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Tagesthema November 20, 2006, 21:01

Posted by Lila in Land und Leute.
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Normalerweise kriege ich, wenn ich den Kopf im Buch oder Computer habe, von nichts was mit (…und da könnense misch für aangucken!). Doch heute merkte selbst ich ein seltsames Summen in der Luft. Iran, Iran, Iran. Die Bedrohung wächst, niemand wird etwas dagegen unternehmen, das ist klar. Wie ernst sind die Drohungen? Leider haben wir keinen Anlaß, Drohungen als reine Rhetorik auf die leichte Schulter zu nehmen, allzu viele wurden schon wahr. Die Aussichten sind schlecht, so oder so. Ich mag mir nicht ausdenken, was passiert, wenn die iranische Regierung wirklich mit der Atombombe in unsere Richtung wedelt. Aber auch die Aussicht eines israelischen Schlags läßt hier niemanden jubeln. Alle, die ich heute darüber diskutieren hörte, sprachen mit Graus und großer innerer Unruhe. Die Gerüchteküche brodelte heute, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe. Allerdings waren keine wirklich zuverlässigen Quellen dabei, aber die allgemeine Stimmung – miserabel.

Eigentlich ist das Image des iranischen Volks nämlich recht gut in Israel. Die iranischen Juden, mit ihrem wunderbaren, charakteristischen Akzent, rechnen den Iranern hoch an, daß sie dort vergleichsweise gut behandelt wurden. Zwar sind dort nicht mehr viele Juden übrig, aber z.B. Esthers Grab wird dort gut gehalten und gepflegt, was ebenfalls von Israel sehr gewürdigt wird. Sollte es zu einer Auseinandersetzung zwischen Israel und Iran kommen, wäre hier wohl niemand froh darüber. Aber ich glaube nicht, daß Ahmenidijad Vernunft annehmen wird, unsere Existenz akzeptieren wird und einfach Ruhe aus der Richtung herrschen wird.

Ich glaube, es stellt sich in Deutschland keiner vor, was hier los wäre, wenn die iranische Regierung uns die Hand reichen würde. Ich versuche ja immer zu erzählen, daß wir keinesfalls vor Haß zitternde tollwütige Hunde sind, verweise auf Hoders Besuch in Israel (der von der Herzlichkeit, mit der er aufgenommen wurde, beeindruckt wurde – desto mehr fiel ihm der einmalige muffige Empfang auf, der ihm irgendwo begegnete, finde jetzt den Link nicht mehr, aber Hoders Blog ist immer lesenswert, sucht selbst!), erzähle vom Tod des marokkanischen Königs, und wie marokkanische Einwanderer vor der marokkanischen Botschaft Kerzen anzündeten und ganz versöhnlich vom guten König erzählten. Einwanderer aus aller Welt leben hier, manche haben bittere und harte Erinnerungen an die Behandlung, die den Juden widerfuhr, andere dagegen warme und freundliche Erinnerungen. Djerba war möglich, die friedliche Koexistenz von Juden, Christen, Moslems (gerade darum war der Anschlag in Djerba ja so barbarisch). Und ich habe auch schon oft erzählt, mit welchem Respekt und welcher Rührung wir alle den Flug des jordanischen Königs Hussein verfolgten, der selbst sein Flugzeug durch den israelischen Luftraum steuerte, von einer Ehrengarde unserer Luftwaffe begleitet, und über Funk uns grüßte. Uns! Unser ehemaliger Feind. Das war ein Moment, an den man sich noch lang erinnert.

Ich würde so gern, so gern unsere Zukunft als Staat von solchen Gesten und Gefühlen begleitet sehen (und JA, ich weiß, daß Politik nicht nur aus Gesten und Gefühlen besteht – und doch ist ihr Anteil vielleicht größer, als manche glauben). Der Glaube daran, daß das eines Tages geschehen wird, trägt mich durch – und Ruth hat natürlich recht, wenn sie mich auf den Boden der Tatsachen zurückholt, aber auch ich habe ein bißchen recht. Ohne die Vision der Versöhnung ist die Gegenwart nicht auszuhalten. Besonders, wenn so viel bedrückte Ausweglosigkeit in der Luft liegt wie in Hinblick auf Iran, die Atombombe und den Gebrauch, der diese Bombe zugeführt werden soll.

Kommentare»

1. saxanasnotizen - November 20, 2006, 22:17

Als ich Kind war beobachtete ich die Erwachsenen im Jahr 1945, kurz vor Ende des Krieges, wie sie angstvoll einander fragten: Werden sie die Bombe werfen oder nicht?
Es machte mir große Angst, denn ich konnte das bevorstehende Unheil im Fall des Fallens der Bombe fühlen. Dann hieß es plötzlich: Der Krieg ist zu Ende.
Das passt zwar nicht gerade hier zu Ihrem Blog, aber trotzdem erinnerte ich mich beim Lesen Ihrer Zeilen daran. Vielleicht endet es bei Euch auch so glimpflich, wie damals bei uns?

2. Piet - November 20, 2006, 22:18

Ist denn die Meldung, dass Iran eben _kein_ A-Bomben-Programm hätte, schon wieder vom Tisch? -> http://www.tagesspiegel.de/politik/nachrichten/atomkonflikt-iran/81388.asp und -> http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,,OID6111378_REF1,00.html
Ich glaube Nachrichten zwar inzwischen prinzipiell nicht mehr so schnell, denn behauptet wird vieles, wenn es politischen Nutzen verspricht, aber zumindest ist das mein letzter Stand.

Ich wundere mich nur über den Zeitpunkt der Gerüchte, da die Nachrichten doch von gestern sind?

3. Lila - November 20, 2006, 22:21

Wir wollens hoffen. Obwohl ich so oder so kein glimpfliches Ende für uns sehen kann – wir sitzen einfach auf die Dauer am kürzeren Hebel, sind zu wenige gegen zu viele, und gegen die geballte Macht der arabischen Staaten, reiche und arme, kommen wir nicht an. Mit unserem lächerlichen Streifen Land, der sich vom Hügel unseres Kibbuz ausmessen läßt – im Osten liegt Jenin hinterm nächsten Hügel, im Westen, etwas weiter weg, das Mittelmeer. So oder so – wie lange können wir uns gegen die Flut stemmen (vor allem, wenn unsere politische und militärische Führung nicht gerade vertrauenerweckend agiert?) Doch das sind langfristige Sorgen. Kurz- und mittelfristig, Dein Wort in Gottes Ohr.

4. Lila - November 20, 2006, 22:49

Ja, seltsam, Piet, da stimmen die Berichte wirklich nicht überein, obwohl auch Haaretz Hersh zitiert, http://www.haaretz.com/hasen/spages/790200.html

Auf diese Diskrepanzen mag sich ein anderer Schreiber werfen, ich bin müüüd. Wer weiß, was stimmt. Jedenfalls sind wir in Israel aus unerfindlichen Gründen geneigt, Drohungen ernstzunehmen.

Ich habe jedenfalls heute definitiv allgemeine Besorgnis registriert – und Gott sei Dank, niemand redet mehr von Katsav, she-yamshich kacha.

5. Lila - November 20, 2006, 22:54

Und natürlich hat sich der kluge Mann schon gefunden, der sich Gedanken darüber gemacht hat,
http://blog.tagesspiegel.de/flatworld/eintrag.php?id=299#trackback

Vielleicht hat Bush sich einfach heute oder gestern zu deutlich anmerken lassen, wie gern er eine Wiederholung von Osirak sähe – dabei kann ich mir im Moment kaum ein böseres Szenario ausdenken als einen israelischen Angriff auf den ohnehin sehr geschützten Ort der angeblich angeblichen Atomwaffen-Werkstatt.

6. StefanHH - November 20, 2006, 23:11

Naja, nach dem Bericht des Journalisten Hersh steht nur fest, dass die CIA bisher keine Beweise dafür hat, dass es ein parallel zur friedlichen Nutzung der Kernkraft laufendes Atombombenprogramm des Iran gibt. Das bedeutet nicht, dass es so ein Programm nicht gibt. Und wenn ich mir die Äußerungen von Ahmenidijad anhöre, mache ich mir trotz des CIA-Berichts Sorgen um Israels Zukunft.

Ich bin absolut dagegen, dass dem Iran auch nur die Möglichkeit gegeben wird, Atommacht zu werden. Bevor jemand unter Hinweis darauf, dass auch Israel Atomwaffen besitzt, die absurde Frage stellt, was an einem nuklear bewaffneten Iran so schlimm wäre: Israel droht nicht mit der Auslöschung des Iran oder anderer arabischer Staaten, der Iran aber fordert momentan die Auflösung (zurückhaltend formuliert) Israels.

Und, Lila, Israel hat bereits so lange durchgehalten. Irgendwann wird es besser werden und Israel in Frieden mit seinen Nachbarn leben können. Ich weiß, ich bin ein ziemlicher Optimist.

7. vered - November 20, 2006, 23:14

Lila, denkst du wohl an die Folge von Einträgen, die Lisa Goldman in ihrem Blog On the face (http://ontheface.blogware.com/) über ihre Treffen mit Hossein Derakhshan aka Hoder schrieb? Der erste Eintrag hiess

A Muslim Iranian visits Tel Aviv: Big deal or not a big deal?
by Lisa Goldman on Wed 25 Jan 2006

Er bringt auch Links zu weiteren Verbindungen, die Hoder in Israel knüpfen konnte.

Am 12. November hat sie übrigens dir einen ganzen Eintrag gewidmet. Nachlesen!

8. Piet - November 20, 2006, 23:32

Ach du meine Güte, mina… Jaja, der/die taucht in den Kommentaren zu BT-Artikeln immer wieder auf. :-/

9. Carsten - November 20, 2006, 23:44

Es ist schon ne Krux: Da hat eines der Länder mit der modernsten Gesellschaft (man denke nur an die elegante Lösung mit der Stundenehe!) im (muslimischen) Nahen Osten einer der unangenehmsten Regierungen weltweit. Und die ist sogar so dreist, einen Nachbarn entweder gleich dem Erdboden gleich machen zu wollen oder ihn zumindest etliche tausend Kilometer weiter verpflanzen zu wollen.

Nein, an Israels Stelle wärs mir auch nicht angenehm, wenn der Ahmadinedschad seine Finger an irgendwelche großen, roten Knöpfe kriegt. Denn vielleicht sind seine Drohungen mehr als die Vermischung von Innen- und Außenpolitik, mehr als die Konditionierung des eigenen Volkes gegen einen äußeren Feind. Man kanns nicht riskieren – es steht zuviel auf dem Spiel.

10. Lila - November 20, 2006, 23:45

Ja ja, genau.Ich wäre ja damals vor Neugierde und Interesse fast bis ins große, wilde Tel Aviv gefahren, um bei einem der Treffen dabei zu sein – dann haben aber doch häusliche Pflichten und dumme Ausreden gesiegt. Das tut mir jetzt leid.

Und an ihrem Eintrag siehst Du nur, daß sie eben kein Deutsch kann… und daß sie von Bert ÜBELST indoktriniert wurde. Heidad, Nachbar Bert! (Schade, daß Bert pausiert, ich liebe sein Blog http://yonathanbert.blogspot.com/. Aber er hat ein Baby, das geht natürlich vor.)


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