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Immer mit der Ruhe August 28, 2006, 0:26

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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Noch immer habe ich es nicht fertiggebracht, Nachrichten zu sehen. Nach einer News-Entwöhnung von drei Wochen kann ich mich kaum daran gewöhnen, wie hektisch es hier zugeht. Ich bin auch nicht sicher, nach allem, was ich gehört und gelesen habe, daß die „Kopf-ab“-Stimmung, die hier im Moment herrscht, wirklich hilfreich ist. Was alles schiefgelaufen ist in diesem Krieg, kann durch ein rasches Nachhauseschicken der Herren Olmert, Peretz und Halutz nicht bereinigt werden. Im Gegenteil, dann herrscht die Illusion, daß wir ja  nun was getan haben, prima prima, und am Ende stehen wir mit Bugi Yaalon, Ehud Barak, Bibi oder Liebermann noch viel schlauer da… zumindest ein Teil dieser Herren war ja aktiv am Entstehen der Probleme beteiligt, die sich im Krieg gezeigt haben. Noch verstehe ich nicht genau genug, was nun wirklich alles schiefgelaufen ist, was ganz  normal und zu erwarten war (so wie die Probleme mit Nachschub: das war in allen Kriegen so, ärgerlich aber wohl Begleiterscheinung des Kriegs), was Resultat unserer Konzentration auf andere als militärische Angelegenheiten war (Etatkürzungen im Verteidigungsbereich, Verkürzung der Reservezeit, Abschaffen von Training und Übungen), was wir der Besatzung zu verdanken haben (die Armee verlernt den Kampf und dient statt dessen als eine Art Polizeitruppe), wo die Politiker zu viel oder zu wenig auf die Armee gehört haben (da gehen die Einschätzungen wild auseinander – hat Peretz nun zu viel oder zu wenig Senf dazugegeben?), wo sich die Personalpolitik in Ämtern, Ministerien und auch der Armee rächt… ganze Sümpfe sind da trockenzulegen, und allein das Zuhören macht mich schwindlig. Y. meint, trocken wie immer, daß wir Nasrallah dankbar sein können für die Chance dieses Probedurchlaufs, und der scharfe Ton, den die Kritiker und Selbstkritiker hier erheben, stört ihn weniger als mich.

Wie unser Verhältnis zum Rest der Welt aussieht? Oh je, lieber nicht daran denken. Vielleicht wird ja eines Tages, wenn die Hisbollah in Europa mal offener ihr Gesicht zeigt oder die UNIFIL-II-Leute einen kleinen Geschmack ihrer Methoden erhalten, das Bild sich wandeln und statt der Rundum-Verdammung ein ratloses Kratzen am Hinterkopf eintreten – wäre schon mal ein Fortschritt. Aber es sieht nicht so aus, als wollten die Italiener oder Franzosen sich ernsthaft mit der Hisbollah anlegen. Das kann ich sehr gut verstehen, ich wünschte, uns wäre diese Option gegeben. Außerdem wünsche ich wirklich kein Tröpfchen Blut mehr vergossen zu sehen, egal wessen, es ist eine Qual, wirklich eine Qual, daran zu denken. Manche meinen ja, die Armee ist von der Diplomatie daran gehindert worden, richtig hart durchzugreifen, aber mir war es ehrlich gesagt hart genug, und ich bin nicht sicher, daß mit noch mehr Gewalt ein Problem zu lösen gewesen wäre, das wir mit Gewalt schon nicht haben lösen können.

Ja, ich gucke mir also die Nachrichten nicht an, sondern höre nur zu, während ich die Küche aufräume, und auch bei Gesprächen höre ich nur passiv zu. Allerdings habe ich zu bedenken gegeben, als ein paar Bekannte allzu wütend Amir Peretz verwünschten, daß vor Ausbruch des Kriegs nicht nur mir dieser Mann als durchaus geeignet schien, den Rückzug aus der Westbank durchzuführen – bis zum 12.7. sah es ja so aus, als würde das die größte Herausforderung der Armee werden, ha ha. Ich dachte, und nicht nur ich!, ein Zivilist mit starker sozialer Ader kann da bestimmt Akzente setzen, auch wenn er kein Militärexperte ist. Na ja, im Gegensatz zu anderen kann ich nicht einfach abschütteln, daß ich mal so gedacht habe. Vielleicht hätte Peretz von selbst zurücktreten sollen, hm, ich an seiner Stelle hätte das wohl getan, aber so sind Politiker nun mal nicht gestrickt. Sonst säßen sie nicht allesamt seelenruhig in Jobs, für die sie gar nicht qualifiziert sind, sondern einen Stab von professionellen Beratern und Mitarbeitern brauchen. Warum sollte Peretz die Ausnahme sein? Kurz und gut, ich kann nicht einfach so nach der Machete rufen. Ich verstehe ja nicht viel davon, aber mir scheinen die Probleme nicht personell, sondern sachlich zu sein, und wenn personell, dann bestimmt nicht seit der letzten Wahl, sondern mehrere Legislaturperioden hindurch.

Dazu kommen dann noch mehrere kriegs-unabhängige Skandale, man hat sie ja immer gern mit se%ueller Komponente, und wenn der Justizminister und der Staatspräsident als charmanim (hat nichts mit charmant zu tun, sondern ist ein abfälliger Begriff, was man früher Schürzenjäger nannte…) demaskiert werden, dann mischt sich in die neugierig-hämische Berichterstattung auch eine Art apokalyptischer Lust. Da geht nun alles in Stücke, seht her, das alte  Rom war sittsam dagegen… obwohl man noch gar nichts genaues weiß, und in einer wirklich verwahrlosten Gesellschaft wohl keiner sich mehr über solche Skandale mehr aufregen würde.

Thomas Couture, Römer der Verfallszeit , 1847

Aber wie gesagt, ich bin noch mit Information-Sammeln beschäftigt, bis ich mir eine Meinung zu diesen Dingen bilden kann. Bis dahin habe ich auch noch manches andere zu tun. Heute hatte ich das Haus voll hungriger Jugendlicher, habe seit Mittag pausenlos in der Küche gestanden und die Bande abgefüttert. Bis ziemlich spät abends. Jetzt liegen noch ein paar auf Matratzen im Zimmer der Jungen. Es macht Spaß zu sehen, wie so ein Heranwachsender über das Essen herfällt, und bekanntlich schmeckt es ja bei anderleuts Müttern oder Vätern besser. Ein Mädchen meinte jedenfalls, „wenn es hier jeden Tag so gutes Essen gibt, dann komme ich jeden Tag!“ Obwohl ich wirklich keine brillante Köchin bin, habe ich das gern gehört, manchmal sind unverdiente Komplimente erfreulicher als verdiente.

Während die männliche Jugend also mit rauhen Kehlen im Zimmer meiner Söhne diskutierte und lachte, saß ich mit den Töchtern im Wohnzimmer. Tertia hat von meiner Tante zum Geburtstag hübsche rosalilaverlaufende Wolle und Häkelnadeln geschenkt bekommen und häkelt nun eifrig – nach einigen Anfangsschwierigkeiten hat sich die kleine Linkshänderin bei mir abgeguckt, wie man das macht, und es geht sehr gut. Ich habe mir in Deutschland (bei Tchibo, no less!) eine absolut geniale Sticklupe gekauft und habe an meinem Jahrhundertprojekt mit einfachem Faden weitergestickt – meine Tischdecke für mich selbst, an der ich schon seit Monaten rumstichele. Quarta las uns dazu aus einem Buch Kinderverse vor. Das war ein Gefühl von Frieden und Glück – wir drei Frauen in so sittsamem Tun, wie Scarlett und Melanie, und ich fühlte, wie gut es ist, daß die unmittelbare Bedrohung erst mal von uns genommen ist. So kurzsichtig und egoistisch ist man, ja, andere Menschen leiden und in ein paar Jahren kann es wieder losgehen, aber hier und heute genieße ich die Abendruhe mit Stick- und Häkelnadel und Datia Ben Dors Versen.

Kommentare»

1. grenzgaenge - August 28, 2006, 18:20

liebe lila,

das mit dem „nicht-nachrichte-schauen -wollen“ kenne ich … manchmal wenn ich keine lust habe mir die laune zu verderben lasse ich es auch ….. ich finde irgendwann werden news unertraeglich. wobei die news in israel natuerlich sehr viel tragischer sind als z.b. in europa. aber wenn ich aktuell in den nachrichtenticker schaue lese ich was von anschlaegen, politischen querelen usw …. immer das gleiche, als wuerde sich alles im kreis drehen. manchmal wenn ich nachrichten lese kommt mir das bild vom hamster in den sinn der sein rad dreht …. nur das der hamster vielleicht dabei gluecklich ist. ich kann mich nicht daran erinnern wann mich nachrichten das letzte mal gluecklich gemacht haben …. mhhh, ich verstehe dich sehr gut, liebe lila. und im moment gebe ich mich viel lieber meiner verliebtheit hin. und ausserdem denke ich an den naechsten schabbat, aber das ist ein anderes thema !

liebe gruesse,
dein grenzgaenger 😉

2. Lila - August 28, 2006, 19:21

Verliebtheit ist bestimmt besser als Nachrichten. Gruesse an die Freundin!

3. grenzgaenge - August 28, 2006, 19:42

😉

4. grenzgaenge - August 28, 2006, 19:43

hey, das sollte ein smiley werden !!

ok, noch ein versuch 🙂

5. jenjen - August 29, 2006, 9:36

Hey Du,
neulich bei Tschibo hab ich doch tatsächlich darüber nachgedacht, wer denn wohl ne Lupe fürs Stricken etc. braucht… wie dumm von mir… hätte mir doch gleich Dein Name ins Gehirn kommen müssen, in dem Wissen, dass sowas bestimmt hervorragend in einen Kibbuz nach Israel passt 😉
Nein, ersnthaft ich lese (bereits vor dem Krieg!) immer wieder Deinen Blog und habe mich bisher von den Comments ferngehalten… aber jez fand ich das irgendwie süß!

Wünsche Dir alles Liebe und nen schönen Tag heute!

Lehitraot

Jenny

6. Lila - August 29, 2006, 10:28

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