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Wechselnde Schicksale April 18, 2007, 22:38

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Uncategorized.
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der Schülerseele in Israel. Regelmäßige Lehrerstreiks legen das Schulsystem lahm, aber in aufregend unvorhersehbaren Konstellationen. Mal nur die Lehrer der einen Gewerkschaft, dann die der anderen. Mal in den Städten, mal nur im Süden, mal in einer Art Fleckenteppich, der morgens in den Nachrichten durchgesagt wird und dem die Schüler hoffnungsfroh folgen. Mal sind es nur die Grundschulen und Kindergärten (für Eltern eine echte Katastrophe, denn die Kleinen kann man nicht allein lassen), mal die Mittel- oder Oberstufe. Bei diesem Streik gab es eine Unterbrechung für Yom HaShoah und noch eine als Vorbereitung für Yom HaZikaron – aber dann soll der Streik weitergehen.

Die Lehrer arbeiten in Israel unter schweren Bedingungen, kriegen wenig Geld und haben ein geringes Ansehen – gesellschaftliches Ansehen wird nun mal in Geld ausgedrückt. Weil der Lehrerjob so wenig lukrativ ist, reißen sich die Besten der Jahrgänge nicht darum – in der Lehrerausbildung, an der ich ja ein paar schöne Jahre mitarbeiten durfte, sammeln sich teilweise leider junge Leute ohne wirkliches Interesse am Lehren oder Lernen. Obwohl der Bildungsetat groß ist, fließt das meiste Geld nicht zu Kindern oder Lehrern, sondern in irgendwelche bürokratischen Monster – überall gibt es doppelt und dreifach gemoppelte Erziehungsausschüsse, die das Geld aufsaugen. Daß die Verwalter der Staatskasse sich frechweg nicht an Abmachungen halten, kommt noch erschwerend hinzu.

Ich kann die Lehrer verstehen, die ihrem Unmut Ausdruck geben – aber warum immer nur in Streiks, das verstehe ich nicht. Denn es hebt ihr Ansehen bei der Nicht-Lehrer-Bevölkerung nicht gerade. Und das tut mir leid. Mehr Geld und mehr Respekt gehen Hand in Hand, und ich fürchte, durch so viele Streiks erwirbt man sich weder das eine noch das andere.
Ähnliches gilt übrigens auch für die Studenten, nur daß über deren ewige Streiks sich niemand auch nur ärgert. Sie streiken nun schon seit hm, zwei Wochen?, zehn Tagen?, ohne daß es jemanden kümmerte. Zu Anfang standen sie noch mit Schildern und Trööten am Uni-Eingang, jetzt ist der Campus voll mit strebsamen jungen Leuten in der UB, auch wenn sie die Veranstaltungen boykottieren – und es kümmert keinen Menschen. Dabei haben auch die Studenten durchaus Grund zur Klage. Gegen alle Versprechungen werden die Studiengebühren wieder erhöht – die auch so schon eine Hürde darstellen. Sollten wir nicht, als Vorsorge für die Zeit, in der unsere endlos erscheinenden Ölvorräte zur Neige gehen, nicht doch ein bißchen auf die Bildung der jungen Generation setzen…?

Aber wenn die Studenten schon in Festtagsstimmung den Verlust der hart bezahlten Unterrichtsstunden zelebrieren, kann man von Schulkindern erst recht kein Verständnis dafür erwarten, daß ein Streik ihnen schadet. Nur die Erstkläßler mit ihrer rührend ungebrochenen Begeisterung finden Streiks doof. Ich werde nie vergessen, wie mein Secundus erwartungsfroh auf die Eröffnung seines ersten Schuljahrs wartete und morgens fast weinte, wenn er hörte, daß der obligatorische Post-sommer-hols.-Streik wieder mal verlängert wurde. Man sollte nicht glauben, daß es dasselbe Kerlchen ist, daß sich heute triumphierend vor mir aufbaute, „morgen wird in der Oberstufe wieder unterrichtet, wegen Abi, aber bei uns nicht!“ Das hähä-hähähä in Richtung seines großen Bruders war unüberhörbar. Quarta findet es überhaupt eine Schweinerei, daß an der Schule der Großen gestreikt wird und bei ihr  nicht, „und das ist NICHT fair!“.

Primus arbeitet ein bißchen für sein Abitur, aber die meiste Zeit arbeitet er im Schafstall oder dem Dish wash im Dining Room, Stunden sammeln für Führerschein und Abschlußfahrt nach Polen. Secundus genießt den Streik, indem er stundenlang im landwirtschaftlichen Betrieb der Schule arbeitet, „jetzt haben wir schon vier neue Zicklein! und sooo viele Radieschen!“. Er bringt mir immer organisch gezogenes Gemüse mit, Babysalat oder Eisbergsalat. Ironie des Schicksals, denn er ißt nur beige! Tertia ist vom Streik weniger begeistert, ihr fehlen die Freundinnen aus der Umgebung, mit denen sie am Telefon das Kichern nachholt, das ihr in den Mathestunden nun entgeht. Nur Quarta ist noch eifrig dabei. Trotz ihrer Eifersucht auf die Großen und deren Privileg, bestreikt zu werden, hat sie noch Spaß an der Schule.

Eine echte Krise wäre hier eingetreten, wenn Secundus hätte zur Schule gehen müssen, während seine Geschwister in Saus und Braus schulfrei haben. Er behauptet, vor ein paar Jahren habe es mal so einen Fall gegeben – Geschwistergehirne speichern jede Ungerechtigkeit des Schicksals genau auf. Na ja, bei der Schul-Fortuna dieses Lands zieht jeder Schüler mal das Große Los und kann nach den Frühnachrichten Juhu schreien. Während die Eltern stumm auf dem Tische herumblicken.

Kommentare»

1. dasMiest - April 19, 2007, 11:58

Weißt du Lila, ich glaube ja, dass Primus im Schafstall viel mehr und wichtigere Dinge lernt, als er es in der Schule würde. Obwohl ich natürlich die Elternsorgen dabei verstehe und auch hätte…

2. Schoschana - April 19, 2007, 15:06

„Die Lehrer arbeiten in Israel unter schweren Bedingungen, kriegen wenig Geld und haben ein geringes Ansehen – gesellschaftliches Ansehen wird nun mal in Geld ausgedrückt.“

Wie kommt das?

3. Lila - April 19, 2007, 16:03

Das ist eine Henne-und-Ei-Frage. In den ersten Jahren, eigentlich bis in die 70er, waren israelische Lehrer angesehen und die Schüler schnitten in internationalen Tests immer sehr gut ab. Irgendwann, darüber gibt es verschiedene Theorien wieso und wann, hörte das auf. Heute sind israelische Schüler irgendwo im letzten Drittel – und die zukünftigen Lehrer sind nicht mehr, wie früher, die Besten eines Jahrgangs, sondern eher die, die sonst nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen.

PS: Wobei man immer noch gute Schulen und nicht gute Schulen unterscheiden kann. Kibbuzschulen sind gut, und die LehrerInnen meiner Kinder sind exzellent, fast ohne Ausnahme. Aber wenn ich mir manche Schulen ansehe… ich hab ja jahrelang Studenten bei Hospitationen betreut, und einiges zu sehen bekommen…. ich hab gerade leider keine Zeit, der Frage tiefsinniger nachzugehen! Aber die Lage ist nicht gut, lo tov.


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