jump to navigation

Gedanken zum Ramon-Urteil Januar 31, 2007, 18:12

Posted by Lila in Land und Leute.
trackback

Ich habe mir schon seit einiger Zeit Gedanken zum Prozeß gegen Ramon gemacht, der mal ein ziemlicher Hoffnungsträger der Arbeiterpartei war, wenn auch nie besonders beliebt. Heute ist er also schuldig gesprochen worden – einstimmig.
Immerhin war er Justizminister, ein wichtiges Amt – das noch dazu bekleckert ist von seinen Vorgängern, weswegen seine reine Weste umso wichtiger war. Noch einen Justizminister mit schmutziger Weste ertragen wir nicht. Vielleicht wäre ein Amtsträger in einem anderen Posten eher mit einem zwangsweisen Zungenkuß davongekommen – ich bin sicher, das war nicht das erste Mal, daß sowas vorgekommen ist. Aber ein Justizminister kann sich das nicht leisten. Noch dazu ein Justizminister, nach dessen Hacken sowieso aus politischen Gründen (Stichwort Ernennung Richter fürs Höchste Gericht) viele Leute schnappen.

Dann kommt der Zeitpunkt hinzu – am Tag, als im Norden Raketen auf Dörfer fielen und eine Grenzpatrouille brutal überfallen wurde, mit zwei verschleppten Soldaten – als die Menschen in den Bunkern saßen und ein kleiner Junge in Zarit aus seinem Kinderzimmerfenster fallende Raketen filmen konnte – an einem Tag wie dem 12.7. wirkt Ramons Verhalten besonders frivol, ein Schlag ins Gesicht. DAS also machen unsere Entscheidungsträger, während wir in einen Krieg schlittern?

Dan Halutz verkaufte an dem Tag seine Akten – der Skandal mit Moshe Katzav war soeben ins Rollen gekommen, und die Entführung von Gilad Shalit ebenfalls wenige Tage her. Die Armee erlebt Pannen, die Politiker suhlen sich jeder in seinem Schlammpfützchen, das israelische Publikum hat geradezu apokalyptische Gefühle… die allgemeine Atmosphäre jedenfalls war nicht so, daß Ramons Fauxpas (den er auch gar nicht als solchen empfand) einfach so verziehen würde.

Haim Ramon läßt sich mit der Unbekannten Soldatin photographieren – man beachte das Fernsehbild im Hintergrund. Als er mit ihr allein ist, küßt er sie. 

Selbst wenn Ramons Erklärung, daß die Soldatin mit ihm „geflirtet“ hat, stimmte – es ist noch lange kein Grund, sie auf diese Art und Weise zu küssen. Die Richter  haben gar keine Wahl als klar und deutlich zu sagen, daß sich das nicht schickt und es eine Verletzung des Rechts darstellt – junge Frauen haben das Recht, nicht von jedem mächtigen Mann geküßt zu werden, dem sie gefallen. Pech für die mächtigen Männer, denen es jahrhundertelang so gut ging.

Es kann sein, daß das Urteil anders ausgefallen wäre, wenn der Skandal um Katzav die Nerven nicht so geschärft hätte. In beiden Fällen haben die Angeklagten nach Kräften versucht, die Klägerinnen auf die billigste Art und Weise anzuschwärzen – nach dem uralten Motto „Flittchen haben sich selbst zuzuschreiben, wie sie behandelt werden wollen, she asked for trouble“. Daß dieser weitverbreitete Irrtum durch eindeutige Gerichtsurteile bekämpft werden muß, ist eigentlich ein Armutszeugnis. Gestern wurden Bürger auf der Straße gefragt, was sie dazu denken, ob Ramon schuldig ist oder nicht. Alle Frauen meinten, schuldig – die älteren zögernder als die jüngeren. Bei den Männern war es geteilt, gar nicht wenige meinten, „das ist die eben selbst schuld“.  Frauen, die sich gegen Unrecht zur Wehr setzen, müssen nach wie vor damit rechnen, stigmatisiert zu werden – wie Lukretia, der nur der Dolch bleibt.  So ein Urteil also soll von Opfern als Ermutigung verstanden werden, sich gegen Unrecht zu wehren, und zwar auf dem Rechtsweg.

Aber das Argument, „dann kann man ja nirgends mehr harmlos flirten“ zieht wohl nicht. Die meisten Frauen, und vermutlich auch Männer, wissen ganz genau, wann in einer Beziehung mit Machtgefälle die Grenze überschritten wird. Im Zweifelsfalle, um das Einmaleins des Guten Tons zu zitieren, sollte der Mann die Zurückhaltung zur Richtschnur seines Handelns wählen.  Dann kann ihm nicht passieren, daß er, arm und ahnungslos, angeklagt wird, nur weil er dachte, it was the natural outcome of a lengthy flirtation that H. conducted with him. 

Kommentare»

1. mona lisa - Januar 31, 2007, 22:54

Für mich ist dieses Verhalten ein typisch männliches, oder besser gesagt unter vielen Männern ein noch immer weit verbreitetes : Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass Männer zum Angriff übergehen, wenn man/frau nicht klaglos alles akzeptiert. Übergriffe werden als „Berührungsängste“ dargestellt. Nicht Männer verhalten sich distanzlos, sondern Frauen „stellen sich an“. Ein klares Nein wird oft nicht akzeptiert. Das Nein einer Frau hat nicht das gleiche Gewicht wie das eines Mannes, eben weil diese Grenzen anderer oft nicht einhalten wollen – denn können könnten sie, wenn sie wollten

2. beer7 - Februar 1, 2007, 14:16

Und trotzdem moechte ich zur Vorsicht mahnen. Das Gericht musste sich zwischen zwei Versionen entscheiden und entschied sich, der Klaegerin zu glauben. Das haette ich wahrscheinlich auch getan, aber ein hieb- und stichfester Beweis ist es nicht.

3. Lila - Februar 1, 2007, 14:53

Nein, das ist es nicht. Haette R. aber nicht so trotzig auf seiner Version bestanden und die junge Frau noch angeschwaerzt, sondern wie ein Gentleman von Anfang an gesagt, dass es ihm leidtut, waere es gar nicht so weit gekommen.

Aber den Kuss hat er nicht abgestritten. Er meinte nur, das waere okay gewesen. Und das Anbringen von Charakterzeugen, die nur bezeugen sollten, wie die Klaegerin sich das selbst zuzuschreiben hat….teilweise von Leuten, die sie gar nicht kannten…. nun, das kam wohl nicht so gut an bei den Richtern.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s