jump to navigation

Trauriger Abschied Juli 24, 2007, 20:24

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
trackback

Ich erzähle nicht viel von der Arbeit. Mein Unterricht in der Rentner-VHS geht weiter, da gibt es keine Semesterferien, aber ich erzähle nicht viel davon.

Heute haben wir einen meiner „Schüler“ begraben. Mein Nachbar war er auch. Jahrelang wohnten wir nebeneinander, aber weder er noch seine Frau sprachen je ein Wort mit mir, nur ein kühles Shalom von Zeit zu Zeit. Ich wußte, daß die Frau eine Holocaust-Überlebende ist, Einzelheiten weiß ich nicht, aber sie hat ihre ganze Familie als Mädchen im Holocaust verloren und wohl teilweise vor ihren Augen sterben gesehen. Daß sie da keine Lust hat, mit einer Deutschen besondere Konversation zu pflegen, habe ich immer respektiert und nie  mehr als ein höfliches Shalom geantwortet.

Die Frau malt, sie ist eine interessante Frau, das wußte ich. Irgendwie, durch einen Zufall, gerieten sie und ihr Mann mal in einen Vortrag von mir. Ich weiß nicht mal mehr, worum es ging, aber da beide Kunst liebten, beschlossen sie, in meinen Kurs zu kommen. Der Kurs über Landschaftsmalerei, der wirklich Spaß gemacht hat, dann der über Skulptur, der Kurs über Meisterwerke – immer kamen sie früh, ich habe immer für beide Stühle mit Lehnen an ihre liebsten Plätze gestellt, in den Pausen mit ihnen gesessen. Im Kurs über Meisterwerke durfte das Publikum sich aussuchen, worüber ich spreche, und diese beiden haben sich Matisse gewünscht.

Sie war (und ist noch) fit, eine schlanke, gutaussehende Frau mit scharfem Witz und viel innerer Bitterkeit. Er hat ihr geholfen, nach dem Holocaust ihr Leben wieder aufzubauen – er war Soldat bei der Haganah, er kam wohl schon vor dem Holcaust. Jedenfalls waren sie, als ich sie kennenlernte, in der schwierigen Zeit nach seinem ersten Schlaganfall. Er, der Fleißige, der Pingelige, der Selbstständige, mußte sich nun von ihr helfen lassen. Selbstverständlich habe ich mir nie anmerken lassen, daß ich sehe, ihm fehlt was. Wir haben über Kunst gesprochen. Manchmal hat sie mir von ihrer Vergangenheit erzählt. Ich glaube, sie hat außer mir mit keiner anderen Deutschen je gesprochen.

Es fiel ihm irgendwann schwer, meine Stunden zu besuchen, er kam kaum in die Klasse rein und wieder raus. Zuerst rief sie an und sagte, „leider verpassen wir morgen die Stunde, vielleicht nächste Woche wieder“. Doch auf ihre Stühle setzten sich irgendwann andere, sie kamen nicht mehr. Er war im Krankenhaus, und zum Schluß ging es schnell. Wir haben ihn heute begraben. Diese Generation, die kommt nicht wieder. Seine Frau muß nun ohne ihn weiterleben, ohne den Dialog, der beiden so wichtig war und den ich an beiden so wunderbar fand.

Aber unser Friedhof – den mag ich wirklich. Wenn wir durch den Garten unserer Nachbarin gehen, sind wir in zwei Minuten dort. Er liegt im Wadi, das auch von unserem Fenster  aus zu sehen ist – nur zu unserer Linken, wenn man das Headerbild anguckt. In einem Wäldchen. Als wir kamen, war der Wagen mit dem Sarg noch nicht da. Wir gingen, wie vor jeder Beerdigung, zuerst zu Y.s Großeltern, durch die kleine Pforte, nicht das große Tor. Beide Gräber schnell abgefegt – die schlichten, aus Naturstein gemauerten Grabplatten sehen bei allen gleich aus, alle Inschriften in derselben Schrift und Größe, sehr schlicht, sehr schön. Überall sieht man Kibbuzniks, die dasselbe tun – und wir wissen alle, daß wir dort mal liegen werden. Ein schöner Ort, ohne Schrecken.

Ich denke, die Witwe des Mannes, den wir heute begraben haben, wird irgendwann wieder in meine Stunden kommen. Ihre Tochter sagte mir, daß meine Stunden bis zuletzt für ihren Vater der einzige Grund waren, überhaupt aus dem Haus zu kommen – und daß die Frau sie gern hat, weiß ich. „Mein Sauerstoff“ hat sie die Stunden über Künstler genannt, die ihr was bedeuteten. Meine Arbeit ist also nicht sinnlos, wenn jemand denken sollte, na ja, halt so ein bißchen über Kunst labern. Wer längere Zeit hinweg in meine Stunden kommt, der lernt wirklich was, ich achte nämlich darauf, daß ich wirklich was beibringe und nicht nur hübschen Zeitvertreib biete. Und Kunst tröstet einfach, regt zum Denken an, irgendwie gerät man an die großen Fragen dabei. Nicht als ob ich Antworten hätte.

Ja, das war heute nachmittag.

Kommentare»

1. Marlin - Juli 24, 2007, 21:30

Wäre gern auch mal in solch einem Vortrag.

Oder in dem Kibbuz. Hört sich sehr schön an. Irgendwie heile Welt, auch wenn die Situation außerhalb eher nicht so ist.

2. Rika - Juli 25, 2007, 0:09

ich verstehe selber so wenig von kunst, kann gerade mal sagen, ob ich ein bild mag oder nicht und vielleicht auch noch „warum“.
es berührt mich aber in meinem tiefsten innern, wenn ich dir zuhöre … und du erzählst, was „die kunst“ mit den menschen anstellt, die sich mit ihr beschäftigen.
es ist eine traurig-schöne geschichte dieser beiden menschen, zart und hart zugleich.
wieviele solcher geschichten wären es wert, aufgeschrieben zu werden. sie sind bilder des menschseins!

3. mona lisa - Juli 25, 2007, 12:44

Sehr mitfühlend geschrieben.
Wenn deine Kurse ähnlich sind, dann glaube ich, dass sie Möglichkeiten bieten „heil“ zu werden.
Für mich sind Kunst, Musik und Literatur lebenswichtiger Bestandteil meines Alltags , ohne die ich das Gefühl habe, zu verdorren, nicht wirklich lebendig zu sein und ich sorge selbst in schweren Zeiten dafür, dass ich wenigstens homöpathische Dosen zu mir nehme.
Früher als Kind habe ich mich oft aufs Klo verzogen, weil dies der einzige Ort war, an dem ich in Ruhe gelasen wurde, da lesen als „Zeitverschwendung“ angesehen wurde.

4. Fusa - Juli 25, 2007, 13:38

Ich kann mich den vorigen Kommentaren nur anschließen liebe Lila.
Besonders berührt hat mich Folgendes: ‚Diese Generation, die kommt nicht wieder‘.

Dieser Tatbestand macht mich immer besonders traurig wenn ich dann an die Zukunft denke. Ich hatte noch das Glück jüdische Zeitzeugen zu hören und mit ihnen zu sprechen, so z.B. Salomon – genannt „Sally“ – Perel, die Geschichte kennt ihr ja bestimmt.

Ich habe immer solche Angst, das, wenn man sich die Welt schon zu diesem Zeitpunkt, wo es noch hier und da Zeitzeugen gibt, anschaut und Antisemitismus wieder/immer noch auf dem Vormarsch ist, wie soll das erstmal werden wenn zukünftige Generationen sich das Wissen aus Büchern oder Videos holen, die ja gefaked sein könnten.
Zeitzeugen über/vermitteln einem, wenn man sie in einem Vortrag oder in einem Gespräch erlebt eine einzigartige Erfahrung, die man nicht in Büchern oder Videos/Filmen bekommen kann.

In diesem Jahr starb ein für mich persönlich bedeutender Zeitzeuge, der in Wuppertal in den 1930ern Widerstand geleistet hat und den ich noch vor zwei Jahren ‚kennenlernte‘. Diese Eindrücke in Gesrpächen, wenn einem jemand schildert wie er, als Feind der Nazis (er war Anarchist) die ‚Gesellschaft der Deutschen‘ wahrnahm und wie das alltägliche Leben ablief – everday life -, da wird einem immer schlagartig eine andere, irgendwie näher an der Geschichte liegende Realität eröffnet. Wenn man ungehemmt Fragen stellen kann und diese auch beantwortet bekommt, natürlich aus einer subjektiven Perspektive, dann ist das das Erinnern, – das nicht Vergessen – viel einfacher und beindruckender.
Irgendwie kann ich es heute nicht richtig ausformulieren, aber ich denke ihr versteht was ich meine.

HIer mal zwei Links, falls ihr da mal reinschauen möchtet:
http://projekte.free.de/schwarze-katze/texte/as12.html
http://www.wuppertaler-widerstand.de/aktuelles.htm

liebe Grüße,

Fusa

5. sunrisedreamer - Juli 25, 2007, 14:02

Die Geschichte finde ich ganz toll! Auch wenn sie für dich traurig zu sein scheint. Du hast jemandes Herz bewegt und somit die absolute Gewissheit darüber, dass Kunst alle Menschen verbindet und sogar über solchen schweren Dingen wie dem 3.Reich steht.
Du bist ein guter Mensch! Vielleicht kümmerst du dich ein wenig um deine, nun alleinstehende, Nachbarin!

Gruß Benjamin!

6. Ludovika - Juli 25, 2007, 14:31

danke für diesen einfühlsamen text!
mir half in einer krise einzig kunsttherapie wieder auf die spur!
eine spezialfrage: habe letzten sonntag in der pinakothek der moderne ein matisse-gemälde gesehen und frage mich seither, ob dieser maler eine besondere affinität zu textilien hatte?
gruß von Lu
(vered ist aber nicht eure nachbarin?)

7. grenzgaenge - Juli 26, 2007, 20:16

hallo lila,

alles in ordnung ?? ist so ruhig zur zeit ;-(

schabbat schalom, viele gruesse,
grenzgaenge

8. Ulrike Leichte - Juli 28, 2007, 0:40

Dein Erzählen hat mich sehr bewegt. (Ich male auch – auf Seide und unterrichte Erwachsene – allerdings in Mathe.) Ich kann nicht umhin, Anteil zu nehmen. Auch wenn ich Deine Nachbarin nicht persönlich kenne. Ich wünsche ihr Frieden für ihr Herz!
Wie gerne würde ich Deine Kurse mitmachen! Könnten die vielen km dazwischen überbrückt werden?
Liebe Grüße
Ulrike

9. sudel - Juli 29, 2007, 4:13

wie zuvor in den kommentaren schon bemerkt, eine bewegende schilderung, die inne halten läßt.
zur bedeutung der kunst in kursform möchte ich noch ergänzen, daß es in meinen augen noch nicht einmal wichtig ist, „etwas zu lernen“, die geistig-kreative beschäftigung, auseinandersetzung mit „der kunst“ und ihren inhalten scheint mir das wesentlichste zu sein, egal ob in einem theorie-kurs über künstlerInnen oder in einem praxis-kurs z.b. zum erlernen von maltechniken.
und nachdem ich ein wenig in deinem blog gelesen habe, ist deine arbeit nun wirklich nicht sinnlos und diese unverständlich-ignorante geringschätzung von kunst. kunstschaffenden, und – lehrenden ist (weltweit) leider sehr verbreitet.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s