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Ab nach Kassel, Juli 28, 2007, 13:06

Posted by Lila in Kunst.
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ein interessantes Bild angucken.

Maerten van Heemskerck, Familie, c. 1530

Es ist sehr bekannt, ich weiß, aber nicht weniger interessant. Das Bild läutet eine gloriose Zeit für Familienporträts ein, ein Genre, das ich spannender finde als viele andere. Nein nein, Familienbilder sind überhaupt nicht idyllisch, Familienleben ist ja auch nicht idyllisch, wir bilden uns das nur ein, um es zu ertragen.

Für so ein frühes Bild zeigen sich die Figuren sehr selbstbewußt. Der Vater trinkt uns zu , die Mutter spielt mit den Zehen des jüngsten Kinds. Obwohl sie die Augen züchtig niederschlägt, sieht sie nicht unterdrückt aus, sondern schließt den Bildrand recht kräftig ab. Interessant auch die Tischecke und die spitze Form zwischen Häubchen der Tochter und Ärmel der Mutter – trennen die Mutter optisch von der Gruppe, obwohl Mädchen immer an Mutters Seite sind.

Obwohl der Vater uns kühl ins Auge sieht und uns höflich zutrinkt oder ein Glas anbietet, hat er seine Familie doch voll unter Kontrolle. Er und seine Frau, die beiden massiven seitlichen Blöcke, die die Familie halten – und er hat natürlich den Kopf am höchsten. Die Kinder, die miteinander was zu kichern haben, sind lebendiger kaum zu denken. Wer erinnert sich nicht an die Lachanfälle, die zu den besten Erlebnissen gehören, die man mit Geschwistern haben kann? Wenn man wie verrückt versucht, das Lachen einzudämmen, aber es kommt immer wieder. Und das nun ausgerechnet, wenn Leute zugucken! Heemskerck hätte ohne weiteres die Kinder ruhig und distanziert zeigen können, aber er wählt gerade die kleine, kichernde Entgleisung und die mahnende Vaterhand auf der Schulter des Mädchens. (Der Junge ist natürlich viel assertiver als seine Schwester, man beachte seinen Ellenbogen.)

Ich habe das Bild schon oft gezeigt, in Vorträge und vielleicht auch hier, und jedesmal finde ich es faszinierend. Ich mache mir gerade Gedanken über die Kirsche in der Hand des kleinen Mädchens, über die Korallenkette der Mutter und die Nacktheit des Jüngsten. Aber Brüderchen und Schwesterchen, wie sie so über die Jahrhunderte hinweg einen Scherz miteinander teilen, sind für mich sehr lebendig.

Übrigens war der Himmel über Jahrhunderte hinweg übermalt, mit einer braungrauen, neutralen Hintergrundfarbe. Ich stelle mir gern vor, wie aufgeregt der Restaurator gewesen sein muß, als der kühle Himmel zum Vorschein kam, mit den Wolken, die die Eltern noch weiter  als Achsen setzen.

Ich wäre jetzt gern in Kassel, um das Bild im Original zu sehen. Wieso ist das auch so weit weg?!

Kommentare»

1. Piet - Juli 28, 2007, 14:02

Das war übrigens das erste, was mir auffiel: Die Kinder lachen! Nicht selbstverständlich für eine Zeit, in der Kinder normalerweise als Abbilder der Erwachsenenwelt gemalt wurden.

2. mona lisa - Juli 28, 2007, 15:05

Ich würde gerne mal eine Führung von dir oder einen Kurs bei dir machen.
(Von hier ist Kasse nicht zu weit, aber allein macht es mir nicht so viel spaß. Ich denke auch, mit dir würde ich mehr sehen bzw. verstehen)

3. Add a link - Juli 28, 2007, 16:01

Die optische Trennung der Mann-Kinder- von der Frau-Riesenbaby-Gruppe entspricht ja der kommunikativen Trennung: Einerseits der Mann mit der Hand auf der Schulter der Tochter, die mit ihrem Bruder spricht; andererseits die Frau mit dem Jüngsten. Daß die Tischecke zur optischen Trennung beiträgt, sehe ich allerdings nicht: Erstens ist die eigentliche Ecke von dem Gefäß verdeckt, zweitens glaube ich, die Trennung wäre nicht weniger stark, wenn man sich den Tisch verlängert denkt. Nur daß die Mutter dann weniger im Bild präsent wäre und nach hinten rücken müßte. Die Tischecke, scheint mir, erleichtert es gerade, daß das Paar, obwohl es nicht manifest kommuniziert und sich die Blicke in keinem Punkt kreuzen, in der Drehung der Körper einander zugewandt und als im Stillen vertraut gezeigt wird. Oder liege ich ganz falsch?

4. Flower Kraut - Juli 28, 2007, 17:12

Einmal die lachenden Kinder. Und nun die Frage eines Banausen: Mir scheint aber auch der Himmel „modern“ (irgendwie flächig wenn dieser neugeschöpfte Fachterminus erlaubt ist :D) gemalt. Es ist nur eine Vermutung, da ich nur wenige Vergleichsgemälde kenne, aber vielleicht wurde er ja deshalb als unzeitgemäß simpel (und außerdem ist der Gesamteindruck sehr hell) übermalt!? Oder gibt es viele so helle Niederländer?

5. Lila - Juli 28, 2007, 19:32

Ich würde mal annehmen, daß bei der Restauration ein Teil der originalen Wolken mit runter gekommen ist. Weswegen sie flach und flächig und wirklich stilisiert, also modern aussehen. Falls nicht irgendwann mal ein ganz detaillierter Stich gefunden wird, der uns den Originalzustand des Bilds zeigt, werden wir es nie wissen. Ein vergleichsweise heller Himmel kommt aber sowohl bei ihm http://www.artcyclopedia.org/masterscans/20050314.jpg als auch bei anderen Niederländern vor. Z.B. bei Heemskercks Lehrer Scorel, http://www.vanedwards.co.uk/month/nov00/monthpics/scorel.jpg, der auch mal für den Maler der Familiengruppe gehalten wurde.

Besonders berühmt für ihre Himmel sind die Landschaftsmaler, etwa eine Generation später.
http://www.google.com/images?q=ruisdael&sourceid=navclient-ff&ie=UTF-8&rlz=1B2GGGL_enIL207IL207

Oft sind es einfach Schichten von Firnis und oxidiertem Öl, die die Bilder so bräunlich nachdunkeln lassen.

6. flowerkraut - Juli 28, 2007, 20:53

„Ich würde mal annehmen, daß bei der Restauration ein Teil der originalen Wolken mit runter gekommen ist. Weswegen sie flach und flächig und wirklich stilisiert, also modern aussehen.“

Klar, das wäre natürlich möglich! Inbesondere wenn die Restauration schon etwas länger her ist.

… und mit dem Rest kämpfe ich meinen aussichtslosen Kampf weiter!

7. flowerkraut - Juli 28, 2007, 20:56

PS: Danke für die vielen schönen Bilder!

8. Lila - Juli 28, 2007, 21:02

1926 restauriert. Hm, schwer zu sagen.

Übrigens kennt man die Namen und ungefähren Lebensdaten der ganzen Familie, der Vater trägt nämlich einen Siegelring am Zeigefinger (in der MItte des Bilds), anhand dessen man ihn identifizieren konnte. Nur ein paar Jahre nach Entstehung dieses Bilds starben die Eltern schnell weg und die Kinder, inzwischen waren es fünf oder sechs, waren Waisen. Auch die beiden Brüder starben, und die Schwestern blieben allein.

Wir beklagen heute immer Patchworkfamilien und vergessen, daß früher der Tod trennte, was heute der Scheidungsrichter trennt. So brutal eine Scheidung sein kann – der Riß ist heilbarer als die vielen Todesfälle, die Kinder immer wieder in neue Familienkonstellationen trieben.

Als letzte der großen Familie blieb schließlich Cornelia, die auf dem Bild so lustig kichert und so rundherum behütet wirkt, allein übrig.

Hätte ich die Zeit und Geduld und Kenntnisse und Talent, würde ich gern ihr Leben schreiben…. aber das geht über mein Vermögen.

9. arboretum - Juli 28, 2007, 22:30

Dass es an Zeit und Geduld fehlen mag, kann ich glauben, am Talent aber gewiss nicht.

Das war sehr interessant, vielen Dank!

10. flowerkraut - Juli 29, 2007, 0:14

Stimmt, aber an Geduld fehlt es Lila bestimmt auch nicht!

11. sudel - Juli 29, 2007, 3:50

nachdem ich nun deinen beitrag und die kommentare aufmerksam und interessiert gelesen habe, werde ich nicht umhin können, beim nächsten kassel-aufenthalt mir dies gemälde länger als ein paar minuten anzusehen. ein bildkommentar aufgrud des fotos im blog und ohne das original noch einmal intensivst angestarrt zu haben, möchte ich mir vorher nicht rausnehmen, jetzt muß ich das original live und in natura sehen 🙂

12. Add a link - Juli 29, 2007, 8:24

Ach, ich bin auch blöd. Du meintest mit Tischecke einfach die helle Fläche neben der Schale. Okay. Und „als im Stillen vertraut“ bitte streichen, unterschreibe ich nicht mehr.

13. Lila - Juli 29, 2007, 8:57

Die Familiengruppe besteht aus zwei Teilen: dem Vater mit den beiden älteren Kindern, einer absolut modernen und fürs Familienporträt wegweisenden Gruppe, realistisch und mit individueller Charakterisierung. Mutter und Kind dagegen sind trotz der interessanten Charakterisierung der Mutter Nachfahren des Madonna-Kind-Motivs, mit Kreuz, Rosenkranz, unbekleidetem Kind etc. Die Trennung zwischen den zwei Gruppen ist also ganz einsichtig, und sie ist so diskret gemacht, daß man sie auch übersehen kann. Ein Teil modern, „innovativ“, der andere Konvention.

Ein interessanter Vergleichsfall ist die Darmstädter Madonna von Holbein, http://www.constructingtheuniverse.com/Holbein.html, wo die Madonna mit Kind wesentlich größer gemalt ist als die Stifterfamilie. Also Konvention und Porträt deutlich voneinander getrennt sind.

Leider keine Zeit, da näher drauf einzugehen. Jedenfalls wurde der Heemskerck lange Zeit für Holbein gehalten, dann für Scorel, bis er als Heemskerck identifiziert wurde.

Diese unbekleideten Säuglinge auf Familienporträts interessieren mich im Moment. Manchmal bedeuten sie ein bereits verstorbenes Kind, allerdings nicht in diesem Falle – der kleine Pieter ist erst Jahre später gestorben. Es gibt durchaus auch viele solcher Bilder mit voll bekleideten, wie Brotlaibe gewickelten Säuglingen. Jedenfalls ist das unbekleidete Kind eine Abweichumg vom Realismus der anderen dargestellten Figuren.

14. Add a link - Juli 29, 2007, 11:17

Hier ein funktionierender Link:

Bei Holbein ist das unbekleidete Kind links unten anatomisch viel überzeugender. Heemskercks Baby hat so lange Beine.

15. diskus - Juli 29, 2007, 16:10

Tatsächlich interessant. Vielleicht sollte ich doch nochmal nach Kassel fahren, wo ich erst letzte Woche war, um mir die Documenta anzusehen. Weshalb ich eigentlich vorhatte, Kassel demnächst zu umfahren, steht hier: 😉
http://hotelvilladeart.wordpress.com/2007/07/29/documenta-und-der-zustand-der-modernen-kunst/

16. Lila - Juli 29, 2007, 16:15

Sehr interessant, danke. Ich hab doch glatt die Documenta vergessen 😀

All dieses neumodische Zeugs…

17. Add a link - Juli 30, 2007, 0:58
18. Der ____weiler - August 27, 2007, 15:28

Ich habe das Bild vor ein paar Wochen zufällig gesehen, als ich zur Erholung von der Dokumenta ins Schloss Wilhelmshöhe gefahren bin. Ich war fassungslos vor Erstaunen. Und das ist nicht das einzige Schmuckstück aus der Spätrenaissance, das sie dort haben.

Die hyperrealistischen Stilleben von Rachel Ruysch sind ebenfalls bemerkenswert. http://en.wikipedia.org/wiki/Image:RRuysch.jpg


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