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Eine tragische Geschichte Januar 22, 2007, 20:53

Posted by Lila in Land und Leute.
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Es ist eine typische Nahost-Geschichte, so traurig, daß man sich ihr kaum aussetzen mag. Ich versuche es aber trotzdem.

Ein kleines Mädchen, Abir (eine Abir, die ich kenne, hat mir mal gesagt, ihr Name bedeutet „Duft der Rose“), zehn Jahre alt. Abirs Vater ist in einer Initiative aktiv, „Kämpfer für den Frieden„, in der sich ehemalige Kämpfer beider Seiten, Israelis und Palästinenser, für Frieden und Dialog einsetzen. Abirs Vater wird in Gesprächen mit seinen früheren Gegnern gefilmt, mit der Familie, „ich werde meine Kinder zum Frieden erziehen“, meint er. Das ist ein paar Jahre her, Abir war noch kleiner.

Und dann: letzte Woche. Abir ist in der Schule, Pause, sie steht am Eingang der Schule, in einem kleinen Ort in der Nähe von Jerusalem. Unruhen, Steine fliegen, Gummigeschosse und Schockgranaten werden abgefeuert. Das kleine Mädchen wird am Kopf getroffen, ins Krankenhaus eingeliefert, stirbt. Wer das Bild des kleinen Kopfs auf dem Krankenhauskissen gesehen hat, wird es so schnell nicht vergessen.

Abirs Vater und alle Bewohner von Anata sind sich einig: Abir ist von einem Gummigeschoss getroffen worden. Es wäre nicht das erste Mal, daß diese „nicht-tödlichen“ Waffen töten. Die Wut ist groß, Abir ist ein weiteres Opfer in einer unerträglich langen Reihe von Unschuldigen, Unbeteiligten, Kindern und Jugendlichen, die sterben müssen, weil sie in einer Gegend leben, in der Gummigeschosse an Schultoren herumfliegen.

Die Grenzpolizei streitet das ab. Sie haben nicht auf Abir geschossen, haben sie nicht einmal gesehen, es kann nicht sein, sie haben nur auf gewalttätige Demonstranten geschossen, die mit Steinen geworfen haben. Gummigeschosse und Steine – nicht-tödliche Waffen, die töten können.

Abirs Leiche wird nach Jerusalem gebracht, wird obduziert. Der Pathologe, der sie obduziert, ist Jude, doch neben ihm steht ein von der Familie beauftragter arabischer Pathologe, der kontrollieren soll, daß keine Tatsachen vertuscht werden. Das Ergebnis steht noch nicht fest, noch sind nicht alle CT-Aufnahmen ausgewertet. Doch laut vorläufigem Befund kann es kein Gummigeschoss gewesen sein, sondern eher ein stumpfer, großer Gegenstand. „Ein Stein“, meinen die einen, „eine Schockgranate“, meinen die anderen.

Die eine Seite sagt: „Israel lügt und vertuscht, das haben sie immer getan, wir glauben ihnen nicht, egal was sie sagen, Israelis töten Kinder“. Die andere Seite sagt: „die Araber versuchen immer wieder, uns Todesfälle in die Schuhe zu schieben, die sie selbst verursacht haben, wir glauben ihnen nicht, egal was sie sagen, Araber opfern ihre Kinder und ermorden unsere“. Jede Seite kann Kronzeugen für ihre Version aufrufen, jede Seite kann Präzendenzfälle ohne Ende zitieren, Namen. Keiner hat Zweifel an seiner Version (die Medien, wie ein kurzer Gang durch Google zeigt, haben ebenfalls keinerlei Zweifel, obwohl das Ergebnis noch gar nicht feststeht, doch auch Palestine News Network berichtet, daß im Hadassah-Hospital versucht wurde, ihr Leben zu retten). In der Mitte liegt ein stilles kleines Mädchen, Opfer dieses Konflikts, egal, wie sie nun gestorben ist.

Ach, möge sie die letzte sein, es ist nicht mehr auszuhalten. Ich werde berichten, wenn das Ergebnis feststeht, egal wie es aussieht.

Kommentare»

1. mona lisa - Januar 22, 2007, 21:40

Es ist zum Weinen und einfach nur traurig!

2. Heimo - Januar 23, 2007, 4:57

Sehr traurig – ich dachte auch gleich an den Vater. Wird er noch Kämpfer für den Frieden bleiben oder in seinem alten Feindbild bestätigt, sich aus in Wut umschlagender Trauer Rachegedanken hingeben?

3. Freunde der offenen Gesellschaft » links for 2007-01-23 - Januar 23, 2007, 10:45

[…] Eine tragische Geschichte « Letters from Rungholt «Es ist eine typische Nahost-Geschichte, so traurig, daß man sich ihr kaum aussetzen mag.» (tags: rungholt israel palästina gewalt) […]

4. JurBlog.de » Links vom 23.01.2007 - Januar 23, 2007, 13:25

[…] Eine tragische Geschichte […]


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