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Lang erwartet, November 17, 2006, 9:23

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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nicht gerade heiß ersehnt, da sind sie nun endlich: zwei Bände Zahlen und Worte, einer in hellblau, der andere in hellgrün gebunden. Überschrift: Entwurf einer Reform des Kibbuz – für Wachstum und Wohlstand oder so. Als wollten sie gewählt werden, die Schreiber, dabei steht der Plan zur Wahl. Drinnen steht genau, wie viel wir nun abgeben müssen, was vorher der Kibbuz bezahlt hat, eine endlose Kolonne, die selbst meinen kaltblütigen Ehemann verschreckt hat. Und dabei verdienen wir noch recht gut, was machen Leute, die nur ein Mindesteinkommen haben?

Tja, das wollten sie, die lieben Mit-Kibbuzniks: leben wie in der Stadt. In der Stadt hat alles seinen Preis. Die alte Geschichte „mir steht aber dies und das zu“ oder „wenn Shlomi und Romi sowas haben, warum dann ich nicht? ich bin schon ein halbes Jahr länger hier!“, das ist vorbei (und es waren ja immer dieselben, die mit ihren Ansprüchen die Gemeinschaft in den Wahnsinn trieben). Stadt wollt ihr, Stadt kriegt ihr. Kibbuzniks sind es gewöhnt, daß umsonst tropfende Wasserhähne, streikende Drucker und platte Fahrräder repariert werden. Die Yossis, Avis und Meirs, die sich darum kümmern, werden vom Kibbuz bezahlt. Im Januar, wenn dieser Plan durchkommt, ist das vorbei, und Yossi, Avi und Meir werden anfangen, Rechnungen auszustellen. Die naive Vorstellung, daß die Leute in der Stadt Geld in rauhen Mengen haben, weil sie ja ihr Gehalt direkt bekommen, während das unsere an den Kibbuz geht. Ja ja, aber der Kibbuz übernimmt dafür unsere Steuern, Krankenkasse, Zahnarztkosten, Praxisgebühren, Schulgelder, Strom, Miete, Benzinkosten… unterm Strich werden wir alle durch die Privatisierung ärmer. Wenn das den Kibbuz vorm Ruin bewahrt, adraba. Aber ich glaube, die Leute haben sich das anders vorgestellt. Ich nicht, ich verstehe zwar nicht viel von Geld, aber ich komme von draußen und weiß, daß die gebratenen Gänse nun mal nicht in dichten Formationen fliegen.

Eines aber brachte meinen Mann zum Schmunzeln. „Guck mal“, meinte er, „wer diese Heftchen rausgegeben hat, der ist entweder sehr naiv oder sehr zynisch.“ Und er wies auf die alten Verse, die vorne auf der Titelseite prangen:

אז איך עושים קיבוץ

לוקחים ותיק חלוץ

ועץ אחד קטן ירוק

וכוכב נוצץ רחוק

עם חלום אחד גדול

וזה עוד לא הכל

וזה עוד לא הכל

wie macht man einen Kibbuz?

man nehme einen Vatik-Chalutz (Pionier)

einen kleinen grünen Baum

einen funkelnden Stern, ganz fern

und einen großen Traum

und das ist noch nicht alles,

das ist noch nicht alles….

Dieser alte Kibbuz-Hit paßt auf diese Hefte wirklich wie die Faust aufs Auge.

Denn dieser Traum vom Kibbuz wird schon lange von einer Mehrheit nicht mehr geträumt. Bis vor ein paar Jahren war es wirklich noch so, daß kein Zusammenhang zwischen Arbeit und Einkommen bestand. Jeder chaver kibbuz (also jedes gewählte Mitglied der Gemeinschaft – niemand ist automatisch Mitglied, sondern muß dazu erst von der VV gewählt werden) bekam sein persönliches Budget, den sogenannten takziv ishi.

Der takziv setzte sich aus allem zusammen, was man nach Berechnung des Kibbuz so braucht: Grundeinkommen, für alle gleich (Singles bekamen das anderthalbfache Grundeinkommen, weil sie in vieler Hinsicht dieselben Grundbedürfnisse haben wie Paare), und zusätzlich feststehende Summen für Kleidung, Berufskleidung (nach Bedarf), Schuhe, Möbel, Reisen… und für jedes Kind ebenfalls eine Summe, nach Alter gestaffelt. Dazu kamen kleine Zuschläge für Länge der Zugehörigkeit zum Kibbuz (vetek), für Frauen („Hygiene und Kosmetik“), und noch alles mögliche andere.

Das Essen war umsonst. Der Dining room und die Küche waren offen, die Kühlschränke mit Milch und der Brotschrank ebenfalls. Im Laden waren alle Grundnahrungsmittel (Gemüse, Milch, Mehl, Zucker, Öl…) und Grundbedürfnisse (Seife, Shampoo, Zahnpasta…) umsonst, alles andere sehr billig. Wäscherei war umsonst, Flickdienst für Klamotten, Kosmetikbehandlung, Fußpflege, Friseur, alternative Klinik… war für Kibbuzniks alles umsonst. Das hat sich geändert, wir zahlen im Dining room und im Laden, und auch in all den anderen „Service-Zweigen“.

Doch manches blieb umsonst. Miete zahlt ein Kibbuznik nicht, Strom, Wasser, Gas, Medikamente, alles auf Kosten des Kibbuz. Die Autos gehören dem Kibbuz, der sie unterhält, wäscht, repariert, die Versicherung bezahlt und die Benzinkosten an der kibbuz-eigenen Tankstelle subventioniert. (Inzwischen sind es geleaste Autos, eine große Flotte, die regelmäßig ausgetauscht wird – Autos aller Größen, so daß man sich mal einen großen, mal einen fixen kleinen Wagen nehmen kann, je nach Bedarf). Der Kibbuz bezahlt unsere Steuern (und ich dürfte eigentlich nicht gegen Siedler eifern, weil auch wir steuerliche Vergünstigungen haben, die uns Städter sehr übelnehmen), unsere Gesundheitsvorsorge, die teuren Kindergärten und unsere Privatschule, das Internat und die Teilnahme an Aktivitäten der Jugendbewegung, Kurse, Studiengebühren – alles, alles wird aus der gemeinsamen Kasse gezahlt, und der einzelne Chaver so weit wie möglich entlastet. Das Prinzip, das dahinter steht, heißt aravut adadit, „gegenseitige Verantwortung“ oder „Bürgschaft“.

Ich habe schon oft erzählt, daß ein neu geborenes Kind als Kind des ganzen Kibbuz gefeiert wurde – die Leiterin des Babyhauses baute für Mutter und Kind einen großen Geschenketisch auf, der außer Bett und Wagen (Leihgaben) auch Kleider, Betttzeug, ja sogar Schnuller, Flaschen, Babykosmetika und jede Menge anderer Sachen umfaßte, dazu auch kleine Geschenke für die älteren Geschwister. Auch bei Trauerfällen stehen sofort die Mitglieder der vaadat hanzacha, des Gedenkkommittees, auf der Matte, um der trauernden Familie die Bewirtung der Gäste, allen Formalkram und was sonst noch gebraucht wird abnehmen. Jeder ist für die anderen mit verantwortlich. Man bildet Fahrgemeinschaften, spricht sich ab, das ist noch immer so.

Der Kibbuz sorgt auch dafür, daß seine Mitglieder in bestimmten Läden bessere Preise oder Rabatte kriegen, ach, so viele Vorteile, die ein Kibbuznik hat. Es wundert mich nicht, daß jeder Kibbuznik automatisch den Zusatz „Kibbutz So-und-so“ nach seinem Namen nennt, „Yossi aus En haBalagan“, während Städter seltener sagen, „Yossi aus Petach Tikva“. Außerdem hören andere Kibbuzniks schon am Namen, was für ein Kibbuz das ist – ein echter alter Sozialisten-Kibbuz der ersten Stunde so wie unserer, oder so ein Wischi-Waschi-Kibbuz der Arbeiterpartei (Vorsicht, Ironie). Na ja, Israelis kennen sich ja sowieso untereinander, aber Kibbuzniks noch mehr. In allen Lebenslagen habe ich schon Wildfremden erzählen müssen, „wie es eigentlich der Zilla geht“, „was der Giora heutzutage macht“, und habe hinterher Grüße ausrichten müssen, „von Shlomit, mit der du in den 1950ern in Gvulot gearbeitet hast“. Auch mein Mann meldet sich automatisch am Telefon mit Vornamen und Kibbuznamen, das ist wichtiger als der Nachname in dieser vornamen-nennenden Welt Israel.

Tja, das war der alte Kibbuz. Irgendwann wurden wir vom Privatisierungs-Virus befallen (hafrata, vor prati, privat). Zeitungen wurden nicht mehr bestellt, sondern abonniert, im Dining room wurden Kassen aufgestellt, ja sogar für Kondome und Tampons, die vorher umsonst in einem Schrank in der Wäsche-Verteilung zu haben waren, mußte bezahlt werden. (Oh, welche Diskussionen es darum gab!!!) Und jeder Kibbuznik bekam einen Anteil seines Einkommens (15% des Nettogehalts) auf den takziv aufgeschlagen. Der alte takziv shivioni, der gleiche takziv, der war damit kaputt. Manche Leute hatten nur den takziv, weil ihr Einkommen niedrig war, andere hatten einen kleinen Zuschlag, andere wiederum, die ein hohes Einkommen hatten, merkten die 15% richtig nett. Es reicht, durch den Kibbuz zu spazieren, um diese Unterschiede zu sehen. Manche haben ihre Häuser nett oder protzig, je nach Geschmack, um- und ausgebaut, andere wohnen nach wie vor in der bescheiden-praktischen Bauart des originalen Kibbuz-Hauses.

Und dieses Zwischending wird nun also endlich endlich, von manchem lang erwartet!, abgeschafft. Wir marschieren fröhlich auf die komplette hafrata zu, die vollkommene Privatisierung. Wir müssen für alles selber zahlen, von unserem Einkommen, wie Leute in der Stadt. Nur eine Grundsteuer für die Bedürfnisse der Gemeinschaft, mass kehilla, müssen wir zahlen. Damit fällt jeder Grund für gegenseitige Verantwortung weg. Wenn ich Quartas Reitstunden selbst bezahlen muß, was kümmert mich dann, ob meine Nachbarn genug Rente zum Überleben haben, nicht wahr? Jede Schicht denkt nur noch daran, wie sie aus der Gemeinschaft höhere Abgaben für ihre eigenen Bedürfnisse zwackt. Die jungen Eltern verlangen Unterstützung für die enorm hohen Kosten der fabelhaften Kinderbetreuung (die ja für uns bisher umsonst waren, während Eltern aus Yokneam sich krummlegten, um ihre Kinder bei uns erziehen zu lassen), die Rentner dagegen wollen die Grundrente aufgestockt sehen, chronisch Kranke wollen die Selbstbeteiligung bei Medikamenten abgeschafft sehen, und so weiter.

Die Arbeit an diesem Grundlagenpapier hat lange gedauert, und mehrere Kommittees haben daran gefeilt. In diesen Kommittees sind Vertreter aller Altersstufen beteiligt, und jedes Mitglied konnte daran teilnehmen. Es war kein Geheimnis, was uns bevorstand. Wir persönlich, das muß ich betonen, gehören auch durchaus nicht zu den Verlierern. Im Gegenteil, zynisch gesagt könnten wir froh sein, daß unsere Kinder aus dem Gröbsten (sprich Teuersten) raus sind, daß der Kibbuz uns unsere Studien gezahlt hat, die daraus resultierenden diskutablen Einkommen aber jetzt direkt zu uns fließen sollen – der Kibbuz hat unser Haus renoviert und wir werden plus minus dieselbe Summe zum Leben haben wie vorher. Für andere Leute ändert sich viel mehr: die Leute, die kein hohes Einkommen haben.

So wie meine liebe, kluge Schwiegermutter, die ihre eigenen Pläne immer wieder zurückstellte – nicht wegen der Familie, sondern für den Kibbuz. Wann immer sie um eine Ausbildung bat, hieß es, „arbeite erst mal zwei Jahre im Kindergarten“ oder „die Diätküche braucht dich, warte noch“. Und sie, gutmütig wie sie ist, wartete eben. Als sie dann endlich drankam und ihre Ausbildung machte, konnte sie in ihrem Beruf nur ein paar Jahre arbeiten, dann wurde der Zweig geschlossen, und sie stieg woanders ungelernt ein. sie macht ihre Arbeit sehr, sehr gut, aber eine andere Frau, die es gelernt hat, ist die Chefin. Meine Schwiegermutter erhält somit nur Mindesteinkommen, und auch mit den Zuschlägen, die der Kibbuz solchen Fällen zahlt, wird sie knapsen. Das ist total ungerecht, denn von dem Geld, das sie erarbeitet hat, sind unsere Studien bezahlt worden – und deswegen war ich von Anfang an dagegen. Natürlich denken die meisten Leute nicht so wie ich und machen sich wenig Gedanken wegen Ungerechtigkeiten, die ihnen persönlich zum Besten ausschlagen – aber ich bin nun mal als echter INFJ damit geschlagen, auch solche Ungerechtigkeiten schlecht ertragen zu können.

Es wird uns nichts helfen. Die Monate November und Dezember werden jede Woche in der VV einen anderen Themenkomplex diskutiert sehen, obwohl die Zeit kaum reicht. Wer die Heftchen durcharbeitet, so wie mein Mann, kann sich entweder an Pfennigbeträgen aufhalten (wieso ausgerechnet 120 Shekel für Medikamente zahlen? wieso nicht 100 oder 150?) oder das dahinterliegende Prinzip beseufzen. Er hat sein Leben lang umsonst für die Gemeinschaft alles mögliche geleistet (angefangen bei seinen 17 Jahren als Leiter der Tontechnik, was Beteiligung an allen Ereignissen des Kibbuz bedeutet, die ein Mikrofon erfordern – und das sind Dutzende pro Monat!), und es widerstrebt ihm, daß nun auf allem ein Preisschild klebt.

Ich habe nicht aktiv mitgewirkt an den Veränderungen. Ich habe mich in die Idee der aravut adadit verliebt und kann nur hoffen, daß die Veränderungen einen friedlichen Schlußpunkt unter endlose Diskussionen bedeuten. Die alte Frage „was hat die Yuchzi für mich getan, daß ich ihr nun den Rollstuhl finanzieren muß?“, immer wieder gestellt von denen, die überzeugt sind, daß allein IHRE Arbeit alle anderen am Leben erhält… die kann nun endgültig zu den Akten gelegt werden. Das alte Lebensgefühl, da geht es dahin. Ich bin froh, daß ich es wenigstens gebloggt habe. Vielleicht ändert sich ja auch nicht SO viel, die Veränderungen sind ja teilweise schon da.

Doch ich halte es immer schon mit dem alten Mr. Woodhouse, der mit Lady Bertram zu meinen Lieblingsfiguren im Austen-Universum gehört. Why do things have to change? I wish they wouldn´t.

Kommentare»

1. graphodino - November 17, 2006, 17:01

Hallo, Guten Tag, Grüß G… , sorry,

Hm. Die Frage kommt jetzt bestimmt zum 345. Mal: hat man sich denn im Großen und Ganzen an dieses „je nach Bedarf“ auch gehalten?

Das war die „kleine Frage“. Die „große Frage“: gibt es denn noch irgendwo lebenswerte Alternativen zum allgemeinen Marktbummel? Ich dachte immer (da bin ich vermutlich wiederum der 345., der das denkt), die Kibbuzim wären so eine der letzten Bastionen einer, sagen wir: freundlicheren Welt (?)

Es darf gelacht werden.

Eigentlich aber alles nur irgendwie zum Heulen…

Freundliche Grüße vom

G. (trauerunfähig)

2. Lila - November 17, 2006, 17:14

Ja, im Großen und Ganzen hat das funktioniert, teilweise mit recht brachialen Mitteln (hab ich gerade heute eine Filmkritik
http://www.israelnetdaily.com/feed_content.php?feed=33085
zu gelesen, bei Interesse evt. lesenswert, obwohl der Film natürlich sehr, sehr kritisch mit dem Kibbuz umgeht – und zu Recht, es gab Leute, die sehr gelitten haben).

Ich wüßte selbst gern, welche Alternativen es gibt – und ich glaube, eine bessere als Kibbuz finde ich auch heute nicht. Vielleicht Kloster, so ein Orden wie die Kleinen Schwestern Jesu,
http://www.kleineschwesternjesu.net/index.php/leben/C5
die mir von jeher imponiert haben – und nun kommt bestimmt ein informierter Leser daher und zerstört mir meinen Glauben auch an diese!

Aber wer eben Familienleben, Partnerschaft und individuelle Selbstverwirklichung in einem solidarischen, überschaubaren kleinen Winkel leben will, der ist nach wie vor im Kibbuz gut aufgehoben, wenn auch vielleicht nicht unbedingt in einem so etablierten und relativ wohlhabenden wie unserem. Es gibt durchaus noch junge, kleine, idealistischere Kibbuzim. Na ja, ein paar wird es doch wohl noch geben!

Und zum Deprimiertsein in unserer Welt habe ich ebenfalls heute in einem Interview mit einem amerikanischen SChriftsteller, Cunningham,prägnant-trübselige Worte aus seinem jüngsten Roman gelesen, die ich hier einfach mal zitiere:

„Look around. Do you see happiness? Do you see joy? Americans have never been this prosperous, people have never been this safe. They’ve never lived so long, in such good health, ever, in the whole of history. To someone 100 years ago, as recently as that, this world would seem like heaven itself. We can fly. Our teeth don’t rot. Our children aren’t a little feverish one moment and dead the next. There’s no dung in the milk. The church can’t roast us alive over minor differences of opinion. The elders can’t stone us to death because we might have committed adultery. Our crops never fail. We can eat raw fish in the middle of the desert, if we want to.

„And look at us. We’re so obese we need bigger cemetery plots. Our 10-year-olds are doing heroin, or they’re murdering 8-year-olds, or both. We’re getting divorced faster than we’re getting married. Everything we eat has to be sealed because if it wasn’t, somebody would put poison in it, and if they couldn’t get poison, they’d put pins in it. A tenth of us are in jail, and we can’t build the new ones fast enough. We’re bombing other countries simply because they make us nervous, and most of us not only couldn’t find those countries on a map, we couldn’t tell you which continent they’re on. Traces of the fire retardant we put in upholstery and carpeting are starting to turn up in women’s breast milk. Would you say this is working out? Does this seem to you like a story that wants to continue?“

http://www.haaretz.com/hasen/spages/786930.html

Manchmal scheint mir, wir Menschen sind von Natur aus Kaputtmacher. Deswegen bin ich nach wie vor froh, mein Los in einem Topf geworfen zu haben mit einer Gemeinschaft, die es trotz allen Außendrucks anders versucht hat. Mal sehen, wie es weitergeht….

3. Michl - November 17, 2006, 17:39

Dieser Wandel ist traurig. Auch wenn Außenstehenden, wie ich es einer bin, die Sozialromantik des Kibbuzsystems eine tiefrosa Brille aufsetzt. Hat das ursprüngliche Kibbuz doch einen Hoffnungsschimmer geboten. À la: Es geht ja doch, dass Menschen sozial und solidarisch gemeinsam leben können.
Aber das Ende dieser Illusion zeichnete sich leider schon länger ab.

Trotzdem, ich bin froh, dass ich zumindest kurze Zeit in einem semi-ursprünglichen Kibbuz gelebt habe.

Du, Lila, lebst (bzw. lebtest) in einem der letzten Außenposten der westlichen (von der gesamten Welt wage ich nicht zu urteilen) Welt, in denen noch keine volle Marktlogik herrscht(e). Halte den Gedanken daran hoch!

4. Lila - November 17, 2006, 18:18

Danke für Euer Interesse. Ja,heute sprach ich mit einer Freundin darüber, die meinte, „ja, dann werden jetzt eben die Väter verstärkt arbeiten müssen, um das Geld reinzubringen, und die Mütter mehr zuhause bleiben, um Geld für die teuren Kinderhäuser zu sparen“. Und ich rief, „und genau das war doch unsere Errungenschaft: daß Vater und Mutter beide arbeiten, und beide nach vier Uhr Zeit für die Kinder haben, und daß sie nicht reich werden, aber die Kinder in Sicherheit und mit guter Betreuung großwerden! Und das werfen wir nun alles über Bord, nur damit die Leute mit dem hohen Einkommen sagen können, das geht aber jetzt direkt auf mein Konto“

Ekelhaft. Immerhin hat sich ein Grundsatz erhalten, das sog. reshet bitachon, Sicherheitsnetz, das Leute vor dem Abstieg in die Armut schützen soll. Doch wer kriegt schon gern Almosen von seinen Nachbarn?

Ich hoffe, es wird nicht ganz so schlimm. Unser Nachbarkibbuz lebt noch ganz gemeinschaftlich, schlimmstenfalls wandern wir aus (obwohl wir dort natürlich fremder wären als in Neuseeland).

5. graphodino - November 17, 2006, 18:38

Oh Mist, wieder ein Grund mehr, richtig Englisch zu lernen! Hihi. Und ich bin echt beschämt, hier auf Anhieb eine nicht nur lange, sondern derart inhaltsgeschwängerte (oder so ähnlich) Antwort zu bekommen… Bei mir meckern immer alle Leute, wenn ich so viel texte, off- und online. Möglicher Weise liegt das aber (auch) an der (mangelhaften) Qualität meiner Darbietungen. Egal!

Ich fange mal von hinten an (Deine Antwort betreffend): das mit den „Kaputtmachern“ haut mich um. Ich dachte immer, oder ich war mir sogar sicher und fand das beruhigend, dieses Phänomen wäre auf eine Klientel beschränkt, die defizitär-pathologisch geprägt ist (ich drücke mich erstens umständlich-vorsichtig aus und füge zweitens hinzu, dass ich dieser Klientel wohl selbst zumindest partiell angehöre).

Der gute Dr. Marx (alles in Deckung!) beliebte anzumerken, Kriterium der Wahrheit wäre die Praxis. Nun, die Kibbuzim haben ja jahrzehntelang praktisch gearbeitet und funktioniert. Das hatte schon Beispielcharakter auch oder gerade für Leute wie mich, die in Genossen Honeckers großem Kinderheim aufgewachsen sind. Man hatte immer den Eindruck oder gar die Gewißheit („man“, nicht ich!), es ginge ja doch mit den freundlichen Gegen- und Anderwelten, auch ohne Beschiss und frisierte Statistiken…

Aber, wie gesagt: „Unfähigkeit zu trauern“ …

Ja, ich habe von so „kleinen Alternatiefsinnigen“ gehört. Der Reporter fragt, fast wörtlich, einen Bewohner von „Lotan“, ob es denn da Bedingungen gäbe. Darauf der Bewohner, ja, man müsse ein bisschen verrückt sein. Paßt schon. Dann: ob denn und warum Leute ausgezogen wären. Der Kibbuznik darauf: ja, wegen Küche und Einkauf . – Offenbar ein Grundgesetz aller Gemeinschaften. Kann man machen nix…

Was will ich jetzt überhaupt? In ein Kibbuz ziehen? Das will ich schon seit 25 Jahren. Harhar. Oder bloß wieder schriftlich labern?

Auch ist Graphodino männlich. Das wird nix mit den Schwestern vom gesalbtem Joshua und so.

Offensichtlich besteht zwischen der Bereitschaft und Fähigkeit, sich sprachlich mitzuteilen und zu verständigen, vor allem schriftlich, und einer gewissen „idealistischen“ Einstellung ein Zusammenhang; das fällt mir in diesem Bloghäuschen wieder auf.

Vielen Dank für die Antwort!

Der Graphodinosaurus klex

6. felika - November 17, 2006, 23:08

hallo lila,
dieses thema ist mir in diesem urlaub wieder einmal in unterschiedlichen facetten ueber den weg gelaufen. ich denke zurueck an die zeit vor zehn jahren, als ich volontaerin in zwei verschiedenen kibbutzim war, die sich in meinen augen vor allem durch den grad des wohlstands unterschieden (was sich fuer mich in duschen, auswahl an essen im diningroom, vorhandensein eines dishwashers vs. fuer hunderte von hand spuelen, sowie der frage ob es fuer uns volontaere zigaretten umsonst gab, ausdrueckte). mittlerweile haben beide den weg der privatisierung beschritten. den aermeren kibbutz hat dies mit groesserer haerte getroffen; dort gab es niemals ein bezahlen im dining room, er wurde direkt abgeschafft. aehnlich verhaelt es sich mit den ehemaligen geldquellen, soweit ich weiss, d.h. vor allem den feldern und viehbestand – ich meine, zumindest das meiste wurde verkauft. ein freund, der mir aus dieser zeit blieb, antwortete mir auf die frage, ob es heute noch ein kibbutz sei, mit der resignierten gegenfrage, ich weiss nicht, was ist heute denn ein kibbutz?
der andere kibbutz war deutlich wohlhabender, und von dem was du erzaehlst, nehme ich an, dass der weg dieses und deines kibbutzes sich mehr aehneln. durch den wohlstand laesst sich doch einiges der konsequenz dieses wegs abmildern.
der kibbutz, in dem ich zur zeit bin, ist diesen weg noch nicht gegangen. die gedanken darueber sind aber seit geraumer zeit im umlauf, immer wieder werden sie diskutiert. das scheint der lauf der zeit zu sein, den man nicht verpassen kann und will. und mir scheint es, als ginge es letztlich immer um die frage der fairness. fairness fuer alle, oder auch fuer die einzelnen? die bedraengende frage, wieso kriegt shaul soviel wie ich, wenn er bei der arbeit die beine hoch legt? wenn alle so waeren, ginge der kibbutz nicht auch zugrunde, muss daher mehr selbsthaftung her, damit nicht einzelne das gefuehl haben, sich fuer alle querzulegen, und andere ruhen sich darauf aus? ich finde das unglaublich verzwickt und betrachte es mit sehr gemischten gefuehlen. natuerlich trauere ich der ideologischen zeit des volontaersdaseins nach, doch war ich eben niemals kibbutznik. ich kann nicht sagen, ob ich so wirklich leben koennte, wenn ich es nicht als spannendes abenteuer, sondern als mein leben betrachten wuerde. ich finde die entwicklung furchtbar traurig, doch erscheint sie mir auch irgendwie unabwendbar. ich frage mich, wie kibbutzim in 20 jahren aussehen werden und bin gar nicht sicher, ob ich es wissen will.
das ganze erinnert mich an eine begegnung, die ich vor kurzem in zuerich hatte. eine wunderschoene altstadt, ich habe in einem institut gearbeitet, wo vor ein paar jahren beim renovieren eine wandmalerei aus dem 14.jhd. (!) freigelegt wurde. das ganze haus hat mich tief beeindruckt. da habe ich mit einer dort angestellten drueber gesprochen, ihr erzaehlt, dass koeln nun mal fast ausschliesslich aus nach dem krieg hochgezogenen, haesslichen kloetzen besteht, und sie sagte fast neidisch, na, das ist doch wenigstens modern.
wir haetten beide fraglos getauscht. will man immer, was man nicht hat, oder ist es auch die angst, die zeit laufe an einem vorbei, und wenn man nicht mitmacht, saesse man irgendwann in zelten waehrend ‚die anderen‘ in penthouses leben?

7. Yonatan - November 20, 2006, 11:36

So wie ich deine Erklärungen verstanden habe, liegt dem Kibbutz der Vorschlag einer Reform vor, aber bevor die neuen Ideen in die Tat umgesetzt werden, müssen sie vorher doch noch von einer Vollversammlung angenommen werden, oder sehe ich das falsch? Es könnte doch auch sein, dass die Mehrheit nein sagt und alles beim alten bleibt. Oder bist du dir bereits sicher, dass die erforderliche Mehrheit der Reform zustimmt?

8. Michaela - November 25, 2006, 16:00

Gerade sitze ich wieder an meiner MA mit dem Thema: „Der Kibbutz im Wandel“ und stoße auf diese Seite, mit diesem Artikel. Auch ich kenne noch den ursprünglichen Kibbutz und könnte heulen, wenn ich sehe, wie die Menschen ihr Paradies (für mich ist das Leben im Kibbutz einfach nur paradiesisch) zerstören. Durch die eigenen Stimme die bei der VV abgegeben wurde! Jetzt, nach über zwei Jahren stehen sie da und haben allerhand zu bemängeln.
Ich habe sowohl Interviews durchgeführt als auch Fragebögen verteilt, das Ergebnis war das gleiche. Einerseits, wie du schon beschrieben hast, Lila, möchten diejenigen, denen es gut geht, alles privatisiseren. Dies geht sogar soweit, dass der Kibbutz sein ganzes Hab und Gut an alle Mitglieder verteilen soll. Die Mehrheit aber sehnt sich nach dem Gemeinschaftsleben zurück, welches in meinem Forschungskibbutz, u.a. durch die Schließung des Speisesaals, fast zum Erliegen gekommen ist. In fast jedem Fragebogen steht etwas in dieser Art, so dass ich es nicht nachvollziehen kann, warum sie an ihrer Lage nichts ändern! Es ist fast schon unheimlich abends durch den Kibbutz zu gehen, kein Mensch ist auf der Straße zu sehen, alle halten sich in ihren eigenen vier Wänden auf – vor fünf Jahren war das noch ganz anders.
Ich sitze hier und schreibe an meiner Abschlussarbeit und träume immer häufiger von einem Leben im Kibbutz, allerdings einem Kibbutz von damals. Klar, in jungen Kibbutzim ist der ideelle Wert noch hoch, doch ich vermute, dass früher oder später, der gleiche Prozess auch dort einsetzten wird. Aus meinem Leben im Kibbutz wird dann wohl doch nichts mehr…
„Human nature has triumphed over idealism; ambition has proved stronger than altruism; individuality has vanquished communal responsibility”

9. Lila - November 25, 2006, 16:54

Oh, wo forschst Du denn? Das ist ja spannend. Ich glaube, einige der interessantesten Forschungsarbeiten zum Kibbuz kommen aus Deutschland. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Du Deine Abschlußarbeit auch an israelische Hochschulen schicken könntest, in Oranim gibt es ein Forschungszentrum, an der Tel Aviv University und auch in Haifa, soweit ich weiß. Schreib mir mal eine Mail!
Ich habe schon eine ganze Reihe Leute kennengelernt, die durch Forscherinteresse in den Kibbuz gekommen sind, und die meisten wären am liebsten geblieben. Ich bin so froh, daß es bei uns noch relativ glimpflich abgeht, und daß ich diese Jahre noch miterlebt habe, als der Kibbuz noch Kibbuz war.

Und zur Frage, wieso sie nichts ändern – das hab ich schon öfter erlebt und auch beschrieben, wie bei Abstimmungen an der Stimmurne, wo ich alle sechs Wochen Dienst habe, die Chaverim stehen und stöhnen, „ich bin ja dagegen, aber man kann sowieso nichts dagegen tun, stimme ich also dafür!“ Da rauf ich mir die Haare als Wahlleiterin und darf eigentlich sagen, was mir dann doch rausrutscht: „ja, wenn du dagegen bist, darfst du auch gern dagegen stimmen, dafür ist die Gegenstimme doch da“. Der Fatalismus, der Fatalismus – und das Gefühl, daß die Kibbuz-Bullies, die Firmenmanager und Gisbarim und baalei tafkidim sowieso alles durchboxen. Dabei ist dem ganz und gar nicht so, ich habe schon Entscheidungen durchfallen gesehen.

Und trotzdem stehen dann Yankele und Rivkele und stimmen für etwas ab, das sie eigentlich gar nicht gut finden. Ja nein, kann man da nur sagen.

10. Der dritte Durchlauf « Letters from Rungholt - November 17, 2007, 13:06

[…] des Kibbuz wohl durchkommen. Die Zahl der Gegner schrumpft jedesmal, und die Feinarbeit am Modell überzeugt wohl die meisten von ihnen. Oder sie geben einfach auf. Ich weiß […]


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