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Schützt die Mädchen November 16, 2006, 18:39

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Kunst, Rat und Tat.
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und auch die Jungens. Vorhin kam mein Mann von der Arbeit, und ich sah sofort, daß er schlechte Nachrichten hat. „L. ist im Krankenhaus, totaler Zusammenbruch“. Oh nein. Wir wußten, daß das kommt, es war vorauszusehen, aber daß es nun wirklich eingetroffen ist….

L. ist Anfang 20, und ihre Eltern gehören zu den nettesten Leuten des Kibbuz: die Mutter eine bekannte Künstlerin, eine sensible und stets freundliche Frau, der Vater Schulpsychologe, Erziehungsberater und Sportler. Beides charismatische Menschen. Sie haben drei Kinder: zwei Söhne und, als mittleres Kind, L. Sie wird so um die zwölf gewesen sein, als die Magersucht anfing. Ich arbeitete damals mit der Mutter und erinnere mich gut an ihre Sorge, aber auch die Hoffnung. Der Vater, als Psychologe, kannte natürlich die beste Klinik und vermutlich gibt es kaum ein Wort in Artikeln und Büchern über Magersucht, das er nicht gelesen hat. Doch L. wurde nicht wieder gesund, trotz aller Anstrengung der gesamten Gemeinschaft. Ihr älterer Bruder heiratete und hat heute zwei kleine Kinder, der jüngere Bruder studiert, alle Freunde und Freundinnen aus ihrer Altersgruppe haben ihr Leben als Erwachsene begonnen. Doch L. ist nach wie vor im Kibbuz, nicht als Mitglied, sondern als Tochter, als Sonderfall, als Kranke. Sie arbeitet nicht mehr, obwohl ihr die Arbeit in einer Einrichtung für Kinder unter Anleitung einer Kindertherapeutin eine Zeitlang gut tat – da konnte sie sich um andere kümmern, und das hat sie wohl eine Zeitlang gehalten.

Unser Haus ist am Rand des Kibbuz. Unter unseren Fenstern führt der „Rundweg“ vorbei, der um den ganzen Kibbuz einen krummen Bogen schlägt. Auf der anderen Seite dieses Wegs breitet sich die Landschaft des Headerbilds aus, Wadis, Bäume, Wildschweine, Felder. Dort sehen wir L. endlos oft pro Tag marschieren. Sie guckt nicht rechts nicht links. Sie ist mager, daß ich sie nicht ohne Tränen sehen kann. Ihr Gesicht ist finster, ihre Haut wie Leder, nur ihr Zopf ist noch schön, dick, golden. Ihre Jeans schlottern.

Vor zwei Wochen fuhren wir aus dem Kibbuz, den Rundweg entlang. L. kam uns entgegen. Sie schenkte uns keinen Blick. Wir sahen mit Entsetzen, daß ihre mageren Arme und das Kinn ganz blutig waren. Sie ist hingefallen! Was machen wir? Sie würde es uns sehr übelnehmen, wenn wir anhielten und sie mit unserem Mitgefühl überfielen. Also riefen wir ihren älteren Bruder an, mit dem Y. beruflich zu tun hat. Y. sagte ihm Bescheid, in sachlichem Ton, als wäre das etwas Normales, daß eine junge Frau störrisch weiter um den Kibbuz stapft, obwohl ihr das Blut vom Kinn läuft. Der Bruder sagte nicht viel, ich glaube, er war dankbar, daß Y. so sachlich blieb. Am nächsten Tag, als sie wieder unter unserem Fenster vorbeilief, waren ihre Wunden verbunden.

Wenn ich an ihre Eltern denke, und was sie jetzt durchmachen, kann ich nur heulen. Ich weiß nicht, was mit L. geschieht, ob die Ärzte es schaffen, sie diesmal zu stabilisieren. Doch ich sehe schwarz für L. Sie ist seit über zehn Jahren schwer magersüchtig und alle Therapien der Welt haben nicht geholfen. Sie will nicht leben, das sehe ich ihrem Gesicht an, das strahlt sie einfach ab. Zu Anfang haben manche Leute im Kibbuz die „Schuld“ bei den Eltern gesucht, aber das war vollkommen abwegig. Alle Eltern sind normale Menschen und haben Macken, aber wie viele Kinder wären froh um solche Eltern wie L.s Eltern! Sie haben nichts falsch gemacht, obwohl ich mir sicher bin, daß sie viele schlaflose Nächte verbringen und sich fragen: wo hätten wir was anders machen sollen? Was wissen wir schon über Magersucht, wie sie entsteht und wie sie zu heilen ist? Die Zahlen der erkrankten Mädchen und Frauen steigen, und die Jungen und Männer holen auf.

Was können wir machen, wir, die Erwachsenen? Wir können aufhören, über unsere Figur zu jammern und jedes verlorene Kilo als Sieg, jedes zugenommene Pfund als Niederlage zu zelebrieren. Wir müssen protestieren, gegen die Diätindustrie, gegen bissige Bemerkungen über Dicke, wir müssen das Spektrum der Schönheit erweitern, bis es auch die Donna velata oder la Bella mit einschließt. Wenn ich im Unterricht diese wunderschönen Frauen zeige, ist die erste Reaktion der Studentinnen (wohlgemerkt der weiblichen, nicht der männlichen Studenten!) – „puh, die ist aber fett“. Einen anderen Standard gibt es nicht mehr. Die Dünnste ist die Schönste. Alles andere gilt nicht. Unsere Augen sind krank, wir sehen nichts anderes mehr.

Tizian, La Bella, 1536

Ich versuche dann immer, den StudentInnen zu erklären, daß es in einer lebenden Population eine Normalverteilung der Merkmale gibt – ob Schuhgröße, Gewicht oder Kopfumfang. Die Glockenkurve mag steiler oder flacher sein, aber meist schubsen sich die meisten Werte in der Mitte, und die extremeren Werte zu beiden Seiten sind seltener. Die jeweilige Reichweite der Merkmale sichert unser Überleben, mal sind die Bedingungen für Magere, mal für Pummelige besser. Ebenso wie die Merkmale sind die Auswahlkriterien für Partnerwahl verteilt. Wenn man eine Population von „vergebenen“ Frauen untersucht, werden auch dort dieselben Merkmale der Glockenkurve auftreten. Männer suchen nicht nur das magere Schlarett, es reicht sich umzusehen, um herauszufinden, daß nicht nur Frauen mit BMI unter 20 einen Partner finden. Daß aber Medien und Schönheitsindustrie die Vorbilder für Schönheit allein aus dieser allerflachsten Seite der Kurve nehmen, allein aus den extrem mageren Frauen, hat fatale Folgen für alle anderen. Es ist brutal.

Raphael, Donna velata, 1516

Neulich war ja so eine Umfrage, welche Frauen deutsche Männer attraktiv finden. Ich habe mit Erleichterung Frauen mit normalen Figuren auf den vorderen Plätzen gesehen. Den wirklich Magersüchtigen geht es auch nicht partout um Attraktivität oder Partnersuche – eine junge Frau wie L. läßt keinen Mann an sich heran, sie ist viel zu beschäftigt mit sich selbst, und jede Sorge um sie, jede Annäherung weist sie ab. Das Problem ist komplizierter, ich weiß.

Aber im alltäglichen Leben müssen wir umdenken, müssen wir den Mädchen andere Werte vermitteln als „Sei dünn, sei dünn, sei noch dünner“. Ja, den Jungens auch, aber Jungens sind doch diesen grausamen Maßstäben nicht unterworfen, wenn meine schlampigen Kibbuzniks auch nicht repräsentativ sind… bei uns gibt es noch kaum Markensnobismus oder Coolness-Wettbewerb. Die Jungens laufen in Sportsachen rum und fertig. Die Mädchen auch – doch selbst meine magere Tertia (die als ehemaliges Frühchen immer untergewichtig war und es noch immer ist) kam mal in die Küche geschlichen und meinte, „Mama, alle meine Freundinnen machen eine Diät, das will ich auch gerne“.

Habe ich richtig reagiert? Ich habe mein Erschrecken verborgen und herauszufinden versucht, wie sie auf diese Idee kommt, wer die Freundinnen sind, und was sie sich von einer Diät verspricht. Zu meinem Glück kam am selben Abend eine Sendung über Magersucht im Fernsehen, ein Geschenk des Himmels. Ich habe sie mit Tertia zusammen geguckt. Seitdem habe ich das Wort Diät nicht mehr von ihr gehört. Aber die Sorge, auch um anderleuts Kinder, ist immer da.

Pannen, Pleiten, Peinlichkeiten November 16, 2006, 9:37

Posted by Lila in Land und Leute.
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Normalerweise meide ich ja diese dreifachen Alliterationen, wie sie seit „Götter, Gräber und Gelehrte“ in Umlauf sind. Doch wenn ich schon etwas schreibe, was mir eigentlich schon lange verkneife, dann kann ich auch gleich einen dämlichen Titel geben.

Ich höre immer wieder, wenn es um die verschiedenen Versagens-Szenarios der israelischen Armee mit tödlichem Ausgang geht, „sowas DARF einfach nicht vorkommen“, und ich selbst stöhne das auch oft genug. Das DARF nicht vorkommen! Wer eine Artilleriekanone bedient oder ähnliche Waffen, muß unendlich vorsichtig sein, muß seine Anweisung, GENAU auf die Abschußstelle der vorher abgefeuerten Qassam zu zielen, mit der größtmöglichen Präzision erfüllen. Sonst ereignen sich Katastrophen von albtraumhafen Ausmaßen, die man nicht ertragen kann – und die einem noch jahrelang nachgehen. Diese Forderung ist also selbstverständlich, gehört auch bei der Armee als Forderung an die Soldaten absolut dazu und jeder Soldat, dem ein Fehler unterläuft, muß sich auf eine Untersuchung, nötigenfalls auch einen Prozeß gefaßt machen. Ich persönlich kenne zwei Leute, die aufgrund solcher Fehler Haftstrafen verbüßt haben – und die sich eigentlich mental nie von dem Moment erholt haben, als ihnen klar wurde, daß durch ihre Schuld Unschuldige ums Leben kamen.

Aber wie gern höre ich, wenn Deutsche aus vollem Halse rufen:

Von einem Staat, der zivilisiert und demokratisch sein will, hochtechnologisiert und gebildet, wird mehr erwartet als von einem Haufen korrupter, selbstsüchtger Terroristen, und zwar ohne Wenn und Aber.
Es wird mehr erwartet als eine Generalsträne über ein fehlgeleitetes (und teures…) Geschoss. Es wird mehr erwartet als peinliches Schweigen und der Gedanke “Oh, das war jetzt wohl nicht so gut”. Es wird mehr erwartet als tumbe Vergeltungsschläge.

“Das passiert leider manchmal”? Nein. Einem zivilisierten Staat passiert sowas nicht. Punkt.

So hier in einem Kommentar geschrieben, bestimmt von einem Leser, der nur einmal reingeguckt hat und sich nicht mehr sehen läßt. Ich habe mir die Antwort darauf verkniffen, aber nach den heutigen Nachrichten aus Deutschland antworte ich einfach mal. Nun definieren wir doch mal, was in einem zivilisierten Staat alles vorkommen darf und was nicht.

In einem zivilisierten Staat werden also Häftlinge von anderen Mithäftlingen zu Tode gefoltert, die Wärter merken nichts oder ignorieren es? In einem zivilisierten Staat sterben jährlich Dutzende, wenn nicht Hunderte von Kindern, weil das Jugend- oder Sozialamt sie bei drogenabhängigen, gewalttätigen Eltern gelasssen hat? In einem zivilisierten Staat werden junge Männer groß, die später als Soldaten mit Totenköpfen Fußball spielen? In einem zivilisierten Staat können Terroristen Anschläge auf das WTC vorbereiten, ohne daß jemand ihnen auf die Spur kommt? Oh ja, das geht alles, wir kritisieren ja nicht unser eigenes Land, sondern ein anderes. Und da verschieben sich dann die Maßstäbe ein bißchen, nicht wahr. Wir definieren einfach a priori, daß Israel KEIN zivilsiertes Land ist, Deutschland aber schon. Und dann sind Fehler, Pannen, Versagen und Unfähigkeit von israelischen Soldaten, Beamten und Bürgern Zeichen ihrer mangelnden Zivilisation, dieselben Versagen bei ihren deutschen Soldaten, Beamten und Bürgern dagegen einfach – na ja, Pannen, Pleiten, Peinlichkeiten.

Wie selbstgerecht muß ein Mensch sein, um diese doppelten Maßstäbe anzulegen? Aus vollem Halse uns zu kritisieren, die wir seit Jahrzehnten angegriffen und bedroht werden, nie zur Ruhe kommen, oft kurzsichtig und hektisch reagieren und vor Überforderung manchmal das Augenmaß verlieren – während man selbst in einem reichen, unbedrohten, riesigen Land lebt und eigentlich viel mehr Reserven hat, Pannen jeder Art zu vermeiden, und viel weniger Gelegenheiten, auf Leben und Tod zu versagen?

Wir haben keine Wahl, wir sind in diesen Konflikt gezwungen worden. Wer das nicht glaubt oder schon vergessen hat, der lese unsere Unabhängigkeitserklärung nach.

Wir wenden uns – selbst inmitten mörderischer Angriffe, denen wir seit Monaten ausgesetzt sind – an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufrufe, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung und entsprechender Vertretung in allen provisorischen und permanenten Organen des Staates an seinem Aufbau zu beteiligen.

Wir bieten allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden den und guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem selbständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf. Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.

Wer diese Hand gesucht hat, wie Ägypten oder Jordanien, hat sie nach wie vor ausgestreckt gefunden. Der Fortschritt im Nahen Osten ist eine schöne Vision, die endlich in Erfüllung gehen sollte, doch leider träumen nicht alle davon. Haben die Leute, denen über das Versagen eines Artilleristen in Südisrael voller Empörung die Adern schwellen (als ob wir hier Juhu darüber schreien würden), schon ganz vergessen, wie wir jahrelang, jahrzehntelang unsere Toten begraben haben, die von Bomben zerrissen wurden, absichtlich in unseren Busse, Restaurants und Einkaufszentren gezündet? Da schwellen die Adern schon weitaus weniger, das sind ja „selbstsüchtige Terroristen“, mein Gott, wer regt sich schon über sowas auf? Die kann man eben nicht mitzählen, fertig, da kommt keine echte Empörung auf.

Nicht wahr, so ist das. Es ist eigentlich nicht nur ein doppelter Maßstab, es ist ein dreifacher. Der Maßstab, der an Deutschland angelegt wird, besagt: grundsätzlich zivilisiert, bedauernswertes Versagen menschlicher Wesen ändert daran gar nichts, sowas passiert eben. Der Maßstab für Israel: wollen ja gern zivilisiert sein, dann müssen sie sich aber auch gefallen lassen, daß ihnen die Zivilisiertheit abgesprochen wird, wenn menschliche Wesen versagen. Der Maßstab für die Palästinenser: sie wären ja gern zivilisiert, wenn ihre Unterdrückung durch die Israelis das nicht verhinderte. Solange sie es noch nicht sind, ist es nur verständlich, daß sie ihrem gerechten Zorn durch Selbstmordattentate Ausdruck verleihen, da braucht man sich weder zu wundern noch aufzuregen.

Niemand in Israel hat nach den Katastrophen von Kfar Kana oder Bet Chanun oder Hebron oder sonstwo mit den Achseln gezuckt und gemeint, „tja, wo gehobelt wird, fallen Späne, wo ist die nächste Action?“Es besteht keine Notwendigkeit, uns international an den Pranger zu stellen, weil wir uns da schon ganz von allein hinbegeben. Alle Verantwortlichen entschuldigen sich, die Öffentlichkeit und die Medien in Israel sind entsetzt und rufen nach Untersuchung, und vor lauter Schuldbewußtsein und grauenvollem Bedauern bietet Israel kleine, doch gutgemeinte Hilfen an: Opfer werden in israelische Krankenhäuser gebracht, Israelis spenden für die Überlebenden. Und trotzdem muß natürlich eine internationale offizielle Verurteilung erfolgen, damit den Israelis klar wird, wie abstoßend, unmenschlich und inakzeptabel sie sind.

Wann wäre so eine Verurteilung je nach einem Selbstmordattentat erfolgt? Vielleicht erinnert sich einer meiner Leser, mir fällt es gerade nicht ein. Dabei war mein Entsetzen, als in Yagur und Haifa ganze Familien begraben wurden, nicht weniger groß als über Bet Chanun, vielleicht, wie es nun einmal menschlich ist, größer, weil ich einen Teil der Opfer kannte (und wage einer, einen Stein auf mich zu werfen deswegen – jede Heuchelei muß irgendwo auch mal ihr Ende haben, und jeder Mensch trauert um Bekannte mehr als um Unbekannte!). Und das waren Menschen, die in voller Absicht getötet wurden. Die Attentäterin saß am Nebentisch, sie sah die kleine Noya mit ihrer Familie, bevor sie sich entschloß, die Bombe zu töten. Das war also nicht mal eine Panne, es war volle Absicht.

Ach ja, ich weiß. Nicht alle denken in diesen schlichten Maßstäben, und nicht alle sind imstande, so einfach und elegant von Maßstab zu Maßstab zu wechseln. Warum ich das also trotzdem geschrieben habe? Erstmal, um es von der Seele zu haben, auch wenn ich mich schon mit Grausen auf besonders ätzende Kommentare gefaßt mache. Außerdem, weil ich jedem deutschen Leser mal ein Gefühl dafür vermitteln will, wie angenehm es ist, die eigene schmutzige Wäsche, die man ja gar nicht sauber reden will, von anderen ins Gesicht geschleudert zu bekommen. Nicht wahr, das liest sich nicht angenehm, man wird in die Defensive gedrängt und fühlt sich doppelt schrecklich: wegen der entsetzlichen Ereignisse und wegen der Vorwürfe von anderen, die einem unterstellen, daß  man das toll findet.

So geht es uns in Israel jeden Tag.

Und wenn ich schon dabei bin… November 15, 2006, 20:38

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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…per Kaltmamsell zum Goetzeclan geklickt und feinen Fragebogen gefunden. Wer kann widerstehen?

Bitte sehr:

Hoho, habe ich 99 Punkte von 100 gekriegt für stabile Beziehung, yesh! und wüßte gern, wo der eine Punkt hingegangen ist, der das Trennungs-Restrisiko darstellt. Einziger Haken: ich weiß noch nicht, wie viele Punkte Y. zusammenwählen würde.

Ein Fund November 15, 2006, 20:27

Posted by Lila in Bloggen.
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Bei der genialen Lisa Neun habe ich einen Link zu einer wunderbaren Matrix gefunden, ah, ich liebe solche Dinger! (Ach LisaNeun, sei doch so gut und illustrier auch diese Kartoffel!). Dabei kommt mir das ganze vor wie eine Ansammlung von Stereotypen, zum Beispiel ist besonders schön:

Die stark materialistisch geprägte Unter-
schicht: Anschluss halten an die Konsum-
Standards der breiten Mitte als Kompen-
sationsversuch sozialer Benachteiligungen

Lebenswelt:

  • Gerade wegen seiner sehr beschränkten finanziellen Mittel zeigt dieses Milieu einen ausgeprägten Konsum-Materialismus. Viele Milieuangehörige konzentrieren sich ganz auf das Hier und Jetzt, auf spontanen und prestigeträchtigen Konsum, um zu beweisen, dass sie mithalten können.
  • Sie möchten als „normale Durchschnittsbürger“ gelten, haben aber häufig das Gefühl, in der Gesellschaft benachteiligt zu sein. Ihre Wünsche von einem komfortablen Leben und ihre Träume vom plötzlichen Reichtum stehen oft im krassen Kontrast zur Realität.
  • Ihre beruflichen Chancen sind häufig eingeschränkt durch mangelnde Ausbildung und ungünstige persönliche Rahmenbedingungen. Der Anteil der Arbeitslosen ist hoch.
  • In ihrer Freizeit möchten sie Unterhaltung, Ablenkung, Action und Spaß. Ausgehen (Kneipen, Fußballveranstaltungen, Einkaufsbummel) ist ebenso beliebt wie zu Hause fernsehen, Videos ansehen, Videospiele, Musik und Radio hören.
  • Wichtige Konsumziele sind für sie die Ausstattung mit moderner Unterhaltungselektronik (Stereoanlage, DVD-Player, Fernsehgerät, Handy), ein „repräsentatives“ Auto, Urlaub (Kurzreisen, Besuch von Freizeitparks) und alles, was die eigene Erscheinung ins „rechte Licht“ setzt (dekorative Kosmetik, Modeschmuck, Duftwässer).

Soziale Lage:

  • Breite Altersstreuung bis 60 Jahre
  • Meist Volks-/ Hauptschulabschluss mit oder ohne Berufsausbildung
  • Überdurchschnittlich viele Arbeiter / Facharbeiter
  • Untere Einkommensklassen
  • Häufig soziale Benachteiligungen (Arbeitslosigkeit, Krankheit
    unvollständige Familien)

Wow, da haben wir sie, die Unterschicht in ihrer ganzen konsumfrönenden Häßlichkeit.  Man sieht förmlich den Sozialforscher die Augen verdrehen. Auch sehr schön:

Das selbstbewusste Establishment:
Erfolgs-Ethik, Machbarkeitsdenken
und ausgeprägte Exklusivitäts-
ansprüche

Lebenswelt:

  • Die Etablierten sind die gebildete, gutsituierte und selbstbewusste Elite. Sie haben hohe Exklusivitätsansprüche und zeigen entsprechende Kennerschaft. Damit grenzen sie sich bewusst von anderen ab („die feinen Unterschiede“).
  • Beruflicher Erfolg ist ihnen wichtig. Dabei verfolgen sie klare Karrierestrategien. Sie übernehmen Verantwortung und Führung, und sie sind sicher, ihre hohen Ziele zu erreichen.
  • Sie haben eine pragmatische Lebensphilosophie, reagieren mit Flexibilität auf neue Situationen und engagieren sich in Vereinigungen, Verbänden und Clubs – nicht zuletzt, um auch soziale Ziele zu fördern.
  • Kunst, Kultur und individuelle Reisen gehören zum Lebensgenuss der Etablierten. Andererseits beschäftigen sie sich auch nachhaltig mit Politik und Wirtschaft. Sie sind sehr aufgeschlossen gegenüber technologischem Fortschritt und den beruflichen wie privaten Vorteilen, die er bringt.
  • Sie konsumieren edel und haben ein sicheres Gespür für das Besondere. Sie genießen den Luxus, den sie sich auf Grund ihrer privilegierten finanziellen Situation leisten können. Alles, was dem eigenen Well Being zuträglich ist, hat viel Raum in ihrer Lebensführung.

Soziale Lage:

  • Mittlere Altersgruppen ab 30 Jahre (Schwerpunkt: 40 bis 60 Jahre); meist verheiratet, Drei- und Mehr-Personenhaushalte
  • Überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau
  • Viele leitende Angestellte, höhere Beamte sowie Selbständige, Unternehmer und Freiberufler
  • Hohe und höchste Einkommensklassen

Das sieht ja aus wie ein idealer type-tank für Seifenopern und Romane.  Man nehme den jungen, männlichen Vertreter der Konsumorientierten Unterschicht Sinus B3 und lasse ihn auf eine Angehörige der Modernen Performer Sinus C12 treffen und die beiden sich unsterblich ineinander verlieben – ah, Romeo und Julia sind nichts dagegen. Erst recht, wenn seine Eltern traditionsverwurzelte, arme A3s sind und ihre snobistische Etablierte B1er. Oder B2er, die kurz vor dem Sprung ins B1 stehen und nun jeden Abstieg ihrer Tochter… oho.

Eigentlich doch recht desillusionierend, wie wir in unseren Milieus zappeln und alle anderen etwas verständnislos angucken, falls diese  Matrix stimmt. (So gut kenne ich ja mein Deutschland noch, daß ich Vertreter aller Milieus sofort vor meinem inneren Auge habe…es lebe das schnelle Urteil!) In Israel müßten die nur ein bißchen anders verdrahtet werden, nach ethnischer Herkunft und Grad religiöser Observanz, das beeinflußt den Lifestyle nicht unerheblich – aber prinzipiell gibt es auch hier die konservativen, modernen und postmodernen Haltungen, verteilt auf verschiedene Einkommensstufen. Wenn man nun aus dieser Kartoffel Deutschlands einen ganzen globalen Kartoffelkeller erarbeitete, dann könnte man noch viel mehr Seifenopern und Romane zusammenstellen.

Ich würde nun mal gern, nur für die Jeckerei, wissen, liebe LeserInnen: zu welcher Sinus-Gruppe würdet Ihr Euch rechnen? (Ha, eine UMFRAGE, hab ich noch nie gemacht – schnell raus damit, bevor dieLeserzahlen wieder zweistellig werden!)

Ich habe keinen Grund, November 15, 2006, 12:47

Posted by Lila in Land und Leute.
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mich aufs hohe Roß zu setzen und über die Medien zu seufzen, die den Qassam-Raketen erst dann Beachtung schenken, wenn etwas passiert – denn nicht nur der SPon, die Nachrichten von Channel 2 und ARD tun das, sondern auch ich. Jeden Tag sind hier in den vergangenen Wochen die Qassams geplumpst – nein, eben nicht HIER, sondern in Sderot, und das ist weit genug weg, und ich habe es zur Kenntnis genommen und gedacht, na hoffentlich passiert nichts. Und jetzt ist eine Frau tot und es gibt Verletzte. Ähnlich habe ich mich für mich selbst geschämt, als letztes Mal eine Qassam Todesopfer gefordert hat – die letzten Male waren es Kinder, wenn ich mich recht erinnere. Aber kann ich jeden Tag registrieren: wieder fünf Qassams in einem Feld neben Ashqelon gelandet? Ich bin doch nicht der Haaretz-Ticker.

Manchmal könnte man am Timing verzweifeln. Gerade, aber wirklich gerade fing die Diskussion um Chalutzens Amtsführung an, solche Formen anzunehmen, daß erste Andeutungen von Rücktritt umliefen —
(daß ich als Frau eines Chirniks nie viel von einem Airforce-Ramatkal gehalten habe, mag man als kritiklose Anerkennung der Genialität meines Mannes abtun – für den sind Leute wie Chalutz fliegende Schachtzanim, also Angeber, denen der Abstand aus der Luft die Sicht auf das, was auf dem Boden vorgeht, leicht verzerrt – wir hätten lieber Gabi Ashkenazi als Ramatkal gesehen, aber dieser Bandwurmsatz führt zu nichts als Seufzen, denn der letzte Ramatkal, dem ich persönlich vertraut habe, war Lipkin-Shachak, und auch da haben seine blauen Augen und seine intelligente Frau mein Urteil vermutlich beeinflußt…)

— und gerade meinte Olmert, sein Plan für die Westbank ist keinesfalls begraben…. gerade also Andeutungen, daß vielleicht doch andere Wege aus der Post-war-Krise gesucht werden als Eskapismus und Einbuddeln… da passiert sowas. Die beste Veranlassung für einfallslose Militärs und Politiker, von jetzt-erst-recht zu blöken und Gaza wieder ganz und gar zu besetzen. Dabei hat sich doch gezeigt, daß Qassams auch fliegen, wenn Gaza ganz in unserer Hand ist. Was statt dessen? Ja was weiß ich.

Ich gebe nicht so viel auf scharfe Kritik aus Deutschland, gebe ich gern zu, weil ich mir nur vorstellen muß, was in Jülich los wäre, wenn die Holländer mit kleinen Raketen täglich die Große Rurstraße beschießen würden, und wie schnell man da nach harten Maßnahmen rufen würde, um den Beschuß zu stoppen. Da würde ich ihnen aus der Ferne auch zurufen, „mal langsam, Leute, da stirbt doch nur alle paar Monate jemand dabei, das solltet ihr doch verkraften können, Hauptsache, es bleibt friedlich!“. Ich hab da auch noch nie einen konkreten Ratschlag gehört, nur so allgemeine Phrasen von Gutem Willen und Aufhören, so arrogant zu sein, und lauter so Sachen, mit denen ich prinzipiell übereinstimme. Aber die gegen Qassams irgendwie nicht richtig helfen. Auch da darf ich nicht in die Steigbügel klettern, um mich aufs hohe Roß zu schwingen, denn wie gesagt, auch meine konkreten Ideen sind sehr vielversprechend.

Doch eines muß ich sagen, auf die Gefahr hin, von Erst-und-nur-dieses-Post-Lesern sofort als eingefleischte Araberhasserin verteufelt zu werden (…und danke für die vielen Emails! much appreciated!) – ich gucke mir die letzen anderthalb Jahre an und verzweifle. „Die Palästinenser“ wollen die Besatzung beenden? „Wir“ auch. „Wir“ räumen den Gazastreifen, eine allgemein so verstandene Generalprobe für die Räumung der Westbank – für die nach Sharons Ausfallen Olmert das Mandat bekommt. „Die Palästinenser“ aber schießen aus dem geräumten Gebiet mit kleinen, nervigen Raketen, die nur selten, aber dann stets zivile Opfer fordern, auf „unser“ Staatsgebiet. Meinen sie, daß uns das ermutigt, ie Räumung der Westbank durchzuziehen – der Gedanke, daß sie dann in Jenin, Ramallah und Bethlehem genügend Platz haben, all ihre neuen Grads und Scuds auszuprobieren, kann uns doch nicht ganz geheuer sein. Ich würde mich eigentlich gern an die Grenze stellen, ihnen meinen schönsten strengen Matronenblick schenken und rufen: „macht es uns doch nicht so schwer. Wollt ihr nun unseren Rückzug oder nicht? Wenn ja, dann sorgt dafür, daß die Bedingungen stimmen, sonst wird da NIE was draus. Und was soll dann aus uns allen werden?“

Ich habe hier „die Palästinenser“ und „uns“ in Anführungszeichen gesetzt, um klar zu zeigen, daß ich weiß, kein Volk ist eine homogene Einheit. Unter unseren Nachbarn gibt es die demonstrierenden Bauern, denen gutes Land von raketengeilen Banden weggenommen wird. Sie würden gern die von den Siedlern hinterlassenen Gewächshäuser übernehmen und eine erfolgreiche Landwirtschaft aufbauen, ich hab schon öfter über diese Schicksale geschrieben. Diese Bauern sind eigentlich meine natürlichen Verbündeten, sie und ich wollen dasselbe. Das ist etwas, das die Haudraufs aus Deutschland nicht kapieren -daß die Unterstützung für Raketenbauer und Bombenattentäter nicht nur Opfer bei uns fordert, sondern Hunger für Kinder in Gaza bedeutet. Wem diese Kinder, die nicht mal einen Teddybär haben, wirklich am Herzen liegen, der sollte uns helfen, die Banden mit ihren Raketen-Abschußrampfen auf Autodächern aufzuhalten.

Ich habe lange geglaubt, daß unter den Palästinensern diese Bauern und Bürger die Mehrheit sind, die genau wie wir einfach nur Ruhe und Frieden haben wollen, die ihre Kinder in die Schule schicken wollen, ihnen Teddybären oder Bücher kaufen wollen und die des Kampfs so müde sind wie ich. Seit dem Wahlsieg der Hamas habe ich Schwierigkeiten, diese Position mit so großer Selbstsicherheit zu vertreten wie zuvor. Immerhin haben wir Olmert und damit den Weg zur Aufgabe von Gebieten gewählt, die Palästinenser dagegen die Hamas und den Schwur zur Zerstörung Israels.

Nun stellt sich heraus, daß beide Wahlziele allzu großmäulig waren. So schnell wird die Westbank nicht geräumt werden, danke, ihr Qassambauer! (äh, das war sarkastisch gemeint), und so schnell werden auch wir nicht vernichtet werden.

Aber wer sich klaren Kopfes, ohne Voreingenommenheit und Ressentiments, die Lage ansieht, der kann sich schon nach einem hohen Roß sehnen. Und wenn nur, um damit so schnell wie möglich so weit weg wie möglich aus dieser Wirklichkeit zu entfliehen.

Als abgebrühte Zuschauerinnen November 13, 2006, 22:07

Posted by Lila in Land und Leute.
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erwiesen sich die Sekretärinnen, Sachbearbeiterinnen und sonstigen Papiertigerinnen, die ich heute zufällig belauschen konnte. Vor einem hohen Gebäude in Haifa wurde heftig demonstriert – ich konnte nichts davon sehen, weil ich im Flur saß und wartete, in einer der ganz hohen Etagen. Ich hörte aber das Brausen der Stimmen und den Chor, „mit Geist, mit Blut werden wir Palästina befreien!“, klang genau wie im Fernsehen. Die Frauen, die in diesem Gebäude, auf diesem Flur arbeiten (keine Ahnung, warum kein Mann weit und breit zu sehen war), wurden natürlich neugierig und guckten raus. Statt nun sich den Kopf zu zerbrechen, welcher Teil von Palästina gemeint war und ob Haifa nicht für die Demonstranten dazugehört, fingen sie an zu vergleichen. „Wißt ihr noch, vor einem Jahr, die haben erheblich mehr Lärm gemacht“, „ja, und wie ausdauernd die waren, die sind ja so oft wiedergekommen“, „aber guckt mal, die haben heute doch ganz nett Leute zusammengekriegt“, „hoffentlich blockieren sie die Einfahrt nicht“, „Mensch, letztes Jahr, wie lästig war das, da war kein Durchkommen“. Dann nahmen sie das Tässchen Kaffee mit an den eigenen Schreibtisch und die Arbeit ging weiter.

Letztes Jahr? Oh Mann, klar. Da waren die endlosen Demos der Orangen gegen die Räumung des Gazastreifens. Irgendwie fiel mir die freundliche alte Dame aus „Lola rennt“ ein. „Na, hier is was los…“ Vermutlich wird vor diesem Gebäude recht oft demonstriert. Oh ich Landei.  Sowas gibt es bei uns im Kibbuz nicht.

Ein Brief November 12, 2006, 21:36

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Uncategorized.
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an alle Kibbuzmitglieder lag neulich auch in unserem Fach. Die Frau, die für die Volunteers verantwortlich ist, versucht den fahrenden Zug aufzuhalten und vielleicht doch noch die Abschaffung dieses Kibbuz-Mythos zu verhindern… doch ich habe das starke Gefühl, vergebens.

Unser Kibbuz war einer der ersten, die Volunteers aufnahmen, behauptet die Kibbuz-Maer, und die Oma meines Mannes eine der ersten Volunteer-Betreuer des Kibbuz. Sie hat noch viele Jahre den Kontakt mit den fruehen Volunteers gehalten, ja noch als sie schon sehr krank war, kamen noch Briefe und Karten mit Briefmarken aus aller Welt fuer sie an. Sie mochte besonders gern Volunteers aus deutschsprachigen Laendern, die ja nicht bei allen Mitgliedern zu Anfang gern gesehen waren. Aber irgendwann hatten auch die anfangs skeptischen Chaverim begriffen, dass die jungen Deutschen, die fuer ein paar Monate im Kibbuz Obst pfluecken oder Saecke mit Waschpulver fuellen, nicht das Problem sind…

Ich war nur fuer kurze Zeit Volunteer, und das zu einer Zeit, als die Diskussion „deutsche Volunteers – ja oder nein“ laengst beendet war. Meiner Erfahrung nach waren besonders die aelteren Chaverim erfreut, einer jungen Deutschen, die mit grossem Interesse zuhoert, ihre Geschichten zu erzaehlen. Ja, ich weiss, ich „sollte eigentlich“ ein Buch schreiben ueber die vielen Geschichten, die ich im Laufe der Jahre gehoert habe, aber dazu komme ich gerade nicht.

Ich habe mich unter den alten Chaverim wohler gefuehlt als unter den Volunteers. Ich war mit 23, 24 Jahren schon zu alt fuer die Klassenparty-Atmosphaere, und weder Togaparty noch Wettsaufen nach esoterischen angelsaechsichem Ritus (ich sag nur: fuzzy duck…) war mein Fall. Vermutlich haben mich die meisten als Spielverderberin gesehen und haben es nicht bedauert, dass ich schon schnell zu Y. verschwunden bin. Doch offiziell war ich auch dann noch Volunteer und den Pflichten der Dienst-Liste unterworfen. So musste ich meinen geliebten Arbeitsplatz im Kindergarten raeumen, um einer Studentin des Kibbuz Platz zu machen – einer Studentin des Fachbereichs, in dem ich spaeter manchmal unterrichten durfte.

Solche Perspektivwechsel hat mir das Volunteer-Dasein oefter beschert, es war fuer mich persoenlich heilsam, mal zu einer Slum-Bevoelkerung zu gehoeren und von vornherein verdaechtig zu sein. Ich habe es sonst ja immer zu gut gehabt, war immer fein im Glashaus etabliert. Als Volunteer lebte ich unter Rabauken, was allerdings schlicht eine Frage des Timings war – zu meiner Zeit waren nun mal gerade viele Rabauken Volunteers, waehrend zu anderen Zeiten ganz andere Gruppen da waren.

Ein geuebter Blick sieht schon beim Vorbeigehen am Volunteer-Viertel, wie die Gruppe gerade ist. Wenn alkoholisierte, halbbekleidete junge Menschen im Garten zwischen leeren Flaschen rumlungern – hm, sind wieder Englaender da? Oder doch Suedafrikaner? Wenn aber alles sauber und ordentlich ist und ueberall Blumenbeete entstehen, dann haben wir eine Gruppe adretter Schweizer Maedel oder emsiger Japaner. (Cum Grano salis bitte!)

Ich habe damals das Zimmer mit einer netten Kanadierin geteilt, deren Konflikte mit den US-Maedchen von nebenan mich viel, viel gelehrt haben. Ich habe mit Gruppen groelender, brotwerfender Rowdies gefruehstueckt, deren liebstes Thema war, „who puked this red stuff in front of our room?“ Ich habe hilflosen Nachbarinnen den Raum gewischt, auf die israelische Art, die ich im Kindergarten gelernt hatte. Ich habe eigentlich diese Zeit genossen, auch wenn ich da nicht ganz reingepasst habe.

Jahrelang, so lange ich noch im Kibbuz gearbeitet habe, habe ich auch Volunteers beschaeftigt und mich gern um sie gekuemmert. Zahllose Volunteers habe ich schon durch den Kibbuz gefuehrt, nach Hause eingeladen, und manchmal war der Abschied sehr, sehr schwierig. Eine sehr Nette, die den Nachnamen eines NS-Verbrechers trug und die sich im Kibbuz sehr wohl fuehlte, die war nett! Eine Hollaenderin, von Beruf Krankenschwester, mit der ich wunderbar zusammenarbeitete – sie wurde spaeter krank und aergerte sich ganz zu Recht, dass die Krankenschwester des Kibbuz bei jedem Unwohlsein weiblicher Volunteers sofort den Schwangerschaftstest aus der Schublade holte. Eine ganze Reihe netter, fleissiger Britinnen, von denen eine spaeter meine Schwaegerin wurde. Eine Australierin, die mir ueber ihre Liebesgeschichte mit einem Kibbuzniks so viele Einzelheiten erzaehlte, dass ich jahrelang rot wurde, wenn ich ihn sah – besonders, nachdem diese grosse Leidenschaft beendet war.

Ich muesste eigentlich zum Volunteers quarter gehen und photographieren, bevor dieses Denkmal verschwindet. Kapieren denn die Leute, die heutzutage im Kibbuz entscheiden, gar nicht, wie schoen und wichtig diese Einrichtung ist? Nicht nur wegen der legendaeren Volunteer girls – obwohl wir ja nur ganz durchschnittliche Maedchen aus aller Welt waren, hat uns dieser Status in den Augen der jungen Kibbuzniks sofort eine Aura unwiderstehlicher weiblicher Anziehungskraft verliehen. „Mitnadvot zurueck in den Kibbuz!“ forderte ein Graffiti im ersten Golfkrieg 1991 (war auch nicht der erste…), nicht etwa mitnadvim – die jungen Kibbuzniks forderten ausdruecklich weibliche Volunteers ein. Y.s Onkel erzaehlte mir spaeter, dass die ganze Familie einer nach dem anderen in die Kueche gepilgert kam, nachdem Y. sich in mich verliebt hatte, um mich zu begutachten. Ich war ja nicht seine erste Volunteer-Freundin und sie waren wohl neugierig, stellten sich wer weiss was vor. (Wenn ich Israelis erzaehle, wie viele deutsche Maenner von der Schoenheit der israelischen Frauen schwaermen, gucken sie etwas doof.)

Ach ja, mit Volunteers muss man eben mehr anfangen als mit Zeitarbeitern. Die Betreuer organisieren ihnen Ausfluege, Vortraege, erklaeren ihnen den Kibbuz, sorgen sich um sie, wenn sie krank sind, Heimweh haben, einer von ihnen in den Laden einbricht und ein anderer gleich ganz hierbleiben will. Heute leben im Kibbuz viele wie ich, zumeist Frauen, die als Volunteer gekommen und hiergeblieben sind. Wir sind eine Gruppe, die mit Respekt betrachtet wird – allerdings verdanken wir das ein paar sehr ruehrigen Frauen, die unseren Ruf befestigt haben. Bei uns sind es nur Frauen – die Paare der Konstellation „maennlicher Volunteer und Tochter des Kibbuz“ sind alle im Ausland. In anderen Kibbuzim ist das anders.

Die jungen Leute, die hier Jahrzehnte hindurch in ihren Arbeitsklamotten mit uns gegessen, gearbeitet und gefeiert haben – die werden uns sehr fehlen. Ich habe schon oft leuchtende Augen gesehen, wenn jemand hoerte, dass ich aus einem Kibbuz komme, „oh, I used to be a volunteer in Kibbuz Ramat hachnassa in the Seventies!“ Die Entscheidung, diese Volunteers einfach abzuschaffen, kann nur jemand treffen, der sich seiner so sicher ist, dass er meint, wir brauchen keine Freunde ausserhalb.

Und da es bekanntlich kein Thema gibt, das ich nicht unter dem Motto „Schuldgefuehle“ abfeiern kann – ich bedaure es sehr, dass ich mich in den letzten Jahren gar nicht mehr richtig um junge Volunteers kuemmern konnte. Hoffentlich finde ich noch die Zeit, sie noch mal zu besuchen…. denn ich glaube nicht, dass der leidenschaftliche Brief die Abschaffung der Volunteers verhindern kann. Obwohl ich mich mal umhoeren werde, was ich zu diesem Behufe tun kann.

Nicht Tjost und nicht Buhurt, November 12, 2006, 20:40

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zu dem man sich mit eingelegter Lanze, zugeklapptem Visier und wehender Fahne im Schlachtross-Galopp begibt. Sondern ein ganz persoenliches Blog, in dem eine Privatperson ganz ohne Ruestung ihre Gedanken und kleinen Erlebnisse und grossen Sorgen aufschreibt.

So war es bis jetzt, und so bleibt es auch. Wer zum ersten Mal hierherkommt und sich nach dem Lesen des ersten Abschnitts gleich munter ins Getuemmel stuerzt, froh, endlich mal einer Israelin sagen zu koennen, was er schon mal immer zum Thema Israel sagen wollte – der soll sich lieber weiter in Foren balgen. Ich bin dafuer nicht gemacht, mein Testosteronspiegel ist ganz niedrig, ich bin von Natur aus eher konfliktscheu — deswegen blogge ich ja. Fuer mich ist naemlich der ganze verflixte Nahostkonflikt kein intellektuelles Abenteuer oder politisches Strategiespiel, sondern meine mit Gesichtern und Geschichten gefuellte Wirklichkeit, mal schoen, mal schmerzhaft, und immer sehr kompliziert.

Ich mache meine deutschen Leser nicht fuer alles verantwortlich, was in Deutschland schieflaeuft, lastet mir also bitte nicht Lieberman an. Ehrlich, ich mag ja viel auf dem Gewissen haben, aber den… den hab nicht ich in die Regierung berufen.  Ich habe auch nicht das Kommando ueber die Armee oder das Aussenministerium.  Ich weiss, ich weiss, musste ich nicht extra sagen, ist mir nur so rausgerutscht.

Vielen Dank fuer die lieben guten Wuensche.  Ich  glaube nicht, dass mir der Ruhm zu Kopf steigt — solcher Ruhm ist normalerweise kurzlebig und mein Blog nicht fuer jeden interessant. Waehrend des Kriegs hatte ich auch mehr Aufmerksamkeit, als mein ungeruestetes Blog-Ich vertragen konnte, und ich habe mich halt ein bisschen zurueckgezogen. Ausserdem habe ich im Moment eine so stressgeladene Phase, dass ich heute nicht mal am eigenen Computer schreiben kann — daher die umlautlosen Umlaute. Ich habe nicht viel Zeit zum Bloggen. Und a propos Erwartungen… ach, ich habe schon ganz andere Erwartungen im Leben enttaeuscht als die, die mir hier begegnen.

Ironie des Schicksals, dass ich, die jedem Wettstreit sorgsam aus dem Wege geht, nun einen gewinne. Wie sagte meine Oma immer, wenn sie beim Romme uns alle mit einem Handspiel in den Abgrund befoerderte? „Ach Kinder, das war ohne Willen“… aber Rungholt bleibt Rungholt, keine Sorge. Ich kann gar nicht anders.

Nachrichten geguckt, November 8, 2006, 23:28

Posted by Lila in Land und Leute.
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heute habe ich es mir denn doch angetan. Ich mag mir nicht ausdenken, wie es in anderen Ländern gesendet und kommentiert wird, eine Blütenlese haben wir aber auch zu sehen bekommen, „Massaker“ kam immer wieder darin vor. Gehört die Absicht zur Definition eines Massakers oder nicht? Ich weiß es nicht.
Jedenfalls ist die Stimmung deprimiert und alle bedauern die zivilen Opfer – Yoav Galant, der Kommandant der Armee Süd, erklärte umständlich, daß zwei Stellen beschossen werden sollten, aus den Qassams abgeschossen werden, und daß in solchen Fällen manchmal eben mit Artillerie geschossen wird, wenn man keine Soldaten reinschicken will. Und die Armee wollte ja nun eigentlich raus, nicht rein. Der erste Punkt wurde beschossen, der zweite auch, aber die letzten beiden Geschosse fielen 500 m vom Ziel entfernt, auf einem Wohnhaus in Bet Chanoun.

Das passiert leider manchmal, auch mein Mann ist so einem Geschoss bei einem Manöver nur um Haaresbreite entkommen (Asson Zeelim I, im Sommer 1990) und einmal auch im Krieg (da hat die Luftwaffe auf die eigenen Leute geschossen). Die Bilder sehen schrecklich aus, ich beneide Galant nicht, daß er nun erklären muß, und ich beneide auch den Artilleristen nicht, der den falschen Befehl gegeben hat. Mit so etwas weiterleben zu müssen, das ist schrecklich und eigentlich unmöglich. Wenn ich mir vorstelle…. lieber nicht.
Doch ich kann mir nicht helfen, wenn ich die palästinensische Führung gegen uns belfern höre. Sie sind gegen Angriffe auf Zivilisten? Wieso beschießen sie dann Sderot? Da sind heute wieder Raketen gefallen. In Sderot leben Zivilisten. Wieso fordern sie Selbstmordattentate? Die gehen ja immer gegen Zivilisten.

Wie kann es sein, daß in der Welt die Sprachregelung der Palästinenser so unkritisch übernommen wird – eine Fehlhandlung mit schrecklichen Folgen unsererseits ist ein Massaker, aber ein Selbstmordattentat, das von vornherein ähnlich schreckliche Ergebnisse einkalkuliert, ist legitimer Widerstand? Es ist typisch, daß bei uns nach dem Tod palästinensischer Zivilisten eine gelähmte, traurige Stille entsteht, unterbrochen nur von dem Versuch, zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, und Analysen zur verzwickten Lage (wie sollen wir denn auf den Beschuß aus den vor einem Jahr geräumten Gebiete reagieren? wie auf den Schmuggel viel gefährlicherer Waffen als der Qassams?) . Sollte der Hamas ein Selbstmordattentat mit zwanzig Toten gelingen, wird auf den Straßen Gazas getanzt und gesungen werden, und Baklava verteilt.

Die Palästinenser messen so offensichtlich mit zweierlei Maß, wenn es um zivile Verluste geht, daß es eigentlich kaum zu übersehen ist.Tja, der Reporter Roni Daniel beendete seinen Bericht mit den Worten, „… für die Opfer macht das keinen Unterschied“. Aber für die Betrachter von außerhalb sollte es eigentlich schon einen Unterschied machen.

Ich weiß noch nicht, ob ich die Seelenstärke habe, deutsche Zeitungskommentare dazu zu lesen… hm.

Fast vergessen November 8, 2006, 10:49

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habe ich das BOBs-Dings, diesen Wettbewerb der Besten Blogs überhaupt und aller Zeiten. Ich wußte zwar, daß ich nominiert war, aber weil es doch wirklich viel professionellere, brilliantere und öfter aktualisierte Blogs gibt als meins (mit dem Fertig-Design, an dem nur der Header original ist – und mit meiner Nachkriegs-Verweigerung brisanter Themen…), habe ich mir keine Chance gegeben. Ich bin sowieso nicht der wettbewerbende Charakter und würde  meine regelmäßig gelesenen Blogs ebenso ungern in Reihenfolge bewerten wie meine guten Freunde.  Na ja, heute habe ich eine Einladung zur Abschlußveranstaltung bekommen, in Berlin, leider ein bißchen weit weg von hier. Und da habe ich mir die Seite mal angeguckt und zu meiner endlosen Verblüffung entdeckt, daß mich treue Leser auf einen ganz feinen Platz gewählt haben! Na gu, 6% ist nicht gerade preisverdächtig, aber wenn ich richtig zähle, ist das der sechste Platz. Gänzlich unerwartet! Da bedanke ich mich aber sehr.

Quod erat demonstrandum November 5, 2006, 12:28

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Sehr gelacht. Einzig mögliche Schlußfolgerung aus dem Ergebnis der Umfrage: der Großteil der FAZ-net-Leser ist männlich.

Sehr, sehr traurig November 5, 2006, 10:54

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war die von David Grossman gestern abend auf der großen Demonstration zum Gedenken an Rabin. Wie jedes Jahr hat der Kibbuz einen Autobus hingeschickt, aber wie jedes Jahr war ich nicht dabei, und wie jedes Jahr habe ich dabei ein schlechtes Gewissen. Aber beim Gedanken an die Menschenmengen kriege ich Beklemmungen. Nun, auch ohne mich war es ein großes und beeindruckendes Beispiel dafür, daß die Apathie unserer politischen Klasse sich noch nicht aufs ganze Land gelegthat.

Wenn ich mir vorstelle, was in ihm vorgehen muß, und in so unendlich vielen anderen Familien, erfriert mein Herz vor Entsetzen. Den Jungen verloren, in einem Krieg, der so unüberlegt geführt wurde, von einer Regierung, die keine weitere Vision zu bieten hat, was denn nun als Nächstes kommt. Wir haben Olmert gewählt, damit die Stagnation aufgebrochen wird, statt dessen stinkt der Sumpf jeden Tag schlimmer. Und wer wäre besser? Man sieht niemanden, nur Phrasendrescher, Karrieristen, Schleimer, Machtkämpfer. Ich sehe keinen israelischen Politiker, der den Mut zu wirklichen Verhandlungen hätte – ja nicht mal zu Scheinverhandlungen kommt es mehr. Ironie des Schicksals: wäre Ariel Sharon nicht ins Koma gefallen, hätten wir vermutlich jetzt die Pläne zur Räumung der ersten Siedlungen  konkretisiert. (Diesmal müßte die Planung aber gründlicher ausfallen als  bei Gush Katif! und Vertreter sowohl der Palästinsner als auch der Siedler einbeziehen).

Tja, Grossman kehrt nach so einem Auftritt nach Hause zurück, und das Zimmer seines Sohns bleibt leer. Er hat ihn verloren, sinnlos verloren, denn es fällt schwer zu glauben, daß die Armee alles getan hat, was sie konnte, um Verluste an Menschenleben zu vermeiden. In den jetzt anstehenden Untersuchungen werden sehr häßliche Dinge ans Licht kommen: politische Ernennungen von hohen Offizieren, Inkompetenz, Leichtsinn. Dinge, wie sie in vielen Armeen vorkommen, doch die wir uns absolut nicht leisten können.

Und doch war ich stolz, als ich die Menschenmengen sah. Das ist Israel: erbarmungslos kritisch den eigenen Schwächen gegenüber, und bereit, für einen wirklichen Friedensprozess (nicht die Illusion, von der Javier Solana oder Kofi Anan sprechen) viel aufzugeben. Sähe ich eine ähnliche Demonstration auf den Straßen von Gaza oder Ramallah, wäre mir sehr viel leichter ums Herz… doch das kann ich mir wohl aus dem Kopf schlagen.

Ausweglos November 4, 2006, 11:36

Posted by Lila in Land und Leute.
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ist die Situation im Gazastreifen. Die Palästinenser schießen weiterhin Qassams auf Sderot, aber wen kümmern schon die armen Prolls am Ende der Welt, die in Sderot wohnen? Die Armee versucht, die Drahtzieher dieser Angriff im Gazastreifen zu finden und ihrerseits zu töten, wobei sie aber immer wieder in die Falle tappt und genau das tut, was die Palästinenser beabsichtigen: sie setzt sich ins Unrecht.

Sogenannte „Militante“ verschanzen sich in einer Moschee, aber die Zeiten, in denen unsere Armee Moscheen nicht beschoß, sind lang vorbei. Dann rufen ebendiese „Militanten“ Frauen auf, sich als menschliche Schutzschilde vor die Moschee zu stellen, doch auch die Zeiten, in denen die Armee sich bemühte, nicht auf Frauen zu schießen, sind vorbei. Besonders, wenn unter den Frauen verkleidete Männer sind, die damit das Leben der Frauen zusätzlich aufs Spiel setzen. Natürlich wird geschossen, natürlich kommen Frauen dabei ums Leben, natürlich erwähnen viele Medien nicht einmal die verkleideteten Männer, natürlich trifft die moralische Empörung nur unsere Armee, diese Barbaren!, und nicht die zynischen Leute, die ihre eigenen Frauen erst in Gefahr bringen, und dann Gewalt schreien, wenn diese darin umkommen.

Was sind das für Leute, die Frauen dazu auffordern, Bewaffnete zu schützen??? In normalen Gesellschaften ist das umgekehrt! Was wäre in Deutschland los, wenn deutsche Soldaten auf Einsatz irgendwo in der Welt deutsche Frauen und Kinder vorschicken würden, wenn geschossen wird? Aber bei den Palästinensern gilt das als normal, und die Welt nimmt es hin, als gälten da andere Regeln.

Wir sind diesen zynischen Taktiken nicht gewachsen. Wären wir es, würden wir ganze Wagenladungen von Kindern und Jugendlichen nach Sderot karren, um so viele wie möglich den Raketen auszusetzen, sie dann zu filmen und vor den Kameras unsererseits Gewalt zu schreien. Das haben wir aber nicht in uns. Wir schützen unsere Zivilisten, wie auch im Libanon-Krieg, in Bunkern, wodurch weniger Zivilisten ums Leben kommen – was wir dann angekreidet bekommen. Sollen wir uns etwa auf die Straße stellen, wenn Raketen fallen, nur um die Opferzahlen ausgeglichen zu halten?

Ich habe das immer bösere Gefühl, es findet keine grundsätzliche Diskussion statt, wie wir uns in diesem Kampf zu verhalten haben. Es kann einfach nicht angehen, jedesmal wieder in diese Art Falle zu tappen, und tumb Menschen zu töten, weil es von der Gegenseite genauso beabsichtigt war. Daß den Palästinensern Menschenleben nichts gelten, wissen wir. Aber wenn wir doch behaupten, daß sie uns wert sind, wieso haben wir dann auf diese menschlichen Schutzschilde keine andere Antwort?

Der Beschuß Sderots ist nicht ungefährlich und nicht banal, aber in monatelangen Versuchen, ihn durch solche und ähnliche Aktionen in Gaza zu stoppen, hat sich gezeigt, daß das nicht funktioniert. Wir machen uns zum Narren, und noch dazu zu einem Narren mit blutbefleckten Händen. Die Qassams fallen weiter, die Armee schießt weiter, und es gibt kein Ende. Ich bin vielleicht naiv, aber ich hätte von einem Mann wie Peretz wirklich erwartet, daß er sich aus diesem Teufelskreis ausklinkt und auf Provokationen wie diese verkleideten Männer zwischen den Frauen NICHT mit Schießbefehl reagiert. Es ist qualvoll zu sehen, wie kein Funken einer neuen Idee in die Köpfe der Verantwortlichen dringt.

Ähnlich qualvoll wie die Farce mit der UNIFIL-Truppe. Sie bewirkt weniger als nichts, die Hisbollah bewaffnet sich fröhlich weiter, unsere plumpen und wirkungslosen Versuche, das zu verhindern, stoßen weltweit auf Unverständnis, und so ballern, drohen und schmollen wir uns in den Untergang. Mit ihren primitiven Waffen und ihren raffinierten Strategien, die ihrem Ziel (Israel erst zu de-legitimieren und dann zu vernichten – was wollen wohl all diese arabischen Staaten mit Nuklearwaffen…?) alles andere unterordnen, werden die Gegner Israels Erfolg haben. Wir sind zu dumm, zu desorientiert, zu verwirrt, um unsere Prioritäten neu zu sortieren und eine eigene Strategie zu entwickeln.

Wie die aussehen sollte? Wir sollten auf unseren höchsten Wert, nämlich den, Leben zu achten und zu schützen, besser achten. (Was konkret bedeutet: in einer solchen Situation wie der vor der Moschee eben NICHT schießen, sondern statt dessen die Bilder der als Frauen verkleideten Männer mit großem Lärm in aller Welt zeigen – und offiziell dagegen klagen, weil das allen Prinzipien der Kriegsführung widerspricht,- ich würde in Haag dagegen klagen, im Namen und im Interesse der betroffenen Frauen und Kinder). Wir sollten uns überlegen, welche Maßnahmen gegen den Beschuß bisher geholfen haben, und welche NICHT – und die erfolglosen fallenlassen. Und statt immer wieder wochenlang abzuwarten und Beschuß auszuhalten, um dann zu einem brutalen Gegenschlag auszuholen, könnte man ja mal einem anderen Zeitplan folgen und auf jede einzelne Rakete reagieren. Wie reagieren?
Vielleicht bin ich ja wirklich dämlich, daß ich bei der allgemeinen Apathie der Welt gegenüber der Bedrohung unserer Sicherheit und unseres Staates noch auf internationale Hilfe setze, aber ich würde an Olmerts Stelle eine hochkarätige internationale Konferenz berufen, zu der ich auch arabische Außenminister (Jordanien, Ägypten, Qatar etc) einladen würde. UN-Vertreter und Außenminister und Experten. Eine Konferenz mit dem Ziel, eine brauchbare Strategie zu entwickeln, um unsere Grenzen wirklich zu sichern, und nicht nur zum Schein, wie die UNIFIL-Mission. Aber ich würde mir von dieser Konferenz einen Maßnahmenkatalog genehmigen lassen, der alle möglichen Situationen umfaßt, in denen wir uns in den letzten Jahren immer wieder befunden haben. Ich möchte wirklich gern vom deutschen, britischen und amerikanischen Außenminister hören: was haltet ihr für angemessen, wie würdet ihr auf einen Dauerbeschuß der primitiven, doch gefährlichen Qassams reagieren? wie soll Israel reagieren, wenn Frauen, Kinder, Zivilisten als Schutzschilde eingesetzt werden? Dazu gibt es garantiert internationale Richtlinien.

Und wenn diese Maßnahmen nichts nützen? Nun, auch unsere Maßnahmen nützen nichts. Vielleicht müssen wir mit dem Bschuß leben, bis die Palästinenser vernünftig geworden sind und sich mit unserer Existenz abgefunden haben? Kann man das von uns verlangen – können wir das von uns verlangen? Würde ich das, wenn ich in Sderot lebte, für eine diskutable Lösung halten? Und wenn die neueren Kassams und Grads eingesetzt werden? Wo ziehen wir die Grenze? Das ist noch nie richtig kühl durchdiskutiert worden.

Ich habe das Gefühl, wir sind in diesem Schachspiel schon so in die Ecke gedrängt worden, daß wir nun Figur um Figur opfern und doch dem Matt nicht entgehen können. Dieses Abrutschen muß irgendwie verhindert werden. Doch bei Olmert und Peretz sehe ich nur hilfloses Agieren, nur Sorge um ihr eigenes politisches Überleben, nur blindes Weiterwurschteln mit den alten Rezepten (hau drauf, die Toten sind schnell vergessen) ohne Plan für die Zukunft. Die Toten sind nicht schnell vergessen, und es ist das Gewicht dieser Toten, das uns in den Abgrund zieht.

Nein, ich sehe keinen Ausweg für das Land, und deswegen werde ich so schnell mit dem Zeitunglesen wieder aufhören, wie ich damit angefangen habe.

Na da bin ich aber froh November 1, 2006, 21:20

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Primus ist von seiner Klassenfahrt nach Eilat zurück, ganz braun ist er geworden, und toll war es. Er hat einen Sack stinkender Wäsche abgeladen und ist schlafen gegangen…

Ich bin ja bescheuert genug, mir Sorgen zu machen, sobald ich meine Küken nicht mehr piepsen höre – dabei piepst mein Primus ja schon lange nicht mehr, sondern ist ein richtiger stolzer junger Hahn, um die Metapher ans bittere Ende zu treiben.   Als der Junge doch tatsächlich anderthalb Tage nicht von sich hören ließ und sein Handy durchklingelte, wurde ich unruhig. Y. erwischte ihn schließlich und fragte ihn ganz trocken, „wo bist du denn eigentlich genau, ich muß Mama Bescheid geben, die ist nämlich schon nach Eilat unterwegs“, und der Junge rief erschrocken aus, „ja ist die denn wahnsinnig geworden!“ Y. mußte so laut lachen,  daß Primus merkte – SO schlimm ist es auch wieder nicht mit mir. Er konnte sogar mitlachen, meinte aber, „ich würde der Mama das glatt zutrauen“.

Allerdings. Meine Mutter hat zu meiner Zeit Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich ans Telefon zu kriegen, und da gab es noch keine Handies. Wie peinlich Eltern sein können! Aber Hauptsache, der Kerl ist wieder gesund in seinem Bettchen und hat ein schönes Erlebnis hinter sich. Da kann ich ja heute nacht gut schlafen.