jump to navigation

Tage der Stille und Trauer April 19, 2007, 23:45

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
trackback

Yom ha Shoah ist also schon vorbei, dieses Jahr liegen die Gedenk- und Festtage früh. Sie richten sich ja nach dem jüdischen Kalender und fallen darum im „bürgerlichen“ Kalender, wie wir den gregorianischen hier nennen, jedesmal anders. Yom ha Shoah wird am Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto begangen. Als nächstes steht nun Yom ha Zikaron an, der Gedenktag für die Gefallenen. Sonntagabend bis Montagabend.

Y. ist trotz seiner neuerdings exponentiell gestiegenen Arbeitsbelastung dem Team zur Vorbereitung dieses Gedenktags treugeblieben. Er macht die Tontechnik und gestaltet auch inhaltlich mit, wie jedes Jahr. Man muß sich vorstellen, daß an diesen beiden Gedenktagen überall in Israel in Gemeindezentren, Schulen, Stadthallen und ähnlichen kommunalen Einrichtungen Trauerfeiern abgehalten werden. Es ist also nicht wie der Volkstrauertag einfach nur ein Tag im Kalender. Es ist ein Tag, an dem sehr viele Israelis aktiv an diesen Gedenkfeiern beteiligt sind oder wenigstens als Zuhörer hingehen.

Der Yom ha Zikaron ist schwer zu ertragen. So schlimm Yom ha Shoah auch ist – wenigstens ist die Opferzahl konstant. Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen dagegen kommen jedes Jahr hinzu, dieses Mal wegen Libanonkrieg II besonders viele. Jeder von uns weiß, es könnte uns treffen. Jeder tote Soldat, jede Soldatin könnte mein Kind oder Nachbarskind sein, und in gewissem Sinne sind sie auch alle Nachbarskinder. Ich bin schon alt genug, Soldaten in Uniform zu sehen, die ich als Volunteer im Kinderhaus aufs Töpfchen gesetzt habe, anno dunnemal. Damals habe ich sie behütet und getröstet, wenn sie sich wehgetan haben. Heute setzen sie ihr Leben aufs Spiel, damit ich sicher leben kann – so sicher es sich hier im Nahen Osten eben leben läßt. Ohne SoldatInnen und PolizistInnen hätte zum Beispiel der Terrorist vorgestern in Haifa wer weiß was anrichten können. Ich spüre also die Auswirkungen am eigenen Leibe und kann die Schutzfunktion der Armee, ihren Einsatz, nicht einfach abstrakt wegschieben.

Für Y. kommt die Erinnerung dazu, die Erinnerung an fünf Jahre im Libanon, vom Kriegsausbruch (er wurde November 81 eingezogen, war also von der ersten Stunde an als 18jähriger Rekrut dabei und war bis ganz im Norden) bis zur absehbaren Verfestigung der ausweglosen Lage. Er war von seiner Erziehung und Einstellung her nicht vom Krieg überzeugt, auch wenn klar war, daß der Beschuß Nordisraels aufhören mußte. Wie viele Soldaten mißtraute er Ariel Sharon und glaubte nicht, daß seine Lösung die einzig mögliche war. Er hat Kampf und Tod miterlebt, hat seinen schwer kopfverletzten MP (Commander einer kleineren Einheit) auf den Schultern vom Schlachtfeld getragen (und sehen dürfen, daß nach jahrelangem Reha der Mann wieder läuft und sogar tanzt). Er hat seinen besten Freund begraben, den Unvergessenen. Y. gibt jedes Jahr bei dieser Feier alles. Es ist jedes Jahr dasselbe Team, das diese Stunden gestaltet. Mir fällt es schwer, dabeizusitzen und zuzuhören, die Trauer ist so mit den Händen greifbar.

Ich habe den Ablauf hier schon vor drei, zwei und einem Jahr beschrieben. Abends, weil der jüdische Tag abends beginnt, versammelt sich der ganze Kibbuz auf dem Platz vor der Turnhalle, wo die Namen der Gefallenen auf einer niedrigen Wand angebracht sind. Familienangehörige der Gefallenen entzünden die Flamme. Die Flagge wird gesenkt, mit Trompetensignal. Die Sirene. Ha tikva, alle singen mit, leise, nicht wie Fußballfans, sondern wie Leute, die jedes Wort aus einem Vorrat holen, der nicht jeden Tag angebrochen wird.

Dann gehen alle in die Turnhalle, die Trauerfeier beginnt. Die Bilder der Gefallenen des Kibbuz, ein großer Halbkreis. Eltern erklären den Kindern, „das war der Bruder von Gdalya, die sind schon nicht mehr im Kibbuz. Er ist in der Nacht der Brücken gefallen. Das war der Opa von Aviv, der ist ganz jung gefallen, im Sinai. Das war der Bruder von Miriam und Chana, er war Sanitäter und ist gefallen, als er anderen das Leben rettete…“

Jedes Jahr hat der Abend ein Thema. Es werden Texte dazu vorgelesen, Geschichten erzählt. Die Geschichten sind traurig. Der Gärtner erzählt, wie er als junger Soldat ins Zelt seines Commanders gerufen wurde und auf dem Weg wußte, sein bester Freund ist gefallen, jetzt sagen sie es ihm. Der Sohn des Sportlehrers erzählt, wie er um Haaresbreite den Hubschrauber verpaßte, der dann mit einem anderen kollidierte und abstürzte. Alle seine Freunde waren drin.

Eine Witwe liest aus den Briefen ihres Mannes vor. Er will keinen Krieg, er glaubt an Frieden, er haßt niemanden und will nicht einsehen, wieso man sich das geliebte Land nicht einfach friedlich teilen kann. Eine Woche später ist er tot, sie mit zwei Babies allein. Dieses Jahr ist das Thema Sechstagekrieg – er ist genau 40 Jahre her.

Es wird gesungen. Dieses Genre der traurigen Lieder, die ich von allen hebräischen Liedern am meisten mag. „Shirei Yom ha Zikaron“ nennt man sie, Lieder, die von Verlust, Trauer, Schmerz, Sehnsucht und offenen Fragen erzählen. Ma avarech, womit soll ich das Kind segnen, ist ein Lied, das die junge Sängerin mit der etwas rauhen Stimme besonders schön singt, hoffentlich kann sie dieses Jahr singen, sie ist jetzt selbst bei der Armee. Y.s Kollege singt sehr schön das Lied von den zwei Jungens aus demselben Dorf.

Das sind keine kitischigen und auch keine verlogenen Lieder, keine Propaganda und kein Aufruf zu Kampf und Militarismus. Es sind Versuche, mit einer Erfahrung fertigzuwerden, die das Leben hier begleitet. Es sind eher Friedens- als Kriegslieder. Dieses Jahr wird das Lied vom Givat ha Tachmoshet gesungen werden, auf den ersten Blick ein bißchen zu martialisch für unsere Feier… aber es ist eigentlich ein Lied über den helem krav, den Shell shock, unter dem so viele hier leiden. „I do not know why I got the medal of honor, all I wanted was to go home quietly.“

Man sagt ja scherzhaft, das Motto von Pessach, Purim, Chanukka und vielen anderen jüdischen Festen ist, „they tried to kill us, we live, let´s eat“, und ich denke, das Motto von Yom ha Zikaron ist, „they tried to kill us, we live but our friends died, let´s sing“.

Nach seinem harten, langen Arbeitstag, von morgens sechs bis abends acht, ist mein Mann nun in die Turnhalle gegangen, um die diesen Tag vorzubereiten. Die Abendsirene wird er mit uns hören, vor der Turnhalle, aber den langen Sirenenton vormittags wie jedes Jahr auf dem kleinen, idyllischen Friedhof des Moshavs. Dort liegt sein Freund begraben, schon länger, als er gelebt hat. Jedes Jahr versammeln sie sich dort, die Fallschirmjäger, sie werden älter, doch der Freund bleibt jung. Ich weiß, ohne daß er es mir sagt, daß Y. für seinen Freund mitlebt.

Wenn der Tag dann vorübergeht, versammeln wir uns wieder vor der Turnhalle. Trompetensignal, ha Tikva, Flagge wird hochgezogen. Dann – umschalten auf fröhlich, der Unabhängigkeitstag beginnt! Festtafel und danach Feuerwerk. Und der nächste Tag wird überall mit Grillfesten, Ausflügen und Kinderkirmes begangen. Damit wir nicht vergessen: unsere Unabhängigkeit ist nicht selbstverständlich. Sie ist schwer erkauft worden, und noch ist nicht der ganze Preis bezahlt. Jeder von uns kann morgen den Preis erlegen müssen. Darum legt sich ein Ring aus Eisen um unser Herz, wie beim Heinrich, damit es nicht springe.

Kommentare»

1. Heimo - April 20, 2007, 7:06

Ein Tag der Trauer in Gedenken an jene die getötet wurden? – Gerade schaue ich hier vorbei und sehe dies Thema genau das spiegelnd, was ich heute erfahren musste: – dass mein Cousin Tilman vorgestern in der Türkei von Islam-Extremisten in Malatya ermordet wurde.

Oder wie ein gewisser Howie kürzlich in mideastblog erzählte:
„I personally know a guy that fought in the 2nd Intifada…instead of blowing up a house, he was afraid of hurting civilians…he entered and caught two bullets in the leg and one in the head…Roi is his name…what is left of him.”

.. wenn der Tod auf einmal so gefährlich nahe kommt, daß er unter Freunden & nahen Verwandten kursiert, statt nur in anonymen Nachrichten-Meldungen – dann wird einem erst wirklich bewusst wie gefährlich nahe er ist..

2. Lila - April 20, 2007, 7:36

Das war Dein Cousin? Ich kann Dir gar nicht sagen, wie leid mir das tut. Was für ein entsetzliches Ende. Ich habe natürlich auch mit Entsetzen die Geschichte dieses brutalen Mords gelesen, aber das war auch für mich eine anonyme Meldung. Jetzt natürlich nicht mehr.

3. eran - April 20, 2007, 10:08

Heimo,
Mein Beileid.
Ein schrecklicher Mord.

4. david - April 22, 2007, 18:09

אנחנו שנינו מאותו הכפר

ובלילות ששי
כשרוח חרישי
בצמרות שחורות עובר
אז אני אותך זוכר

Am sechsten tag in der nacht
wenn der wind still
in den wipfeln der baeume ist
Dann erinnere ich mich an dich

http://www.songs.co.il/samples/023182nmc_1_11_359.wma

5. Lila - April 22, 2007, 18:16

Yoram Gaon, nicht wahr? Er singt mir das zu vollmundig.Das ist eines der Lieder, die man ganz ganz leise singen muß. Eigentlich müßte ich hier mal ein paar Audiofiles reinstellen aber… das übersteigt mein Know how.

Heute war auf der Arbeit Gedenkfeier. Viele Mitarbeiter haben Angehörige im letzen Krieg verloren. Der letzte Krieg hat in Haifa schwere Wunden geschlagen. Es wurde auch Ma avarech gesungen… sehr traurig.

6. Wieder Richtung Israel « die meschuggene mischpoke - April 22, 2007, 23:53

[…] zwar der Yom Hazikaron. Über diesen speziellen Trauertag schreibt Lila in ihrem Blog aus Israel : https://rungholt.wordpress.com/2007/04/19/tage-der-stille-und-trauer/ und auch hier: https://rungholt.wordpress.com/2007/04/22/vor-der-feier/ Ich hoffe, das Du liebe […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s