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Eine Dienstagsgeschichte November 21, 2006, 17:01

Posted by Lila in Land und Leute.
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Ja, heute war ich wieder unterrichten, und immer habe ich dabei Erlebnisse! In der Pause schob ich an den Dias für die zweite Hälfte des Vormittags rum,  ich bin ja nie zufrieden und optimiere den Fluß von Bild zu Bild bis zum nächsten Moment. Außer mir war nur eine Frau in der Klasse zurückgeblieben, eine der aus Deutschland stammenden Damen, die mein liebstes Publikum sind. Man würde ihr wohl so um die sechzig Jahre zugestehen, weil sie ganz weiße Haare hat und zwar wenige Falten, sie geht auch ganz aufrecht, aber… über sechzig sollte sie schon sein, meint man, wenn man sie sieht. Das ist sie auch, aber gut über sechzig, nämlich fast neunzig Jahre alt. Sie kommt aus einer Stadt im Rheinland, hat einen verschlungenen Weg über Holland und Frankreich hinter sich und viel mehr weiß ich nicht. Übrigens hat sie die Ausstrahlung einer Gräfin aus dem 18. Jahrhundert, ein ganz feines, aristokratisches Gesicht, dabei war sie jahrzehntelang Leiterin des Babyhauses vom Nachbarkibbuz.

Sie meinte versonnen, „was du alles weißt, da staunen wir ja immer, das ist wirklich toll“. Da mußte ich natürlich sofort erklären, daß ich wirklich während einer Stunde oder Unterrichtreihe einiges weiß, aber das sofort vergesse. „Frag mich mal über byzantinische Kunst, die wir vor einem halben Jahr dran hatten, da weiß ich nichts mehr von!“ Nein, nein, meinte sie, „das macht schon einen Unterschied,wenn jemand studiert hat. Mir hat ja leider der Herr Hitler einen Strich durch die Rechnung gemacht“. Das sagte sie ganz ohne Bitterkeit, ein bißchen spöttisch. Ich wollte mehr hören. Wie war das denn genau? „Na ja, ich war an einer sehr guten Schule, aber irgendwann wurde es für uns jüdische Mädchen schwierig. Unsere Klassenlehrerin hielt uns einmal nach der Stunde zurück – die war kein Nazi, das war eine ganz feine Frau, und sie fragte uns, was haben eure Väter im Krieg gemacht? Im Ersten Weltkrieg also. Zwei Mädchen hatten Väter, die Offiziere waren, mein Vater war zwar im Krieg gewesen, aber nicht an der Front. Die Lehrerin hat wohl versucht, Gründe zu finden, uns an der Schule zu lassen, aber bald war klar, das geht nicht, und sie hat uns geraten, an die jüdische Schule zu wechseln. Die gab es, die jüdische Schule, aber meine Schule hatte eigentlich einen besseren Ruf. Meine Mutter ist dann zur Direktorin gegangen, und die hat zu ihr gesagt: wenn ich Sie wäre, würde ich das Kind auf die jüdische Schule tun, bevor das aus Zwang geschieht. Na ja, an der jüdischen Schule war es eigentlich ganz nett, aber viel gelernt haben wir nicht.Alle waren in Jugendbewegungen aktiv und bereiteten sich auf die Auswanderung vor, ich dann auch. Ich habe dann nicht mal die Mittlere Reife machen können, wir sind nach Holland geflohen, dann nach Frankreich. Da mußte ich eine Zeitlang für eine deutsche Behörde arbeiten, als Schreibkraft. Wir sind dann aber auch aus Frankreich geflohen, über die Pyrenäen. Und dann auf Umwegen nach Palästina. Im Kibbuz habe ich dann das Babyhaus übernommen, und eigentlich merke ich jetzt erst, daß ich gern studiert hätte, daß mir doch Allgemeinbildung fehlt.  Hätte ich ganz ungestört weiter die Schule machen können, Abitur, wie viele andere, die älter waren, als sie ausgewandert sind… das wäre anders. Aber ich habe die Babies geliebt und auch so mein Leben genossen. Und jetzt sitze ich eben hier und höre dir zu und denke, meine Güte, was sie alles gelernt hat, das hätte ich auch gern gelernt…“

Ja, das sind die Lebensgeschichten, die ich so höre. Sie hat sie mir auf Hebräisch erzählt, nur deutsche Dialoge  oder Worte eingestreut. Auch ich antworte nie auf Deutsch. Es muß sich für einen Außenstehenden komisch anhören, weil wir beide mit unüberhörbarem deutschem Akzent sprechen – wir sprechen über Deutschland – und doch bleiben wir im Hebräischen. Als wäre es zu intim, zu persönlich, in unsere Muttersprache zu wechseln.

Jede solche Geschichte ist ein Mosaikstein des Landes, des Volks. Ich bin froh, daß es mir vergönnt ist, sie zu hören, und ich schreibe sie auf, auch wenn sie klein, banal, unwichtig klingen. Diese feinen, stillen Damen in ihren pastellfarbenen Strickjacken, die ihr Leben lang im Kibbuz gearbeitet haben, obwohl ihre Jugend so bürgerlich und deutsch wie möglich  war – irgendwann wird ihre Stimme nicht mehr zu hören sein. Deswegen schreibe ich hier vieles auf, was ich noch höre.

Und: ja, mein Gatte Schlaufuchs hat den Laptop wieder ans Laufen gebracht, und die geretteten Dateien sind installiert, mein Desktop ist wieder grau, meine Docks funktionieren und alles ist wieder so, wie ichs zum Arbeiten brauche. Die einzigen Dateien, die wir nicht mehr retten konnten, sind Email, Terminkalender und Adreßbuch. Das bedeutet, daß ich bei Null anfange, aber das macht eigentlich nichts, denn irgendwann muß man doch mal viel löschen. Und das habe ich jetzt eben getan.  Der destruktive Charakter ist ja bekanntlich jung und heiter – ganz so jung bin ich nicht mehr, aber reinen Tisch machen, das macht immer noch Spaß.

Kommentare»

1. JenJen - November 21, 2006, 18:13

Liebe Lila,
auch meine Oma hätte gern studiert, auch ihr hat man einen Strich durch die Rechnung gemacht, der Krieg und diese ganze Situation… obwohl sie Deutsche war. Meine Mom sagt heute noch, sie wäre gerne Lehrerin geworden, wie ich das vorhabe…
und DU erlebst es tiefer, verschlungener und echter… diese Geschichten in diesem Land, mit Menschen, die manchmal auch aus Deiner, unserer Heimat kommen. Das erinnert mich an ein Buch, welches ich gerne mal lesen würde: Meine Sprache wohnt woanders! Manchmal hab ich das Gefühl, meine Seele wohnt bei euch in Erez Jisrael!

Shalom!

2. Lila - November 21, 2006, 18:31

Das stimmt natürlich, auch meine Oma konnte nicht mal die Schule zu Ende machen, weil sie Geld verdienen mußte – ich wollte bestimmt nicht sagen, daß nur jüdische Deutsche ihre Lebensplanungen umgeworfen sahen. Doch dazu kamen dann noch Diskriminierung,Verfolgung, Bedrohung und Ermordung, die über das bloße Bedauern, intellektuelles Potential nie richtig genutzt zu haben, hinausgehen. Es war im Rückblick der fast 90jährigen Frau EIN Aspekt, der ihr heute auffiel und einfiel. Ich habe sie nicht gefragt, was aus ihrer Familie geworden ist, ihren Schulfreundinnen…. und was aus dem Nazi geworden ist, bei dem sie in Frankreich im Büro arbeiten mußte, weiß sie selbst nicht.

Jedenfalls bin ich nicht die einzige Deutsche in Israel, die besonders von der Verbindung beeindruckt ist, die sich zwischen uns und diesen alten Menschen herstellt. Wer mal Volunteer in einem Kibbuz war oder Zivildienst in einem Altersheim in Israel geleistet hat oder einfach mit alten Jeckes ins Gespräch gekommen ist,weiß vermutlich, was ich meine…

3. JenJen - November 21, 2006, 22:11

Hey Lila,
ich dachte auf keinen Fall, dass Du sagen wolltest, nur Juden hätten nicht die Möglichkeit gehabt…
nein, so hab ich das überhaupt NICHT verstanden!
Mir ist nur die Sache mit meiner Oma so nebenbei eingefallen.

Ja, EIN Aspekt, neben diesen anderen, mit Sicherheit sehr schmerzhaften Erfahrungen. Man kann sich das als 24jährige Studentin wohl bei Weitem nicht vorstellen!

Und es ist schön, dass Du diese Geschichten aufschreibst.

Heute morgen war ich (aus Zufall!?) an der Kölner Synagoge und immer wenn ich dort diesen riesigen Davidstern in den Himmel ragen sehe und die hebräischen Letter zu entziffern versuche…

da hat mich Dein Eintrag heut besonders berührt…

mehr nicht!

4. Lila - November 21, 2006, 22:20

Ja bis du denn am Hebräisch am lerne? dat hann isch net so verstonne in denge Blogdingens.

Jrööß naa Kölle.

5. JenJen - November 21, 2006, 22:27

Hab „Bibelhebräisch 1“ bei den katholischen Theologen gemacht (weils umsonst war). So war das! Ich kann also nur mit Pünktchen und erst nach 10 Jahren irgendwas entziffern, weiß abba dann noch net, wat ich da gelesen hab. 😉
Würde gern mehr verstehen… muss mal vorbei kommen!
Tja, und ich mag Umschrift nicht…
Lehitraot sieht einfach dumm aus (ich liebe die Schriftzeichen!!!)

6. Schorschi - November 22, 2006, 5:19

Ja, das ist ein seltsames Phänomen, daß meist in der Landessprache gesprochen wird, wenn sich zwei Exilanten im Ausland begegnen.

Am vergangenen Sonntag bin ich hier in Clearwater, Florida beim „Diabetes Challenge“ mitgefahren, einer Fahrradtour, um Spenden für die Diabetesforschung zu sammeln. An einer der Raststellen hat mich eine Mitfahrerin, ältere Dame, auf mein schwarz-rot-goldnes Fahrradtrikot angesprochen, auf dem vorne und hinten zwei Bundesadler prangen und auf der Brust „Germany“ steht.

War etwas überrascht, als sie erfuhr, daß ich Deutscher bin. Hat mir dann erzählt, wie sie nach dem Krieg als 12-jährige aus Leipzig über Berlin nach Belgrad mit der Familie geflohen ist und schließlich bei einer Tante in den USA gelandet ist.

Auch alles auf Englisch.

Tja, seltsam.

7. arabrabenna - November 22, 2006, 12:11

Liebe Lila!
Danke für diese Geschichten! ISie berühren mich sehr! Ich lese sowieso am liebsten Lebensgeschichten, dafür lege ich jeden Roman zur Seite. Da gibt es Geschichten, die kann sich niemand ausdenken, so verrückt sind die.
Und dann „tröstet“ mich die Geschichte auch, weil auch ich nicht studiert habe. Bin als Pfarrerstochter in der DDR aufgewachsen und da war es mit dem Studieren auch nicht so leicht. Allerdings hätte ich damals ungern diesen Weg eingeschlagen, weil man sich so viel rotes gesülze anhören mußte. Hat mir so schon in meiner Ausbildung zur Krippenerzieherin gereicht. Die meisten Stunden hatten wir in Marxismus/Leninismus, in Psychologie bekamen wir als erstes zu hören, daß der Mensch keine Seele hat und in Pädagogik lernten wir die sozialistischen Erziehungsziele kennen und zu analysieren. Nett, nicht?

8. Eva - November 22, 2006, 12:53

Hallo Lila –
bis vor einiger Zeit war es ein grosser Wunsch von mir mit einem „Jecke“ ueber sein/ihr Leben zu sprechen und eben eine wirkliche Geschichte hoeren. In der Zeitung von Ahuzat Poleg las ich von den Berichten einiger Menschen, die nach Jahrzehnten des Schweigens sich jetzt den Fragen ihrer Enkel stellen. Ein Artikel bleibt mir in Erinnerung, der im Grunde nur beschrieb, wie unendlich schwer es ueberhaupt war, sich auf die Erinnerungen und Emotionen einzulassen und sich in diese schreckliche Zeit zurueckzuversetzen. Da erst verstand ich was es fuer denjenigen wirklich bedeutet, sich auf die „dunkle Seite“ zu begeben und wieviel Kraft es erfordert.
Ich bin sicher, dass es auch Menschen gibt, die leichter und oefter darueber erzaehlen, wenn sie es vermoegen, und vielleicht treffe ich ihn/sie ja irgendwann mal. Doch kann ich jetzt viel besser verstehen, dass es einige nicht tun und auch evtl. aus diesem Grunde nicht deutsch sprechen moechten.

9. bandora78 - November 22, 2006, 14:19

Hmm, ich lebe auch in Israel und habe oft die Erfahrung gemacht, dass diese Menschen sich freuen, mal wieder in ihrer Muttersprache reden zu koennen…
Was mich immer wieder erstaunt, ist, dass ich nie Vorwuerfe von diesen Menschen hoere, weil ich Deutsche bin.
Die kommen hoechsten von den jungen Menschen, die den Holocaust gar nicht miterlebt haben…

10. Lila - November 22, 2006, 15:28

Ja, ist das nicht irrsinnig??? Bandora, ich habe immer schon dieselbe staunende Entdeckung gemacht. Die einzigen Israelis, die was gegen Deutsche haben, sind meiner Erfahrung nach entweder zu jung oder aber von edot ha misrach, also orientalischer Herkunft – da hoere ich manchmal kleine Spitzen. Aber von Ueberlebenden? Habe ich nur Freundlichkeit erfahren.

Uebrigens, liebe Eva, gehoeren zu einer Lebensgeschichte auch noch andere Sachen als nur die eisenharten Erlebnisse, die sich wie eine Hoellenfahrt anhoeren und auch fuer den Zuhoerer unglaublich hart sind. Man ist nach so einem Gespraech wie ausgewrungen. Aber auch die kleinen, weniger schweren Dinge, wie Schulalltag, Freundschaften, Neuanfang in Israel etc sind alles Geschichten, die nicht verloren gehen duerfen.

Eine Schwierigkeit mit den Enkeln ist, dass nach so vielen Jahren des Schweigens bei ihnen manchmal gar kein Interesse dabei ist. Oder dass die dazwischen stehende Generation kaum mit diesem Dialog, der sie ja ueberspringt!, klarkommt.

Die Probleme sind vielfaeltig. Was immer wir als engagierte Einzelpersonen leisten koennen, um die Last der Vergangenheit wenigstens durch empathisches Mithoeren fuer Momente ein winziges Bisschen ertraeglicher zu machen, das sollten wir tun.


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