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Planlos August 29, 2006, 17:30

Posted by Lila in Bloggen, Land und Leute.
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Ich komme noch immer nicht richtig in die Gänge, wurstele ein bißchen planlos vor mich hin, dabei kann ich mir das eigentlich nicht leisten und normalerweise passiert mir das auch nicht. Ab morgen türmen sich wieder Termine auf, dann muß ich also meine professionelle Axt wieder scharf haben. Na ja, wird schon klappen. Jedenfalls genießen die Kinder es, daß ich mich noch ganz aufs Haus konzentriere. Warum sind die israelischen Kartoffeln nicht so lecker wie die deutschen?, meinten sie heute. Auch wenn ich genau dasselbe koche wie meine Mutter oder Tante, es schmeckt anders, und den Kindern fällt das auf. Besonders die Milchprodukte sind anders, der israelische Quark und Hüttenkäse sind viel leckerer, und Y. meint, das Fleisch schmeckt im unkoscheren Deutschland besser. Na ja, dafür gibt es in Deutschland diese köstlichen goldenen Pfirsiche, und hier nur die viel härteren weißen Pfirsiche – es gleicht sich alles am Ende wieder aus. In den Haag und Amsterdam haben wir die Milchprodukte so genossen, und das Lakritz! Hätte ich mir mal an der letzten Tanke vor der Grenze einen Sack voll davon gekauft, ich wußte doch, daß es mir noch leidtun würde! (Übrigens schmeckt es bei meiner Mutter und meiner Tante auch einfach deswegen besser, weil sie wirklich gute Köchinnen sind.)
A propos leidtun. Irgendwann demnächst wird es wohl ein Backup meines alten Blogs geben. Wie sagt Y. gern, meist stöhnend? Wenn ein Narr einen Stein in einen Brunnen schmeißt, können hundert Weise ihn nicht wieder rausholen. Wie närrisch war es, das alte Blog einfach so zu löschen, auch wenn mir das in dem Moment gar nicht klar war. Wie gut, daß das Internet voll von hilfreichen Menschen ist, die gern an Dateien rumfuddeln. Hoffentlich kann man also demnächst wieder in den Archiven kramen. Ich weiß selbst kaum noch, was ich da alles von mir gegeben habe. Im Moment bin ich so mit meinen Semestervorbereitungen beschäftigt, daß ich immer noch kein Interesse für unseren elenden Nahen Osten haben kann. Ich hoffe, bald finde ich irgendwo einen kleinen Funken Zukunftsaussicht, einen kleinen Erfolg, der mich optimistisch macht – das brauch ich.

Ach ja, und dann habe ich gestern oder vorgestern was gelesen, das war so absurd, daß ich es eigentlich bloggen wollte, dann aber doch nicht geschafft habe. In Indonesien findet demnächst eine Konferenz zum Thema Toleranz statt, unter norwegischer Schirmherrschaft. Das ist doch schön, nicht wahr, daß in diesem islamischen Land so eine Konferenz stattfindet, nicht wahr? Das fand wohl Yossi Sarid, der jahrelang Vorsitzender der linken Meretz-Partei war, auch, und wollte hinfahren. Aber natürlich hat die Sache einen Haken – er ist Israeli, und so weit geht die Toleranz der Toleranz-Konferenz nun doch nicht, daß sie einen Israeli zugelassen hätten!

Doch die Norweger haben das Ei des Kolumbus gefunden: sie haben Yossi die norwegische Staatsangehörigkeit angeboten! Dann könnte er als Norweger an der Konferenz teilnehmen. Tolle Lösung, nicht wahr? So könnte sich die Toleranz-Konferenz mit ihrer Toleranz brüsten, ohne auf die Probe gestellt zu werden. Den Norwegern selbst, zutiefst anti-israelisch, wie sie nun mal sind (und hey, ich hab eine Freundin in Bergen…), ist gar nicht aufgefallen, wie absurd das ist, und daß die Verleihung der norwegischen Staatsangehörigkeit an Yossi Sarid für diesen ein bißchen, nun… sagen wir mal entwürdigend wäre. Irgendwie haben sie gedacht, das geht schon so. Yossi hat die Ehre abgelehnt und so wird eine Konferenz ohne israelische Teilnehmer stattfinden.

Wenn diese Konferenz wie die von Durban wird, dann sehe ich ganz, ganz schwarz. Ich halte die Durban-Konferenz für einen weithin unterschätzten Katalysator der Gewalt gegen Israel, abgesehen davon, daß die Ungerechtigkeit, von allen Problemen der Welt NUR das der Palästinenser in den Vordergrund zu stellen, viele andere unglückliche Völker ein weiteres Mal benachteiligt. Und daß damals wieder mal nur Israel an den Pranger gestellt wurde, keine Industrienation zum Beispiel bereit war, für eigene postkoloniale Probleme die Verantwortung zu übernehmen etc, das war alles eine ganz üble Sache. Aber über Israel kann man ja jeden Unfug behaupten, irgendjemand wird es schon glauben… Ohne störende Teilnehmer aus Israel also wird sich die Konferenz vermutlich gegen die israelische Intoleranz ereifern. Werde ich bis dahin darüber lachen können? Wir wollen es hoffen.

Und was ich von Nasrallahs „Bedauern“ über den Krieg halte? Ich denke, er hat diese Äußerungen gemacht, um kritische Stimmen im Libanon (und wohl auch anderswo) zu beschwichtigen, die wohl zu Recht fragen könnten, ob sich diese ganze Aktion gelohnt hat. Er hat wohl gedacht, wie wir gleich vermutet haben, daß Israel sich das wieder mal gefallen läßt – wäre Israel wirklich so ein unberechenbarer Wüterich, wie wir in den Medien gern hingestellt werden, wäre es zu dieser Fehleinschätzung Nasrallahs wohl gar nicht gekommen. Aber nachdem die Hisbollah Israel jahrelang gepiesackt hatte, ging sie wohl davon aus, daß auch acht tote Soldaten, Beschuß der Dörfer im Norden und die Entführung zweier Soldaten nur eine symbolische Reaktion unsererseits auslösen würden. An solche Reaktionen waren sie und wir gewöhnt. Perverserweise.
Es scheint also, trotz der Jubelschreie der arabischen Welt, der Preis einigen Leuten zu hoch zu sein. Auch bei uns wird dieser Preis von vielen als zu hoch empfunden. Aber im Moment wird hier noch um das Wie diskutiert. Wann wird es alternative Lösungswege geben? Ich glaube, das wäre mal ein Thema für eine internationale Konferenz, um den nächsten Showdown zu verhindern… wie bringen wir Assad an den Verhandlungstisch, und Olmert auch. Das wäre doch mal was, eine friedliche Lösung. Na ja, dafür muß man erstmal Ahmedinijad zur Räson bringen, und wer kann das schaffen?

Und dann geht mir auch im Kopf rum, wie sich wohl in Deutschland die Bedrohung durch Kofferbomber etc auswirken wird. Es gibt ja immer noch viele Leute, die auch für diese Bedrohung Israel die Schuld geben, nach dem Motto, „würde sich die Regierung nur von Israel distanzieren, hätten die Terroristen keinen Hals auf uns“… als ob Terror rational begründbar wäre. Und auch Staaten, die Israel keineswegs freundlich gegenüberstehen, leben mit einer Bedrohung durch den Terror. Und wenn der Haß gegen Israel auf Lügen und Verleumdung beruht, was dann? Soll sich Deutschland dann aus Angst vor dem Terror von Israel distanzieren oder wie?

Na ja, vielleicht sind es ja doch nicht so viele Deutsche, die so denken, und nur unter den Leserbriefschreibern der Jülicher Nachrichten finden sich überproportional viele… das sind bestimmt alles die tapferen Helden von der Mahnwache, die auf dem Jülicher Marktplatz stattfand und die bei mir sofort den unstillbaren Drang nach Schüttelreimen weckte. Auch wenn ich es im Wahn mache, ich geh so gern zur Mahnwache. Der Welt hilft meine Mahnwache, auch wenn ich sie im Wahn mache. Und so. Besser wurde der Reim nicht, leider.

Ach ja, in der Zeitung stand natürlich, daß die Mahnwache im Namen beider Seiten etc…. aber im letzten Satz kam dann doch das Pferdefüßchen raus, in Form einer Email-Adresse. Endtheoccupation.org oder so. Na, gewundert hat es mich nicht. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, den Veranstalter der Mahnwache, einen professionellen Betroffenen, den ich flüchtig kenne, anzurufen und zu interviewen. Für mein Blögchen. Ihn halt so zu fragen, zu was für Ereignissen sie denn so ihre Mahnwachen abhalten (ich weiß nämlich, daß sie gegen den palästinensischen Terror noch nie demonstriert haben, vielleicht, weil da ja nur Opfer von EINER Seite zu beklagen sind und es darum unausgewogen wäre…?). Aber mit solchen Gedanken spielt man nur, ich habe es dann doch nicht getan, es sind ja auch eigentlich lauter wohlmeinende Menschen, und daß sie kritiklos das palästinensische Narrativ schlucken, kann ich ihnen nicht mal übelnehmen. Schließlich speist sich die ganze Friedens-Aktions-Szene aus der pro-palästinensischen Ecke, wenn ich mir allein die Liste der Vortragenden und Überschriften ansehe, dann darf es mich nicht wundern. Viele arabische Namen dabei… aber keine israelischen. eben auch Toleranzveranstaltungen im Namen einer Seite.

Tja, hätten wir anders reagieren können? Ich zerbreche mir den Kopf darüber. Nein, verflixt nochmal, wir hätten das nicht, wie von Nasrallah geplant, auch noch hinnehmen können. Egal wie ich es in meinem Kopf drehe und wende, ich weiß nicht, wie Israel sonst hätte reagieren können. Auch wenn viele Fehler begangen wurden und Chancen verpaßt wurden, den Krieg eher zu beenden – was ja alles noch lang und breit diskutiert werden wird.

Gestern hat die Familie von Gilad Shalit seinen 20. Geburtstag feierlich begangen. Gestern abend erschienen auch neue Bilder von Ron Arad im Fernsehen. Ron Arad ist gefangengenommen worden, als Gilad geboren wurde, vor zwanzig Jahren. Lebt er? Wie lange wird es dauern, bis wir Ron oder Gilad wiedersehen? Wie lang ist unsere Rechnung mit Nasrallah! Nein, das kann sich niemand vorstellen, wie schwierig es ist, und wie hoffnungslos es einen macht, unter dauernder Bedrohung zu leben, von den Nachbarländern, der ganzen Region nicht akzeptiert zu werden. Und das im nahtlosen Anschluß an die bitterste Erfahrung des jüdischen Volks.

Nein, bevor ich jetzt richtig unglücklich werde, gehe ich zurück in die Küche. Da bin ich im Moment erfolgreicher als beim Bloggen.

Kommentare»

1. Ralph - August 30, 2006, 0:27

Hallo Lila,

nein, Israel konnte diese Angriffe nicht länger einfach so hinnehmen. Aber ich bin noch immer der Meinung, dass Israel bei diesem Krieg bestenfalls einen Pyrrhussieg erreicht hat.
Das Ziel, die Beendigung der Raketenangriffe, war das Richtige nur war der Gegenschlag längerfristig das falsche Mittel.

Bei Telepolis gibt es eine Übersetzung eines interessanten Textes von Uri Avnery. Einer seiner Kernthesen darin besagt, dass die Israelis schon zu Zeiten lange vor der Staatsgründung viel zu sehr für Europäer gehalten haben und damit einer Integration in den Nahen Osten selber im Weg standen:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23425/1.html

Mich würde mal interessieren, wie diese These bei euch diskutiert wird.

Bis dann,
Ralph

2. niels | zeineku.de - August 30, 2006, 15:28

Ich finde Avnerys Thesen in diesem Artikel eher wirr. Ein Auszug zur Gründung Israels:

„Die andere Möglichkeit wäre die: sich als asiatisches Volk zu betrachten, das wieder zurückkommt, ein Volk, das sich als Erbe des politischen und kulturellen Erbes der semitischen Rasse sieht und das bereit ist, sich den Völkern der semitischen Region im Kampf gegen die europäische Ausbeutung anzuschließen.“

Mal ganz unabhängig von dem einseitig-naiven Ausbeutungsklischee: So eine Handlungsalternative bestand doch für das junge Israel faktisch gar nicht.


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