum nenne ich sie eine Heuchlerin, darum bin ich nicht bereit, ein Wort zu glauben, das sie sagt. Vergleich mal ihren Tagesablauf und meinen, Thatcher. Ich versorge vier Kinder, einen Haushalt, arbeite. Wer ist Eva Herman, daß sie mir sagen kann, ich mache was falsch? Sie ist mein Alter, nur ein paar Jahre Unterschied. Als ich die Kinder klein hatte, hat sie Karriere gemacht. Jetzt hat sie ein Kind und will mein Leben in Frage stellen?

Was will sie mir über meine weibliche Bestimmung erzählen, das ich nicht schon wüßte? Sie ist arrogant, weißt Du das? Ist Dir das schon mal aufgefallen? Das stört viele Frauen – immer taucht jemand auf, der ihnen erzählen will, wie sie zu leben haben.

Und was das DUMM angeht – lies Dir mal ihr Gestammel zum Thema „ehren und hochhalten der Frau im NS-Staat“ durch. Das ist so peinlich, daß einem schlecht wird.

Ich habe schon gestern gesagt, daß sie sich klüglich an die 50er Jahre gehalten hätte. Damals wurden Mütter, im Gegensatz zum NS-Regime, wirklich geschützt. Würmeling und Adenauer haben nach den brutalen Erfahrungen mit Zerstörung der Familie durch Eingriffe des Staats das Pendel in die andere Richtung ausschwingen lassen.

Daß Herman das nicht weiß, halte ich für symptomatisch und erschütternd.

Huch, ich wollte da nicht so viel zu sagen, aber ich muß Dich überzeugen.

Es geht mir und andren Frauen nicht um Macht und Geld. Es geht darum, nicht nur eine Hälfte der Welt haben zu wollen. Es geht darum, alle Teile der Persönlichkeit zu entwickeln – nicht wie ein Mann, sondern wie ein Mensch. Es geht darum, reich zu leben, voll zu leben, nicht hohl, nicht eingeschränkt. Jeder nach seiner Fasson. Wer nach Geld, Karriere, Statussymbolen rennen will, soll das tun. Wer nicht, soll es lassen. Aber ich habe es satt, daß das Leben von Frauen anders abgehandelt wird als das von Männern.

Wo ist der Mann, der seinen Geschlechtsgenossen erklärt, wie sie leben sollen? Selbst wenn weibliche Leser das toll fänden, würdest Du Dich danach richten???

Warum sollen für uns Einschränkungen gelten? Hast Du eine Tochter? Wirst Du ihr weniger Entfaltungsmöglichkeiten geben als Deinem Sohn? Warum? Wird sie damit glücklich? Sehen die oft zitierten moslemischen Töchter glücklicher aus, weil sie eingeschränkt leben und sich den Männern unterwerfen müssen? Weil für sie andere Regeln gelten als für Männer?

Du bist doch ein kluger Kopf, Thatcher. Wieso fällst Du hier auf eine Ideologie rein, die so dürftig gegründet ist?

Wäre meine Oma heute in meinem Alter – da würde sie eine Station leiten oder Krankenschwestern ausbilden. Sie hätte ihre drei Kinder nicht weniger liebevoll erzogen, ihren Mann nicht weniger glücklich gemacht und nicht weniger gute Schwarzwälder Kirschtorte gebacken. Ist es ein Rückschritt, daß das heute möglich ist? Wohin willst Du zurück?

24. Heike - Oktober 12, 2007, 14:13

Ja!!!
Ich weiß, warum ich immer wieder zu deinem Blog zurückkehre, wenn auch meist nur als Leserin. Ich finde mich sehr oft wieder in deinem Geschriebenen und heute besonders. Ich bin vor zwei Monaten Mutter eines kleinen Wunders geworden, eine Tochter. Das ist bis jetzt das größte Glück meines Lebens. Im November möchte ich wieder anfangen zu arbeiten, zumindest erst einmal halbtags. Obwohl ich finanziell fast besser dran wäre, wenn ich zuhause bliebe, möchte ich aus denselben Gründen, die du oben anführst, einer erfüllenden Arbeit ausser der Hausarbeit und Kinderbetreuung, unbedingt wieder arbeiten gehen. Ich lebe in München und hier ist dieser Wunsch im Schnitt wohl eher ungewöhnlich, gemessen an der Zahl der vorhandenen Krippenplätze. Ausserdem finde ich mich bei Freunden und Bekannten recht oft in einer Rechtfertigungshaltung, mal ganz abgesehen von meinen Arbeitskollegen. Ich bin in der früheren DDR aufgewachsen und anderes gewohnt. Wir hatten jedoch Glück und haben einen Krippenplatz bekommen und wie groß war mein Erstaunen als bei der Vorbesprechung ein Konzept und Wochenplan herumlag der mich in Einzelheiten haargenau an meine eigene Kindergartenzeit erinnert hat. Hallo!!! Hat sich da seit fünfundzwanzig Jahren nichts getan??? Es stellt sich heraus, dass die neue Leiterin des Kindergartens auch aus der ehemaligen DDR kommt. Aha. Ich weiss noch nicht genau, wie ich das finden soll, da ich das Gefühl habe, dass sie die jungen, engagierten Erzieherinnen mit ihrem Engagement und ihren neuen Ideen nicht so ganz ernst nimmt. Soweit mein eigener kleiner Erfahrungsbericht. Und vielen Dank nochmal für den letzten Blogeintrag, ich gehe mit gut ausformulierten Argumenten in die nächste Rechtfertigungsdiskussion :),
liebe Grüße,

25. willow - Oktober 12, 2007, 15:03

„Ich bin in der früheren DDR aufgewachsen und anderes gewohnt.“

Genau. Ich verabscheue DDR-Nostalgie, aber was die gefühlte Gleichwertigkeit von Mann und Frau angeht, dem trauern viele Frauen nach, die sich familienpolitisch nach der Wende irgendwie in mittelalterlichen Verhältnissen angekommen fühlten…

Natürlich war nicht alles so, wie öffentlich propagiert (z.B. gab es nur recht wenige Frauen in wirklich leitenden Positiionen), aber immerhin, wenn die Frau wolte, konnte sie durchaus Kinder und Beruf vereinbaren. Notfalls auch gegen den Willen des Mannes, selbstbewußte alleinerziehende Mütter waren nichts ungewöhliches. Selbstbewußte verheiratete und arbeitende Mütter auch nicht… 😉 , da ist vieles den Bach hinuntergegangen. Völlig unnötig, wie ich finde. Denn was ich von Lila so höre klingt nach einer sehr ähnlichen selbstverständlich empfundenen Gleichwertigkeit… bleibt die Frage, warum im heutigen Deutschland nach wie vor so viele Frauen glauben, sich zwischen Kindern und Beruf(ung) entscheiden zu müssen? Oder sind es die Männer? Oder sind es die deutschen Frauen, die ihren Männern nichts zutrauen und es sich deshalb nicht zumuten wollen, zusätzlich zum Beruf auch noch die Kinderaufzucht und den größeren Haushalt alleine bewerkstelligen zu müssen?

26. david - Oktober 12, 2007, 16:39

Thatcher, du betreibst Philosophie mit der Brechstange. Zuerst mal ist die Frankfurter Schule, auf die du dich da soi eingeschossen hast, eine post-marxistische, oder „freudo-marxistische“ Theorie. Dabei geht es nicht mehr um eine Revolution der Arbeiterklassen, sondern um eine kritische Prüfung der Zustände. Die spätere kritische Theorie von Habermas begreift sich mehr als sozial-demokratische Theorie, ohne eine neue Gesellschaftsordnung zu fordern.
Mag sein, dass allein der Begriff „Marxismus“ für dich schon so schrecklich klingt. Etwas fundiertes Wissen kann trotzdem nicht schaden.
Das andere: an den mittlerweilen überholten Ideale der 68er und an deren Fehlleistungen reiben sich zur Zeit eigentlich nur noch Reaktionäre und National-Konservative, denen schon die BRD eines Adenauers ein Dorn im Auge war. Oder schon die moderne Gesellschaft.
Allein der Konstrukt, die aktuellen strukturellen Probleme in Deutschland und in der Welt auf die Fehler einer kurzeitigen Jugendrevolte zurückzuführen, ist etwas weit her geholt. In der Aufrechnung fehlt nur nur das Wissen um die Vorgeschichte, vom Zerfall des NS-Staates bis hin zur jungen BRD. Aktuell fehlen da auch ca 14 Jahre Kohl-Regierung.

27. Thatcher - Oktober 12, 2007, 20:43

Lila, es gibt eigentlich keinen Grund, durch meinen Beitrag persönlich beleidigt zu sein – oder ist dein wahrer Name einer der Genannten?

Richtig, du hörst von mir Ideologie. Ich mache darauf aufmerksam, welche gedanklichen Konstrukte die Menschen leiten, die uns heute regieren, unterrichten oder unser Fernsehprogramm gestalten. Und dass diese Konstrukte hochideologisch, staatsfeindlich (da sie die staatliche Ordnung in Frage stellen), realtiätsfern und ansatzweise totalitär sind und dringend einer Aufarbeitung und Revision – in den ärgsten Bereichen – bedürfen.

Ich höre von Dir aber auch hauptsächlich Ideologie zur Antwort. So lang Dein Beitrag auch ist, das alles habe ich schon irgendwo gehört oder gelesen – es steckt so viel feministischer Bla-Bla darin, dass ich mich abwende. Die Alternative zur Langeweile, die eintritt, wenn die Kinder der Mutter nicht mehr unmittelbar bedürfen, muss doch nicht dazu führen, dass man traditionellere Frauenrollen komplett ablehnt und sich in den harten, „männlichen“ Konkurrenzkampf begibt. Sicher gönne ich es jeder Frau, wenn sie es schafft, Kinder und einen Beruf zu vereinbaren. Doch die Missstände in unseren Gesellschaften werden zumindest teilweise auch daran liegen, dass sich um die emotionale und psychische Stabilität der jungen Menschen nicht ausreichend gekümmert wird, was immer die Domäne der Frauen war – nicht nur traditionell oder aufgrund patriarchalen Zwanges, sondern sicherlich auch evolutionär-biologisch bedingt. Nun wird zwar nicht jedes Kind, dessen Mutter nach drei Jahren wieder Vollzeit arbeitet, irgendwann zum Amokläufer – aber dass es der stabilisierenden Betreuung durch eine Person bedarf, die es nicht nur betreut, sondern liebt, und zwar nicht nach Arbeitsschluss, sondern dann, wenn das Kind sie braucht, sollte einsichtig sein, auch ohne dass dem Überbringer dieser simplen Botschaft unterstellt wird, ein finsterer Reaktionär zu sein oder faschistischen Gruppierungen nahezustehen.

Ich gebe es auf, hier weiterhin meine Meinung zu sagen. Ihr kennt meine, ich kenne Deine und eure. Beschimpfen lassen werde ich mich nicht. Du, Lila, kannst noch so oft schreiben, dass es Dir leid täte, wenn Du unfair argumentierst – mir fehlt der Glaube,. wenn es bei nächstbester Gelegenheit wieder passiert. Ich weiß jetzt, warum Dein Bloghintergrund lila ist. Gegen Ideologen ist mein Einsatz vergeudet. So lebe denn wohl.

28. Lila - Oktober 12, 2007, 21:41

Nein nein, Thatcher, im Gegenteil, ich fand Deinen Beitrag interessant!! Hab ich doch extra gesagt. Schade, ich habe mich nicht verständlich gemacht. Das tut mir leid.

Ich habe nicht ideologisch argumentiert, sondern bewußt rein persönlich. Denn diese ganze Diskussion geht absolut ins Persönliche. Schade, ich wollte mich verständlich machen, warum Frauen wie ich auf eine Person wie diese Herman allergisch reagieren. Ist mir nicht gelungen. My bad.

Und nein, ich glaube nicht, daß ich unfair argumentiert habe. Ich habe aus meinen 43 Jahren Lebenserfahrung heraus gesagt, was ich zu einem Thema denke und fühle, über das ich mir Gedanken mache, seit ich ein kleines Mädchen bin, das mich an allen Wegkreuzungen meines Lebens begleitet hat und das ich mit vielen Frauen und Männern besprochen habe. Das nennst Du feministischen Bla-bla? Das ist mein Leben.

Nicht eine Spur von Ideologie war da drin, nur das ehrliche Bemühen, Dir zu zeigen, wie eine Frau nicht nur glaubt, daß ihre Kinder „nicht zu Amokläufern“ werden, sondern genauso gute Chancen haben, glückliche, stabile Erwachsene zu werden wie die Kinder von Eltern, die eine andere Wahl treffen als ich.

Ich verurteile niemanden, der eine andere Wahl trifft als ich – aber ich verbitte mir, finsterster Ideologie verdächtigt zu werden, nur weil ich nach bestem Wissen und Gewissen eine andere Wahl treffe.

Deine Antwort ist ideologischer als mein biographischer Abriß. Du redest von „dem Kind“ und „der Mutter“. Ich habe von mir, meinen Kindern, meiner Oma, meiner Mutter gesprochen.

Und mein Bloghintergrund ist bei Dir lila??? Mensch, ich hab den auf hellblau eingestellt. Es haben mich übrigens schon mehrmals wütende Leser lila Latzhose genannt. Das ist okay. Ich kann mich an die Zeit noch erinnern…

Außerdem: ich habe mich in meiner OP nur gegen das dümmlich-pathetische Wort von der „schwersten Arbeit“ gewandt, das gar nicht von H. ist, sondern von einer anderen. Ich als vierfache Mutter empfinde dieses Wort als peinlich und unangebracht. Und wenn Du mich hundertmal unfair nennst, ich sag Dir auch warum. Das drückt mir einfach aufs Herz, ich hoffe sehr, Du liest noch mit.

Ich habe eine unverheiratete Tante, die nicht nur beruflich erfolgreich ist, sondern bei uns in der Familie die klassische Tanten-Rolle übernommen hat, wie bei Gritilis Kindern: die Mutter, die Tante. Die Tante hat sich um alle Probleme in der Familie gekümmert, war immer für uns da, hat nach Todesfällen und bei Krankheit allen beigestanden, sie hat wirklich alle Lasten meiner Eltern und Großeltern mitgetragen. Trotzdem gibt es Leute, die sie in die Kategorie „herzloses Karriereweib“ stecken und ihr Respekt verweigern, den meine Mutter und ich als vierfache Mütter automatisch einstreichen. Und das finde ich total unfair!!! Ich will das nicht. Ich will genau denselben Respekt für ihre Lebensleistung, wie wir Mütter ihn immer bekommen. Ich habe da sogar mal eine Hausarbeit zu geschrieben: über Töchter, die nicht heiraten und in ihrer Familie alle anderen unterstützen. Das ist eine nach wie vor unterschätzte Rolle, die spinster aunt.

Ich wollte in den Rest der Diskussion gar nicht einsteigen, es war ganz dumm von mir, darauf anzuspringen, und ich entschuldige mich, wenn ich zu heftig war. Mensch, das ist nun mal mein Thema. Aber ehrlich, wieso ist es schwerer, Mutter zu sein als Oma oder Vater oder Tante oder Tochter oder Schwägerin? Oder Ehefrau?? oder mein Ehemann???? Dem gebührt der Preis. Zweifellos.

29. Thatcher - Oktober 12, 2007, 23:21

Doch, Lila, Du hast Dich durchaus verständlich gemacht. Danke für den vermutlich ernst gemeinten Versuch der Entschuldigung, aber vermutlich ist Dir überhaupt nicht bewusst, wieviel feministische Ideologie Du im Laufe Deines Lebens in Dich aufgesogen hast. Und wie die Ideologinnen mit sanfter Stimme in den Wald gerufen haben, so schallt es aus Dir heraus. Der Weg vom sanften Feminismus einer Rita Süssmuth zum härtesten einer Alice Schwarzer kann schon mal sehr kurz werden, wenn das Klima erst aufgeheizt ist.

Man muss keine Ideologin sein, um Feministin zu sein. Dass Du eine Feministin bist, ist völlig offensichtlich, aber vermutlich bist Du ebenso Mitläuferin und unwissende Mitmacherin wie es mein Vater in bezug auf die ’68er war. Nur wenn man nicht weiß, was Ideologinnen wie Judith Butler und Co. angetrieben hat, dann sollte man auch die persönliche Größe haben zuzugeben, dass man es nicht weiß, und nicht pauschal das Unangenehme ableugnen.

Die Vorgehensweise feministischer wie auch ’68er-Ideologen ist strukturell der der Muslimbruderschaft vergleichbar. Äußerlich sind die Protagonisten angepasst und kaum erkennbar, sie sprechen mit sanfter Sprache Dinge aus, die einem zunächst wie Selbstverständlichkeiten vorkommen und denen man zustimmen möchte, doch die Stoßrichtung wird erst deutlich, wenn diese Subjekte an Einfluss gewonnen haben, und stimmt denn auch i.d.R. mit den Formulierungen in den grundlegenden Schriften überein, die alles andere als menschenfreundlich oder freiheitlich sind. Um Bescheid zu wissen, sollte man sie gelesen haben – daran mangelte es, wie bekannt ist, aber schon ’33 und mangelt es heute immer noch.

Tariq Ramadan und Aiman Mazyek gehen doch nicht wesentlich anders vor als Joschka Fischer, U. von der Leyen und Brigitte Zypries. Scheibchenweises, emotionalisierendes Vorgehen in möglichst vielen gesellschaftlichen Bereichen (Parteien, Gewerkschaften, Hochschulen, Kirchen, Medien, Unternehmen) ist heute der gängige Weg, die Demokratie zu unterlaufen. Sie machen sich die manipulierbaren Bauchgefühle der Menschen zum Komplizen – und bei wem das nicht funktioniert, den lassen sie sehr drastische Zwangsmaßnahmen spüren. Und die Manipulierten machen bereitwillig mit. Es ist wie im unaufgeklärten Mittelalter, nennt sich aber ironischerweise „Aufklärung“. Was Dir als „Vernunft“ in den Sinn kommt, ist oft genug reines Bauchgefühl. Das darauf beruhende System braucht gar keinen Zwangsapparat mehr, es kann sogar offiziell weiter „Demokratie“ heißen. Dieses Sachverhaltes möchte ich Dich und andere bewusst machen, doch es ist ein hartes Brot, jemanden – und dann noch gleich die Mehrheit – mit wirklichen Vernunftgründen von liebgewonnenen, aber letzten Endes instrumentellen Überzeugungen seiner Jugend zu trennen. Ich weiß das, und ich würde es nicht machen, wenn ich nicht wüsste, wie verdammt notwendig es ist. Nur ist es vermutlich schon viel zu spät für Gegenreaktionen, und eine Position wie meine ist es, die von euresgleichen zur „staatsfeindlichen“ abgestempelt worden ist.

Ich werde für Überzeugungen wie diese übrigens regelmäßig in die Nähe rechtsextremer Gruppen gestellt. Mittlerweile weiß ich wirklich nicht mehr, ob diese Gruppen nicht aus dem gleichen Grund für rechts erklärt worden sind wie ich. Mich von ihnen zu distanzieren würde nur denen helfen, die die Menschen massenweise psychisch manipulieren, um ihr zutiefst totalitäres, korruptes und menschenfeindliches Regime aufrecht zu erhalten. Ein „Nazi“ ist, wer seine Gegner in Lager stecken und umbringen will, wer Juden ins Gas schicken und die Welt mit Krieg überziehen will. All das will ich nicht. Ich möchte nur, dass das Gemeinwesen nicht auf Manipulation, sondern auf Ehrlichkeit und wirklicher, von Verantwortung begleiteter Freiheit beruht. Wer aber die Freiheiten den Gegnern der Freiheit ebenso zugesteht, trägt zur Vernichtung aller Freiheit bei, und deshalb muss man gerade als liberal Denkender unbedingt zu drastischen Maßnahmen gegen Totalitaristen aller Art greifen. Diese Poppersche Antinomie kann nicht aufgelöst werden.

So sehe ich die Welt und beurteile die Äußerungen und Handlungen anderer Menschen. Vielleicht ist das jetzt auch schon wieder ideologisch. Glaub mir, ich würde niemanden als „Karriereweib“ o.Ä. beschimpfen, weil ich fände, dass Frauen grundsätzlich nicht arbeiten sollten. Ich frage mich nur, warum Du das mir gegenüber erwähnst. Irgendeinen Grund muss es wohl haben.

30. willow - Oktober 12, 2007, 23:27

„Doch die Missstände in unseren Gesellschaften werden zumindest teilweise auch daran liegen, dass sich um die emotionale und psychische Stabilität der jungen Menschen nicht ausreichend gekümmert wird, was immer die Domäne der Frauen war“

Nun, das mag (bedingt) auf Mädchen zutreffen – aber bitte, ich finde unsere moderne Gesellschaft „krankt“ mindestens ebensosehr an männlichen Vorbildern für „Knaben“. Kindergarten und Grundschule sind fest in Frauenhand, selbst höhere Schulen haben eine starken Frauenüberschuß… und überhaupt, warum soll es nicht auch kleine Mädchen geben, die lieber mit Autos als mit Puppen spielen – und trotzdem (?) gute Mütter werden. Sind alle männlichen Lehrer verkappte Schwule!? Manchmal braucht ein Kind (ob männlich oder weiblich) auch seinen Vater…was ist daran staatsfeindlich?

31. Lila - Oktober 13, 2007, 0:02

Thatcher, danke für Deine Rückmeldung. WordPress hat Dich zweimal in die Ecke gestellt – sag mir, welche Version ich löschen soll, bitte. Elender Spamfilter!

Ich habe Dich nicht in rechtsradikale Zusamnenhänge gestellt und würde das auch nicht tun.

Ich verspreche Dir, daß ich all Deine Argumente noch mal durchlesen werde. Ich werde auch mit Y. darüber sprechen. Der weiß doch immer alles! und ist objektiver als ich. Du sollst nicht glauben, ich tu Dich ab, weil wir nicht einer Meinung sind.

Ich habe heimlich gehofft, Du meldest Dich, weil mir das wichtig ist – daß man verschiedener Meinung sein kann, ohne den anderen sofort in die Ecke zu stellen. Falls Du Dich von mir in die Ecke gestellt gefühlt hast, ist das nur meiner Schreibhast zu verdanken.

Wir sind oft nicht einer Meinung, aber ich finde es immer gut, daß Du kräftig aus Deiner Ecke argumentierst. Dasselbe schätze ich auch an vielen anderen Lesern hier, auch an denen, mit denen Du Dich öfter in der Wolle hast.

Es ist auch wirklich schwierig, das alles schriftlich abzuhandeln. Das zögernde, wiederholende, gesten- und mienenbegleitete Gespräch ist durch nichts zu ersetzen. Oft kommt was heftiger oder spöttischer rüber, was nur sanft ironisch oder sogar selbstverspottend gemeint ist. Ich bin da ganz übel, ich merke es immer wieder.

Aber wir tun unser Bestes.

32. Thatcher - Oktober 13, 2007, 0:06

Lösche die erste Version. Sie ist Teilmenge der zweiten, die aber noch um anderes angereichert ist.

33. Lila - Oktober 13, 2007, 0:26

Aye.

34. Jolie - Oktober 13, 2007, 0:56

Hallo Lila,
ja da bin ich mal wieder. Immer mal wieder von hier oder dort (momentan Spanien), aber das regelmäßiger als es vielleicht aussieht, weil ich hier still verblieben bin. Nett, dass Du Dich erinnerst.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie Du das alles schaffst und verfalle in Bewunderung, habe ich doch wirklich schon genug mit unserem kleinen Haushalt und dem einen kleinen Mann zu tun, was aber auch noch an dessen Alter liegen mag. Und hoffentlich wächst man mit seinen Herausforderungen, wenn es mal mehr werden. 😉
Bewundernswürdig ist auch Deine Langmut mit all den Kommentaren, die Du bekommst.
@Thatcher: Habe ich da richtig herausgelesen, dass Sie J.Fischer, U.v.d.Leyen und B.Zypries unterstellen, die Demokratie zu unterlaufen??? *stirnrunzeln*

35. Lila - Oktober 13, 2007, 1:06

Ich tippe blind und viel zu schnell, oft schneller als ich denke. Dann denke ich gleichzeitig an zehn verschiedene Dinge, mach auch gleichzeitig was anderes, und schon haben wir den Salat, ich trete jemandem aufs Füßchen, auch wenn ich das gar nicht so meine. Das ist also kein Langmut, sondern schlechtes Gewissen.

Natürlich erinnere ich mich an Dich. Mein Schwesterchen ist im Moment für ein Jahr in Spanien. Ich dachte aber, Du bist in Südamerika.

Mit den Herausforderungen wächst Du, das kann ich Dir versprechen. Du glaubst ja auch im Anfang nicht, daß so ein Kerl in Deinen Bauch paßt oder da irgendwie rauskommt oder von Deiner Milch wirklich wachsen kann, oder daß Du ihn baden kannst, ohne ihn fallen zu lassen. Jetzt lachst Du über Deine Zweifel. So geht das mit jedem Schritt. Auf einmal hast Du das Haus voll und es geht auch.

Was gäbe ich drum, noch mal sowas Kleines wie Du, Heike oder auch Jessica zu haben!!!!!!!!

36. Flash - Oktober 13, 2007, 3:25

Im Sinne eines gewissen Ausgleichs mal meine Gedanken zu Thatcher vs. Lila 🙂

Der Konflikt muss nicht sein, beide haben ja durchaus recht. Ich bin begeistert von Thatcher und erfreut, daß noch Leute es wagen, die Ideologen von damals und heute zu entlarven („gender mainstreaming“ usw.). Kaum einer weiß doch, was hinter gesellschaftlich forcierten Dingen wirklich steckt – aktuell auf jeden Fall der Wunsch der Politik, die Einzahler in die Sozialkassen zu vermehren und der Wirtschaft dringend benötigte, billige Fachkräfte zuzuführen. Diese Ressource bieten die Frauen…tja, daher weht der Wind.

Ich bin auch begeistert von Lila und wie sie ihr Leben lebt. Sie sollte nichts von dem, was Eva Herman sagt und vertritt, auf sich beziehen.

Eva H. sagt, daß es den 1-3jährigen Kindern, aber speziell den 0-1jährigen Babies nicht gut tut, in eine Kinderkrippe gebracht zu werden, und das das ihre Entwicklungschancen kognitiv wie emotional sehr beeinträchtigt. Dafür hat sie Beweise aus der Bindungsforschung, der Gehirnentwicklung u.v. a. mehr. Für einen Kita-Besuch ab 3 Jahren gelten bereits andere Kriterien, er ist durchaus akzeptabel (auch für E.H.) – aber auch die weitere häusliche Betreuung tut den Kindern gut.

Eva Herman sagt, daß die moderne Frau ihr Glück einseitig in der beruflichen Verwirklichung sucht, und für ihre Karriere sowohl ihre familiären Wünsche wie auch ihre Weiblichkeit verleugnet. Dies gilt allerdings speziell für Frauen in Leitungs- bzw. gehobenen Positionen, deren Arbeitstage jenseits der 8 Stunden liegen. Die Beobachtung ist, daß Beziehungen scheitern, weil zuviel in den Beruf investiert wird – und daß infolgedessen auch der (vorhandene, aber aufgeschobene) Kinderwunsch nicht mehr verwirklicht werden kann bzw. eine späte krampfhafte „Muss“-Schwangerschaft bewirkt.

Sie hebt besonders auf die Umerziehung der Frau zu einem „besseren Mann“ ab, d.h. Frauen wollen, wenn sie emanzipiert sind, den Männern in typisch männlichen Eigenschaften Konkurrenz machen, statt ihre weibliche Eigenschaften einzubringen. E.H. kritisiert das allem anderen übergeordnete Verdienststreben bzw. den dahinterstehenden Konsum, der letztendlich unglücklich macht im Vergleich zu einem Leben mit geringem Einkommen, aber in einer intakten Mehrkind-Familie. Die Botschaft ist sinngemäß: „man kann nicht alles haben: intakte Familie/Ehe, ausreichend betreute Kinder sowie eine glanzvolle manager-Karriere“. (Dieses übefordernde Idealbild wird nur medial vorgegaukelt, ist aber irreal). Irgendwo müssen einfach Abstriche gemacht werden – je nach individueller Belastbakeit und Leistungskraft, je nach den persönlichen Prioritäten. E.H. plädiert dafür, diese Prioritäten stärker bei den Kindern/der Familiezu setzen, weil das alle Seiten auf Dauer glücklicher macht.

Siehst du, Lila – fast bist du doch die Idealmutter der Hermanschen Art. Du hattest den Mut zu vier Kindern, die du wohl nicht ab 6 Monaten in die Krippe geschickt hast. Du malochst nicht in einem 10-Stunden-Job, während die Kinder den ganzen Tag im Hort sind. Du gibst auch nicht deine weiblichen Eigenschaften, deine Mütterlichkeit auf, um in einer Männerwelt bestehen zu können. Im Gegenteil. Das sieht man ja im gesamten Blog-Inhalt. Du brauchst dich demnach von Eva Herman nicht im geringsten angesprochen fühlen. Und keinesfalls verlangt E.H., deine Fähigkeiten und deine Ausbildung nicht einzusetzen.

Hier wäre anzumerken, daß es natürlich große individuelle Unterschiede gibt, was die Fähigkeiten einzelner Menschen betrifft. Damit meine ich, daß es einerseits Frauen gibt, die sowohl ihre 6köpfige Familie als auch ihr Weblog als auch ihre beruflichen Interessen bewältigen können, ohne dauerhaft überfordert zu sein.

Ebenso gibt es aber jede Menge Menschen, die unter einer solchen Mehrfachbelastung (zumal, wenn sie beruflich noch intensiver ist), leiden und als Frau ein schlechtes Gewissen haben, weil ihnen insgeheim klar ist, daß sie ihr(e) Kind(er)/ihren Mann vernachlässigen.(Das kann auch Männern gelten, sure). E.H. plädiert dafür, daß Frauen in diesem Fall wieder mehr als bisher auf die Stimme ihres Herzens hören und an einer anderen Front zurückstecken, nämlich der beruflichen. Sie spricht dabei selbstkritisch aus ihrer eigenen Lebenserfahrung und bringt Beispiele von Frauen, die durch Mutterschaft eine bis dahin nicht gekannte Erfüllung erlebten. Die bewußte Planung, Verhinderung von Kindern dagegen wirkt für frauen auf Dauer wie ein Lustkiller des Ehe- wie des gesamten Lebens.

Ist das Anliegen von E.H. in dieser Form etwas akzeptabler, liebe Lila? E.H. will keine 1950er Verhältnisse, keine Naziverhältnisse, sie will nur den aktuellen Forschungsergebnissen bzgl. der frühkindlichen Entwicklung und der optimalen Kinderbetreuung Geltung verschaffen und die Frauen aus einer einseitigen Karriereorientierung befreien, die ihnen den Weg zu Familie und Kindern versperrt – was diesen Frauen oft eben erst dann bewußt wird, wenn es zu spät ist, und was immer zu Lasten der Kinder geht.

Mit 30 sagen sie: „ich hab noch so viel Zeit“, mit 35 scheitert die Beziehung, und mit 40 ist die Uhr abgelaufen, ya know?

Mein ganz eigener „Gegenentwurf“ der modernen Frauenbiographie wäre dieser: warum nicht nach dem Abi erstmal heiraten, 2-3 Kinder kriegen und erst dann studieren, wenn diese im Schulalter sind? Oder warum nicht mit 26-30 (nach dem Studium) Kinder kriegen und dann erst in den Beruf einsteigen? Die Mär vom Verlust des Anschlusses ist Käse bzw. Propaganda aus der bösen Ecke. Oder will mir jemand erzählen, daß eine Lehrerin oder Journalistin oder Ärztin nach fünf Jahren Pause mit ihrem Wissen nichts mehr anfangen kann? Zumal man auch zu Hause fast alle Möglichkeiten hat, die Entwicklung zu verfolgen – wenn nicht heute, wann dann.

Fakt ist jedenfalls: keine Kinder zu haben, obwohl man sie sich eigentlich immer gewünscht hat, ist für Frauen definitiv das größere Unglück, als im Beruf auf einige Karriereschritte zu verzichten.

Was meinst du, Thatcher? Komm das Anliegen rüber? (Die ganz schweren ideologischen Geschütze überlasse ich den bedauernswerten Radikalfeministinnen).

Gruß, Flash

37. Flash - Oktober 13, 2007, 4:05

Hier nochmal einiges zu den wütenden Protesten gegen Eva Herman und den Vergleich mit deiner lieben Oma…

Beide Frauen stellen doch Extrem-Positionen dar, die sich diametral gegenüberstehen, oder nicht? Daraus ergibt sich auch ganz logisch der unterschiedliche Sehnsuchtspol, der diese Frauen anzieht.

Die eine hat ein häusliches Leben in Übersättigung, hätte aber gerne auch eine berufliche Identität und Lebensleistung entwickelt – und empfiehlt dies ihren Enkeln. Völlig klar.

Die andere hatte eine Bilderbuchkarriere bis an die Spitze der Medienlandschaft, ergo Einkommen und Prestige ohne Ende – um den Preis einer Familie und ihrer weiblichen Sehnsüchte. Die aufkommende Panik wegen des nicht vorhandenen Kindes konnte gerade noch gestoppt werden dank des Partners und des (noch) klappenden „Systems“ :)) Folge: diese Frau empfiehlt, ein großes Zeitkontingent aus dem Berufsleben abzuziehen und in Familie zu investieren. Logisch, oder? (Bei Frau Herman spielen offensichtlich noch eine Fülle von ähnlich oder schlimmer gelagerten Fällen aus ihrem Umfeld ene Rolle).

Du, liebe Lila, hast beides, hast alles, du bist beneidenswert. Würdest du jeder Frau empfehlen, daher auch „alles“ anzustreben? hast du nicht vllt. auch irgendwo Abstriche machen müssen? Könntest du nicht (ohne Anhang) eine bekannte Museumskuratorin sein, eine kunsthistorische Koryphäe etc. pp.? Du hast um des mannes und der Kinder willen doch wohl auf die höchsten Weihen verzichtet, nicht?

Was wäre dir, was wäre den Frauen im allgemeinen, im Zweifelsfall wichtiger? Ein Leben im Palast, höchste berufiche Anerkennung, jede Menge Geld – oder ein materiell beschränktes Leben mit einem zufriedenen Mann und mehreren Kindern, dafür eine beschränkte berufliche Entfaltung? Was macht auf Dauer glücklicher? Genau diese Frage stellt E.H., aus der Erfahrung heraus, daß ersteres die Frauen ihrer Umgebung tief enttäuscht hat.

Beides bzw. alles zu haben dürfte für die meisten Menschen eine Utopie sein. Wer es tatsächlich hinkriegt, ok. Wer daran scheitert, ist eben auf der Strecke geblieben. Er hätte aber vielleicht einen guten Rat gebraucht, bevor es zu spät war.

Sicher ist E.H. das Musterbild einer Frau, die sie jetzt so vehement kritisiert. Aber es gibt ja auch ein Umdenken, diese Chance hat ja jeder. Bei E.H. resultiert es aus der Erfahrung, ein Kind zu haben (was halt so manche Frau schon 15 Jahre eher hat, nicht aber die vom Schlage Eva H.s). Nun kämpft sie als Konvertit eben besonders engagiert, wie alle Konvertiten. 🙂

Man muß immer den Kontext sehen – die Prägungen eines Menschen. Und immer schön differenzieren, womöglich eben für jede einzelne Person.

Daß Eva Herman nicht ins Leere redet, zeigen die Reaktionen einer Vielzahl von Frauen, die sich befreit und zustimmend äußern. Es gibt also eine Zielgruppe, auf die das Anliegen zutrifft. Du gehörst da offensichtlich nicht dazu, und das ist doch bloß gut so!

LG Flash

38. Lila - Oktober 13, 2007, 13:51

Flash, Du hast genial Recht, kein Zweifel.

Es bleibt die Frage: was ist mit den jungen Mädchen, den jungen Frauen? Meiner hochbegabten kleinen Schwester, meinen Töchther?

Was bieten wir ihnen an? Immer noch den halben Kuchen, das halbe Glück, denn mehr geht für eine Frau nun mal nicht nicht? Das alte entweder – oder???

Oder sagen wir: wir stehen hinter dir und jeder Entscheidung, du schaffst es, trau Dich!

Ich weiß, wo ich mein Fähnchen schwenke.

39. david - Oktober 13, 2007, 19:48

Lila, gabs eigentlich bei euch im Kibbutz noch batei yeladim, asl du in den 80ern dort aufgetaucht bist?

40. Lila - Oktober 13, 2007, 23:34

Aber ja. Ich habe im Gan (Kindergarten) gearbeitet, ich konnte ja schon etwas Ivrit, und habe morgens die Kinder geweckt, geduscht, ihnen den ersten Tee gemacht. Ich fing morgens um sechs an, mit Badputzen und Vorbereitungen: welche Kinder welche Zahnpasta mochten, kann ich Dir heute noch sagen. (Davon sind zwei schon selbst Eltern!)

Gegen viertel vor sieben habe ich sie langsam geweckt, da kamen auch die Kolleginnen. Und gegen sieben trudelten die Mütter ein, guten Morgen sagen.

Zwei Kinder schliefen schon zuhause, im Wohnzimmer auf dem Boden, weil die Häuser noch nicht auf Schlafgelegenheiten für Kinder eingerichtet waren. Die Anpassung der Häuser, die Neubauten, das war alles in vollem Gange. Der Beschluß war zwei Jahre alt, aber die Diskussion noch lange nicht abgeschlossen.

Mein Primus gehört zur ersten Gruppe, die von Anfang an zuhause geschlafen hat. Anfangs waren seine Klamotten noch im Babyhaus, es hat eine Weile gedauert, bis alle kapiert haben, daß die auch logischerweise zuhause am besten aufgehoben sind.

Eine Zeitlang haben die größeren Kinder sogar ihre Wäsche vom Kindergarten aus nach Hause getragen – die Wäsche der Kinder ging ja vom Kinderhaus in die Wäscherei, wurde getrennt von der der Erwachsenen gewaschen, in der Kinder-Kommuna in Säcke der Kinderhäuser gestopft und dann in den Kinderhäusern gefaltet und in die Fächer gesteckt. Das heißt, auf dem T-shirt stand: Yael, Gan Erez, Arbeit (oder: Shabat).

Das war logisch, als die Kinder wirklich noch im Kinderhaus lebten. Als sie nach Hause zogen, war nicht klar, was nun mit der Wäsche ist??? Die ging ja nach wie vor ins Kinderhaus. Da ging sie auch zu Anfang immer noch hin, und Kinder oder Eltern schleppten sie von dort nach Hause. Es war schon nach kurzer Zeit klar, daß das Quatsch war und die Wäsche nach Hause gehörte.

Alle Wäsche der Kinder wurde neu gezeichnet, auf Namen der Eltern (also für Yael einfach die Wäschenummer der Eltern, zB gelb 34) und ging direkt in das Fach der Eltern. Alle Familien bekamen extra Fächer zugeteilt.

All diese kleinen Anpassungen habe ich mit großem Interesse mitangesehen – ich glaube nicht, daß sich viele noch an diese kleinen Dinge erinnern. Unter meinen Augen wandelte sich der Kibbuz. Ich fand das hochinteressant.

Ich habe noch einen halb angefangenen Artikel in Arbeit, eine Antwort auf eine Frage von Heidi, und zum Thema Erziehung gibt es viele, viele Dönekens…. mich hat das immer fasziniert.

Obwohl: wäre nicht die lina meshutefet (communal sleeping arrangement) abgeschafft worden, während wir auf Reisen waren, wäre ich nicht hier ansässig geworden. Oder hätte mit dem ersten Kind bis zur endgültigen Einführung der lina mishpachtit (family sleeping arrangement) gewartet. Ich hätte meinen kleinen Kerl nicht über Nacht im Babyhaus gelassen. Er hat auch so viel geheult – ich wäre ja die ganze Nacht nur hin und her gerannt…..

Die batei yeladim (Kinderhäuser) gibt es ja auch noch, nur schlafen die Kinder dort nicht mehr.

41. david - Oktober 14, 2007, 1:15

Was sind „Dönekens“? Noch nie gehoert, das Wort.
Heute hatten wir endlich mal Zeit den Film Adama Meshugaat anzusehen und haben danach gleich wild und lang diskutiert ueber lina meshutefet und die metaplot..
Wir haben eine Bekannte, die davon recht traumatisiert ist.
Es gab in den letzten Jahren viel Kritik ueber die Utopie der Kibbutzim. Im Mittelpunkt steht immer die lina meshutefet. Wohl, weil genau hier Grenze des selbstgewählten Gemeinschaftslebens verläuft. Jemand, der hier geboren wird, hat sich das nicht unbedingt ausgesucht und kommt mit den Umstaenden mal gut – mal weniger gut klar. Die schaerfste Kritik, die ich dazu gehoert habe, kam dabei nicht von irgendwelchen urbanen Post-Zionisten, sondern von Kibutznikim.
Ich meine, diese Mixtur aus Gruppe und private space ist gesuender, als die sozialistische Utopie, wobei die meisten Kibutzim ja eh schon im Wandel zu einem Moshav sind. Wie ist das bei euch? In 10 Jahren: Kibutz oder Moshav? Zu Maagan Michael wuerde ich sagen: Moshav – wobei einige chaverim auch heute noch von der allowance leben und der production manager bei Plasson immer noch hoechstselbst den Besen schwingt, obwohl er nach kapitalistischen Massstaeben einer der Top-Verdiener sein muesste.

42. Lila - Oktober 14, 2007, 1:53

David, ich steck zwar bis über beide Ohren in Arbeit aber… hör mal, wir haben garantiert gemeinsame Bekannte. Mein Schwiegervater hat doch höchstselbst bei Plasson gearbeitet! Und wir haben da durch einen Scheffel Erbsen nette Familie.

Adama meshugaat (Sweet mud) hab ich noch nicht gesehen, möchte es aber gern. Ja, ich habe ebenfalls harte Worte über das ganze System gehört, und zwar sowohl von Leuten, die es als Kinder selbst mitgemacht haben, als auch von Außenstehenden, die es sich gruslig vorstellen.

Ein deutscher Besucher erzählte mir mal, ihm hätten Israelis (keine Kibbuzniks wohlgemerkt) erklärt, daß Kinder, die in einem Jahr geboren wurden, immer denselben Namen erhielten, den der Kibbuz aussuchte. Er war zutiefst schockiert angesichts dieser Gräuel.

Entweder war sein Englisch oder das seines israelischen Informanten grottenschlecht. Die Gruppe bekam natürlich immer einen Namen, Nachtigall oder Gänseblümchen oder Koralle oder Sanddorn – aber jedes Kind hatte natürlich seinen Namen.

Solche Geschichten kreisen auch 😉 und dann versuch mal zu erklären, daß du „ja gar keine Schwester hast… “

Wer als Kind zufrieden war, wie mein Mann, hat versöhnte Erinnerungen. Wer gelitten hat, dem kocht heute noch das Blut.

Ich bin froh, daß ich nicht ins eiserne Förmchen geprßt worden bin und die Kinder auch nicht. Heute haben wir eine ganz gute Balance. Hilfe ja, Einmischung nur wenn erbeten. Uns ist das lieb.

In zehn Jahren? Yishuv kehilati (nicht zu übersetzen – eine Art Orts-Gemeinschaft). Kein Moshav, wir sind kein agrarer Kibbuz – Ihr doch auch nicht. Und: das dauert keine zehn Jahre mehr. Spätestens in drei Monaten haben die hier diesen elenden parve-„Shinui“ durchgepeitscht (parve: weder Fleisch noch Milch, kann also bei koscherer Küche sowohl mit Milch als auch Fleisch gegessen werden), in zwei Jahren GAG (allerhöchstens) wird voll privatisiert. Sagt mein Gefühl. Das sich auch schon geirrt hat 😉

43. Manfred - Oktober 14, 2007, 2:19

Äh, bitte bedenkt, dass nicht alle Leser des Hebräischen mächtig sind, aber trotzdem sehr interessiert sind, mitzubekommen, wovon die Rede ist. Das aber nur nebenbei.

Ein Aspekt kommt mir an der ganzen Sache zu kurz, nämlich dass über die Lebensplanung in der Regel nicht ideologische, sondern wirtschaftliche Faktoren entscheiden. Eine Berufspause kann einem Menschen beruflich das Genick brechen, das ist einfach so. Muss nicht, aber kann – es ist in jedem Fall ein Risiko. Und für Leute, die spät in den Beruf einsteigen, weil sie zum Beispiel während des Studiums eine Familie gegründet haben und deshalb später fertiggeworden sind, haben Personalchefs zumindest hierzulande überhaupt kein Verständnis. Sie werten das so, dass da jemand nicht leistungsbereit und karrierebewusst und in jedem Fall nicht bereit ist, für die Firma zu sterben. Die Wahl lautet tatsächlich: Kinder oder Karriere.
Wenn allerdings E.H. den Frauen empfiehlt, zu Hause zu bleiben, dann muss sich das für einen Großteil der Bevölkerung wie blanker Hohn anhören. Eine solche Entscheidung muss man sich LEISTEN können! Heißt, man braucht einen gutverdienenden Ehemann. Eine Frau, die den nicht hat, kann die Bücher von E.H. schon deshalb in die Tonne kloppen.

44. Flash - Oktober 15, 2007, 3:12

@Manfred: Kann ich nicht so sehen, solange es um Ehepaare/feste Partnerschaften geht. (Alleinerziehende ist ein thema für sich.)

Das Festklammern am Beruf bzw. am Job ist ja gerade die große Bremse, warum sich Frauen immer wieder sagen: jetzt noch nicht, jetzt noch nicht.

Wieviel Einkommen eine Familie braucht, ist doch immer eine Frage des Lebensstandards. Bis auf wirklich die untersten Einkommensgruppen kann wohl jede Ehe drei Jahre Ausfall des einen Einkommens verkraften. Die Ansprüche auf Konsum und materielle Dinge sind aber so hoch, daß viele Menschen dem alles unterordnen. und das kanns nicht sein, weil es auf Dauer nicht glücklich macht.

Klitzekleines Beispiel für Bandbreite einer Ausgabe: meine Tastatur war defekt, eine neue mußte her. Die Preisspanne ging im laden von 5 bis 99 Euro. Ich hab die für fünf genommen und bin zufrieden. das wäre aber den allermeisten netr ihrer Würde.

Man muß ja auch nicht unbedingt ein Haus bauen, wo einem die kredite im Macken sitzen, man kann sich auch beim Auto zwischen dem 40.000 Euro- und dem 15.000 Euro-Modell entscheiden. Etc. pp.

Aber das Recht auf maximalen Konsum ist heute eine Art Ersatzreligion und Volkssport – daß es natürlich noch wesentlich schlimmer geht, zeigt die USA. das kommt auch bei uns noch. Wobei die trotzdem eine höhere Geburtenrate haben, aber da besitzt Kinderhaben auch gesellsch. Reputation. (da könnte man jetzt wieder zynisch auf den Rekrutenbedarf verweisen, wenn man will…).

Na ja, ist alles nicht so einfach.

45. Piet - Oktober 15, 2007, 13:41

Flash, ich kann dir dutzende Beispiele nennen von Kindern, die zu wenig zu essen haben, die mit Trockennudeln in die Schule kommen (die gehen nämlich im Magen auf!) und sich geradezu auf das Obst stürzen, das wir mittags hinstellen. Die meisten Eltern würden eher ganz auf die Tastatur verzichten (auf Bücher, leider, sowieso), als ihren Kindern etwas zu versagen. (Zugegeben: Nicht auf den dritten Fernseher, weil der als Statussymbol betrachtet wird).

DIN A3-Seite, doppelseitig: „Welche dieser Orte kennst du, oder wo würdest du gerne mal hingehen?“ (Lese- und Schreibübung, freies Formulieren, drei Orte aussuchen; abgebildet waren Zoo, Fußballstadion, Schwimmbad, …). Kinder verschränken die Arme: „Kenne ich nicht, war ich nie, will ich auch nicht hin!“ Nach einiger Verwunderung und Nachfragen bekam ich heraus: Bis auf eine waren es alles Aktivitäten, die mit nicht unerheblichen Geldausgaben verbunden waren! D.h. die Kinder realisieren ihre Situation sehr genau! Selbst wenn sie gerne dieses oder jenes machen würden – eher würden sie sich die Zunge abbeißen, als das zu formulieren!

„Kleider machen Leute“. Markenbewusstsein, Konkurrenz, fängt schon vor der Grundschule an. Die Kinder haben sehr feine Antennen dafür, sie wissen, wo sie stehen (nicht nur, wenn sie – wieder einmal – nicht am Ausflug teilnehmen können), und sie leiden darunter!

Ich gebe dir zwar grundsätzlich Recht, dass nicht der Konsum das Glück ausmacht. Wer aber seine Kinder in dieser konsumorientierten Welt, auch bei noch so guter Erziehung, leiden sieht (nicht sich selbst), der überlegt vielleicht doch noch mal, ob der Kinderwunsch wirklich angemessen ist. Was ich sagen will: Es ist nicht ausschließlich eine Frage der eigenen Einstellung; es ist auch eine der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die in Deutschland, erstrecht nach den Jahren der Umverteilung von unten nach oben, alles andere als kinderfreundlich sind. Wenn Frauen dann arbeiten gehen (nein: Wenn überhaupt einer der Partner arbeiten geht), dann in erster Linie nicht aus Gründen der Selbstverwirklichung, denn das ist ein „Mittelstandsphänomen“.

Im Übrigen stimme ich Manfred ausdrücklich zu: „Ein paar Jahre“ beruflicher Ausstand sind ein Problem! Eine Bewerberin ohne Kinder gegenüber einer, die ein paar Jahre aus dem Job raus ist (Veränderungen also nicht mitbekommen hat), die Kinder hat (das bedeutet: Kindergartenzeiten beachten, Krankheiten, geteilte Aufmerksamkeit (Zeit!) die Firma betreffend, …), da ist völlig klar, wer den Job bekommt: Der Mann als dritter Bewerber. Im Zweifel schauen nämlich beide Frauen in die Röhre, weil der Mann i.d.R. nicht ausfällt bei einer Schwangerschaft, kein Erziehungsgeld beansprucht, ohne (für die Firma) eine Leistung zu erbringen. Bei hunderten Bewerbungen, die auf dem Schreibtisch eines Personalchefs landen, kann man sich selber ausrechnen, wie groß die Chancen einer Einstellung sind.

Oh, die Mutter hat schon mehrere Kinder, ist also vermutlich durch mit Familienplanung? Tja, aber nun leider zu alt! Schade auch…


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s