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Die Hochzeit des Jahres August 10, 2007, 1:14

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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oder des Jahrhunderts. Für uns jedenfalls. Auf jeden Fall eine tolle Hochzeit.

Weil Y.s Vater zwei sehr viel jüngere Schwestern hat, sind alle Vettern und Cousinen alle sehr viel jünger. Eigentlich eine ganze Generation jünger als Y. und seine Geschwister. Ich habe sie kennengelernt, als sie noch richtig kleine Kinder waren. Alles so nette Kinder. Heute hat die Älteste von ihnen geheiratet, am Hochzeitstag ihrer Eltern und ihrer Tante (die Schwestern von Y.s Vater haben eine gemeinsame Hochzeit gemacht, das gab es damals im Kibbuz).

Sie hat sich das Plätzchen neben dem Pferdestall ausgesucht, wo öfter Familienfeste gefeiert werden. Eine sanft abfallende Wiese, Tanzfläche inklusive, viele alte Olivenbäume, im Hintergrund die Quelle, die natürlich im Sommer nicht sprudelt. Aber immer weht dort ein angenehmes Lüftchen.

Gesessen wurde nicht wie üblich an Tischen und auf Stühlen, sondern überall waren niedrige Sofas, Sessel und Sitzsäcke verteilt, alle in dunklem Holz und weißem Stoff. Wir haben uns mit Y.s Schwester, ihrem Mann und ihren vier lockenhaarigen Sirenen von Töchtern den Tisch geteilt. Natürlich sind diese Mädchen und meine sofort in Kicherwellen ausgebrochen, ach was Wellen, ein Kichertsunami ging über uns Eltern nieder – sechs Mädchen zwischen acht und siebzehn sind keine Kleinigkeit!

Aber dauernd kamen und gingen Leute, es war ganz leicht, alle zu sehen, mit jedem mal zu sprechen. Zwischen den Tischen war viel Platz. Überall Kerzen, die Musik nicht zu laut. Die Braut ist nämlich Designerin und hat gesagt, sie läßt sich ihre Hochzeit von niemandem gestalten. Sie hat die Karte selbst entworfen, ein Piktogramm von einem Paar, die männliche Figur tritt auf ein Glas, darunter steht FRAGILE. Sieht sehr gut aus.

Die Chuppa war nicht, wie in praktisch allen Festhallen üblich, ein feststehendes, pompöses Gewölbe mit Drapierungen und Lichtanlage, sondern ein leichtes Gewebe an vier hölzernen Stangen befestigt, das dann von vier dem Brautpaar nahestehenden Männern gehalten wird. Einer davon war natürlich Y., der diese Aufgabe liebt und sie früher, als noch so geheiratet wurde, oft und gern übernommen hat. Er stand da und strahlte. Seine kleine Cousine heiratet!

Die Braut und der Bräutigam zogen nicht feierlich-kitschig zu irgendeinem Brautmarsch ein, von Laserstrahlen umspielt, sondern kamen barfuß den Hügel hinunter gerannt (sie sind beide leicht wie Federn und es sah wunderbar aus – ihr Brautkleid war natürlich auch ihr eigener Entwurf und ebenfalls ganz leicht). Der Rabbi war wirklich bewegt – es war seine erste Hochzeit, und er war so aufgeregt wie die Brautmutter. Die Familie der Braut, also wir, lieben und schätzen den Bräutigam, und konnten sehen, daß unser Mädchen in dessen Familie genauso geliebt wird. Es war so harmonisch und schön und ohne irgendwelche Hintertürchen oder Klatschereien, einfach nur schön. Y.s Familie, besonders diese beiden Tanten und ihre Familien, aber auch alle anderen, sind so nett – es war kein einziges Haar, ja kein Staubflusen in der Suppe. „Wir haben richtig gut mit der Familie vom V. zusammengearbeitet“, meinte Y.s Tante hinterher. Das merkt man eben doch irgendwie.

Nach der Chuppa die riesigen Gratulationswellen, dann leckeres Essen, dann die Reden der Eltern, ein Film über die Braut, ein Ständchen des Bräutigams, ein Lied von Freunden – so wie es  früher auf jeder Kibbuz-Hochzeit üblich war, es aber in kommerziellen Läden unmöglich ist. Eben so ein richtiges kleines Programm. Am Ende haben wir alle zusammen ein Lied gesungen.

Irgendwann kamen die Geschwister der Braut und verteilten an alle Gäste T-shirts mit dem Motiv von der Einladung. Wir zogen sie uns natürlich sofort über. Und gingen über zum Tanz. Alle, alle haben mitgetanzt, die gehbehinderte Tante, die schüchterne Cousine, meine Jüngste – ich weiß nicht wie lange. Alle haben die Schuhe ausgezogen und bis vorhin getanzt, und es geht noch weiter, bestimmt bis zum Morgen.
Wie oft komme ich von Hochzeiten  und bin irgendwie enttäuscht – es war alles wie vorgestanzt, man merkt den Mitarbeitern dieser Festhallen und -gärten an, daß sie das Hunderte von Malen machen. Auch wenn diese Gärten manchmal wirklich sehr hübsch sind – und Y. meinte neulich trocken, daß sich im Laufe der Jahre das Niveau extrem gesteigert hat. (Bei meiner ersten israelischen Hochzeit bin ich ob der Vulgarität schockstarr gefroren! es war zu schlimm für Worte, der Tand und Talmi überall. Motto: Pritz und Protz heiraten…). Trotzdem – nichts kann mit einem individuell geplanten Fest mithalten. Und natürlich mit einem Brautpaar, das man wirklich richtig aus ganzem Herzen liebhat und dem man alles Gute wünscht. Und mit einer Gästeschar, von der man jeden besonders gern sieht. Oh, ihr seid auch da! und ihr auch!

Es war ein rundum rührseliger, gelungener, wunderbarer Abend. Ich bin ja so froh, daß ich mich mit Y.s Familie so gut verstehe. Und so dankbar, daß es solche Abende gibt im Leben. Abende, an die man sich noch lange erinnert.

Kommentare»

1. willow - August 10, 2007, 17:02

Klingt wunderschön…

2. Extra für Yael gefragt « Letters from Rungholt - März 27, 2009, 8:09

[…] Anlaß hergestellt hat. Von Primus´ Abi-T-Shirt habe ich auch schon erzählt… und von dem Hochzeits-T-Shirt auch. Jeder Israeli hat vermutlich im Schrank einen ganzen Stapel T-Shirts liegen.  […]


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