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Wer hat eine Antwort? Juli 24, 2006, 0:46

Posted by Lila in Land und Leute.
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Yair Lapid fragt „warum hassen sie uns so sehr“? Bevor jemand eine vorschnelle Antwort gibt, sollte er Lapids Artikel lesen. Und dann versuchen, eine vernünftige Antwort zu geben.

Und DAS ist die Wurzel des Problems, dieser mörderische Haß gegen Israel, der vor nichts haltmacht. Nicht die entführten Soldaten oder Israels Bombardierung von Dahia oder eine UN-Resolution mehr oder weniger oder die Besatzung oder was weiß ich. Das Problem ist der glühende, kompromißlose, besessene Haß, der die arabische Welt aufzufressen scheint, der die Welt in Brand setzt und der von vielen Beobachtern gar nicht gesehen wird (oder auch von Lesern dieses Blogs, als „gegenseitiger Haß“ verharmlost wird, eine alltägliche Sprachfigur). Aber die Asymmetrie des Hasses macht einen sprachlos.

Wäre die iranische Mannschaft bei der WM weitergekommen, dann wäre Ahmedinijad vielleicht sogar als Staatsgast empfangen worden, derselbe Mann, der tagtäglich verkündigt, daß er uns ausrotten will, wie eine hysterische Hausfrau auf Bazillenjagd. Es gibt zwar jedesmal den pflichtgemäßen Chor der Empörung, wenn er sich rhetorisch auf einen besonders kecken Ast vorwagt, aber so richtig am Ohr gepackt hat ihn noch keiner. Und auch die anderen Haßprediger nicht, die ihren Nachwuchs in giftem Haß gegen Israel erziehen, statt ihre eigene Zukunft anzupacken.

Und Yair Lapid beschäftigt sich nur mit der islamischen Welt. Ich kriege ja den Schock meines Lebens, wenn ich meine Nase aus dem Biotop meines Blogs rausstecke und lese, was in Foren, Blogs und Talkbacks an Gift gegen uns ausgegossen wird. Ich kann es nicht fassen, welche Energien des Hasses und der vollkommen aus der Luft gegriffenen Verleumdung selbst in scheinbar respektablen Presseorganen pulsieren, die sich dann in kleinen, häßlichen Seitenhieben Luft macht. Wieso hassen sie alle Israel so sehr? Wieso wird dieser Haß gleichzeitig ausgelebt UND geleugnet??? Ich kapiere es nicht. Yair Lapid, eitler Fernsehfatzke hin oder her, empfindet ebenfalls dieses fassungslose Grauen. Woher nährt sich dieser Haß?

Lest es und versucht, eine Antwort zu finden. Es ist nicht leicht. Ich finde keine.

Drei Links Juli 23, 2006, 23:10

Posted by Lila in Land und Leute.
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Ja, so bin ich, ich verlinke heute nur Artikel, über die ich mich nicht ärgern muß. In absteigender Folge der Lesedringlichkeitsempfehlung!

 

1. Gisela Dachs beschreibt in der ZEIT unseren Alltag, na ja, den Alltag der Angst in Tel Aviv. Ich finde sie immer lesenswert, sie ist nah dran, aber doch nicht so nah, daß ihr nicht manches auffiele, was anderen vielleicht entgeht. Sie kennt die Leute hier, sie weiß, welche Fragen sie stellen muß, und ich glaube zu spüren, daß sie auf Hebräisch interviewt, denn die Menschen erzählen ihr Dinge, die sie fremden, hektisch durchreisenden Journalisten nicht erzählen würden. Wer macht sich denn schon Gedanken um Holocaust-Überlebende, die so viele Kriege mitgemacht haben, was ihnen Nasrallahs Rhetorik für einen Schrecken in die Knochen jagt, und die Sirenen, und der Tod, und auch die manchmal aufscheinende Gleichgültigkeit der Welt für ihr Schicksal? Dachs hat daran gedacht, hat mit ihnen gesprochen. Das zeigt, meine ich, daß sie wirklich Format hat, auch als Mensch.

 

2. Niemand wird vor Überraschung aus dem Sessel kippen, wenn ich zugebe, daß ich schon bei der Überschrift von Matthias Küntzels Stück im SPon ein kleines, erleichtertes Seufzen nicht unterdrücken konnte. Warum Israel richtig reagiert. Ach, es ist gut, wenn die eigene immer wieder schwankende Überzeugung (wie kann richtig sein, was so viele Menschenleben zerstört???) durch rationale Argumente wieder aufgepäppelt wird, und wenn ein Beobachter der Versuchung widersteht, „ausgewogen“ die Schuld zwischen Hisbollah und uns zu verteilen. Die Kritik wächst auch hier, und sie hat durchaus eloquente und ernstzunehmende Stimmen. Mal sehen, wem die Stimme der Geschichte eines Tages Recht geben wird, Küntzel oder Sarid. Ich würde eher auf K. wetten, aber ich schließe nicht aus, daß ich mich auch hier geirrt habe.

 

3. Und Dershowitz mag vielleicht ein allzu vorhersagbarer Unterstützer Israels sein, a predictable supporter, trotzdem mag sein Artikel in der JPost lesenswert sein: The predictable condemners. Dershowitz, mit erkennbarer US-amerikanischer Agenda, unterscheidet allgemein Strategie, Ziele und Vorgehensweise von Terrorismus vs. Demokratie.

 

 

The world must come to recognize the cynical way in which terrorists exploit civilian casualties. They launch anti-personnel rockets designed to maximize enemy civilian casualties, then they cry „human rights“ when their own civilians – behind whom they are deliberately hiding – are killed by the democracies in the process of trying to prevent further acts of terrorism.

 

Terrorismus ist also Hamas-Hisbollah-bis Teheran, Demokratie sind wir. Dershowitz hat wenig Spezifisches zu unserem Konflikt zu sagen, den er als Paradigma und Vorläufer des High Noon zu sehen scheint. Vielleicht läßt sich sein Vergleich allzu großzügig auch auf andere Variationen des Konflikts zwischen Terror und Demokratie anwenden. Allgemeine Betrachtungen haben ja ihr Gutes, aber hm, er ist wohl doch eine Nummer zu großzügig beim Zumessen seiner Kampfanzüge in Einheitsgrößen, wenn diese kriegerische Metapher gestattet ist. Ich persönlich finde, aus einem Buch über die Caravaggisti kann man zwar durchaus über de la Tour lernen, aber eben nur über seine caravaggistischen Züge. Für alles, was darüber hinausgeht, muß man sich dann spezifisch auf de la Tour konzentrieren, da hilft nichts. Das ist beim Nahen Osten nicht anders, wenn man nur das Muster Terrorismus-Demokratie ausagiert sieht, schließt sich fast schon ein Zirkel.

 

delatour.jpg
Georges de la Tour, Maria Magdalena, ca. 1630…mehr als nur Caravaggist

Jedoch, als Argumentlieferant, wenn mal wieder mit den hohen zivilen Opferzahlen bewiesen werden soll, wie fies und skrupellos Israel ist… ist Dershowitz brauchbar. (Wenn ich Euch nicht genüge, heißt das, hrrr-hm).

 

Und hier noch ein Bild, das mich gerührt hat.

 

ramilevine.jpg

 

Ein Mann aus Haifa probiert, ob sein Klavier verstimmt ist. Erinnert das nicht an die Szene aus dem Libanon-Film, war es „Shtei etzbaot mi Zidon“, wo der Soldat durch das vom Krieg zerrissene Beirut läuft und aus einem Haus Klaviermusik hört, wie eine Vision einer anderen Welt? Herrje, Vered, wo war die Szene noch mal her???

Ich habe zwar noch Juli 23, 2006, 22:28

Posted by Lila in Persönliches.
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mindestens drei nett deprimierende Beiträge angefangen, aber das kann ich Euch nicht antun, ich schließe den Tag jetzt lächelnd.

Ich bin inzwischen im sogenannten akuten Wurzelspitzen-Stadium angekommen, metaphorisch zumindest. Jeder, der jemals starke Zahnschmerzen hatte, erinnert sich vielleicht noch, was man dann denkt. Nicht viel jedenfalls. Man quält sich so schrecklich mit diesem Schmerz, man möchte ihm davonlaufen, ihn anspringen, rausschmeißen, irgendwas, aber der Schmerz läuft, springt und schmeißt mit. Das Gehirn denkt nicht klar, aber eines ist vollkommen klar: wenn dieser Schmerz vorbei ist, dann ist die Welt gut. Warum wußte ich vorher nicht, wie gut ich es habe? Ich schwöre, wenn dieser Schmerz vorbei ist, dann freue ich mich an allem Guten, das ich habe. Dann genieße ich jeden Tag, ärgere mich nie mehr, verschwende keine kostbare Energie mehr auf Unsinn, ich nehme mir alles vor, schwöre heilige Schwüre. Oh, ich werde ein anderer Mensch, sobald nur dieser verdammte Schmerz nachläßt, wird mir das gar nicht schwerfallen.

Ja, so geht es mir jetzt. Ich habe das Gefühl, wenn dieser quälende Krieg mit seinen Opfern, Ängsten, düsteren Aussichten und schwindelerregenden Abgründen erst mal hinter uns liegt, dann werde ich auf der Stelle ein besserer Mensch. Oh, ich werde so gut, so dankbar sein, die Welt wird mir wie ein friedvoller Garten vorkommen, kein Prahlhans und kein Raucher (!) werden mich je wieder aus dem Gleichgewicht bringen.

Man weiß ja, was aus solchen Vorstellungen wird. Schon einen Tag nach Kriegsende werde ich mich wieder darüber ärgern, daß  Leute mit dem Auto durch den Kibbuz fahren, daß Vegetarier ausgelacht oder vergessen werden und die Putzfrau meiner Nachbarin mir Schmutzpatschen in den Flur macht. Aber haltet das vor mir geheim, bitte, denn ich glaube fest an eine bessere Welt und eine bessere Lila jenseits dieser Explosion von Schmerz.

Meine katholischen Leser und Freunde Juli 23, 2006, 21:39

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kennen wohl die erste palästinensische Heilige, Mirjam Baouardy aus Iblin. Ich kannte sie nicht, aber habe bei Scipio über sie gelesen und gleich mehr Informationen über sie gesucht. Fast hätte ich bei Scipio einen Kommentar hinterlassen, daß auch auf Iblin (auch Abalin geschrieben) Raketen fallen können, den Heimatort dieser Heiigen. Das ist nämlich gar nicht weit von uns. Ich habe es dann doch nicht getan.

Aber als ich heute hörte, daß ein Mann aus Iblin von einer Rakete getroffen worden ist, während er Auto fuhr… und im Fernsehen sein Bild sah, da dachte ich sofort an diese Heilige. Der dritte arabische Tote innerhalb Israels, der unser Schicksal teilt, im Guten und Bösen. Eine Familie sitzt jetzt in Iblin und trauert. Er hinterläßt eine Witwe, Kinder. Es tut mir sehr leid und weh, daß die Zahl der Toten steigt und steigt.

One person was killed while driving on a road near Haifa, while the other person killed was hurt by a rocket which directly hit a carpentry shop in the Haifa vicinity. A third rocket landed directly on a building in the town of Nesher but despite extensive damage no one was hurt. The man killed on a road near Haifa was identified as Awad Habib, 48, of Aabalin.

Doch eine Patronin des Nahen Ostens, die im Himmel ein gutes Wort für Frieden und Friedfertigkeit einlegt für ihre Heimatgegend, dürfte sich über ein paar Kerzen und Gebete freuen.

Danke an Scipio, Petra und alle anderen, die meinen Horizont erweitert haben.

Und hier ist noch mehr über Habib Awad und die Menschen in Iblin zu lesen:

A heavy atmosphere of mourning is hanging over the home of Habib Awad, in Aablin, near Kiryat Ata.

 Awad was killed this afternoon by a Katyusha rocket strike. His wife, Hifa, and other women sat under the family home near the community’s entrance. Almost everyone agrees that Hassan Nasrallah must be taken out.

Brother in law Haj said: „When a person is sick, he is given medicine to get better. What they did here is allow the cancer to spread. He (Nasrallah) should have been taken out before this damage occurred.“

 Another resident added: „He destroyed Lebanon and now he is trying to destroy Israel.“

 Habib’s brother, Philip, said that during the attack he was with his father, Isa, at the Kiryot medical center. „When the siren sounded we went down to the stairwell with everyone else, and one of the doctors told us that the rocket landed in Krayot. I didn’t attach much importance to that yet. But when I came home, I turned on the television and began to shake. They said there were two people killed, one in Nesher (which later turned out to be Haifa) and one in Kiryat Ata. I started to panic. My heart prophesied bad things. I called his wife; I heard her and the children crying. She told me he wasn’t answering the phone. I spoke with her wife, he is a police officer, and he told me to call again in 15 minutes. When I called again he told me he was on his way to me. Then I understood that my worst fears came true. That my brother was killed.“

Haj said he called his friend to clarify the identity of the casualty. „They didn’t know I was from Aablin. They told it me it was someone from my community. When they gave me the name I realized it was my brother in law. I asked them only to call me when they come to notify the family. When my sister saw me arrive with the police officers, she immediately understood what happened and burst out in shouts.“

Family members say Habib was a quiet person and loved by all family members. „All the people in the village knew him, loved him, and esteemed him. He everyone.“

Habib’s brother said he loved his work at the carpentry shop, in which he worked for close to 20 years. „A few days ago, when there was tension, I called Habib’s wife and asked him where he was. She told me he was at work, and I told her to call him immediately and tell him to go back home.“

Philip said: „There is no benefit in war. No leader and no agreement in the world will bring my brother back. There are no winners in war, but the simple person is the one who suffers.“ Half of the residents of Aablin are Orthodox Christians and the other half are Muslims.

Habib left behind his wife – Hifa, and four children, a 15 year-old daughter, two sons aged 13 and 11, and a 5-year-old daughter. His funeral will be held Monday at 5 p.m. in Aablin.

habib-awad.jpg

Es würde mich nicht wundern, wenn Nasrallah auch ihn, wie schon die zwei kleinen Jungen aus Nazareth, zum Shahid erklärt, ihn in seine mörderische Ideologie einspannt. Damit würde er ihn zum zweiten Mal töten.

Zweierlei Qualm Juli 23, 2006, 20:23

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en Nachrichten sehen wir eine Etage in einem Hochhaus in Beirut. Es steht in Flammen, dicker schwarzer Qualm quillt aus den Fenstern. Während die Journalisten reden, bleibt das Bild dieser Flammen.Sie brennen stark, beständig, der Qualm ist dick wie Grießbrei und pechschwarz. Da sagt Studio-Experten, „dieser Qualm kommt mir komisch vor“. Wieso komisch? „So brennen Möbel eigentlich nicht“, meint der Mann im Fernsehen, „ich will ja nichts sagen, das letzte Mal, als ich was gesagt habe, hat Nasrallah es hinterher in einem Interview entkräftet, aber wer weiß, was da brennt…“ Keiner weiß, was da brennt, außer Andeutungen sagt der Mann nichts, ich kann es nicht beurteilen. Doch das Haus ist ein Wohnhaus, schon leer, kaputte Fensterscheiben. Wo mögen die Menschen sein, die hier gewohnt haben? Kann es sein, daß unter ihnen einer wohnte, der die Wohnung als Lager für brennbare Stoffe aller Arten benutzte? Oder ist es eine Bücherwand, die da brennt, eine Sammlung schöner Kleider und Stoffe, was mag es sein?

Gleichzeitig steigt auch im Hula-Tal, dieser wunderbaren Perle Israels, Qualm zum Himmel auf. Dort brennt nach einem Raketeneinschlag der Wald. Ich denke an die wilden Tiere, die wieder Opfer unserer menschlichen Konflikte werden. Die Tiere tun mir leid, um die Bäume ist es mir sehr schade. (Ja, Elisabeth, ich war auch für die Kühe traurig, ich finde, Tiere müssen für unsere Ideen und Obsessionen so sehr leiden, da kann ich mich nicht drüber hinwegsetzen… auch wenn es so unwichtig erscheint…) Auch im Libanon brennt der Wald, da bin ich mir ziemlich sicher. Ja, auch während Menschen sterben, denke ich an die Schrecken dieser Brände, und an den hohen Preis, den niemand zählt – nicht nur in Menschenleben und Bruttosozialprodukt. Natürlich kann man Bäume und Tiere nicht gegen Menschenleben aufrechnen – aber mir tut es trotzdem weh zu sehen.

Traurig Juli 23, 2006, 20:03

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Ich weiß nicht mal warum, aber ich kann nicht aufhören, über das Schicksal dieses einen Soldaten zu weinen, wo jeden Tag

so viele Menschen auf allen Seiten sterben.

Yonatan heißt er, wie mein Lieblingsheld der Bibel. Er ist als Junge aus der Ukraine allein nach Israel gekommen, mit einem Programm namens „Naaleh“, das heißt „laßt uns Aliyah machen“, aber ist auch wieder eines dieser Akronyme…. es bedeutet, daß jüdische Jugendliche aus der früheren Sowjetunion nach Israel kommen, hier zumeist von Kibbuzfamilien „adoptiert“ werden, Ivrit lernen und versuchen, sich hier einzuleben. Viele holen hinterher die Familie nach. Auch hier bei uns im Kibbuz ist so eine Gruppe.

Der junge Mann aus der Ukraine ist bei den Kämpfen im Norden umgekommen, und vermutlich hat sich der Kampf so lange hingezogen, weil die anderen Soldaten seine Leiche bergen wollten. Unter ständigem Feuer nicht einfach. Aber es gilt der Grundsatz: keiner wird zurückgelassen, lebendig oder tot. Erst spät wurde überhaupt bekanntgegeben, daß es einen fünften Toten gibt – erst, nachdem die Mutter in der Ukraine gefunden und benachrichtigt war. Denn die Nachricht von einem gefallenen Soldaten ohne Name versetzt uns alle in Schrecken, jeder fragt sich, wer ist es, wer ist es….

Der junge Mann namens Yonatan ist also tot. Seine Mutter und die Adoptiveltern in Kibbuz Lahav im Süden müssen nun entscheiden, wo er begraben wird. Wäre es hier in der Nähe, ich würde zu seiner Beerdigung gehen, ich habe das Gefühl, diese Jungen geben für uns ihr Leben – um uns zu schützen. In den Augen der Welt sind sie hartherzige Bösewichte, „Aggessoren“, aber in meinen Augen sind sie tapfere Kinder, die wir großgezogen haben und nun schweren, schweren Herzens in den Krieg schicken, weil wir keine Wahl haben. En brera, keine Wahl. Für mich ist dieses junge Gesicht das Gesicht des Preises, den wir für diesen Staat zahlen. Danke, Yonatan, daß Du aus der Ukraine allein hierhergekommen bist, daß Du Dich zu Egoz, einer Eliteeinheit, gemeldet hast, und daß Du an unserer Nordgrenze gegen die Hizbollah gekämpft hast. יהיה זכרו ברוך

Eine Geschichte nach meinem Herzen Juli 23, 2006, 0:51

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Wie ermutigend, daß heute nacht viele Menschen gegen Israel marschieren, in Bremen, Düsseldorf und anderswo. Es gehört ja dieser Tage echte Zivilcourage dazu, uns zu verurteilen und sich damit dem Mainstream todesmutig entgegenzuwerfen. Ich bin sicher, die Demonstranten werden im guten Gewissen ihrer moralischen Überlegenheit von uns fordern, jegliche Gegenwehr sofort einzustellen. (Na ja, nach neusten Berichten sind es weniger als in Tel Aviv demonstrieren…)
Wie gut, daß sie nicht wissen, wie unmenschlich wir wirklich sind. Eine verletzte Libanesin, die auf rätselhafte Weise an der Nordgrenze zwischen die Fronten geriet (obwohl das Dorf eigentlich geräumt war, genau wie das israelische auf der anderen Seite der Grenze), wurde doch tatsächlich mit zionistischer Tücke gekidnappt und in ein Krankenhaus verschleppt, in Zfat. Dort wird sie nun behandelt und es geht ihr schon ein bißchen besser. Und man stelle sich vor: der Staat der Rassisten mißbraucht doch tatsächlich einen Araber als Oberarzt der Notaufnahme! Ja, denn studieren dürfen die Araber dort nicht, nur niedrige Handlangerjobs leisten, Oberarzt der Notaufnahme, es ist eine wahre Demütigung.

Ich werde mal versuchen, an der Geschichte dranzubleiben. Jetzt kann man für diese arme Frau nur noch eines hoffen: daß sie in Zfat nicht von einer Katyusha getroffen wird. Die fallen da nämlich dicht, und sogar das Krankenhaus wurde vor ein paar Tagen beschädigt.

Abendnachrichten Juli 22, 2006, 23:42

Posted by Lila in Land und Leute.
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Ich muß unwillkürlich grinsen, wenn ich den Artikel in SPon lese, über die Artillerie. Anscheinend haben sie oben an der Nordgrenze die ausländischen Korrespondenten eingeladen und ihnen ein bißchen gezeigt, wie das so geht mit den Totachim, wie heißen die Dinger auf Deutsch? Artilleriekanonen. Es ist schon verrückt, dieser Armeeslang, der uns hier bis zum Überdruß aus den Medien entgegenschallte. In den ersten Tagen war es ganz unerträglich, da war kein Zivilist im Fernsehen zu sehen, inzwischen hat sich das etwas entspannt. Ja sogar Frauen ohne Uniform wurden schon wieder gesichtet, ahoi! Auch deswegen gucke ich in letzter Zeit ganz gern Channel 10, da ist die ZivilistInnendichte höher.

Doch ich sehe, daß Gebauer gut zugehört hat. Ido Nechushtan heißt der General, mit dem er gesprochen hat. Nechuschtan (Nechoschet) heißt übrigens Kupfer, und ich kann mir gut vorstellen, daß Nechuschtans Großeltern noch irgendwo in Deutschland gelebt haben und Kupferberg hießen… Da das Hebräische keinen Unterschied zwischen den Buchstaben P und F kennt, wird ein anderer bekannter Mann in der Armee (herrje, was macht der noch mal?) „Couperwaasser“ genannt, obwohl auch seine Großeltern bestimmt Kupferwasser hießen. Doch das nur nebenher, ich habe nun mal ein Ohr für Namen und kann mich still beömmeln, wenn es heißt, Couperwaasser. Außerdem kennt vielleicht jemand die Zeile aus Yerushalaim shel zahav, shel nechoshet ve shel or…


Ich möchte aber doch, von meinem allwissenden Spezialisten für Zahal en gros und en detail hinzufügen, daß heutzutage kein Schuß einfach so abgegeben wird. Im Gegensatz zu den idyllischen Szenen in Kriegsfilmen, der beliebten Karnevalsverkleidung Kaubeu oder der populären Vorstellung vom Krieg ballern die Artilleristen nicht einfach so rum (im typisch israelischen Blutrausch, oder wie? ist das Wort zufällig gewählt, oder klingen da nicht doch die Mazzot nach, die ja bekanntlich mit Blut von Christenbabies auch erst so richtig knackig schmecken….jammi…). Alles ist technologisch gesteuert, um Fehlschüsse so gering wie möglich zu halten. Wenn eine Katyusha abgefeuert wird, wird ihre Abschußbahn per Radar aufgezeichnet und analysiert, um genau festzulegen, von wo aus sie abgefeuert wurde. Dieser Punkt, genau per GPS bestimmt, wird dann per Computerterminal als Ziel gewählt und genau dorthin gefeuert. Kein Schuß, über den die Soldaten nicht Rechenschaft abgelegen könnten. Die Vorstellung, daß wie im Ersten oder Zweiten Weltkrieg Bombenteppiche gelegt werden, daß es den Israelis egal ist, wer da unten wohnt, muß also korrigiert werden. Daß natürlich trotzdem nur fehlbare Menschen diese Technologie bedienen, ist klar.
Allerdings sagt Ido auch klipp und klar: wer auf einer Bombe schläft, der ist Ziel. Puh. Die armen Menschen, die ahnungs- und schuldlos auf Nasrallahs Bomben schlafen gegangen sind und von unseren Bomben geweckt werden, die tun mir so leid, ich kriege sie nicht aus dem Kopf. Auch Y. sagt, „betzaar rav“, mit großem Bedauern. Der Unterschied zwischen ihnen und uns ist nicht grundsätzlich, wie ich schon gestern festgestellt habe: auch Verluste der israelischen Zivilbevölkerung sind einkalkuliert.

Und die Stimmung, die ist genauso, wie ich sie heute früh in meinem Kommentar zum eiskalten Rücken beschrieben habe. Am Ziel aber ließ auch er (Peretz) keinen Zweifel. „Wir kämpfen diesen Krieg, der uns aufgezwungen wurden, bis zum Ende“. Dieses Gefühl haben wir auch, allerdings weiß der liebe Himmel, wann das Ende ist. Und sogar meine Einschätzung, daß Nasrallah uns viel besser versteht als der Westen, und daß er sein Späßchen hat an dem Krieg, sogar die bestätigt sich in diesem Artikel: Es gehe ihm (Nasrallah) gut, die Hizbollah freue sich auf den weiteren Kampf mit der israelischen Armee.

Ich glaube ihm ohne weiteres, daß das stimmt. Die Hisbollah besteht aus skrupellosen Guerillakämpfern (sie haben bisher jedenfalls noch keine Warnungen abgegeben, bevor sie geschossen haben), aber kämpfen können sie. Wir gürten unsere Lenden und wissen, daß wir Soldaten verlieren können. Wir wissen genau, welche jungen Vettern, Neffen und Freunde der Familie wo kämpfen. Y., der für viele junge Soldaten im Kibbuz ein Ansprechpartner ist, hat schon mehrere von „seinen“ Jungens angerufen. Die meisten jungen Kibbuzniks dienen ja in Sonder- und Eliteeinheiten und sind damit in großer Gefahr. Ich weiß, daß die Soldaten mich Zivilistin schützen sollen, aber mir ist dabei sehr, sehr unbehaglich. Überhaupt, in einer Gesellschaft zu leben, in der mein Leben ohne Einsatz anderer stets gefährdet ist! Das ist schrecklich.

Der mentale Übergang von friedlich zu finster-entschlossen, den ich sogar an mir selbst feststelle (wobei er bei mir sehr mild ist und ich nach wie vor vom Charakter her mehr zu hoffnungsvollem Trödeln und Kommunikationsversuchen neige…) widerspiegelt sich auf ebenfalls unwiderstehliche Art und Weise in unserem Verteidigungsminister, dem linken, friedensbewegten, immer etwas unbeholfenen Amir Peretz. Ich habe das Gefühl, dieser Mann wird eines Tages auf diese Phase in seinem Leben mit großen Augen zurückblicken und sagen, „Mensch, was ist da bloß in mich gefahren, ich habe ja gedacht, gesprochen, gehandelt wie ein Militär!“ Mir hat der Spruch gefallen, In every field of dry brush a match is hiding, says Amir Peretz, and one day it will be lit and ignite a big fire. The match happened to be lit on my shift, and it’s my job to put out the flames. Me, of all people, he says – a man of peace and of morality, who wants to improve relations, who talked about building a diplomatic axis that would vanquish the violence. It turns out that I am the one who in these two months have had to handle what other defense ministers wouldn’t see in 20 years.

Ja, das ist Ironie des Schicksals, wirklich. Amir Peretz, der kleine Feuerwehrmann. (Hoffentlich kann er seinen Drang zum Streiken diesmal bezähmen!!!) Alle Verteidigungsminister vor ihm waren Männer mit dicken Falafeln auf der Schulter. Nur einmal war Dalia Rabin, die Tochter von Itzhak, stellvertretende Verteidigungsministerin, da war der Mythos ihres Vaters sogar stark genug, das „Handicap“ ihres Geschlechts zu überwinden. Nun, mit der heutigen Generation von Karriereoffizierinnen könnten wir irgendwann auch mal eine Frau in diesem Posten sehen (eine Frau OHNE militärische Erfahrung hätte natürlich nicht die Spur einer Chance, man kann ja nicht alle Hürden auf einmal überspringen! und Frauen müssen ja sowieso besser qualifiziert sein als Männer, um dieselbe Stellung zu erlangen – in der Politik zumindest).

Ja, so ist das also mit dem militärischen Denken. Interessant, daß sämtliche Diplomaten, die nun ihrerseits eine friedliche Offensive starten, mit den Israelis, Ägyptern, Palästinensern (Abu Mazen) und allen möglichen sehr sympathischen Leuten sprechen wollen, die allesamt an einer rationalen Lösung interessiert sind – aber nicht mit Teheran, die hinter den Kulissen an allen Strippen zieht, die aufs Ganze geht und in ein paar Jahren auch für den Westen zu einer Bedrohung wird. Das erinnert doch sehr stark an den uralten Witz von dem Mann, der unter der Laterne ein Fünfmarkstück (ja, sooo alt ist der Witz schon) sucht. Warum unter der Laterne, wenn er das Geld doch in der finsteren Gasse verloren hat? Ja, in der Gasse, da sieht man doch nichts.

Nicht wahr, so ist es. Die Ägypter würden die Kämpfe sofort stoppen, so sie könnten. Man braucht sie nicht zu animieren, sie haben selbst kein Interesse daran, daß fanatische Moslems Israel von der Landkarte wischen und hier ein Mullahland einrichten. Da braucht keiner sie von zu überzeugen. Doch ist es leichter, mit den Ägyptern zu reden als mit Teheran. An denen verbrennt man sich lieber nicht die Finger. Auch das amüsiert mich. Was wird aus dieser Initiative rauskommen? Ich wage mal eine Voraussage und sage, wie manch anderes historische Ereignis. Aber vielleicht irre ich mich ja – ich würde mich sehr gern irren, sehr gern das Schießen beendet, die Entführten zuhause und Libanon in einem neuen, friedlichen Aufschwung sehen – ohne Hisbollah in Moscheen, Schulen und Tiefgaragen.

Tja, eigentlich ist mir nicht besser als gestern.

Aber ich habe einen leckeren, ganz einfachen Käsekuchen gemacht, natürlich aus dem Internet, das heißt, eigentlich hat ihn natürlich Quarta gemacht, und ich durfte ein bißchen helfen. Auf dem Blech gebacken, mit Sauerkirschen bestreut, schmeckt er gar nicht schlecht. Das war doch mal ein Lichtblick. Sonst noch Lichtblicke? Oh ja, unter der Couch kann man den Boden lecken und macht ihn dadurch höchstens schmutziger, denn sauberer kann er nicht mehr werden. Und alle meine Freundinnen haben ebenfalls den Putzfimmel, wir lachen am Telefon drüber. Der Streß und die Sorge entladen sich in diesen kleinen Versuchen, das eigene Nest wenn schon nicht sicher, na dann wenigstens sauber zu wissen. Ist doch mal ein Thema für eine Promotion in Psychologie, findet Ihr nicht? Statistisch an Reinigungsmittelverbrauch gekoppelt… würde die Industrie vermutlich sogar sponsern. Los, Leute!

Bentele ist fies zu mir Juli 22, 2006, 14:36

Posted by Lila in Bloggen.
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Bloggen zu Zeiten des Nahostkriegs, das ist wohl das heiße Thema im Moment. Bloggen ist ja nichts Ernstes, deshalb wird einfach husch-husch bei Truth laid Bear nachgeguckt, was für Blogs es in Israel und im Libanon gibt, und dann schnell ein Artikel zusammengeschustert.

Da ich nicht auf englisch blogge, werde ich natürlich nicht erwähnt, sooo viel Zeit hatte Bentele für seinen Artikel ja nicht, daß er auf den diversen Blogrolls mal rumgeguckt hätte, ob es nicht auch deutsche Blogs aus Israel gibt – außer Vered und mir fällt mir gerade keiner ein, aber auch Armin ist ein Deutscher in Israel. Wäre doch mal nett gewesen, oder? Na ja, es ging ihnen wohl in erster Linie um Blogs, wo Israelis mit Libanesen diskutieren.

Außerdem ist dem Autor nicht aufgefallen, daß Aussie Dave zwar Australier ist, aber keineswegs tausende Kilometer vom Krisenherd entfernt bloggt. das ist lachhaft. Hätte Bentele sich die Mühe gemacht, Daves Blog auch mal anzugucken, hätte er begriffen, daß Dave ein australischer Jude in Israel ist. Steht nämlich ausdrücklich im Header: Inside the mind of an Ozraeli. Sogar eine Landkarte von Israel ist noch dabei. Neee, also manchmal habe ich keine Geduld für diese Fachleute, die dann auf Konferenzen sich drüber auslassen, was für Sandkastenkinder Blogger doch sind, wie unsauber sie recherchieren und einfach einer vom anderen abschreiben.

Na, dann gebt mir mal das rote Förmchen und die Schippe, ich mach euch jetzt ´nen schönen Matschkuchen mit Stöckchen drin.

Eiskalt den Rücken runtergelaufen… Juli 22, 2006, 0:33

Posted by Lila in Land und Leute.
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…ist mir bei der Lektüre von Josef Joffes Analyse für die ZEIT. Wenn seine Sicht der Dinge stimmt, dann sind wir in der Tat wieder 1948 angelangt, dann haben wir mit diesem Krieg keine Neuauflage der regionalen, letztendlich von rationalen Überlegungen bestimmten Konflikte, sondern dann sprechen Ahmedinijad und Nasrallah einfach nur aus, was sie wirklich wollen und eines Tages erreichen wollen: Israels Vernichtung. Uäh, das sage ich zwar auch immer, aber trotzdem ist es gräßlich, das so zu lesen. Wenn ich es sage, kann es ja immerhin sein, daß ich mich irre, aber Joffe schreibt mit bezwingender Eindringlichkeit. Gruslig!

Hossein Schariatmadari, den Chef der Chamenei-treuen Kayhan. »Der Angriff der Hisbollah«, antwortet er in der Ausgabe vom 16. Juli, »eröffnet ein neues Kapitel im Kampf gegen Israel, der das regionale Kräftegleichgewicht zugunsten der islamischen Welt verändern wird. Weitere Attacken werden sehr bald zu (Israels) Vernichtung führen.«

Nehmen wir mal an, die meinen das ernst – warum sollten wir ihnen das eigentlich nicht glauben? Gegen wen sollten sie denn eine eventuelle Atombombe einsetzen, wenn nicht gegen uns? Gegen Nordkorea oder Nordirland? Das sind doch alles keine Geheimnisse, diese Rhetorik hören wir schon seit einiger Zeit, wir mit Beklemmung, die Welt mit wegwerfendem Handwedeln. (Oft denke ich an die Geschichte mit Osirak – und wie gut es damals war, daß Israel trotz der internationalen Verurteilung den Bau einer irakischen Atombombe verhinderte. Hat sich wohl einer der damaligen Kritiker neuerdings noch mal damit auseinandergesetzt? Wir sind vielleicht paranoid, was aber nicht zwangsläufig heißt, daß uns nicht doch einer ans Leben will… Aber aber, Politiker und Journalisten sind doch keine Wissenschaftler, die ihre Urteile bei Kenntnis neuer Fakten revidieren müssen!)

Nehmen wir mal an, Iran gelingt, was Irak nicht geschafft hat. Wir sind alle weg, verdampft, haben uns in Luft aufgelöst, Israel ist weg. Ja und nu? Was die Palästinenser davon haben sollen, weiß ich nicht – vielleicht gefällt vielen von ihnen der Terror der Hisbollah, aber wollen sie wirklich in einem Mullah-Staat leben? Dann bleibt ja auch von ihren Aspirationen und Träumen nichts übrig. Ich glaube auch nicht, daß sich eine Regierung a la Iran auf der Nase rumtanzen läßt wie wir oder wie Abu Mazen. Da müßte pariert werden. Mein Traum wäre das nicht, und ich glaube, auch viele Palästinenser müßten sich überlegen, daß es vielleicht doch nicht das Wahre ist.
Da der Außendruck in beiden Gesellschaften, bei den Palästinensern und uns, so stark ist, vertagen wir wohl alle so manche innere Auseinandersetzung – auch bei uns ist die grundsätzliche Entscheidung über die Gestalt des Staates in endgültigen Grenzen noch nicht durchgestanden. Aber wer glaubt, er muß aus Sympathie mit den Palästinensern „gegen“ die Israelis halten wie ein treuer Schlachtenbummler, der hat vielleicht doch diesen Krieg noch nicht ganz begriffen. Da, glaube ich, legt Joffe einen Finger in eine schmerzende Wunde. Wie soll ein palästinensischer Staat aussehen, wie soll er regiert werden, und wie soll man zurechtkommen, wenn wirklich Israel nicht mehr als Sündenbock in Frage kommt? Bange Fragen.

Doch zurück zum größeren Bild, wie Joffe es sieht.

Im »klassischen« Nahost-Konflikt wurde die Bühne beherrscht von Potentaten wie Nasser, al-Sadat, al-Assad senior und König Hussein; die haben zwar gegenüber Israel häufig fehlkalkuliert, aber doch halbwegs rationale Interessen verfolgt, die irgendwann zum Ausgleich führten. Die Verweigerer und Terroristen – Fatah, Muslimbrüder, Hamas, Hisbollah – blieben draußen, wo sie das Foyer unsicher machten oder gnadenlos von den Regimen verfolgt wurden. Heute aber hält Hisbollah (»Partei Gottes«) 25 von 128 Sitzen im Beiruter Parlament, stellt Hamas die Regierung in Gaza. Die Extremisten stehen also plötzlich in der Mitte der Bühne – wie seit 1979 die Chomeinisten in Teheran. Und dort sind Revolutionäre, nicht bloß Revisionisten am Werk.

Es war möglich, mit den Feinden der verschiedenen Kriege Frieden zu machen, ja mit ein bißchen Verhandlungsgeschick unsererseits und ein bißchen mehr Flexibilität von beiden Seiten wäre sogar Syrien an den Tisch, auf den grünen Rasen, ja zum Handschlag gelockt worden… Doch die neuen Feinde, die sehen ihr Ziel nicht am Verhandlungstisch und auf dem grünen Rasen. (Ich weiß auch nicht, ob so viele Palästinenser das wirklich wollten, wie Joffe annimmt und wie ich bis Oktober 2000 auch fest geglaubt habe). Sie wollen bis ans bittere Ende, wie Joffe auch überzeugend genug ausführt. Das ist keine Rhetorik, die meinen das.

Wie wird die Partie ausgehen? Nur eines ist sicher: Auch die Gotteskrieger zwischen Gaza und Teheran werden an Israel scheitern – wie ihre arabischen Brüder in den Kriegen seit 1948/49. Genauso sicher aber ist auch das Ende des Friedensprozesses, solange die Revolutionäre in Teheran an der Macht sind. Und die Bombe wird auch niemand verhindern, weil die Iraner gerade bewiesen haben, wie einfach sie westliche Druck-und-Zug-Pläne durchkreuzen können. Vergangene Woche traf sich Chefunterhändler Larijani in Brüssel mit Vertretern Deutschlands, Englands, Frankreichs und Russlands. Ergebnis: null. Dann flogen die Iraner nach Damaskus. Tags darauf entfesselte Hisbollah den Krieg gegen Israel.

Und wir haben mit voller Kraft zurückgeschlagen. So wie die Hisbollah die Zivilbevölkerung mißachtet und als Schutzschild und Geisel mißbraucht haben, so hat nun auch unsere Armee zwar mit Bedauern, zwar mit Warnungen und möglichst genauer Planung, aber eben doch mit brutaler Gewalt die Ziele angegriffen, die sie für nötig hielt – auf die Gefahr hin, daß Zivilisten sterben. Und sie sterben. Ob dem Piloten das leid tut oder nicht, macht für das Opfer keinen Unterschied mehr. Und für die Welt, die die Bilder der Opfer sieht, ebenfalls nicht.

Dabei richtet sich diese Art der Erbarmungslosigkeit im Überlebenskampf unseres Staates auch gegen uns. Seit dem ersten Tag heißt es, „der Kampf wird lang und schwer, und er wird Opfer kosten, besonders in der Zivilbevölkerung“. Würden wir unsere Toten filmen, dann würde vielleicht auch jemand begreifen, daß auch unsere Toten nicht einfach nur durch ein X auf der Stirn ausgelöscht wurden, steril und unblutig. Aber das machen wir nicht. Und die Armee sagt uns klipp und klar, daß wir da durchmüssen.

„We must change our way of thinking. Human life is important, but we are at war, and it costs human lives. We won’t count the dead at present, only at the end. We’ll cry for the dead and will encourage the fighters. There are more places like Meron A-Ras, and unfortunately we’ll have to reach them.“

Damit sind unsere Toten gemeint, nicht die der anderen Seite. Solche Töne hat man hier lange nicht gehört, sie gehören gar nicht ins übliche Repertoire der Armee. So sieht es also aus. Wir sterben, ihr sterbt. Wir zielen auf militärische Ziele und nehmen Kollateralschäden in Kauf, ihr zielt auf alles, was sich hier regt. Mal sehen, wer den längeren Atem hat.

Natürlich fällt die Welt uns in den Arm, wer hätte etwas anderes erwartet? Wir sind ein Staat, wir müssen uns an die Regeln halten. Notwehr schön und gut, aber nicht Freistil. Das ist ja auch verständlich. Daß trotz Kritik weitergekämpft wird, und zwar nach den brutalen und wohl unmenschlichen Regeln dieses Kriegs, ist tragisch, aber unvermeidlich. Was würde passieren, wenn wir wirkllich die Waffen niederlegten? Nun, dasselbe, was pasiert ist, als die Armee an der Nordgrenze von Panzern auf leichtere Fahrzeuge umgestiegen ist – kurze Zeit später knallte es. Wer hat den Mut, uns zu raten, auf den Kampf zu verzichten, nachzugeben, Nasrallah nachzugeben? Oh, den Mut haben viele, es kostet sie nichts.

Und auf unseren Grabstein schreiben sie dann, „Anscheinend war doch was dran an ihrer Sorge, von der Landkarte gelöscht zu werden. Ruhet in Frieden, wenigstens hier“.

Nein nein, ich weiß, ich übertreibe, das Bild mit dem Grabstein hat mich verlockt. So weit wird es nicht kommen. Ich denke mir, auch auf Nasrallah wird Druck ausgeübt. Nur hört man darüber nichts. Es ist den Staaten, die den Druck auf ihn ausüben, wohl eher peinlich – schließlich ist der Mann ein Held der arabischen Straße.

Mit genügend internationalem Druck, mit einer genügend kräftigen Bilanz der Armee in Bezug auf Waffenlager („X% der Waffen der Hisbollah vernichtet“), ja mithilfe europäischer Staaten, die ihre Industrie nicht mehr als Waffenlieferanten für iranische Waffenkammern agieren lassen – dann wird es vielleicht zu einer Art Lösung kommen. Aber wie lange kann das dauern? Mehrere Wochen. Bis dahin krabbeln unsere Soldaten im Libanon von Sprengsatz zu Falle zu Scharfschützenstand, wir begraben jeden Tag sommersprossige Jungens, die Flüchtlinge aus dem Libanon ziehen ins Elend, unter Hinterlassung ihrer Toten, die Welt verurteilt uns einstimmig wie ein dröhnender Chor, am Himmel rattern die Helikopter vielleicht seltener als jetzt, aber fast alle Männer sind im Krieg, ich sitze und warte weiterhin auf die Rakete, die meinem Narrenparadies ein Ende macht, und die Toten werden zu reinen Nummern auf einer immer längeren Liste, beidseitig. Tolle Aussichten, wirklich.
Nachgeben verbietet sich, hat keinen Wert bei einem Feind wie Nasrallah. Weiterkämpfen macht uns noch verhaßter, als wir ohnehin schon sind, und setzt uns jeden Tag noch schlimmer ins Unrecht. Was sollen wir machen?

Wenn mich diese Frage schon nicht schlafen läßt, was ist dann mit Perez, der diese Art von Einsätzen haßt, mit Olmert, dessen Tochter auf Friedensdemos geht…? Nur Halutz, der bleibt cool. Der setzt einfach seine Sonnenbrille auf…
Wenn mir jemand von einem Jahr gesagt hätte, wie es ausgeht, ich hätte es nicht geglaubt. In der Tat HAT mir jemand gesagt, wie es ausgeht, aber ich habe ihm nicht geglaubt. Ich war dazu einfach nicht imstande. Egal wie ich mir die Zukunft ausmale, egal wie weit ich Joffe Recht gebe – es läuft mir eiskalt den Rücken runter.

„Ach, wart ihr mal süß!“ Juli 21, 2006, 17:54

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Mein spontaner Ausruf, als ich beim Kleiderschrank-Ausrümpeln die alten Babysachen entdecke. Ja, so gründlich gehen wir vor, wir sind geradezu im Rümpel-Rausch, danke, Nasrallah! (Und auch danke dafür, daß du mir die Zugriffszahlen so in die Höhe getrieben hast! Ich hoffe, du kommst nie dahinter, daß es sich bei diesem ganzen Konflikt um eine Intrige von ein paar verrückten Bloggern aus Israel und dem Libanon handelt, jetzt kann ich es ja verraten…. na ja, ganz so doll hatten wir uns das nicht vorgestellt… aber jetzt wäre doch der geeignete Zeitpunkt, mein Blog mit Werbung vollzupflastern, oder??? So viel Geld könnte ich mit diesem Blog verdienen!)

Schnell jedem Jungen den Anzug in die Hand gedrückt, mit dem ich sie aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht habe, unvergeßliche Momente! Primus war damals schon blond, blauäugig und langbeinig.

Man sieht förmlich, wie geduldig er seiner Mama den Gefallen tut und den kleinen Anzug hochhält. Ja, da hat er mal reingepaßt! Er war ein großes Baby, mehr als 4 Kilo schwer, und wurde an einem sehr heißen Tag Ende Mai 1990 geboren.


Secundus dagegen wurde in einer bitterkalten Dezembernacht Ende 1991 geboren. Am Tag der Entlassung war gerade eine Gruppe von Lernschwestern im Säuglingszimmer, denen die Oberschwester der Wöchnerinnenstation zeigte, wie man ein Baby für die Entlassung nach Hause vorbereitet. Und das Demonstrationsbaby, das wie eine kleine hellblaue Wurst eingekleidet und verpackt wurde, war mein kleiner Secundus. Diese Geschichte ist meine Geheimwaffe, „wenn du jetzt nicht tust, was ich dir sage, erzähle ich noch mal von den Krankenschwestern!!!“ Das wirkt immer. Sie standen nämlich alle um ihn rum und riefen, „oh wie süüüß! nein ist der niedlich! sind denn alle Babies so niedlich?“ Aber nein, natürlich nicht. Eine peinlichere Geschichte gibt es nicht, findet Secundus.

Doch die Bravheit meiner Jungen, ihre Nachsicht mit der sentimentalen Mama ist schnell vorbei. Die Langeweile und aufgestaute Energie brechen sich Bahn.

Ach ja, Jungens… ich hoffe, der Krieg ist bald vorbei.

Tolle Ferien Juli 21, 2006, 16:37

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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haben meine Kinder. Ins Schwimmbad lasse ich sie im Moment nicht, ist das nun übervorsichtig oder vernünftig? Ausflüge in den Norden, wie wir es sonst im Sommer so gern am Wochenende machen, sind natürlich gerade nicht der Trumpf. Dabei lieben wir den Norden: Banias, die Golanhöhen, die Küste in der Nähe von Nahariya, die Örtchen in Galiäa, Zfat, das Hulatal… kann man überall im Moment nicht hin. Ih wie doof.

Wenn die Jungens von der Arbeit wiederkommen, beschäftige ich sie im Haus. Secundus ist furchtbar fleißig. Da gehen die Gene meiner Oma einen gewaltige Verbindung mit denen von Y.s Oma ein, ich hab daran keinen Anteil!!! Das waren die zwei fleißigsten Frauen, die ich je gesehen habe – an dem Berg Arbeit, den diese vier eifrigen Paar Hände in ihrem Leben geleistet haben, würden zehn starke Männer knacken! Secundus hat mir angeboten, mir einen Kräutergarten einzurichten. Im alten Haus hatte ich einen, aber die letzten Jahre waren irgendwie so hektisch und der Garten hier so anders, daß ich noch nicht entschieden habe, wo ich überhaupt was will – und irgendwie hab ich immer noch nichts im Garten außer Wiese und Obstbäumen. Der gute Junge arbeitet, seit der Schulzoo zu einer richtigen Landwirtschaft umfunktioniert worden ist und mit den Gewächshäusern der Schule zusammengelegt wurde, wie ein Bauernjunge und genießt das Ziegenmelken, Ausmisten und Ernten. Nee, das hat er nicht von mir! Nun, so buddelt er eifrig im Garten und würde gern mit seinem Vater nach Yagur fahren, Pflanzen kaufen. Er hat alle möglichen Ideen für den Garten. Aber nach Yagur fahren ist im Moment nicht SO eine gute Idee. Und auch aus dem Garten rufe ich ihn mit allen möglichen Ausreden ins Haus. Er ist ein sehr gefälliger Junge, das sind sie eigentlich außer Quarta alle, und kommt immer, wenn ich ihn rufe. Aber ich müßte mich mal entscheiden, was nun Sache ist: drin, Garten, wie weit lasse ich die Kinder von der Leine.

Damit sie sich nicht langweilen, wenn sie zu Hause sind, räumen sie ihr Zimmer um und aus. Auch bei den Jungen haben wir massenweise Sachen aussortiert, für die sie nun zu groß sind. Sie haben ihre Betten umgestellt, mit Y. neue Lampen installiert, und es ist wirklich kein Kinderzimmer mehr. Hätte ich mal für jedes Kind ein Zimmer! Aber das ist der Preis für unsere Kibbuz-Idylle: relativ wenig Wohnraum, wenn auch praktisch geschnitten, idyllisch gelegen, still, mit großem Garten. Manchmal teilen sie gern die Zimmer, manchmal nervt es sie. Nun, auch Y. und ich teilen unser Zimmer, ich habe mich mit meinen Büchern wie eine Krake über das ganze Haus ausgebreitet, aber so richtig Platz hat keiner von uns. Na ja, da lernt man das Rücksichtnehmen, wer weiß, wozu es gut ist. Und da wir alle Leseratten sind, ersetzt ein gutes Buch die Einsamkeit.

So, und jetzt hat Quarta Reitstunde. „Papa, was machen wir, wenn eine Katyusha kommt?“ „Dann laufen wir schnell zur Werkstatt, da ist eine tiefe Grube. Das ist der sicherste Platz im Kibbuz!“ „Na gut“. Das sagt sie übrigens immer auf Deutsch, naaagut.  Ich verlasse mich auf Y., der die ganze Reitstunde dabeisein wird. Naagut.

Ich gucke von Zeit zu Zeit auf die Schlagzeilen bei Haaretz, erschrecke, daß in Haifa und in ganz Galiäa die Raketen fallen, aber es lähmt mich nicht mehr wie zu Anfang. Ich weiß nicht, ob bei uns was passieren wird, aber das werde ich schon merken, wenn es so weit ist. Ich würde Sonntag nur zu gern in die UB fahren, ein bißchen arbeiten, ich muß das nächste Semester vorbereiten! Die UB sollte Sonntag geöffnet werden, aber wer weiß, ob das auch geschieht. Ich habe Sehnsucht nach der ollen, häßlichen Uni, auf die ich sonst so schimpfe. Sehnsucht besonders nach dem geliebten Museum Hecht. Ich habe das Gefühl, wenn ich die Sarkophage und Büsten wiedersehe, dann werde ich innerlich ruhiger.

Die Fernsehbilder aus dieser Stadt, die ich wirklich mag, sind nicht schön. Na klar, kein Vergleich mit Beirut, ich vergleiche auch nicht. Auch in Haifa laufen die Leute wie die Irren zusammen, und die Polizisten versuchen vergebens, sie wenigstens beim Sirenenschall zurückzutreiben. Aber sag mal einem Israeli, was er machen soll, noch dazu, wenn er eine Kamera auf sich gerichtet sieht! Auch in diesen alten Stadtvierteln in Haifa gibt es keine Bunker, und wenn, dann weiß keiner, wo sie sind, und sie sind nicht zu gebrauchen. Tja, es scheint, als wären die Stadtverwaltungen damit überfordert, die Bilder aus Zfat und Carmiel waren ebenfalls ziemlich eklig, was die Bunker anging. Die Klos… ich erspare euch die Beschreibung. Am besten sind Leute mit Häusern dran, die in den letzten 20 Jahren gebaut wurden und alle einen Schutzraum haben, so wie Bert und Yael in Nesher, mein Schwiegervater, Y.s Tante, sehr viele andere Leute, die ich kenne.

Da unten in Haifa ist es schön. Alte bröcklige Häuser von bestechender Häßlichkeit, eine gemischte Bevölkerung, die hektisch-friedlich durcheinander wuselt, es laufen fromme Juden, maronitische (sprich libanesische) Christen, Menschen aller Glaubensrichtungen und Schattierungen durcheinander. Ich habe auch dort arabische und jüdische Freundinnen, die haben den Lärm der Einschläge bestimmt gehört.

Ach ja, und komisch war es auch, wie der Reporter geheimnisvoll meinte, er könnte den genauen Einschlagsort nicht sagen… was ja logisch sein mag, aber nicht sehr gut kommt, wenn man es unter einem deutlich sichtbaren Straßenschild äußert. Ja, und der Springbrunnen, nu wirklich, den kennt wohl wirklich jeder, der jemals in Haifa war! Aber ich verrate nichts, nein nein. Von mir habt Ihr das nicht gehört.

Bevor ich mich endgültig Juli 21, 2006, 11:24

Posted by Lila in Bloggen, Land und Leute.
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meinen hausmütterlichen und sonstigen Pflichten widme, möchte ich noch mal auf Lisa Goldmanns Blog und vor allem ihre Flickr-Seite hinweisen. Lisa ist aus Kanada eingewandert, ist Journalistin, pflegt ihre Kontakte zu Kollegen aus der arabischen Welt (erinnert sich noch jemand an den Besuch des iranischen Bloggers Hoder in Israel? Lisa hat ihn eingeladen), ist so ziemlich der unvoreingenommenste und warmherzigste Mensch, der in dieser an netten Menschen nicht armen Blogosphäre schreibt, und ich habe das Gefühl, ich kenne sie. Als ich ihr waches, schönes Gesicht neulich nach einem Anschlag in Tel Aviv im Fernsehen sah, rief ich unwillkürlich, „oh, die kenne ich!“, obwohl ich sie nur vom Bloggen kenne.

On the Face “ ist übrigens, wenn ich recht verstehe, eine ironische wörtliche Übersetzung des hebräischen Slangausdrucks „al ha panim“, das oft die Antwort ist, wenn man fragt, „wie geht´s“. „Auf dem Gesicht (liegend)“ ist die drastische Antwort, eine andere gern genutzte Möglichkeit ist „al tishal“, „frag lieber nicht“. Manche Israelis benutzen „on the face“ angeblich als Antwort, wenn man sie fragt, „how are you“, aber ich weiß nicht, ob das nicht nur urban myth ist…

Lisas Bilder sind ein guter Einstieg in die Vielfalt, die Israel ist.

Und ein lesenswerter Artikel, und wenn nur, um mehr Adressen zu finden, wo Israelis und Libanesen miteinander blogsprechen, in der JPost. Oder hatte ich den neulich schon…? Hab jetzt keine Zeit zum Checken. Und dann ist hier auch gleich noch mal Amis Seite, auf der ebenfalls miteinander geredet wird. Kleine Tropfen der Menschlichkeit in einem Meer der Hoffnungslosigkeit – jeder davon kostbar.

Im Rahmen der Mädchenzimmer-Aufräumaktion Juli 21, 2006, 11:07

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Persönliches.
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habe ich die alte Aaland-Flagge wiedergefunden. Sie war in der Kiste mit Verkleidungen, die wir gerade radikal reduzieren. Die Flagge habe ich zusammengefaltet und zu den anderen Flaggen in eine Schublade gelegt. Es ging mir, als ich die Schublade zumachte, so scharf durchs Herz. Was würde ich nicht dafür geben, auf so einer friedlichen Insel zu leben, ohne mir Sorgen machen zu müssen um eine so grausame Region wie den Nahen Osten, ohne bis auf den Tod gehaßt zu werden, ohne diese ganzen entsetzlichen historischen Gewichte, die mir an Armen und Beinen hängen. Ach, geliebte Aaland-Inseln, da wäre ich jetzt gern. Aber es ist eine Illusion, wir können unserem Schicksal nicht entfliehen, wir bleiben, wer wir sind, auch wenn wir woanders leben. Trotzdem, diese Flagge bedeutet für mich einen friedlichen, stillen Ort, unabhängig von den größeren Mächten, die ihrerseits friedlich ihren Anspruch auf Aaland haben: die eine kulturell, die andere politisch. Doch Aaland liegt ruhig im Meer und hißt die eigene kleine Flagge.

Schön wie ein Engel Juli 21, 2006, 10:18

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Meine Jüngste trägt einen schönen Namen, der in Israel besonders durch ein Lied bekannt ist,“Quarta, du bist schön wie ein Engel…“ Gestern trat im Fernsehen ein Sänger auf und sang dieses Lied. Als es angekündigt wurde, wurde unser Mädchen ganz aufgeregt. Sie flitzte durchs Haus und rief alle vor den Fernseher. Dann hörte sie andächtig zu und hatte anscheinend das Gefühl, daß der Sänger sie direkt anspricht. Als er sang, „Quarta, du hast mich so enttäuscht“, machte sie ein betrübtes Gesicht, und als er ihr versicherte, daß sie schön wie ein Engel ist, strahlte sie wieder.

Das war so nett, wir waren ganz gerührt, und haben uns hinterher gratuliert, ihr einen so wohlklingenden Namen gegeben zu haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn Leute beim Hören meines Namens sofort ein bestimmtes Lied anstimmen, aber im Gegensatz zu „meinem“ Namenslied ist Quartas Lied ein Kompliment.

Eine nette kleine Geschichte, Juli 20, 2006, 23:13

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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die ich irgendwo gehört habe. Es ist eine Geschichte aus einem Kibbuz im Norden, aber es ist egal, daß ich nicht weiß, aus welchem, denn es passiert bestimmt in allen Kibbuzim unter Beschuß.

Jeder Kibbuz ist voll mit Katzen und Hunden und anderen Haustieren. Kibbuzniks sind meist tier- und kinderlieb (bekanntlich immer ein schlechtes Zeichen, ctl-f: children), was dazu führt, daß Städter (i.e., Nicht-Kibbuzniks) dort ihre Tiere aussetzen. Normalerweise laufen überall Hunde rum, kauen friedlich auf Nachbars Pantoffeln oder buddeln im Abfalleiner vom Babyhaus, lecker! Windeln! Die Katzen dagegen sieht man nirgendwo. Manchmal aalt sich eine auf einem Dach. Aber die Hunde beherrschen das Revier, ganz klar.

Nun, bei Raketeneinschlägen reagieren die Hunde panisch. Sie sind verängstigt und verkriechen sich. Die Katzen dagegen? They couldn´t care less. Es geht ihnen am schlanken Hinterteil glatt vorbei. Sie scheinen es zu genießen, daß ihre Rivalen und Feinde, die Hunde, nun bibbernd unter Herrchens Fernsehsessel sitzen und gebannt mit ihm die neusten Updates von der Front verfolgen. Die Katzen dagegen stolzieren cool über die kleinen Wege, während die Raketen bullern und die Sirenen jaulen. Man sieht sie überall. Die Katzen haben den Kibbuz übernommen.

Tja, Nasrallah, so lange wir solche Katzen haben, kriegst du uns nicht klein.

Übrigens: ich weigere mich schlicht, eine Blogkategorie „Krieg“ einzurichten. Ich hoffe, sie fehlt niemandem.

What’s in a name Juli 20, 2006, 23:01

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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Wie heißt dieser Krieg? wurde heute in den Nachrichten gefragt, was ich nur mit einem Ohr hörte. (Ich habe nämlich meinen Arbeitsposten vor dem TV aufgegeben, und mich zurückgezogen, ich dreh schon so am Rädchen). Da hab ich mich natürlich geärger-freut, denn genau darüber wollte ich bloggen! Ich bin nicht originell!!!

Ich weiß aber nicht genau, was die Leute im Fernsehen dazu gesagt haben. Das ist auch nicht ausschlaggebend, denn ein Name wird, ohne daß man es bemerkt, geboren. Ich bin der Meinung, wir werden am Ende „Krieg im Norden – und Süden, na klar“ sagen. Milchama ba zafon, so wie es auch im Fernsehen heißt. Der Libanonkrieg (milchemet levanon – für Sprachfans: milchemet ist eine Beugeform des Worts milchama, Krieg, und diese Beugeform namens Status constructus zeigt an, da es sich hier um eine Genetivform handelt) heißt ja offiziell shlom ha galil, Frieden für Galiäa (das ja damals auch übel unter Beschuß lag), abgekürzt sheleg – Schnee, sogar poetisch. Schnee auf den Zedern des Libanon… leider nicht der Schnee, den man gern sieht.

Milchemet sheshet ha yamim ist der Sechstagekrieg (yom ist Tag, shesh ist sechs – im Hebräischen werden Zahlwörter gebeugt UND es gibt sie in zwei Geschlechtern, ist das keine gute Nachricht für Hebräisch-Lerner…?), milchemet yom ha kippurim der Yom Kippur-Krieg, milchemet ha atzmaut der Unabhängigkeitskrieg, milchemet hahatasha der Zermürbungskrieg. Eine ganze Menge Kriege, was? Es geht nicht so einfach wie bei manchen von den deutschen Kriegen, wo man sagt, „preußisch-französischer Krieg“ oder „deutsch-dänischer Krieg“ und weiß schon, welcher gemeint ist. Hier waren die meisten Kriege entweder Vielvölkerschlachten (israelisch-ägyptischjordanischsyrischer Krieg“?) oder aber Kriege gegen Nicht-Staaten („Israel-Hisbollah-Krieg“?).

Wobei Nicht-Staaten ein paar strategische Vorteile haben: niemand kümmert sich drum, ob sie das Völkerrecht einhalten oder nicht, ob sie die von ihnen verschleppten Geiseln wie Kriegsgefangene behandeln oder nicht (Genfer Konvention anyone), ob sie Verträge einhalten oder nicht. Das ist alles egal. Also ein Tip von mir: wenn Ihr mal einen Krieg anfangen wollt, tut das am besten als nicht-staatliche Vereinigung und greift einen Staat an. Ihr könnt tun, was Ihr wollt, und der Staat ist angeschmiert.

Tja, dieser Krieg trägt auch keine Nummer. Das sind ja die schrecklichsten Kriege, Zweiter Weltkrieg, Zweiter Golfkrieg, denn sie zeigen, daß die Saat für den Krieg in einem vorhergegangenen Krieg gelegt wurde. Ich hoffe, aus diesem Krieg wird kein Zweiter Libanonkrieg werden, denn es geht nicht um den Libanon – wir wollen ihn nicht besetzen, melden keinerlei Ansprüche an. Alles was wir wollen, ist, daß von libanesischem Gebiet (und wenn´s geht, auch sonst nicht) keine Raketen auf uns abgefeuert werden. Und darum paßt der Name „Krieg im Norden und na ja, auch im Süden“ nicht schlecht. Wir kämpfen in einer Gegend, dem Norden, aber wir kämpfen um kein Gebiet, keinen Anspruch. Belassen wir es also dabei.

Als nächstes wird nun die Frage kommen: welches Lied ist zum „Lied des Kriegs“ geworden? Das Lied der zweiten Intifada war „Lo kala hi lo kala darkeynu“, „Nicht leicht, nicht leicht ist unser Weg“, aber jetzt? Gibt es einen Hit, der auf allen Kanälen läuft und der zur Hymne dieses Kriegs geworden ist, ohne daß ich es mitgekriegt habe? Muß ich gleich mal die Kinder und Y. fragen.

(Herrje, draußen rumst es. Man wird so schreckhaft. Es war nur ein Flugzeug. Ich hätte heute aus meinem geliebten Wohnzimmerfenster photographieren sollen, als eine Reihe Hubschrauber in Richtung Norden eilte. Die Mädchen guckten mit mir hinter ihnen her. „Mama, sind das vielleicht Böse, die uns was tun wollen?“, fragte Quarta zaghaft. Ich sagte, „nein, das sind Soldaten, die aufpassen, daß uns niemand was Böses tut. Wir wollen hoffen, daß sie gesund wiederkommen“, und die Kleine fragte, „machen die jetzt die Bösen im Libanon tot?“, und ich sagte, „Quarta, die meisten Menschen im Libanon sind nicht böse, sie wollen nur leben, so wie wir. Aber unter ihnen haben sich Menschen versteckt, die denken, wir sind böse und sie müssen uns was tun. Wir hoffen aber, daß sie eines Tages verstehen, daß wir nicht böse sind. Bis dahin müssen wir mit ihnen kämpfen. Wir wollen auch hoffen, daß den guten Menschen auf der anderen Seite nichts passiert“.

Ich versuche, den Kindern nicht den Glauben an die Menschheit zu rauben. Ich will sie gegen niemand aufbringen, und von mir sollen sie nie hören, daß ich jemandem den Tod wünsche. Die Unterscheidungen in Böse und Gute, die beim Ritterburgspiel so nützlich sind, darf ich sie nicht aufs Leben übertragen lassen. Ähnlich habe ich auch die Anschläge erklärt. Mein Ältester weiß natürlich, daß es durchaus Menschen gibt, die skrupellos und ja, auch böse sind. Secundus weiß es auch, er hat aber noch nicht die Reife, damit umzugehen, sondern hat kindliche Vorstellungen, wie man gegen sie kämpfen kann. Für alle drei Jüngeren ist es eigentlich vollkommen unwirklich, daß irgendwo in Beirut in einem Bunker ein Mann mit Turban und Bart sitzt, für den es Anlaß zum Jubel wäre, wenn es sie nicht mehr gäbe. Und gut, daß es so ist. Ich möchte nicht, daß sie das so stark spüren wie ich.)

Beim Gedanken Juli 20, 2006, 21:34

Posted by Lila in Uncategorized.
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an eine Bodenoffensive wird mir schlecht. Ich war so froh, als die Soldaten damals abzogen, ich erinnere mich an die strahlenden Gesichter, an den jungen Mann, der auf dem Panzer saß, sein Handy in der Hand: „ima, ani babait!“ Mutter, ich komme nach Hause. Für mich war dieser junge Mann wie ein Echo meines Mannes, der als 18jähriger von Sharon in den Libanon geschickt wurde, ohne zu wissen, wofür und warum, diese bittere alte Geschichte, für die Israel Sharon jahrelang ins politische Exil schickte… Doch es scheint, als sollte das „ima, ani babait“ nicht mehr gelten.

Jedem ist klar, was eine Bodenoffensive bedeutet: mehr tote Soldaten. Y. sagt es ganz hart. „Wenn wir Soldaten reinschicken, werden wir viele von ihnen verlieren. Wenn wir keine reinschicken, kommen wir an die Waffenlager nicht dran, und Nasrallah hat vor, die alle zu benutzen – das heißt, zivile Opfer. Wir müssen entweder zivile Opfer oder gefallene Soldaten in Kauf nehmen.“ So sieht das also aus.
Außerdem ist zu hoffen, daß eine Bodenoffensive den schweren Luftangriffen beendet, die so viele zivile Opfer im Libanon fordern. Vorgestern abend hat die Armee ja bei Dorfbürgermeistern angerufen, um sie zu warnen – was auch nicht unbedingt jede Armee im Krieg tut – aber es hilft ja nichts, es sterben trotzdem Menschen (und wie groß die Zahlen wirklich sind, weiß man nicht – auch bei uns wird ja nicht alles erzählt). Aber wenn unsere Soldaten dort am Boden sind, dann wird die Luftwaffe aufhören, zu bombardieren, und die Armee wird versuchen, die Hisbollahkämpfer selbst zu treffen. Es wird also wesentlich weniger zivile Opfer geben, so ist die Hoffnung.
In der Luft haben wir Überlegenheit, am Boden nicht. Aus der Luft läßt sich das Waffenarsenal, das auf uns niedergeht, nicht vernichten, am Boden ist das bestenfalls ein riskantes Unternehmen, aber vermutlich ein Desaster. Überall Fallen, Minen, Sprengsätze. Es ist feindliches Gebiet, und ich möchte niemanden reinschicken. Andererseits, solange die Raketen noch da sind (und wie Nasrallah gesagt hat: wir haben noch längst nicht alles gesehen, was er gesammelt hat), und die Hisbollah darauf besteht, sie gegen uns einzusetzen, was können wir machen?

Natürlich, uns wehrlos beschießen lassen, wie es uns manche Europäer anraten und wie sie selbst es zweifellos ebenfalls halten würden, säßen sie hier! Nicht wahr! Ich sehe sie förmlich, die Russen und Franzosen, wie sie lammfromm stillhalten… ach was. Alles nur Gerede, dahinter stehen ganz andere Interessen, was verstehe ich davon? Auch die USA unterstützen uns ja nicht wegen Olmerts Augenaufschlag oder weil sie heimich in uns verliebt sind. Die haben auch ihre Interessen, so ist es ja auch richtig. Solange jeder Staat, jedes Volk, sein Überlebensinteresse im Auge hat, geht keiner zu weit, und Konflikte sind lösbar. Das Problem in diesem Fall ist, daß Nasrallah den Tod liebt und man nicht darauf rechnen kann, daß er irgendeine rationale Strategie für den Tag nach dem Krieg entwickelt hat.

Haben wir die? Tja, wir haben zumindest ein Ziel: wir wollen als Staat irgendwie überleben, und am allerliebsten: ohne Bedrohung. Oh Mann, wie wäre das schön. Wen opfern wir nun dafür, Zivilisten oder Soldaten? Wie weit können wir es verantworten, den Krieg weiter aus der Luft zu führen, auf dem Rücken der armen Menschen im Libanon? Wir hätten diesen Krieg nie angefangen, nie, und deswegen hat auch Sharon nie reagiert, auch Barak und Bibi nicht – keiner wollte der Hisbollah so im grausamen Showdown gegenüberstehen. Da ist ein Geist aus der Flasche gesprungen, den ich nachts diabolisch kichern höre… weswegen ich nicht schlafen kann… und ich hoffe und bete, es gibt einen Ausweg, bevor das nächste Stadium nach Plan dieses Dämons läuft…

Entrümpelungstherapie Juli 20, 2006, 15:37

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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Danke, danke, bei uns ist alles ruhig und geht seinen gewöhnlichen Gang. Ich habe heute mit den Mädchen das rosa Zimmer entrümpelt und weder Computer noch Fernsehen oder Radio angestellt. Genug damit, wenn was los ist, werde ich es sowieso schon merken. Dieser Drang, alles immer sofort zu wissen – wenigstens für ein paar Stunden muß man sich von ihm freimachen, besonders wenn das die Stunden sind, in denen meine Mädchen mit mir allein zuhause sind.

Die Jungens haben, wie jeden Tag, gearbeitet – sie arbeiten im Zoo ihrer Schule (wo es auch Bunker gibt, danke!) und die Tiere dürfen nicht hungern oder dursten. Ich gebe mir alle Mühe, die tägliche Routine beizubehalten. Trotzdem merken die Kinder natürlich, wenn ich mir Sorgen mache und sie nicht zum Müllcontainer laufen lasse – es ist einfach nicht zu entscheiden, was kluge Sorge und was unbegründete Hysterie ist. Vor allem wenn man bedenkt, daß zwischen uns und einer eventuellen Rakete ohnehin nichts steht als ein zammliges Ziegeldach. Ha ha.

Immerhin habe ich es geschafft, tonnenweise Schrott aus dem Mädchenzimmer verschwinden zu lassen. Ich habe nämlich ein Hamsterkinder-Quartett. Sie sammeln alles möglichen Krimskrams. Ich ermutige sie eigentlich, eigene Sammlungen aufzubauen, statt sich kommerzielle Sammlungen a la Yugihoo andrehen zu lassen – Tertia hat eine schöne Sammlung von Rehen und Elchen, Quarta sammelt alles, was mit Schafen und Lämmern zu tun hat. Aber sie sammeln außerdem Schneckenhäuser, Steine, Stöckchen, alte Aufkleber, Plastikkitsch aus allen Ecken, ausgeleierte Haargummis, kaputtes Spielzeug aus der Babyzeit, nein, es ist unbeschreiblich, was da zusammenkommt. Selbst mein ausgeklügeltes System von Körben und Kisten ist den Mengen nicht gewachsen.

Erschwerend kommt hinzu, daß meine gutmütige, kinderliebe Schwiegermutter nicht nur eine fanatische Sammlerin von „Pitchifkes“ ist (aber sie ist sehr ordentlich dabei, so daß es bei ihr gar nicht auffällt, sondern daß sie in einer Zeit groß wurde und dann auch ihre Kinder erzog, als es außer Krimskrams keine Spielsachen gab.  Auch für meine Kinder ist es immer ein Fest, in Sabtas schönen Schubladen zu wühlen und mit den Sammlungen von Knöpfen, Spitzen, schönen Tüchern, altem Modeschmuck, Operngläsern und ähnlichem Schnickschnack zu spielen – auch wenn bei meiner Schwiegermutter immer konsequent das Aufräumen immer dazugehört. Das war jahrelang kein Problem, bis die Mutter meiner Schwiegermutter (als Holocaust-Überlebende eine Sammlerin der zwanghaftesten Art) hilflos wurde, bei uns im Kibbuz ins Altersheim kam und meine Schwiegermutter ihre Wohnung ausrümpelte. Da kam nun Krimskrams zum Vorschein, den die alte Frau Jahrzehnte lang gehütet hat, teilweise noch nicht mal ausgepackt – „das ist ja alles zu schade zum Wegschmeißen“, sagt der Hamsterinstinkt meiner Schwiegermutter, „ach, und um damit zu spielen, ist das doch noch sehr schön“.

Das stimmte auch, wenn es weniger wäre oder wenn die Kinderzimmer nicht schon ohnehin überquollen vor Puppenherden, Stofftieren, Playmobil, Dinosauriern, Puppenhaus, Lego, Kugelbahn, was weiß ich. So aber kommen die Mädchen jedesmal strahlend von ihrer geliebten Sabta wieder, in der Hand eine Tüte. „Mama guck mal, was uns Sabta geschenkt hat – das war bei Urgroßmutter in der Wohnung, aber wir können das gut für unsere Sammlung gebrauchen!“ Bestickte orientalische Pantoffeln, Schals mit Pailletten,  ein nie benutzter Messingaschenbecher in Form eines Pottwals, hölzerne Figürchen, Körbchen, Babushkas… unser ohnehin nicht gerade große Wohnung, das kleine rosa Zimmerchen drohten aus den Fugen zu gehen vor lauter Sammlungen. Da ich weiß, wie sehr die Mädchen an dem Zeug hängen, habe ich bisher nicht hart durchgegriffen. Aber heute, wo es gerade mal so still und nett war und ich zwangsweise unbeschäftigt – da bin ich mit ihnen Stück für Stück durchgegangen. Nur was ihnen wirklich lieb ist, wird aufbewahrt – alles andere entweder weggeworfen, an Cousinchen weitergegeben oder an eines der Kinderhäuser.

Es ist manchmal schwer, in diesem Haushalt den Überblick zu behalten, wir sind doch viele, und jeder von uns hat seine eigenen Bedürfnisse. Vier Schulkinder! Aber es hat geradezu heilende Wirkung, gegen das Chaos eines überfüllten Kinderzimmers anzuarbeiten, es war für uns drei ein richtig schöner Tag. Ich habe sie auch sehr gelobt, denn ich muß sagen, sie helfen sehr. Die Jungen haben noch eine Woche Arbeit vor sich, da will ich sie nicht belämmern, aber dann ist ihr Zimmer auch dran.

Jetzt zögere ich, Schwimmbad oder nicht? Federballspielen im Garten oder nicht? Planschbecken rausholen oder nicht? Das sind schwere Entscheidungen, so doof es klingt. Aber diese Aktion heute, die war die reinste Therapie. Leb wohl, Messingwalaschenbecher. Du wirst niemandem fehlen.

So sieht das aus. Juli 20, 2006, 9:40

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Das sind die Metallkugeln, die gestern in Nazareth gefallen sind und die beiden kleinen Jungens förmlich zerrissen haben. Wenn diese Kügelchen durch den Sprengstoff und die Wucht des Einschlags beschleunigt werden… werden sie zu Einzelgeschossen.  100 Meter vom Schauplatz entfernt lebt ein Kollege und guter Freund von Y., ein Christ (seine Frau hat einen Laden mit christlichen Andenken, wo ich manchmal Geschenke einkaufe). Y. hat ihm vom Blog erzählt und ihn gebeten, ihm die Kügelchen zum Photographieren zu überlassen. Hier sind sie.